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Deutschland in Daten - Zeitreihen zur Historischen Statistik.

28.1.2016 | Von:
Heike Wolter
Bernd Wedemeyer-Kolwe

Kino: Von Palästen, Schachtelkinos und Multiplexen

Historische Statistiken zeigen die Hochzeiten des Kinos: Nie wieder besuchten so viele Besucher deutsche Kinos wie im Zweiten Weltkrieg und in den späten 1950er Jahren.

Tabelle 3: Kinos, Theater und BibliothekenTabelle 3: Kinos, Theater und Bibliotheken Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Es muss ein besonderer Moment gewesen sein, als 1907 in Berlin das erste deutsche Kino eröffnete. Bereits zuvor hatte es Vorführungen "laufender Bilder" in Varietés und Wanderkinos gegeben. In der Architektur und der Namensgebung spiegelte das Kino anfangs noch die Theaterkultur (Lichtspieltheater). Doch bald zeigte sich der neue Charakter: Rasch reagierte das Kino auf Zeitgeschmack sowie Ideologien und thematisierte Gegenwarts- und Zukunftsvorstellungen. Nicht zuletzt diente es explizit der Zerstreuung, allerdings in "seriöser Ummantelung". Eine erste Kinogründungswelle erfasste Deutschland noch vor dem Ersten Weltkrieg. Ein Kinobesuch bedeutete dabei anfangs das Ansehen eines Stummfilms, oft mit akustischer Begleitung durch Orchester und Bilderklärer. 1917 wurde die Universum Film AG (Ufa) als erstes großes deutsches Filmunternehmen gegründet. Ein kurzes Kinosterben durch die sogenannte Lustbarkeitssteuer zwischen 1923 und 1925 konnte den Siegeszug des Kinos nur kurz unterbrechen, als die Zahl der Lichtspielhäuser von 4 017 auf 3 428 zurückging. (siehe Tab 3) In der Weimarer Republik war die Kinokultur bereits etabliert, umso mehr nachdem 1928 der Tonfilm erfunden wurde. Dies führte zur Errichtung von Tonfilmtheatern, die deutlich mehr Sitzplätze hatten. In vielen Großstädten entstanden regelrechte "Kinopaläste".

Der Boom setzte sich auch nach 1933 fort, bis 1939 stieg die Zahl der Kinos auf 6 673. Allerdings wurde im Nationalsozialismus auch diese Kulturform politisch stark vereinnahmt, personell und inhaltlich gleichgeschaltet. Im Krieg wurden zahlreiche Kinos zerstört, schon wenige Monate nach Kriegsende begannen allerdings Vorführungen in provisorischen Spielstätten.

Die bestehenden Kinos wurden in beiden Teilen Deutschlands bereits ab den späten 1940er, aber vor allem in den 1950er Jahren wieder aufgebaut, Neubauten kamen hinzu. Von 1945 bis 1960 versechsfachte sich Zahl der Kinos. In diese Zeit fiel auch die flächendeckende Einführung des Farbfilms. Mit der neuen Konkurrenz des Fernsehens – Kino für daheim – gingen ab 1959 in der Bundesrepublik die Besucherzahlen zurück. In den 1970er Jahren wurden viele Kinos umgebaut: Große Säle wurden geteilt und so parallel mehrere Filme angeboten. Es entstanden "Schachtelkinos". (siehe Abb 5)

Abbildung 5: KinobesucheAbbildung 5: Kinobesuche Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
In der SBZ und späteren DDR gab es bis 1955 Kinos, die allein sowjetische Importe spielten, sowie bis in die 1960er Jahre noch private Kinos. Danach waren alle Kinos den 1953 gegründeten Volkseigenen Kreislichtspielbetrieben unterstellt. Beliefert wurden die Kinos durch den Volkseigenen Betrieb Progress. Die Zensur achtete darauf, nur systemkonforme Filme zur Aufführung zuzulassen. Bis 1957 stieg die Zahl der Kinobesuche kontinuierlich, danach sank die Zahl. Ab 1965 wurde die starke Fernsehkonkurrenz entscheidend spürbar. Anfang der 1970er bis Anfang der 1980er Jahren gelang es durch neue Vorführorte – beispielsweise Sommer-, Zelt-, mobile Dorfkinos und Freilichtbühnen – die Besucherzahlen konstant zu halten. Ab den 1990er Jahren sorgten im wiedervereinigten Deutschland vor allem technische Neuerungen für einen weiteren Umschwung. "Super Breitwand", "Dolby Surround" und "THX Sound" verlangten nach Großkinos. Insbesondere Multiplexkinos mit einem umfangreichen Freizeit- und Gastronomieangebot verbreiteten sich. Durch diese "Eventisierung" versuchen die Kinos, die Zuschauerzahlen zu festigen.

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