Deutschland in Daten - Zeitreihen zur Historischen Statistik.

28.1.2016 | Von:
Nikolaus Wolf

Zu den Ursachen: Europäische ­Integration und Produktivitätswachstum

Auch wenn sich die deutsche Wirtschaft in einem nie dagewesenen Maß internationalisiert hat, bildet Europa weiterhin den Schwerpunkt aller außenwirtschaftlichen Beziehungen.

Die Entwicklungen in der Zahlungsbilanz seit 1982 sind in mehrerer Hinsicht bemerkenswert. Während die Dienstleistungsbilanz langfristig negativ blieb, aber die Defizite abnahmen, setzte der Saldo der Handelsbilanz zu einem deutlichen Wachstum an, wiederum begleitet von einem kräftig zunehmenden Auslandsvermögen. Anders als zuvor war diese internationale wirtschaftliche Expansion aber nicht von hohen Wachstumsraten der Wirtschaft im Inland begleitet. Vor allem die deutsche Industrie eroberte international beständig Marktanteile, was sowohl auf Entwicklungen innerhalb Deutschlands wie auch auf Entwicklungen bei den Handelspartnern zurückzuführen ist. Abbildung 2 zeigt die Entwicklung von Leistungsbilanz, Kapital- und Devisenbilanz (jeweils per Saldo) als Anteil des Bruttoinlandsprodukts von 1883 bis 2010. Die Entwicklung seit 1982 – unterbrochen von der Zeit der Wiedervereinigung bis zur Einführung des Euro – ist im langfristigen Vergleich ungewöhnlich. (siehe Tab 2, Abb 2)

Abbildung 2: Teilbilanzen (Salden) der deutschen ZeitungsbilanzAbbildung 2: Teilbilanzen (Salden) der deutschen Zeitungsbilanz Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Die Hintergründe werden zum Teil aus einer Betrachtung der regionalen Entwicklung deutlich: Wo erwirtschaftete die Bundesrepublik Deutschland diese gewaltigen Leistungsbilanzüberschüsse? Wohin flossen die deutschen Kapitalexporte? Es macht Sinn, die Entwicklung bis 1989 in zwei Perioden zu untergliedern.[1] Bis etwa 1985 wurde die Zunahme der Leistungsbilanzüberschüsse nahezu vollständig vom wachsenden Handelsüberschuss gegenüber den USA getragen. Das wiederum lässt sich durch einen Wachstumsschub in den USA und eine Aufwertung des Dollar erklären, wodurch deutsche Produkte wie Autos, Maschinen, elektrotechnische oder chemische Erzeugnisse Marktanteile in den USA gewinnen konnten, während Importe aus den USA stagnierten. In der Zeit ab 1985 setzten sich die Leistungsbilanzüberschüsse fort, nun aber getragen von wachsenden Handelsüberschüssen mit Westeuropa und den ölexportierenden OPEC-Staaten: Dahinter stand ein deutlicher Verfall der Energiepreise (auch gestützt von einer Abwertung des Dollars), was die Handelsbilanz mit den europäischen Energielieferanten Großbritannien, Niederlande und Norwegen veränderte. Außenwirtschaftliche Impulse trugen also zum deutschen Leistungsbilanzüberschuss der 1980er Jahre bei, aber sie erklären nicht alles. Darüber hinaus nahm die Wettbewerbsfähigkeit der bundesdeutschen Industrie gegenüber fast allen europäischen Handelspartnern zu, was mit Preisvorteilen durch eine relativ geringe Inflation und ein solides Produktivitätswachstum erklärt werden kann. Ein Teil dieses Produktivitätswachstums wurde von der erfolgreichen Internationalisierung der deutschen Wirtschaft – auch durch die Erweiterung der Europäischen Gemeinschaft und eine Liberalisierung der Kapitalmärkte – getragen, die durch Direktinvestitionen und die Verlagerung von Produktionsstufen ihre Kosten weiter senken konnte. Ein Beispiel sind die umfangreichen Investitionen von Volkswagen in Spanien in dieser Zeit. Die Kapitalexporte waren also nicht nur der Spiegel der Leistungsbilanzüberschüsse, sondern konnten diese zumindest zeitweilig selbst verstärken, etwa weil sie dazu beitrugen, die Produktionskosten im Inland zu senken.[2]

Tabelle 2: Teilbilanzen (Salden) der deutschen ZeitungsbilanzTabelle 2: Teilbilanzen (Salden) der deutschen Zeitungsbilanz Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Die Dekade nach der Wiedervereinigung ab 1990 scheint diese Entwicklungen im Rückblick nicht zu beenden, sondern lediglich zu unterbrechen. Unter anderem bremste die verstärkte Nachfrage ostdeutscher Verbraucher nach westdeutschen Produkten das Wachstum der Handelsüberschüsse und führte zu einer zeitweilig negativen Leistungsbilanz, begleitet von Kapitalimporten. Bereits 1994 wuchs der Saldo der Handelsbilanz aber wieder, die Leistungsbilanz wurde jedoch erst mit Einführung des Euro wieder positiv und erreichte – auch im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt – unbekannte Höhen.
Tabelle 3: Zahlungsbilanz der DDR (1975-1989)Tabelle 3: Zahlungsbilanz der DDR (1975-1989) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
An dieser Stelle soll kurz auf die Entwicklung der Zahlungsbilanz der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) verwiesen werden. Die Deutsche Bundesbank hat 1999 eine Zahlungsbilanz der DDR für die Jahre 1975 bis 1989 in Anlehnung an das Balance of Payment Manual des IWF vorgelegt. Tabelle 3 fasst die Ergebnisse umgerechnet in Euro zusammen. Die Zahlen zeigen weitgehend ausgeglichene Teilbilanzen (wobei den außenwirtschaftlichen Beziehungen mit dem Sozialistischen Wirtschaftsgebiet (SW) eine deutlich größere Rolle zukam), weisen aber auch auf Schwierigkeiten hin. Der Vorzeichenwechsel der Leistungsbilanz 1981/82 etwa resultierte aus einer scharfen Liquiditäts- und Devisenkrise, die zu verstärkten Exportanstrengungen und Exporterfolgen führte. Mit sinkenden Erdölpreisen ab 1986 begann sich die außenwirtschaftliche Lage der DDR gegenüber dem Nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet (NSW) wieder zu verschlechtern, auch wenn die Verschuldung gegenüber dem NSW bis 1989 vermutlich noch kein kritisches Niveau erreicht hatte.[3] (siehe Tab 3)

Abbildung 3: Teilbilanzen (Salden) der deutschen Zeitungsbilanz nach RegionenAbbildung 3: Teilbilanzen (Salden) der deutschen Zeitungsbilanz nach Regionen Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Aus Abbildung 3 wird die regionale Aufteilung wichtiger Teilbilanzen für das vereinte Deutschland 2007 bis 2010 ersichtlich.[4] Während mit der Finanz- und Staatsschuldenkrise der deutsche Leistungsbilanzüberschuss mit anderen europäischen Staaten, insbesondere dem Euro-Raum, leicht zurückging, blieb er gegenüber Amerika (vor allem den USA) stabil. Zudem ging das Defizit mit Asien zurück. Da sich der Euro im Zuge der Krise gegenüber anderen wichtigen Währungen tendenziell abschwächte, konnte die deutsche Industrie außerhalb Europas weiter Marktanteile gewinnen, was sich nach 2010 verstärkt fortsetzte.(siehe Abb 3)

Gespiegelt wird dies erneut in massiven Kapitalexporten, die ebenfalls in Relation zum BIP historische Rekordwerte erreichen. Zeitweilig überlagert von den Folgen der deutschen Wiedervereinigung, hatte auch in den 1990er Jahren die Internationalisierung der deutschen Wirtschaft deutlich zugenommen, die sich aber weiterhin auf den europäischen Wirtschaftsraum konzentrierte. Von allen deutschen Direktinvestitionen im Ausland 2010 wurden knapp über 70 Prozent in anderen europäischen Staaten getätigt und knapp 16 Prozent in den USA. Während Deutschland also weiterhin hohe Leistungsbilanzüberschüsse gegenüber seinen europäischen Nachbarn aufweist, die geradezu traditionell Gegenstand der Diskussion sind, fließt umgekehrt auch der Großteil der deutschen Auslandsinvestitionen nach Europa, während Investitionen etwa in Asien – zumindest bisher – noch eine untergeordnete Rolle spielen. Die deutsche Wirtschaft hat sich nach 1945 in einem nie dagewesenen Ausmaß internationalisiert, den Schwerpunkt aller außenwirtschaftlichen Beziehungen bildet dabei weiterhin Europa.

Fußnoten

1.
Zum folgenden vgl. Deutsche Bundesbank: Monatsberichte, Januar 1991. Die längerfristige Entwicklung der deutschen Zahlungsbilanz nach Regionen, Frankfurt a. M. 1991.
2.
Schon in den 1960er Jahren wurde der Zusammenhang zwischen Überschüssen der Handelsbilanz und Netto-Kapitalexporten der Bundesrepublik intensiv diskutiert. Albert Hahn (1960) sprach hier von einem "Bumerang-Effekt", vgl. Albert Hahn: Geld und Kredit. Währungspolitische und konjunkturtheoretische Betrachtungen, Frankfurt a. M. 1960, S. 127ff. und 269ff.
3.
Deutsche Bundesbank: Die Zahlungsbilanz der ehemaligen DDR 1975 bis 1989, Frankfurt a. M. 1999.
4.
Deutsche Bundesbank: Zahlungsbilanz nach Regionen, Juli 2011.
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