Deutschland in Daten - Zeitreihen zur Historischen Statistik.

28.1.2016 | Von:
Nikolaus Wolf

Die Entwicklung seit 1945: wachsende Überschüsse und Handlungsspielräume

Ab 1951 wies die BRD konstant einen positiven Leistungsbilanzsaldo auf. Grund dafür war der ökonomische Wiederaufstieg Deutschlands mit einer starken Exportindustrie.

Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich dieses Bild grundlegend. Die Bundesrepublik exportierte nun durchweg mehr als sie importierte, die Handelsbilanz wurde deutlich aktiv und blieb es ab 1952. Die Dienstleistungsbilanz dagegen wurde ab 1971 (von wenigen Jahren abgesehen) passiv, was nicht zuletzt auf zunehmende Defizite aus dem Reiseverkehr in das europäische Ausland zurückzuführen ist. Trotz negativer Übertragungsbilanz wies die Bundesrepublik damit seit 1951 einen positiven Leistungsbilanzsaldo auf, der mit kurzer Unterbrechung in der zweiten Ölkrise bis zur Wiedervereinigung 1990 bestehen blieb. Dem standen spiegelbildlich in den 1960er Jahren und deutlich in den 1980er Jahren umfangreiche Kapitalexporte und seit den 1950er Jahren eine substanzielle Akkumulation von Devisenreserven gegenüber.

Wie konnte es dazu kommen? Der wirtschaftliche Wiederaufstieg Deutschlands nach 1945 kann im Wesentlichen erklärt werden mit der Rekonstruktion der Infrastruktur bei einem überraschend unversehrten industriellen Kapitalstock nach dem Krieg, der Zunahme an Arbeitskräften durch Flucht und Vertreibung und Konvergenzwachstum (also Wachstum im Pro-Kopf-Einkommen durch Angleichung an reichere Volkswirtschaften wie die USA).[1] Diese Entwicklung war allerdings von einem im internationalen Vergleich überdurchschnittlichen Wachstum der Arbeitsproduktivität bei stabilen Preisen begleitet. Seit Herbst 1949 stiegen die westdeutschen Exporte (beinahe) kontinuierlich an, was auch durch den Prozess der Europäischen Integration, den Abbau von Handelsbarrieren im Rahmen des GATT und das stabile Währungssystem von Bretton Woods gefördert wurde. Zwar kam es 1950/51 zu einer Krise, als die Leistungsbilanz durch eine Verschlechterung der Terms of Trade infolge des Korea-Booms passiv wurde und die junge Bundesrepublik noch einmal eine ernsthafte Devisenkrise erlebte. Durch internationale Kooperation im Rahmen der Europäischen Zahlungsunion und vor allem aber durch das solide Wachstum der Exporte konnte die Krise in wenigen Monaten überwunden werden.

Der folgende nahezu permanente Überschuss der Handelsbilanz (und bis 1970 auch in der Dienstleistungsbilanz) gab der Bundesrepublik weitreichenden außenpolitischen Handlungsspielraum, um ihr politisches Gewicht nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zu erhöhen. Zu nennen sind hier umfangreiche Entwicklungshilfen, die Zahlung von "Wiedergutmachung" und Beiträge an internationale Organisationen wie EWG, IWF, NATO, die OECD oder die UNO (sichtbar in der durchweg negativen Übertragungsbilanz).[2] Mitte der 1960er Jahre begann sich das internationale Umfeld zu verändern, aber die deutsche Wirtschaft passte sich dem erfolgreich an. Zum einen endete der Nachkriegsboom, zum anderen geriet das System von Bretton Woods mit fixen Wechselkursen durch stark unterschiedliche Entwicklungen in den Mitgliedsstaaten zunehmend unter Anpassungsdruck. Die Bundesrepublik erlebte 1966/67 einen kurzen aber tiefen Konjunktureinbruch, der von einer negativen Leistungsbilanz und dem Abfluss von Kapital und Devisen begleitet war. Die Versuche durch eine "makroökonomische Globalsteuerung" innerhalb eines Systems fixer Wechselkurse darauf zu reagieren, waren allerdings für eine kleine, offene Volkswirtschaft wie die Bundesrepublik zum Scheitern verurteilt. In Folge des internationalen Konjunktureinbruchs (unter anderem ausgelöst durch starke Schwankungen des Ölpreises) war die Leistungsbilanz zwischen 1979 und 1981 stark passiv. Dennoch ging die Bundesrepublik aus den währungspolitischen Turbulenzen, bei dem auch das System von Bretton Woods zerbrach, nicht nur unbeschadet, sondern sogar gestärkt hervor.

Fußnoten

1.
Siehe dazu die vergleichende Studie von Tamas Vonyo: Post-war Reconstruction and the Golden Age of Economic Growth, in: European Review of Economic History, 12 (2008), 2, S. 221–241.
2.
Werner Abelshauser: Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945, Bundeszentrale für Politische Bildung, Schriftenreihe Bd. 460, Bonn 2004, S. 262f.
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