Deutschland in Daten - Zeitreihen zur Historischen Statistik.

28.1.2016 | Von:
Markus Lampe
Nikolaus Wolf

Handel als Wirtschaftsaktivität

Die Entwicklung in den letzten Jahrhunderten zeigt, dass Handelsströme ins In- und Ausland stark zugenommen haben. Damit einher ging Wohlstandswachstum.

Der Handel erfüllt eine zentrale Rolle in der Wirtschaft. Händler und Handelsunternehmen übernehmen auf verschiedenen Ebenen den Austausch von Gütern zwischen Produzenten und Konsumenten und werden damit zum Rückgrat der Marktwirtschaft. Das 19. und 20. Jahrhundert waren dabei Zeugen einer deutlichen Beschleunigung der Transformation von weitgehend selbstversorgenden örtlichen Gemeinden in integrierte regionale und nationale Volkswirtschaften bis zur transnationalen Organisation der Güterflüsse der Globalisierung.[1] Während in der Frühen Neuzeit vor allem Güter gehandelt wurden, die am jeweiligen Bestimmungsort nicht produzierbar und daher sehr teuer waren – vor allem Luxuswaren wie Schmuck, wertvolle Stoffe oder exotische Gewürze –, werden spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts auch unscheinbare und im Vergleich zu ihrem Gewicht wesentlich weniger wertvolle Güter wie Getreide, Kohle oder Eisenbahnschienen über große Entfernungen transportiert. Ermöglicht wurde diese Entwicklung durch sinkende Handelskosten, insbesondere durch den Ausbau von Eisenbahnnetzen, die Schiffbarmachung von Flüssen, den Bau von Kanälen und Straßen und die Vereinheitlichung des Münz- und Zollwesens. Während im 18. Jahrhundert Selbstverbrauch und lokale Direktvermarktung für große Teile der Produzenten in Deutschland – damals in erster Linie Landwirte und Kleinhandwerker wie Schuhmacher oder Schreiner – üblich waren, sind diese Vermarktungsformen heute auf wenige Branchen beschränkt, deren Produkte nur kurzfristig haltbar sind, etwa Bäckereien und Restaurants. Ein Großteil des übrigen Warenflusses wird vom Handel organisiert, in Form von Groß- und Einzelhandel, Import- und Export-Unternehmen, Boutiquen, Warenhäusern und Versandhandel. All diese Formen des Handels existieren, weil sie Produzenten und Konsumenten zueinander bringen und dabei Waren an einem Ort und zu einem Zeitpunkt einkaufen, wo sie besonders günstig sind, und an einem Ort und zu einem Zeitpunkt verkaufen, wo "gute Preise" zu erzielen sind. Dieses Handeln ist ein zentrales Element in einer wettbewerbsorientierten Marktwirtschaft, denn es erfüllt drei grundlegende Funktionen. Zum Ersten ist der Handel eine Voraussetzung für die komplexe Arbeitsteilung einer modernen Wirtschaft, in der Produktionsvorgänge in viele einzelne Schritte gegliedert werden und erst so Spezialisierung und Rationalisierung ermöglichen. Zum Zweiten schafft der Handel Märkte, indem er das enorm vielfältige Angebot mit der Nachfrage an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten zusammenbringt. Schließlich trägt der Handel dazu bei, dass sich Preise zwischen regionalen Märkten und über die Zeit hinweg angleichen.

Tabelle 1: Wertschöpfungs- und Beschäftigungsanteile des HandelsTabelle 1: Wertschöpfungs- und Beschäftigungsanteile des Handels Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Tabelle 1 versucht in langfristiger Betrachtung den Anteil des Handels an der gesamtwirtschaftlichen Aktivität in Deutschland nachzuzeichnen. Im Rahmen der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (vgl. das Kapitel von Rainer Metz) wird hierbei häufig der Handel mit den Branchen Gastgewerbe, Verkehr – Transport der gehandelten Güter – und Kommunikation zusammengefasst. Deren Anteil am Bruttoinlandsprodukt in Deutschland verdoppelte sich von Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg von etwa 7,5 auf gut 15 Prozent, ein klares Zeichen für die Ausbreitung der Marktwirtschaft in Deutschland. In der Zwischenkriegszeit stieg der Anteil leicht, in den frühen 1950er Jahren stark an; 20,2 Prozent im Jahr 1952 bilden den historischen Höchstwert. Bis 1980 blieb der Anteil bei durchschnittlich 18 bis 19 Prozent und fällt seitdem langsam, aber stetig, auf derzeit etwa 16 Prozent, knapp über dem Niveau von 1913. Daten zum Handel selbst sind schwieriger zu ermitteln, weisen aber vermutlich eine ähnliche Tendenz auf: Ein leichter Anstieg von Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Zwischenkriegszeit, mit vermutlich deutlichem Anstieg bis Ende der 1950er Jahre (man beachte den Anteil des Einzelhandels am Bruttoinlandsprodukt in diesen Jahren) und seitdem ein Rückgang auf etwa 8 bis 9 Prozent im Handel insgesamt und etwa 3 bis 4 Prozent im Einzelhandel.[2] Bezüglich des Anteils der Erwerbstätigen im Handel sind die Tendenzen ähnlich: Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs waren etwa 7 Prozent aller Erwerbstätigen im Handel tätig, davon jeweils etwa die Hälfte im Groß- und im Einzelhandel.[3] Heutzutage beschäftigt der Handel etwa 14 Prozent aller Erwerbstätigen, davon mehr als zwei Drittel im Einzelhandel, dessen Beschäftigungsanteil im Gegensatz zum Großhandel in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen hat, auch aufgrund des höheren Anteils an Teilzeitarbeitsverhältnissen im Einzelhandel. (siehe Tab 1, Abb 1)

Abbildung 1: Entwicklung des Handels: Anteil an den Erwerbstätigen und am BIPAbbildung 1: Entwicklung des Handels: Anteil an den Erwerbstätigen und am BIP Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Tabelle 2 präsentiert einige Kennziffern zur Entwicklung des Einzelhandels auf der Basis von Publikationen des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels, wobei viele Indikatoren aufgrund von Veränderungen in der Definition und Erhebungspraxis lediglich für den Zeitraum des Bestehens der "alten Bundesrepublik" vorliegen. Die Zahlen zeigen eine zunehmende Konzentration im Einzelhandel an, sichtbar in der Verringerung der Einzelhandelsunternehmen zwischen 1950 und 1990 von knapp 500 000 auf knapp 400 000; die Zahl für Gesamtdeutschland im Jahr 2000 lag mit 436 000 nur leicht darüber; die letzte verfügbare Publikation zählte 400 000 Einzelhandelsunternehmen im Jahr 2008. Die Verkaufsfläche nahm hingegen über die letzten 40 Jahre stetig zu, auf heute etwa 122 Quadratkilometer. Die Zahl der Insolvenzen stieg bis zur Wiedervereinigung kontinuierlich, trotz zunehmender Handelsspannen, die bis 1997 auf 41,7 Prozent stiegen und seitdem im Fallen begriffen sind. Die letzte verfügbare Angabe zur Handelsspanne weist sie mit 36,3 Prozent im Jahr 2003 aus. Dies dürfte in nicht geringem Maße mit der Zunahme des Internethandels verbunden sein, über den uns leider keine langfristig vergleichbaren Zahlen vorliegen. Die Zahlen zum Umsatz des damals noch über Kataloge abgewickelten Versandhandels im Vergleich zu Warenhäusern für die Zeit bis zur Wiedervereinigung zeigen jedoch, dass es sich vermutlich um einen langfristigeren Trend handelt, da die Wachstumsraten des Versandhandels die der konkurrierenden Warenhäuser bereits seit den 1970er Jahren deutlich übertrafen.[4] (siehe Tab 2)

Tabelle 2: Kennziffern zum EinzelhandelTabelle 2: Kennziffern zum Einzelhandel Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Auch wenn der Einzelhandel den größeren Anteil an Wirtschaftsleistung und Beschäftigten ausmacht, da seine Aufgabe in der Versorgung der Verbraucher besteht, so sollte die Bedeutung des Großhandels als Verteiler zwischen Produzenten und Einzelhändlern nicht unterschätzt werden.[5] Innerhalb des Großhandels nimmt der interregionale Handel sowie der Im- und Exporthandel, der den Austausch von Waren über die Grenzen Deutschlands hinaus abwickelt, eine bedeutende Rolle ein. Dem Handel zwischen Regionen innerhalb Deutschlands sowie dem Handel mit europäischen Nachbarregionen (etwa entlang des Rheins) kam eine wichtige Funktion für die Entstehung einer modernen arbeitsteiligen Wirtschaft zu. Die Abgrenzung zwischen Binnenhandel (innerhalb eines Staatsgebiets) und Außenhandel (über Staatsgrenzen hinweg) wurde für Deutschland allerdings erst im Lauf des 19. Jahrhunderts mit der Gründung des Zollvereins 1834, der Gründung des Deutschen Reichs 1871 und dem Einschnitt des Ersten Weltkriegs vollzogen.[6] Im Folgenden wird die grenzüberschreitende Verflechtung der deutschen Wirtschaft mit dem Ausland im Detail betrachtet.

Fußnoten

1.
Ulrich Pfister: Vom Kiepenkerl zu Karstadt. Einzelhandel und Warenkultur im 19. und frühen 20. Jahrhundert, in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 87 (2000), S. 38ff.
2.
Die Angaben zum Wertschöpfungsanteil des Handels in Tabelle 1 vor und nach 1950 sind aufgrund von Definitions- und Erhebungsunterschieden nicht direkt vergleichbar.
3.
Diese Zahlen beziehen sich auf das ehemalige Bundesgebiet.
4.
Für Näheres siehe Ralf Banken: "Was es im Kapitalismus gibt, gibt es im Warenhaus". Die Entwicklung der Warenhäuser in der Bundesrepublik, in: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte, 57 (2012) sowie die den bei GESIS hinterlegten Datensatz ZA8516.
5.
Im Laufe der Zeit haben Einzelhandelsketten und Discounter einen zunehmenden Teil dieser Funktion direkt übernommen, sodass die Grenzen zwischen beiden zumindest in der Wahrnehmung des Endverbrauchers verschwimmen, während die offizielle Statistik beide Bereiche zu trennen vermag.
6.
Siehe dazu Nikolaus Wolf: Was Germany Ever United? Evidence from Intra- and International Trade. 1885 –1933, in: The Journal of Economic History, 69 (2008), S. 846 – 881.
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