Akquisos

Im Interview: Dr. Daniel Röder, Pulse of Europe

"Der Finanzierungsbedarf wächst genauso schnell wie unsere Idee"

2.6.2017
Daniel Röder ist Wirtschaftsanwalt, Mediator und Konfliktcoach aus Frankfurt. Zusammen mit seiner Frau Sabine Röder gründete er die Initiative Pulse of Europe, um zu zeigen, dass viele Menschen an die Grundidee der Europäischen Union und ihre Reformierbarkeit glauben. Seit Januar 2017 treffen sich Menschen an jedem Sonntag, um den "Pulsschlag Europas" sichtbar zu machen. Mittlerweile gab es in 120 Städten in 16 Ländern Demonstrationen. Wer in seiner Stadt eine Pulse of Europe-Demo organisieren möchte, kann sich bei der Geschäftsstelle in Frankfurt melden und erhält dort Unterstützung.

Mehr unter http://pulseofeurope.eu

Daniel RöderDaniel Röder (© Daniel Röder)
Akquisos: Herr Röder, wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine eigene Bürgerinitiative zu gründen? Schwebte Ihnen das schon länger vor?

D. Röder: Nein, meine Vita ist ganz sicher nicht die eines politischen Aktivisten. Und der Erfolg der Bewegung hat uns überrascht und überrannt zugleich. Auslöser waren das Brexit-Referendum und die Wahl Donald Trumps. Beide Male bin ich abends ins Bett gegangen und dachte, "die werden schon nicht…" Beide Male wachte ich auf und wurde eines Besseren belehrt. Noch am selben Tag gingen die jeweiligen Wahlverlierer auf die Straße und demonstrierten. Aber wo waren sie davor? Mit meiner Frau zusammen reifte die Idee auf dem Sofa, dass man sichtbar werden muss, bevor das nächste Unheil geschieht. Wir wollten nicht mehr länger Beobachter dieser Entwicklung sein und hinterher sagen, "ach, hätten wir doch mal früher…".

Akquisos: Wie haben Sie die Idee dann in die Tat umgesetzt?

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war ich immer noch überzeugt und sagte zu meiner Frau: "Also, wir machen das jetzt!?" Von der anderen Seite des Bettes kam weniger Zuversicht zurück. Aber wir haben dann doch eine Einladung zur ersten Demo an unseren E-Mailverteiler geschickt. Der machte schnell die Runde und zu unserer großen Überraschung kamen 200 Leute. Und das am 1. Advent, nachmittags bei Dunkelheit und unwirtlichem Wetter! Das war unser Resonanztest. Die nächsten Wochen haben wir dann genutzt, um uns zu organisieren und sind ab Mitte Januar wöchentlich gestartet.

Akquisos: Wie ging es dann weiter?

Der Erfolg in Frankfurt hat schnell dazu geführt, die Idee auf andere Städte auszuweiten. Außerhalb von Deutschland haben wir uns zunächst auf Länder fokussiert, in denen dieses Jahr Wahlen sind: Niederlande, Frankreich… Dort haben wir Bekannte von uns angesprochen und konnten sie überraschend schnell vom Mitmachen überzeugen. Ein enger Freund meinte zunächst noch: "Friedensdemos, das ist sowas von 80er…", doch dann war er dabei. Man kann uns tatsächlich auch als Friedensbewegung verstehen, denn der Zusammenhalt der EU hängt unmittelbar mit dem Frieden zusammen. Allerdings sehen die meisten von uns anders aus als die früheren "Love and Peace-Demonstranten".

Akquisos: Wie sehen Sie die Zukunft von Pulse of Europe?

Für uns besteht die große Herausforderung darin, nicht so schnell wieder zu verschwinden, wie wir gekommen sind. Unser Anliegen ist ja sehr generisch, unsere Forderungen sehr global, z.B. "Europa darf nicht scheitern", "Der Frieden steht auf dem Spiel", "Geht wählen", "Reformen sind notwendig". Viele sagen uns voraus, dass wir ohne konkrete politische Forderungen bald tot sind. Die anderen meinen, mit politischen Forderungen erfolgt unweigerlich die Zersplitterung. Beides wollen wir nicht. Nun suchen wir einen Weg, um zu bestehen.

Akquisos: Wie kann der aussehen?

Zum einen möchten wir nicht selbst Politik betreiben. Wir möchten vielmehr die europäische Zivilgesellschaft stärken und grenzüberschreitend zusammenbringen. Wir möchten kein Debattierclub werden, sondern sichtbar sein. Wir wollen einen Beitrag dazu leisten, dass Politikerinnen und Politiker das Europathema priorisieren und sich endlich wieder mit Leidenschaft für Europa einsetzen. Unser Plan ist, uns als pro-europäische Marke, als Europa-Aktivisten zu etablieren. Dafür werden wir die Demos auf eine monatliche Frequenz setzen, und parallel dazu mehr Kampagnen fahren. Zum Beispiel, indem wir die gesamte, grenzüberschreitende Pulse of Europe-Gemeinschaft für ein demokratisches Polen demonstrieren lassen. Denkbar wäre auch, gemeinsam die Schotten bei einer "Rückkehr" in die EU zu unterstützen, wenn sie denn das Vereinigte Königreich verlassen. Außerdem möchten wir die Menschen erreichen, die sich von der EU abgehängt fühlen. Dazu gehen wir demnächst in die Schulen und machen dort Projektarbeit, und zwar bewusst nicht nur an Gymnasien.

Akquisos: Wie strategisch sind Sie bisher bei der Finanzierung vorgegangen?

Ehrlich gesagt gar nicht. Allerdings haben wir von Anfang an Spendendosen aufgestellt. Wir rufen auch explizit alle Städte dazu auf, auf den Demos zu sammeln. Die Spendendosen sind zum Glück konstant gefüllt. Die Menschen unterstützen unsere Idee nicht nur auf der Straße, sondern auch finanziell. Auch über die Webseite kommen Spenden. Noch steuern wir das aber nicht bewusst. Wir haben kürzlich mit Fundraising-Dinnern gestartet und wollen das demnächst ausweiten. Das steckt noch in den Kinderschuhen, aber die "AG Finanzen" besteht und soll auch das Fundraising mitdenken.

Akquisos: Wären Sie da lieber von Beginn an vorbereiteter gewesen?

Nein. Wenn wir nicht einfach losgelegt hätten, wären wir nicht so erfolgreich geworden. Wären wir von Anfang an strategisch vorgegangen, würden wir heute noch diskutieren, ob und wie wir etwas machen. Aber viele von uns haben Erfahrung im Projektmanagement, das hilft. Mein Tipp: Erst mal machen, aber dann schnell strategisch nachziehen. Wichtig, dass wir jetzt auch die Finanzierung auf gute Füßen stellen und nicht erst in zwei oder drei Jahren. Der Finanzierungsbedarf wächst rasant. Nicht nur die Veranstaltungen in den Städten müssen finanziert werden, sondern vor allem nun die Hauptamtlichen in der neuen Geschäftsstelle. Mit unserem ehrenamtlichen Engagement waren wir schnell an unseren Grenzen.

Akquisos: Sind für Sie auch Spenden von Unternehmen denkbar, um das Spendenvolumen entsprechend zu erhöhen?

Ja, Unternehmensspenden sind für uns kein Problem, solange wir unabhängig bleiben. Wir müssten uns das Unternehmen, die Spendenhöhe etc. also genauer ansehen. Wegen der Unabhängigkeit sind Spenden von Parteien oder Interessengruppen, von denen wir uns beeinflusst fühlen, ausgeschlossen. Das gilt auch für Organisationen, deren Zweck oder Hintergrund mit unseren Grundsätzen nicht vereinbart ist. EU-Gelder haben wir bislang ebenfalls nicht angenommen und müssten uns das wegen des Abhängigkeitsthemas sehr gut überlegen.

Akquisos: Vielen Dank für das Gespräch!