Deutschland in Daten - Zeitreihen zur Historischen Statistik.

28.1.2016 | Von:
Markus Lampe
Nikolaus Wolf

Datengrundlage

Seit der Gründung des Deutschen Zollvereins gibt es offizielle Statistiken zum Import und Export. Außerdem tauchen Daten zu Handel und Verkehr in der VGR auf.

Die Daten zu Handel und Verkehr als Wirtschaftsaktivitäten werden im Zusammenhang der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (siehe Kapitel 13), der Betriebs- und Berufszählungen (siehe Kapitel 18) sowie der Umsatzsteuerstatistik (siehe Kapitel 7) ermittelt. Die Daten zu Beschäftigungsanteilen aus der sogenannten Branchenverdienststatistik hat Rüdiger Hohls in seiner Dissertation für die Jahre von 1885 bis 1985 aufgearbeitet.[1] Daten zu Umsatz, Verkaufsfläche etc. liegen ebenfalls seit 1950 im Zahlenspiegel des Handelsverbands Deutschland e.V. vor und wurden 2007 in einer Publikation von Ralf Banken für die Zeit von 1950 bis 2001 zusammengestellt.[2] Diese Reihen haben wir je nach Verfügbarkeit bis in die Gegenwart ergänzt und punktuell durch Daten aus anderen Studien ergänzt.

Offizielle Statistiken zur Einfuhr und Ausfuhr für ein mehr oder weniger homogenes Gebiet gibt es seit der Gründung des Deutschen Zollvereins, der ein einheitliches Zollgebiet seiner selbstständigen Mitgliedsstaaten schuf und gleichzeitig zur Aufteilung der im Staatshaushalt bedeutenden Importzolleinnahmen ein Zentralbüro (mit Sitz in Berlin) gründete. Dieses errechnete aufgrund der von den Zollbehörden der einzelnen Mitgliedsstaaten mitgeteilten Angaben zu Zoll- und Branntweinsteuereinnahmen und der Bevölkerung und Außengrenzlinie die jedem Mitgliedsstaat zustehenden Einnahmen. Die hieraus seit 1842 publizierten "Statistischen-Uebersicht[en] über Waaren-Verkehr und Zoll-Ertrag im Deutschen Zoll-Vereine", auch bekannt als "Kommerzialnachweisungen", stellen jedoch keine Handelsstatistik im modernen Sinne dar, da sie lediglich die Menge ein- und ausgeführter Güter nach Zolltarifklassen und Grenzabschnitten sowie die entsprechenden Zolleinnahmen ausweisen, jedoch weder Angaben über Wert der betreffenden Gütermengen noch über Herkunft und Verbleib machen. Mit der Reichsgründung nahm eine Kommission zur Modernisierung der Zollvereinsstatistik ihre Arbeit auf, die dazu führte, dass ab 1872 Angaben über Wert und Ziel der deutschen Exporte veröffentlicht wurden, wobei die Anmeldepflicht auch für zollfreie Güter, insbesondere Exporte, und eine wirklich verlässliche Wertermittlung erst ab 1880 erreicht wurden. Im Umkehrschluss ergibt sich, dass für den Zeitraum vor 1880 Angaben zu zollfrei eingeführten Gütern und insbesondere den in fast allen Fällen zollfreien Exporten mit relativer Vorsicht zu behandeln sind. Die Literatur hebt immer wieder hervor, dass das Interesse an der Kontrolle der Korrektheit der Ausfuhrdeklarationen auf Seiten der Zollbehörden gering gewesen sei, da mit dieser keine Zolleinnahmen erzielt werden konnten.[3] Außerdem wurden die Wertangaben auch nach 1880 nicht direkt in der Zollstelle erhoben, sondern jährlich Zollposition für Zollposition von einem Sachverständigenkomittee geschätzt, wobei sich die Werterhebung im Laufe der Jahrzehnte verfeinerte, vor allem durch stärkere Differenzierung des Zolltarifs und die Schätzung unterschiedlicher Preise für Produktvarianten unterschiedlicher Qualität aus verschiedenen Herkunftsländern. 1911 wurde die direkte Werterhebung für die gesamte Ausfuhr und bedeutende Teile der Einfuhr vorgeschrieben, und seit Oktober 1928 war die vollständige Wertdeklaration der Einfuhr Pflicht und Grundlage der Statistik.

Für die Zeit vor 1872 liegen verschiedene zeitgenössische, inoffizielle Schätzungen vor, die die "nackte Centnerstatistik" [4] des Zollvereins mit durchschnittlichen Schätzwerten versehen, die oftmals aus der unabhängig ermittelten und veröffentlichen Handelsstatistik der Hansestädte Hamburg und Bremen entnommen wurden. Für vergleichsweise homogene Güter wie Kohle, Weizen oder Baumwollgarn sind diese relativ plausibel, für andere Zolltarifklassen wie "Baumwollene Stuhl- und Strumpf-, etc. Waaren, etc." (Zolltarifklasse 2c vor 1865, im Prinzip alle Baumwollwaren außer Garne und fertige Kleidung enthaltend) sind sie weitaus zweifelhafter. Der Wirtschaftshistoriker Gerhard Bondi hat diese Schätzungen 1954 in seiner Habilitationsschrift an der Akademie der Wissenschaften der DDR zu jährlichen Reihen zusammengestellt und um Schätzungen für fehlende Jahre ergänzt, die seitdem die einzigen langfristigen Reihen zum Außenhandel des Zollvereins vor 1870 darstellen.[5] Diese Reihen sind, ebenso wie die zeitgenössischen Schätzungen, vielfach kritisch betrachtet worden, bleiben aber die einzigen verfügbaren Reihen.[6]


Zum Weiterlesen empfohlen

Peter E. Fäßler: Globalisierung, Köln 2007.

Ronald Findlay / Kevin H. O‘Rourke: Power and Plenty. Trade, War, and the World Economy in the Second Millenium, Princeton 2007.

Heinz-Gerhard Haupt: Konsum und Handel. Europa im 19. und 20. Jahrhundert, Göttingen 2003.

Ralph Jessen / Lydia Langer: Transformations of Retailing in Europe after 1945, Farnham 2012.

Christopher Kopper: Handel und Verkehr im 20. Jahrhundert, München 2002.

Lydia Langer: Revolution im Einzelhandel. Die Einführung der Selbstbedienung in Lebensmittelgeschäften der Bundesrepublik Deutschland (1949 –1973), Köln 2013.

Jürgen Osterhammel / Niels P. Petersen: Geschichte der Globalisierung: Dimensionen, Prozesse, Epochen, München 2007.

Cornelius Torp: Die Herausforderung der Globalisierung: Wirtschaft und Politik in Deutschland 1860 – 1914, Göttingen 2005.

Rolf Walter: Geschichte der Weltwirtschaft. Eine Einführung, Köln 2006.


Fußnoten

1.
Rüdiger Hohls: Arbeit und Verdienst: Entwicklung und Struktur der Arbeitseinkommen im Deutschen Reich und der Bundesrepublik (1885 –1985). Dissertation Freie Universität Berlin, 1992. Die Daten sind enthalten in GESIS Datenarchiv, ZA 8212, Hohls und Kaelble: Die regionale Erwerbsstruktur im Deutschen Reich und in der Bundesrepublik Deutschland 1895 –1970, Tabelle A.5.
2.
Ralf Banken: Die quantitative Entwicklung des bundesdeutschen Einzelhandels 1949 – 2000. Daten, Cologne Economic History Paper 03 – 2007, Köln 2007 (GESIS Datenarchiv ZA 8418).
3.
Torp (Anm. 9), S. 52 – 53, gibt einen Überblick hierüber. Markus Lampe: Bilateral Trade Flows in Europe, 1857–1875: A New Dataset, in: Research in Economic History, 26 (2008), zeigt, dass selbst die Statistik des Zollvereins durchaus aussagekräftig war, allerdings große Anstrengungen zur Berechnung von Werten und der Rekonstruktion von Handelspartnerländern erfordert.
4.
Georg Hirth: Beiträge zu einer Deutschen Handelsstatistik I. WaarenDurchschnittspreise und auswärtiger Handel, in: Staatshandbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Statistik des Norddeutschen Bundes und des Deutschen Zollvereins, 2 (1869), S. 67ff.; siehe Lampe (Anm. 14),
5.
Gerhard Bondi: Deutschlands Außenhandel 1815 –1870, Berlin 1958 (Daten in GESIS Datensatz ZA 8449).
6.
Eine umfassende Einführung in Methoden und Qualität zeitgenössische Schätzungen und ihre Verwendung bietet die Dissertation von Bodo von Borries: Deutschlands Außenhandel 1836 bis 1856. Eine statistische Untersuchung zur Frühindustrialisierung, Stuttgart 1970 (Daten in GESIS Datensatz ZA 8365).
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