Deutschland in Daten - Zeitreihen zur Historischen Statistik.

28.1.2016 | Von:
Alfred Reckendrees

Unternehmen, Industrie und Handwerk

Was ist ein Unternehmen? Eine wirtschaftlich durchaus wichtige Frage, statistisch aber ist sie geradezu entscheidend. In Wirtschafts-Statistiken tauchen häufig widersprüchliche Zahlen auf. Das liegt zum Teil daran, welche Betriebe als Unternehmen gerechnet werden und welche nicht.

Im Jahr 2010 gingen in Deutschland mehr als 25 Millionen Menschen einer Erwerbstätigkeit in Industrie, Handwerk oder privaten Dienstleistungen nach; sie arbeiteten für fast 2,1 Millionen Unternehmen der privaten Wirtschaft.[1] Dabei haben wir meist große Firmen im Sinn, in denen viele Menschen arbeiten und die im Zentrum der Aufmerksamkeit von Medien und politischen Entscheidungsträgern stehen. Diese erfasst die Statistik in der Kategorie "Großunternehmen" (Unternehmen mit 250 oder mehr Beschäftigten und mit einem Jahresumsatz von über 50 Millionen Euro). Dort arbeiteten 2010 fast 40 Prozent der Erwerbstätigen und erzeugten zwei Drittel des Gesamtumsatzes der deutschen Wirtschaft (5,3 Milliarden Euro). Doch 2010 fiel weniger als 1 Prozent aller Unternehmen in diese Kategorie, während Kleinst- oder Kleinunternehmen mit weniger als zehn bzw. weniger als 50 Beschäftigten 96 Prozent der Unternehmen ausmachten.[2]

Solche Angaben präsentiert das Statistische Jahrbuch als "Fakten". Doch ein tieferer Blick in die Statistik liefert ein widersprüchliches Bild. So weist das "Unternehmensregister", das Unternehmen mit steuerpflichtigen Umsätzen und sozialversicherungspflichtig Beschäftigten erfasst, für das gleiche Jahr 2010 statt den oben genannten 2,1 Millionen Unternehmen 3,6 Millionen aus und statt der 25 Millionen Beschäftigten 29,6.[3] Die Differenzen sind nicht allein durch die Einbeziehung des Gesundheits- und Sozialwesens zu erklären, denn das Unternehmensregister macht für fast alle Wirtschaftsbereiche weitaus höhere Angaben.

Doch was ist die "richtige" Zahl? Diese Frage wird vermutlich niemand genau beantworten können; es kommt darauf an, was wir als "Unternehmen" auffassen und was das Ziel der jeweiligen Erhebung ist. Die Interpretationsprobleme vervielfachen sich, wenn man an langfristigen Entwicklungen interessiert ist. Unternehmen und ihre vielfältigen wirtschaftlichen Tätigkeiten verändern sich mit den Jahren so grundlegend, dass bisherige statistische Kategorien nicht mehr zutreffen oder unbedeutend werden. Dann werden neue Zuordnungen vorgenommen, die die Vergleichbarkeit mit Daten aus der Vergangenheit erschweren. Zugleich ändern sich die wirtschaftspolitischen Ziele und die "Fakten", an denen die amtliche Statistik Interesse zeigt. Denn sie dient vorwiegend der Information der öffentlichen Verwaltungen und der politischen Entscheidungsträger.

Tabelle 1: Unternehmen und Beschäftigte nach den Gewerbe- und Arbeitsstättenzählungen bzw. dem UnternehmensregisterTabelle 1: Unternehmen und Beschäftigte nach den Gewerbe- und Arbeitsstättenzählungen bzw. dem Unternehmensregister Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Unternehmen stellen die Statistik vor große Herausforderungen. Zunächst einmal handelt es sich um sehr viele Einzelfälle und um eine sehr heterogene Untersuchungseinheit, die vom selbstständigen Schuster bis zu einem multinationalen Konzern reicht. Sie haben oft wenig gemeinsam, außer dass sie gewerbliche Produkte oder Dienstleistungen hervorbringen und diese auf den Märkten anbieten. Wie soll die Statistik ihre Beobachtungen strukturieren? Welche Angaben sollen erhoben werden? Unternehmen wollen wirtschaftlich überleben und Gewinne erzielen; und sie sind nicht unbedingt daran interessiert, umfassend über sich Auskunft zu geben. Die Statistik strukturiert ihre Beobachtungen durch Gewerbe- oder Wirtschaftsgruppen, durch Größenklassen oder hinsichtlich bestimmter Unternehmensformen. Doch viele Kategorien verlieren im Laufe der Zeit ihre Aussagekraft. So bestand am Ende des 19. Jahrhunderts die Gewerbegruppe "Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate", nach dem Ersten Weltkrieg wurde sie um den Fahrzeugbau ergänzt und die "Elektrotechnische Industrie, Feinmechanik und Optik" als besondere Gruppe herausgelöst. "Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate" bezeichnete nun also eine ganz andere Gruppe von Gewerben. Ähnliche Veränderungen fanden in vielen Gruppen statt. So wurden Elektriker zeitweilig dem "metallverarbeitenden Gewerbe" zugeordnet und später (vorwiegend) dem Bau- und Ausbaugewerbe. Vergleichbare Probleme ergeben sich bei der Betriebs- und Unternehmensgröße. So wurden bis zum Ersten Weltkrieg "Fabriken und ähnliche Anlagen" hervorgehoben; in der Zwischenkriegszeit wurden Betriebe mit "in der Regel" fünf oder mehr Beschäftigten als Mittel- oder Großbetrieb aufgeführt, um nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch Arbeitsstätten und Unternehmen mit "in der Regel" zehn oder mehr Beschäftigten gesondert auszuweisen; seit 1978 ist diese Gruppe auf Arbeitsstätten und Unternehmen mit "in der Regel" 20 oder mehr Beschäftigten reduziert. (siehe Tab 1)

Eine knappe Darstellung der langfristigen Entwicklung in drei so diversen Bereichen "Unternehmen", "Industrie" und "Handwerk" benötigt solch einen "Disclaimer". Denn die Daten und Reihen können nicht aus ihrem jeweiligen Kontext herausgelöst werden, um beispielsweise festzustellen: "Im Jahr 2010 gab es 1 722 Unternehmen der Energieversorgung." Diese Zahl erscheint in der Übersicht "Produzierendes Gewerbe und Dienstleistungen. Strukturdaten der Unternehmen 2010", das Unternehmensregister weist für das gleiche Jahr immerhin 38 825 Unternehmen der Energieversorgung aus.[4]

Dieser Beitrag beschäftigt sich zunächst mit den Unternehmensformen, insbesondere mit den Aktiengesellschaften und den Gesellschaften mit begrenzter Haftung. Anschließend werden die langfristigen Entwicklungen im produzierenden Gewerbe skizziert und zum Abschluss die im Handwerk. Die DDR ist nur sehr schwer in eine Übersicht über Unternehmen, Industrie und Handwerk einzubeziehen; dort dominierten zentrale Planung und Verwaltung die Wirtschaft und die wichtigsten wirtschaftlichen Organisationsformen waren "Volkseigene Betriebe" und Produktionsgenossenschaften, die kaum mit privaten Unternehmen verglichen werden können. Die DDR wird aber bei den industriellen Gütern und im Bereich des Handwerks berücksichtigt.[5]

Fußnoten

1.
Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Statistisches Jahrbuch. Deutschland und Internationales 2012, Wiesbaden 2012, S. 503 – 504 (im Folgenden: Statistisches Jahrbuch). Darin sind die Beschäftigten im Gesundheitswesen (ca. 1,1 Millionen) und die ca. 151 000 Praxen von Ärzten und Therapeuten nicht enthalten und ebenso wenig einige kleinere Dienstleistungsbereiche, ebd. S. 619.
2.
Statistisches Jahrbuch 2013, S. 504.
3.
DESTATIS Genesis-Online Datenbank Tabelle 52111*, www-genesis.destatis.de/genesis/online/ (16.10.2014).
4.
Vgl. Statistisches Jahrbuch 2012, S. 504 und DESTATIS Genesis-Online Datenbank Tabelle 52111*(2010, WZ08-D), www-genesis.destatis.de/genesis/online/ (16.10.2014).
5.
Siehe in diesem Abschnitt auch die Übersicht über die Struktur der Berufstätigkeit in der DDR.
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