Zahlen und Fakten: Europa

Armut vor und nach Sozialleistungen

30.10.2011
Im Jahr 2008 waren in der Europäischen Union 16,3 Prozent der Bevölkerung armutsgefährdet, das heißt, dass Ihnen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung standen.

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Fakten



Im Jahr 2008 waren in der Europäischen Union (EU) 16,3 Prozent der Bevölkerung armutsgefährdet, das heißt, dass Ihnen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung standen. Die Quote ist seit 2004 relativ stabil. Während die Armutsgefährdungsquote des Euroraums mit 15,9 Prozent 2008 nur geringfügig unter dem EU-Wert lag, weichen die Quoten der einzelnen EU-Mitglieder und anderer europäischer Staaten zum Teil erheblich vom EU-Durchschnitt ab.

In Lettland war 2008 mehr als jeder Vierte armutsgefährdet (25,7 Prozent). Und auch in Rumänien (22,4 Prozent), Bulgarien (21,8 Prozent) und Litauen (20,6 Prozent) war es noch mehr als jede fünfte Person. Auf der anderen Seite lag die Armutsgefährdungsquote in der Tschechischen Republik (8,6 Prozent), der Slowakei (11,0 Prozent), den Niederlanden (11,1 Prozent), Slowenien (11,3 Prozent) und Österreich (12,0 Prozent) bei zwölf oder weniger Prozent. Außerhalb der EU fallen von den Staaten, für die Eurostat Daten bereitstellt, noch Island und Norwegen durch niedrige Armutsgefährdungsquoten auf (10,2 bzw. 11,7 Prozent). In Deutschland waren im Jahr 2008 15,5 Prozent der Bevölkerung armutsgefährdet, also etwas weniger als im EU-Durchschnitt.

Wird die Umverteilungswirkung von Sozialleistungen nicht berücksichtigt, erhöht sich die Armutsgefährdungsquote EU-weit von 16,3 auf 25,1 Prozent im Jahr 2008. Anders formuliert mindern die Sozialleistungen die Armutsgefährdungsquote um gut ein Drittel (minus 35,1 Prozent). Wird dabei nicht die Gesamtbevölkerung betrachtet, sondern zum Beispiel nach Alter unterschieden, ist der Umverteilungseffekt teilweise noch größer. So reduzierten die Sozialleistungen die Armutsgefährdungsquote bei den unter 18-Jährigen im Jahr 2008 um 40,2 Prozent (33,3 gegenüber 19,9 Prozent). Bei Personen, die 65 Jahre oder älter waren, lag die Armutsgefährdungsquote ohne Berücksichtigung der Sozialleistungen hingegen nur 3,8 Prozentpunkt höher als die Quote mit Sozialleistungen (21,6 gegenüber 17,8 Prozent) – das entspricht einer Reduzierung um 17,6 Prozent.

Werden die Staaten vor der Umverteilung durch Sozialleistungen nach der Höhe der Armutsgefährdungsquoten sortiert, ergibt sich eine andere Reihenfolge als nach der Umverteilung: An der Spitze standen 2008 Irland (37,6 Prozent), Dänemark (31,2 Prozent) und Großbritannien (30,4 Prozent). Irland und Dänemark sind aber gleichzeitig die beiden Staaten, in denen sich 2008 die Armutsgefährdungsquote am stärksten durch die Sozialleistungen reduzierte – in Irland um 59,8 und in Dänemark um 58,0 Prozent. In Deutschland reduzierten die Sozialleistungen die Armutsgefährdungsquote im Jahr 2008 von 24,1 auf 15,5 Prozent – das entspricht einer Minderung um 35,7 Prozent.

Bei allen Armutsgefährdungsquoten ist zu beachten, dass diese keine Aussage darüber machen, wie weit das Einkommen der armutsgefährdeten Bevölkerung jeweilig unter der Armutsgefährdungsgrenze liegt. Diesen Aspekt berücksichtigt die sogenannte relative Armutsgefährdungslücke: Laut Eurostat lag der Median der Nettoäquivalenzeinkommen der armutsgefährdeten Personen der EU-27-Staaten im Jahr 2008 22,4 Prozent unter dem Schwellenwert für die Armutsgefährdung (2007: 23 Prozent, 2008: 21,8 Prozent).

Datenquelle



Eurostat: Online-Datenbank: Armutsgefährdungsquote vor Sozialleistungen, Armutsgefährdungsquote nach Sozialleistungen (Stand: 06/2011), Medianwert der Armutsgefährdungslücke (Stand: 07/2011)

Begriffe, methodische Anmerkungen oder Lesehilfen



Die Armutsgefährdungsquote gibt an, wie hoch der Anteil der armutsgefährdeten Personen an einer Gesamtgruppe ist. Als armutsgefährdet gelten Personen, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens beträgt. Dabei berücksichtigt die Einkommensberechnung sowohl die unterschiedlichen Haushaltsstrukturen als auch die Einspareffekte, die durch das Zusammenleben – durch gemeinsam genutzten Wohnraum, beim Energieverbrauch pro Kopf oder bei Haushaltsanschaffungen – entstehen. Die Einkommen werden also gewichtet.

Die Armutsgefährdungsquote wird hier bezogen auf die Situation im jeweiligen Land gemessen und nicht anhand eines einheitlichen Schwellenwertes für alle Länder.

Zur Ermittlung des Einkommens wird zunächst das von allen Haushaltsmitgliedern tatsächlich erzielte Haushaltseinkommen zusammengefasst. Anschließend wird das verfügbare Einkommen gewichtetet bzw. das sogenannte Äquivalenzeinkommen ermittelt. Dazu wird das verfügbare Haushaltseinkommen unter Berücksichtigung eines Gewichtungsschlüssels (Äquivalenzskala) geteilt. Die Äquivalenzskala weist dabei der ersten erwachsenen Person stets das Gewicht 1 zu. Weitere Erwachsene und Kinder ab 14 Jahren erhalten das Gewicht 0,5, Kinder unter 14 Jahren das Gewicht 0,3.

Ein Beispiel: Eine Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren hat nach der Äquivalenzskala das Gesamtgewicht 2,1 (1 plus 0,5 plus 0,3 plus 0,3). Zu Berechnung des Äquivalenzeinkommens muss das verfügbare Haushaltseinkommen demnach durch 2,1 – und nicht durch die Anzahl der Personen – geteilt werden. Bei einem verfügbaren Haushaltseinkommen von beispielsweise 2.100 Euro hat jedes der vier Haushaltsmitglieder ein Äquivalenzeinkommen von 1.000 Euro.

Um das mittlere Einkommen zu berechnen, wird der Median (Zentralwert) verwendet. Dabei werden hier alle Personen ihrem gewichteten Einkommen nach aufsteigend sortiert. Der Median ist der Einkommenswert derjenigen Person, die die Bevölkerung in genau zwei Hälften teilt. Das heißt, die eine Hälfte hat ein höheres, die andere ein niedrigeres gewichtetes Einkommen. 60 Prozent dieses Medianwertes stellen die Armutsgefährdungsgrenze dar.

Der relative Medianwert der Armutsgefährdungslücke wird berechnet als Differenz zwischen dem Mittelwert des Nettoäquivalenzeinkommens der Personen unterhalb der Armutsgefährdungsgrenze und der Armutsgefährdungsgrenze, ausgedrückt als Prozentsatz der Armutsgefährdungsgrenze. Bei dem Aggregatwert für die EU handelt es sich um einen nach der Bevölkerungszahl gewichteten Durchschnittswert der Zahlen der einzelnen Mitgliedstaaten.

Weitere Informationen zur "Armutsgefährdungslücke" erhalten Sie hier...

Mitglieder des Euroraums Mitte 2011: Belgien, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Luxemburg, Malta, Niederlande, Österreich, Portugal, Slowakei, Slowenien, Spanien und Zypern.

Tabelle: Armutsgefährdungsquoten vor und nach Sozialleistungen



In Prozent, Reduzierung der Armutsgefährdungsquote in Prozent, ausgewählte europäische Staaten, 2008

  Armutsgefährdungsquote* Reduzierung der Armuts-
gefährdungs-
quote
vor Sozialleistungen nach Sozialleistungen
in Prozent
Europäische Union (EU) 25,1 16,3 -35,1
Euroraum (17 Länder) 23,9 15,9 -33,5
Irland 37,6 15,1 -59,8
Dänemark 31,2 13,1 -58,0
Ungarn 28,9 12,4 -57,1
Norwegen 25,2 11,7 -53,6
Tschechische Republik 17,9 8,6 -52,0
Österreich 24,1 12,0 -50,2
Schweden 26,6 13,3 -50,0
Slowenien 22,0 11,3 -48,6
Island 19,7 10,2 -48,2
Finnland 26,2 13,8 -47,3
Niederlande 20,5 11,1 -45,9
Frankreich 23,8 12,9 -45,8
Belgien 26,7 14,6 -45,3
Luxemburg 27,0 14,9 -44,8
Großbritannien 30,4 17,3 -43,1
Deutschland 24,1 15,5 -35,7
Slowakei 17,1 11,0 -35,7
Malta 23,1 15,1 -34,6
Schweiz 22,1 15,1 -31,7
Litauen 29,4 20,6 -29,9
Kroatien 25,5 17,9 -29,8
Zypern 22,7 16,2 -28,6
Polen 23,6 17,1 -27,5
Portugal 24,3 17,9 -26,3
Estland 25,9 19,7 -23,9
Rumänien 29,1 22,4 -23,0
Italien 23,2 18,4 -20,7
Spanien 24,4 19,5 -20,1
Bulgarien 26,4 21,8 -17,4
Lettland 30,3 25,7 -15,2
Griechenland 22,7 19,7 -13,2

* Berechnungsgrundlagen: 60%-Median, modifizierte OECD-Skala

Quelle: Eurostat: Online-Datenbank: Armutsgefährdungsquote vor Sozialleistungen, Armutsgefährdungsquote nach Sozialleistungen (Stand: 06/2011)


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