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Antisemitismus heute


23.11.2006
Antisemitismus wird heute selten offen geäußert. Er wird meist per Andeutungen, Codes und Chiffren transportiert. Sprache, Kontext und Person machen den Antisemitismus.

"Tag" im U-Bahnhof Berlin Kreuzberg 2004."Tag" im U-Bahnhof Berlin Kreuzberg 2004. (© Ralf Fischer / Agentur Ahron)

Antisemitismus: uralt und doch hochaktuell



Antisemitismus, die Feindschaft gegenüber Juden, gehört zu den ältesten und hartnäckigsten Vorurteilskomplexen gegenüber einer Gruppe von Menschen – der Jerusalemer Historiker Robert Wistrich hat Antisemitismus "the longest hatred", den längsten, ältesten Hass genannt. Die Wurzeln des heutigen Antisemitismus gehen in Europa zurück auf den religiös begründeten christlichen Antijudaismus ("Juden als Christusmörder"), dessen früheste Ansätze sich schon im Neuen Testament finden, und den neueren Rassen-Antisemitismus des 19. Jahrhundert (Juden als angeblich minderwertige "Rasse").

Trotz seines hohen Alters ist der Antisemitismus in Deutschland dennoch zugleich hoch aktuell, wie jüngste Fälle zeigen: Da verbrennen Jugendliche im sachsen-anhaltinischen Pretzien Ende Juni 2006 bei einer öffentlichen "Sonnenwendfeier" ein Exemplar der "Tagebücher der Anne Frank". Mitte Oktober 2006 wird ein 16-jähriger in Parey, ebenfalls in Sachsen-Anhalt, von Mitschülern gezwungen, mit einem Schild "Ich bin am Ort das größte Schwein, ich lass mich nur mit Juden ein" über den Schulhof zu laufen. Da werden am 9. November 2006 in Frankfurt (Oder) Kerzen und Kränze, zuvor niedergelegt auf einem Gedenkstein am Ort der ehemaligen Synagoge zum Gedenken an das Novemberpogrom von 1938, auf die Straße geworfen und die Polizei mit "Sieg Heil"-Rufen begrüßt.

Die Definition von Antisemitismus ist umstritten



Obwohl der Antisemitismus also ein sehr altes und noch heute aktuelles Phänomen ist, gibt es, vor allem in der öffentlichen Diskussion, immer wieder Unsicherheit, ja ein Streit darüber, ob eine Einstellung, eine Aussage oder eine Tat eigentlich als antisemitisch einzustufen ist. Erinnert sei daran, dass mehr als 1.600 Mitglieder der Union 2003 an ihre Parteichefs Angela Merkel und Edmund Stoiber einen Aufruf gegen den geplanten Parteiausschluss des damaligen CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann unterschrieben - mit dem Argument, seine Rede vom 3. Oktober 2003 sei gar nicht antisemitisch gewesen. Der renommierte Antisemitismusforscher Wolfgang Benz von Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin hat 2004 ein 272-seitiges Buch allein zum Thema "Was ist Antisemitismus?" geschrieben.

Experten des Zentrums für Antisemitismusforschung zufolge hat sich dennoch international folgende Definition von Antisemitismus (vom Kölner Forscher Dietz Bering) einigermaßen durchgesetzt:

"Antisemitismus ist eine aggressive, politisch akzentuierte, umfassende Lebenseinstellung, die von der grundsätzlich nichtswürdigen Wesensart der Mitglieder des jüdischen Volkes ausgeht." (Bering, S.18)

Dieser Definition Berings zufolge betrachten Antisemiten Juden, die vor allem als Kollektiv gesehen würden, als ihrer gesamten Natur nach schlecht, unverbesserlich und - das allerdings meist verdeckt - negativ für die Gesellschaft, in der sie als eigentlich immer Wesensfremde lebten.

Antisemitismus tritt heute meist verdeckt auf



Allerdings tritt Antisemitismus heute – wegen seiner öffentlichen Ächtung – eher selten offen zutage. Er wird meist per Andeutungen, Codes und Chiffren transportiert. Sprache, Kontext und Person machen den Antisemitismus – und es kommt oft auf scheinbare Kleinigkeiten an. (vgl. Benz, S. 9ff.)

So angedeutet, liegt Antisemitismus im einzelnen vor:
  1. wenn negative historische Bezüge zur jüdischen Geschichte, Religion oder einem angeblichem unwandelbaren "jüdischen Charakter" zu konstruieren (z.B. "jüdischen Rachegott" oder "Affinität der Juden zu Geld oder Kapital").
  2. wenn, meist im Sinne von Verschwörungstheorien, die Rede davon ist, "die Juden" hätten hierzulande oder auch weltweit zu viel Einfluss, oder das Vorurteil verbreitet wird, die "jüdische Lobby" bestimme die US-Politik – oder Juden seien schuld an fast allen Konflikten in der Welt. Dazu passt der Wahn einer weltweiten, von Israel gelenkten "zionistischen Verschwörung".
  3. wenn entweder der Holocaust mit seinen sechs Millionen Toten geleugnet oder relativiert oder das Vorurteil verbreitet wird, "die Juden" nutzten die Erinnerung an den Holocaust für ihre Vorteile aus – ein wichtiger Baustein des sekundären Antisemitismus (Judenhass nicht trotz, sondern wegen Auschwitz).
  4. wenn vor allem hierzulande Israel oder "die Juden" selbst für Antisemitismus verantwortlich gemacht werden sollen.
Häufig findet sich Antisemitismus auch im Mantel der Israel- oder Zionismus-Kritik auf, etwa:
  1. wenn, gerade in Deutschland, Vergleiche von Aktionen des Staates Israel mit den Untaten des Naziregimes vorgenommen oder entsprechende Andeutungen gemacht werden (z.B. Israel betreibe die "Endlösung der Palästinafrage"). Denn diese Vergleiche zielen tendenziell oder eindeutig fast immer darauf, die Opfer von einst zu den Tätern von heute zu machen. Sie gründen sich zumeist in einer Erinnerungs- und historischen Verantwortungsabwehr ("Schlussstrich") in bezug auf die Untaten der NS-Vergangenheit.
  2. wenn Israel isoliert wird als ein Staat, der sich fundamental unterscheide von allen anderen und kein Existenzrecht habe.
  3. wenn Juden in Deutschland kollektiv für die Politik der israelischen Regierung verantwortlich gemacht werden oder Kritik an Israel sich in eine generelle Kritik an allen Juden oder Juden in anderen Ländern wandelt.
Vor allem seit den Anschlägen vom 11. September 2001 treten antisemitische Verschwörungstheorien vermehrt auf (z.B. hinter den Anschlägen stehe eigentlich der Mossad). Öfter auch beim Antiamerikanismus oder bei mancher Globalisierungskritik (z.B. die "Ostküste" oder "Wallstreet" bestimmte im Geheimen die Geschicke der Welt) sind mehr oder weniger deutlich antisemitische Spuren zu erkennen.



 

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