Deutschland in Daten - Zeitreihen zur Historischen Statistik.

28.1.2016 | Von:
Toni Pierenkemper

Erwerbstätigkeit und Beschäftigung

Sowohl der Umfang als auch die Struktur der Erwerbstätigkeit geben Aufschluss über den Stand der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes und damit über den Wohlstand der Bevölkerung.

Die Anzahl der Menschen, die in einem bestimmten Territorium leben, gibt einen ersten Hinweis auf das mögliche Arbeitspotenzial einer Gesellschaft.[1] Natürlich können nicht alle Personen einer Volkswirtschaft in gleichem Umfang zu produktiven, marktvermittelten Arbeitsleistungen hinzugezogen werden. Alter, Krankheit und reproduktive Tätigkeiten begrenzen den Rahmen der Erwerbstätigkeit. Für Deutschland lässt sich festhalten, dass der Anteil derjenigen, die am Ende des 19. Jahrhunderts einer Erwerbstätigkeit nachgingen, insgesamt bei deutlich über 40 Prozent lag. Im Laufe der folgenden Dekaden stieg die gesamtwirtschaftliche Erwerbsquote bis in die 1920er Jahre auf über 50 Prozent an. (siehe Abb 1)

Abbildung 1: ErwerbsquoteAbbildung 1: Erwerbsquote Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Nach Überwindung der kriegs- und zerstörungsbedingten Unterauslastung des Erwerbspotenzials in Deutschland unmittelbar nach 1945, als für lediglich 40 Prozent der Bevölkerung in einer bloßen "Überlebensgesellschaft" Erwerbsmöglichkeiten eröffnet werden konnten, stieg die gesamtwirtschaftliche Erwerbsquote im Zuge des folgenden "Wirtschaftswunders" stetig an und stabilisierte sich langfristig bei etwa 50 Prozent. Allerdings erreichte die Erwerbsquote nicht mehr Höchststände wie in den 1920er und 1930er Jahren. Darin spiegelt sich der spätere Berufseintritt der jüngeren Generation aufgrund der verlängerten Ausbildungszeiten ebenso wider wie der frühere Berufsaustritt wegen neuer Rentenregelungen, die einen früheren Ruhestand ermöglichen (sollen).

Tabelle 1: Erwerbstätigkeit und BeschäftigungTabelle 1: Erwerbstätigkeit und Beschäftigung Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Die Erwerbsquote misst den Anteil der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung und ist, neben den gebotenen Möglichkeiten einer Erwerbstätigkeit nachzugehen (Arbeitsnachfrage), entscheidend von der Altersstruktur der Bevölkerung abhängig. Stark wachsende Bevölkerungen mit zahlreichen Kindern zeigen geringere Erwerbsquoten als stagnierende oder gar schrumpfende Bevölkerungen. Auch hat die Dauer der Ausbildung der nachwachsenden Bevölkerung durch Schulbesuch, Lehre und Studium einen wesentlichen Einfluss auf das Eintrittsalter in eine Erwerbstätigkeit, ebenso wie Regelungen über Rentenbezug und Pensionierung das Austrittsalter mitbestimmen. Der Umfang der Ausschöpfung des Erwerbspotenzials einer Bevölkerung ist daher neben demografischen Faktoren auch von politischen Entscheidungen bestimmt und daher in gewissen Grenzen gestaltbar und zudem gelegentlich durch krisenhafte Entwicklungen (Krieg, Revolution usw.) geprägt. (siehe Tab 1)
Abbildung 2: ArbeitslosenquoteAbbildung 2: Arbeitslosenquote Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Augenfällig ist jedoch vor allem, dass die Erwerbsbeteiligung von Frauen sich bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts deutlich von der der Männer unterschied. Der Unterschied betrug zu Beginn des Untersuchungszeitraumes (1882) nahezu 20 Prozentpunkte und reduzierte sich bis weit ins 20. Jahrhundert nur unwesentlich. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg näherten sich die Erwerbsquoten von Männern und Frauen in Deutschland deutlich an, und das galt im Osten wie im Westen des nunmehr geteilten Landes. Doch in der DDR folgte die Frauenerwerbstätigkeit einem anderen Weg als in der Bundesrepublik: Sie lag gravierend über der der Frauen in Westdeutschland. Ob man diese Tatsache als einen Akt fortschrittlicher Emanzipation feiert oder sie den Zwängen eines unzureichenden Arbeitskräfteangebots und geringer Arbeitsproduktivität der sozialistischen Wirtschaft zurechnen will, mag dahin gestellt werden. Die Frauenerwerbstätigkeit in der Bundesrepublik jedenfalls verminderte sich zunächst im Wiederaufbau deutlich, ehe auch hier der allgemeine Trend zu einer verstärkten Erwerbstätigkeit der Frauen zum Durchbruch kam, was in einer deutlichen Annäherung der geschlechtsspezifischen Erwerbsquoten in Deutschland insgesamt seinen Ausdruck fand. Einen weiteren Maßstab, der Auskunft über die Ausschöpfung des Erwerbspotenzials einer Gesellschaft zu geben vermag, bieten die Arbeitslosenquote und in eingeschränkter Weise auch die Streikintensität. (siehe Abb 2, Abb 3)

Abbildung 3: Verlorene Arbeitstage durch StreiksAbbildung 3: Verlorene Arbeitstage durch Streiks Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Von "Arbeitslosigkeit" kann man sinnvoller Weise erst sprechen, wenn Erwerbsarbeit als Kategorie eindeutig bestimmbar ist. Das war in Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmend möglich. Zuvor lässt sich die Unterauslastung des Erwerbspotenzials einer Gesellschaft besser als "Unterbeschäftigung" beschreiben [2], ein Zustand der in allen historischen Zeiträumen zumindest zeitweilig zu beobachten war. Auch Streiks sind ein Phänomen, das erst nach der Entwicklung moderner Lohnarbeitsmärkte sinnvoll zu definieren ist. Gleichwohl stellt deren Erfassung und Messung bis heute ein gravierendes methodisches Problem dar.[3]

Blickt man auf die Entwicklung der Arbeitslosenquote in Deutschland seit 1887 [4], so zeigt sich im Kaiserreich eine Fluktuation dieser Maßgröße zwischen 0 und 7 Prozent. Das lässt darauf schließen, dass der Arbeitsmarkt relativ gut funktionierte und die kurzfristigen, durch Konjunktureinbrüche bedingten Anstiege der Arbeitslosigkeit sehr schnell überwunden wurden. Insgesamt signalisieren diese Zahlen eine weitgehende Ausschöpfung des Erwerbspotenzials bis zum Ersten Weltkrieg, was angesichts einer dynamisch wachsenden Wirtschaft nicht besonders überrascht. Die Zwischenkriegszeit war hingegen von schweren Wirtschaftskrisen geprägt. In der Nachkriegs- und Stabilisierungskrise sowie während der Weltwirtschaftskrise stieg die Arbeitslosenquote gewaltig an und erreichte im Jahre 1932 mit 30 Prozent einen nie gekannten Höhepunkt. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieb die Arbeitslosenquote zunächst mit über 10 Prozent außerordentlich hoch. Doch innerhalb eines Jahrzehnts gelang es, die Arbeitslosigkeit bei weiterem Zuzug von Arbeitskräften aus der DDR gänzlich abzubauen und einen Zustand herbeizuführen, der gelegentlich als "Überbeschäftigung" bezeichnet wurde. Seit Mitte der 1970er Jahre baute sich in der Bundesrepublik in den jeweiligen Konjunkturzyklen ein neuer und wachsender Sockel von Arbeitslosigkeit auf, der Ende der 1990er Jahre einen Höhepunkt mit über 10 Prozent Arbeitslosenquote und über 5 Millionen Arbeitslosen erreichte.[5] Das Ziel einer Vollbeschäftigung musste unter den herrschenden Bedingungen verschiedentlich neu angepasst werden und konnte sich keinesfalls weiterhin an den idyllischen, aber untypischen Verhältnissen der 1960er Jahre orientieren. Die Flexibilisierung auf dem deutschen Arbeitsmarkt und ein Rückbau des "Normalarbeitsverhältnisses" haben wesentlich zum Abbau der Arbeitslosigkeit im neuen Jahrhundert beigetragen.

Abbildung 4: Anteil der Beschäftigten nach SektorenAbbildung 4: Anteil der Beschäftigten nach Sektoren Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Reflektiert der Grad der Arbeitslosigkeit den Umfang unfreiwilliger Unterauslastung des Arbeitspotenzials, so reduzieren Streiks seitens der Beschäftigten freiwillig den Arbeitseinsatz.[6] Blickt man auf die Häufigkeit von Streikaktivitäten, so findet die ältere Auffassung, dass darin die soziale Entwurzelung und Verelendung der Arbeiterschaft ihren adäquaten Ausdruck fand, nur wenig Unterstützung. Vielmehr scheint, dass es "die besser verdienenden, ansässigen, durch engen beruflichen Zusammenhang geprägten und qualifizierten Arbeiter sind, die die größte Streikbereitschaft zeigen."[7] Diese nutzten vor allem günstige konjunkturelle Phasen, um ihren Forderungen durch Streik Nachdruck zu verleihen. Darüber hinaus prägten auch politische Ereignisse die Streikhäufigkeit, wie das in Deutschland in Folge der revolutionären Unruhen nach dem Ersten Weltkrieg der Fall war.

Nicht nur der Umfang, auch die Struktur der Erwerbstätigkeit gibt wichtige Hinweise auf den Stand der wirtschaftlichen Entwicklung einer Nation und den Wohlstand ihrer Bevölkerung. Die Erwerbsstruktur spiegelt sich in erster Linie in der sektoralen Verteilung der Beschäftigten.[8] (siehe Abb 4)

Auskunft über die Branche, in der die Erwerbstätigen in Deutschland Beschäftigung fanden, geben, neben einigen früheren Schätzungen der Literatur [9], vor allem die seit 1882 regelmäßig in größeren zeitlichen Abständen vorgenommenen Berufs- und Gewerbezählungen. Auch wurde darin die Art der Beschäftigung erhoben. Allerdings macht die Zurechnung von Tätigkeiten (Berufe) zu bestimmten Produktionsbereichen (Branchen) Probleme. Zudem hat gelegentlich auch die Erhebungssystematik gewechselt, zum Beispiel hinsichtlich der Erfassung der mithelfenden Familienangehörigen, sodass der Vergleich der einzelnen Erhebungen zum Teil Probleme bereitet.[10]

Demnach waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts knapp zwei Drittel (61,8 Prozent) aller Erwerbstätigen in der Landwirtschaft beschäftigt, ein Fünftel (21,3 Prozent) im Gewerbe und der Rest (16,9 Prozent) mit vielfältigen Dienstleistungen. Danach lässt sich ein durchgreifender Strukturwandel im Beschäftigungssystem beobachten, der von einer Agrar- über die Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft führte. Die Landwirtschaft verlor als Arbeits- und Erwerbsbereich der Bevölkerung dramatisch an Bedeutung und schon um 1895 überstieg die Anzahl der Erwerbstätigen des gewerblichen Sektors die der Landwirtschaft [11] und fiel bis heute mit etwa 2 Prozent der Beschäftigten im primären Sektor nahezu in die Bedeutungslosigkeit. Der gewerbliche, sekundäre Sektor hingegen setzte zunächst seinen Siegeszug weiter fort und erreichte um 1970 (47,7 Prozent 1969) seinen historischen Höchststand. Bis ins neue Jahrtausend hatte der sekundäre Sektor dann aber seine Führungsposition an den tertiären Sektor verloren, der nunmehr mit nahezu zwei Dritteln (73,5 Prozent 2011) aller Erwerbstätigen im Dienstleistungsbereich das Beschäftigungssystem eindeutig dominiert. Was die Stellung der Erwerbstätigen im Beruf anbetrifft, so lässt sich langfristig ein Rückgang der Selbstständigen und der mithelfenden Familienangehörigen sowie eine deutliche Zunahme von Angestellten und Beamten konstatieren. Auch dies spiegelt den genannten Trend zur Dienstleistungsgesellschaft.

Fußnoten

1.
Vgl. den Beitrag "Bevölkerung, Haushalte und Familien" von Georg Fertig und Franz Rothenbacher in diesem Band.
2.
Bénédicte Zimmermann: Arbeitslosigkeit in Deutschland. Zur Entstehung einer sozialen Kategorie, Frankfurt a. M. 2006.
3.
Klaus Tenfelde/Heinrich Volkmann: Quantitatives Material zur Geschichte der Arbeitskämpfe in Deutschland, in: dies. (Hrsg.): Streik. Zur Geschichte des Arbeitskampfes in Deutschland während der Industrialisierung (Beck´sche Elementarbücher), München 1981, S. 287– 313.
4.
Zu den Schätzungen über den Umfang der Arbeitslosigkeit in Deutschland vgl. Toni Pierenkemper: The Standard of Living and Employment in Germany, 1850 –1980. An Overview, in: Journal of European Economic History, 16 (1987), 1, S. 51–73, insb. S. 58 – 61.
5.
Zur Rückkehr der Arbeitslosigkeit vgl. Toni Pierenkemper: Kurze Geschichte der "Vollbeschäftigung" in Deutschland, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 62 (2012), 14 – 15, S. 38 – 45.
6.
Klaus Tenfelde/Heinrich Volkmann: Zur Geschichte des Streiks in Deutschland, in: dies. (Hrsg.): Streik, S. 9 – 30. Die Gegenmaßnahme der Arbeitgeber im Arbeitskampf durch Aussperrung bleibt hier außer Betracht.
7.
Ebd. S. 25.
8.
Toni Pierenkemper: Gewerbe und Industrie im 19. und 20. Jahrhundert (Enzyklopädie Deutscher Geschichte, Bd. 27), München 1994, S. 87– 99 und ders.: Wirtschaftsgeschichte – oder: Wie wir reich wurden, München 2005, S. 126.
9.
Dazu im Überblick Wolfram Fischer/Jochen Krengel/Jutta Wietog: Sozialgeschichtliches Arbeitsbuch I. Materialien zur Statistik des Deutschen Bundes 1815 –1870 (Beck´sche Elementarbücher), München 1982, S. 52 – 53.
10.
Gerd Hohorst/Jürgen Kocka/Gerhard A. Ritter: Sozialgeschichtliches Arbeitsbuch II. Materialien zur Statistik des Kaiserreichs 1870 –1914 (Beck´sche Elementarbücher), München 1975, S. 66 und Dietmar Petzina/Werner Abelshauser/Anselm Faust: Sozialgeschichtliches Arbeitsbuch III. Materialien zur Statistik des Deutschen Reiches 1914 –1954 (Beck´sche Elementarbücher), München 1978, S. 55 – 56.
11.
Eine ähnliche Entwicklung ist auch in den Anteilen der sektoralen Wertschöpfung der deutschen Volkswirtschaft zu beobachten. Vgl. dazu den Beitrag "Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen" von Rainer Metz in diesem Band.
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