Teilnehmer einer Demonstration verbrennen am 10.12.2017 eine selbst gemalte Fahne mit einem Davidstern in Berlin im Stadtteil Neukölln. Die geplante Verlegung der US-Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem sorgte auch in Berlin für Proteste. Bei den pro-palästinensischen Demonstrationen wurden Fahnen mit dem Davidstern angezündet.

8.3.2010 | Von:
Jochen Müller

Die Islamophobie und was sie vom Antisemitismus unterscheidet

Anmerkungen zu einem Vergleich

Unterschiede zwischen Islamfeindschaft und Antisemitismus

Dies macht deutlich, dass ein wissenschaftlicher Vergleich verschiedener Formen von Vorurteilen, Diskriminierungen und "gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit" (Wihelm Heitmeyer) grundsätzlich sinnvoll ist. Er fördert die Erkenntnis darüber, wie Gruppen von "Anderen" konstruiert werden und wie sich darin eigene kollektive Identität erst konstituiert. Das Wissen um die Prozesse, mit denen Gruppen systematisch diskriminiert, stigmatisiert, ausgegrenzt und ihrer Rechte beraubt werden können, hilft dabei, solche Entwicklungen frühzeitig erkennen und ihnen entgegen zu wirken.

Nun lassen sich solche Parallelen aber zwischen den verschiedensten Formen von Vorurteilstrukturen, pauschalisierenden Diskriminierungsprozessen und Rassismen ziehen. Und die Gefahr ist groß, dass die Besonderheiten der einzelnen historischen wie aktuellen Konstellationen und Ideologien nivelliert werden und zu einer großen Geschichte von Diskriminierung und Verfolgung verschwimmen. Ebenso wichtig wie das Aufzeigen von Parallelen sollte daher die Unterscheidung verschiedener spezifischer Diskriminierungsformen sein. Ich möchte daher im Folgenden auf zumindest vier Besonderheiten hinweisen, die den modernen Antisemitismus von der Islamfeindschaft deutlich unterscheiden.

1. Die Vernichtungsdrohung

Dem modernen Antisemitismus, dessen Anfänge im 19. Jahrhundert liegen, geht es nicht wie zuvor dem traditionellen, meist religiös begründeten Antisemitismus, um die Diskriminierung einer Religion bzw. ihrer Angehörigen. Vielmehr erfindet er in Form biologistischer und/oder nationalistischer Zuschreibung eine Rasse bzw. eine Nation. Diese ist aber keine herkömmliche Kategorie – so wie etwa Islam und Judentum Religionen unter anderen, Deutsche und Franzosen Nationen unter anderen wären. In rassistischen – auch den kulturalistisch begründeten - oder nationalistischen Konzepten können diese sich feindlich gegenüberstehen, bleiben aber dennoch Bestandteile des Ganzen.

Die Juden jedoch sind gegenüber solchen antagonistischen Kräften das "ganz andere", sie stellen als Gruppe die Ordnung der Welt insgesamt in Frage und sind daher umso gefährlicher. Sie sind das "Antivolk", die "Figur des Dritten" (Klaus Holz), die allen anderen Kollektiven feindlich gesonnen sind. Damit werden die Juden mitsamt den ihnen vorgeworfenen Verschwörungen zum teuflischen Feind der Menschheit insgesamt.[12]

Vor diesem Hintergrund wohnt die Idee der Vernichtung, also die Auslöschung der Gruppe der Juden als Feinde der Menschheit, dem modernen Antisemitismus seit seiner Entstehung Ende des 19. Jahrhunderts inne. Eine solche Antifigur stellen die Muslime im Kontext von Islamfeindlichkeit sicher nicht dar. Der moderne Antisemitismus beruht auf Fantasien einer jüdischen Weltverschwörung gegen die Menschheit. Dagegen tauchen in der Islamfeindlichkeit/Islamophobie verschwörungstheoretische Ideologeme nur in Einzelfällen auf. Vielmehr beruht die Islamophobie auf solchen kulturalistischen Zuschreibungen, die für die "neuen" Formen des Rassismus typisch sind: Auf der Grundlage einer christlich-europäisch, sich aufgeklärt wähnenden "Leitkultur" werden Muslime und ihre Religion immer wieder pauschal und in kolonialistischer und rassistischer Manier als zurückgeblieben, unaufgeklärt und mitunter als terroristisch diskriminiert. Hier dominiert ein kulturalistisch-rassistisches Bild der Anderen. Eine auf Verschwörungsfantasien beruhende "eliminatorische Islamophobie" existiert aber nicht.

2. Unbehagen in der Moderne

Der moderne Antisemitismus ist vor allem ein Ausdruck von Krisenerscheinungen im Kontext gesellschaftlicher Modernisierungen. Es handelt sich um einen Ausdruck des Unbehagens und Aufbegehrens von Menschen, die sich im Zuge der Modernisierung diskriminiert oder zukurzgekommen wähnen. Sie suchen in der Folge Verantwortliche und Schuldige für gesellschaftliche Entwicklungen, welche sie persönlich irritieren und verunsichern. Als Phänomene von Modernisierungen zu nennen wären unter anderen eine zunehmende Individualisierung, Materialismus, Liberalismus, Aufhebung der Geschlechtertrennung und freiere Sexualität, neue Ausdrucksformen in Kultur und Medien. Im antisemitischen Weltbild sind es die Juden, die vermeintlich hinter den Kulissen solcher anonymen gesellschaftlichen Entwicklungen agieren und die Fäden ziehen. In personalisierter Form werden sie verantwortlich für Modernisierungsprozesse gemacht, die als krisenhaft und verunsichernd erfahren werden. Ihnen wird vorgeworfen, die gewohnte Ordnung der Gemeinschaft von innen zersetzen und zerstören zu wollen.

Der moderne Antisemitismus ist antimodern. Islamophobie bzw. die Islamfeindlichkeit beruft sich hingegen in der Regel explizit auf die Tradition der Moderne und gibt sich als anti-traditionalistisch: Es ist ja der Islam , dem vorgeworfen wird, eine vormoderne Religion zu sein und der notwendigen Aufklärung und Säkularisierung im Wege zu stehen. Muslime gelten den Islamfeinden meist als rückschrittlich und unzivilisiert. So steht vielfach die kulturalistisch vorgetragene Anklage im Mittelpunkt, dass Muslime Frauen unterdrücken, weil ihre Religion es ihnen vorschreiben würde. Auf diese Weise spielen sich die Akteure als Verteidiger der modernen, westlichen Zivilisation auf, die durch Islam und Muslime "überschwemmt" zu werden drohe.[13] Damit formuliert die Islamfeindlichkeit eine ganz andere Art von Krisenempfinden innerhalb der "Mehrheitsgesellschaft" als der Antisemitismus.

3. Antisemitismus als Fiktion vom "Juden"

Der moderne Antisemitismus ist eine Weltanschauung, die auch ohne Juden "funktioniert": Unabhängig vom realem Verhalten von Juden beruht der Antisemitismus gänzlich auf der Fiktion von den Juden als Verschwörern. Das Menschen der Vorstellung anheim fallen, dass Juden die Welt beherrschen und sich dazu aller nur erdenklichen Methoden bedienen, sagt viel über das Denken dieser Menschen und die Verhältnisse, in denen sie leben; es sagt aber nichts über die Juden und ihr konkretes Verhalten. Das Denken über "den Juden" ist reine Projektion, es ist gewissermaßen schon vorher da – und findet sich im Einzelfall, etwa dem reichen Juden, lediglich bestätigt.

Anders im Fall von Islamfeindlichkeit/Islamophobie: Wie in allen Vorurteilsstrukturen wird zwar auch hier vom Einzelfall – etwa terroristischer Islamisten - pauschal auf die Militanz des Islam und der Gesamtheit der Muslime geschlossen. Und auch hier sagen Ängste, Verdächtigungen und Rassimus nichts über das tatsächliche Verhalten von Muslimen aus. Diese sind also ebenso wenig "schuld" am Rasissmus wie Juden "schuld" am Antisemitismus sind.

Dennoch liegen der Islamfeindlichkeit konkrete gesellschaftliche Probleme der Integration, des Terrorismus und andere Phänomene und Fragen zugrunde, die - anders als im Fall der gesellschaftlichen Ursachen des Antisemitismus - durchaus mit dem Islam und der Existenz von muslimischen Minderheiten zu tun haben.

Die "Islamophobie" ist damit keine bloße Projektion eines allgemeinen Krisenempfindens auf eine beliebige Minderheit. Daher muss über die real existierenden Probleme, welche sie anfeuern und über Optionen zur Begegnung dieser Probleme anders gesprochen werden als über den Antisemitismus.

4. Antisemitismus "von unten"

Der moderne Antisemitismus ist eine Ideologie, die sich – abgesehen von seiner rassistischen Variante, wie sie etwa im nationalsozialistischen Bild der Ostjuden als Untermenschen zum Ausdruck kommt - meist "von unten nach oben" artikuliert. Das heißt, dass sich Vertreter antisemitischer Anschauungen meist als ohnmächtige Opfer von übermächtigen Kräften inszenieren, wobei diese Kräfte in den Juden personifiziert werden. Diese besitzen demnach die Macht über das Kapital, die Medien, über Politik und Kultur. Vor diesem Hintergrund wollen Antisemiten sich und ihr Kollektiv aus den Fesseln der imaginierten jüdischen Vormacht und ihrer Verschwörungen befreien. Antisemitismus schöpft seine Legitimation aus dieser Ideologie der Befreiung und Rettung der eigenen Gemeinschaft und der ganzen Welt.

Rassismus und Islamfeindlichkeit hingegen argumentieren "von oben nach unten". Hier geht es vor allem darum, den eigenen ideellen und materiellen Besitzstand und die eigene Überlegenheit gegen eine vermeintliche Bedrohung von außen zu wahren und zu verteidigen. Dies wird am Beispiel mancher Internetforen deutlich, in denen Muslime von Kommentatoren etwa als arbeitsunwillig und kriminell beschimpft werden und die Fiktion einer "Vertürkung" Deutschlands beschworen wird. Dahinter steht die Vorstellung der Minderwertigkeit von Muslimen.[14]

Während also im modernen Antisemitismus das Bild des reichen, intellektuellen, dekadenten und übermächtigen Juden eine zentrale Rolle spielt, wähnen sich die Vertreter islamfeindlicher Stereotypen den Muslimen in jeder Beziehung weit überlegen.

Unterschiede betonen

Noch einmal zusammengefasst: Die Juden sind – anders als die Muslime - im Antisemitismus die "ganz anderen", das Antivolk, woraus sich auch der Wunsch nach ihrer Vernichtung direkt ableitet. Vergleichbares gibt es gegenüber Muslimen nicht. Als Antwort auf gesellschaftliche Krisen ist der Antisemitismus antimodern, die "Islamophobie" hingegen gibt sich explizit anti-traditionalistisch. Dabei stellt die antisemitische Ideologie eine rein fiktive Übertragung allgemeiner gesellschaftlicher Krisenerscheinungen auf die Gruppe der Juden dar, während die Islamfeindlichkeit Muslime meist im Kontext gesellschaftlicher Probleme diskriminiert, die tatsächlich mit Muslimen zu tun haben. Und: Islamfeindlichkeit und Rassismus richten sich "von oben nach unten" – gehen also von Menschen aus, die sich selbst überlegen fühlen, während der Antisemitismus eine "Opferideologie" darstellt, die von Menschen ausgeht, die sich "befreien" wollen.

Wie schon betont, soll mit diesen kursorischen Anmerkungen nicht die Existenz rassistischer und islamfeindlicher Ressentiments und Diskriminierungen in Abrede gestellt und die Kritik daran diskreditiert werden. Vielmehr möchte ich darauf hinweisen, dass der Begriff "Islamophobie" nicht selten dazu verwendet wird, eine kritische Auseinandersetzung mit der Rolle der Religion und dem Verhalten und den Überzeugungen von Muslimen abzuwehren. Darüber hinaus kann der Vergleich von Antisemitismus und "Islamophobie" dazu dienen, einen Opferstatus von Muslimen in verzerrender Weise zu betonen. Vor diesem Hintergrund sollte zum einen der Begriff "Islamophobie" mit einem Fragezeichen versehen werden. Zum anderen sollten Vergleich und Analyse beider Vorurteilsstrukturen und Diskriminierungsformen stärker als bisher auch die Unterschiede von Islamfeindschaft und modernem Antisemitismus im Blick behalten. Diese Unterschiede sind meines Erachtens nicht nur zum Verständnis beider Phänomene unverzichtbar – sondern auch dann, wenn man ihnen politisch und pädagogisch begegnen möchte.

Fußnoten

12.
Sehr klar hat dieses zentrale Momente des modernen Antisemitismus Klaus Holz herausgearbeitet: Holz, Nationaler Antisemitismus. Wissenssoziologie einer Weltanschauung, (2001). Vor allem auf dieses Unterscheidungsmerkmal zwischen Antisemitismus und Islamfeindschaft weist auch Michael Kiefer in seinem Beitrag zur Dokumentation der ZfA-Konferenz "Feindbild Muslim – Feindbild Jude" hin (a.a.O.).
13.
Vgl.dazu Shooman und Widmann (a.a.O.)
14.
ebd.; sowie in Benz (Hrg.) Islamfeindschaft.... (a.a.O.); s. auch: http://www.ufuq.de/newsblog/288-antimuslimischer-rassismus
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