Ahmadinedschad auf der Konferenz "The World without Zionism".
1 | 2 Pfeil rechts

Das Verhältnis von Islamisten und Rechtsextremisten

Droht eine gemeinsame extremistische Front über den Antisemitismus?


28.11.2006
Im Hass vereint: Islamisten und Rechtsextreme erkennen in Israel und "den Juden" einen gemeinsamen Feind. Welche Gefahr geht von ihnen aus?

Neonazi-Demonstration am 11.02.2006 in Dresden.Neonazi-Demonstration am 11.02.2006 in Dresden. (© Juri Eber / Agentur Ahron)

Bekannte Mitglieder der NPD nahmen an einer Tagung der "Hizb at-Tahrir" teil. Im Anschluss gab ein Sprecher dieser islamistischen Organisation dem Parteiorgan "Deutsche Stimme" ein langes Interview. Ein niederländischer Neonazi demonstriert mit einem T-Shirt mit dem Konterfei von Osama bin Laden. Ein türkischer Islamist beruft sich bei der Holocaust-Leugnung auf rechtsextremistische Revisionisten. Ein rechtsextremistisches Plakat zeigt einen Steine werfenden Palästinenser und die Aufschrift "Gemeinsam gegen Zionisten". Arabische Studenten nahmen an einer NPD-Demonstration unter dem Motto "Friede und Freiheit für Palästina" teil. Diese Schlaglichter lassen die Fragen aufkommen: Droht eine Kooperation von Islamisten und Rechtsextremisten? Bildet der Antisemitismus ein einigendes Band? Und weiter: Worin bestehen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen diesen beiden Lagern?

Ideologische Gemeinsamkeiten und Unterschiede



Gemeinsamkeiten im ideologischen Bereich bestehen zunächst einmal in der Ablehnung der Normen und Spielregeln der offenen Gesellschaft und des demokratischen Verfassungsstaates. Beiden politischen Bestrebungen schwebt als Ideal ein autoritärer oder totalitärer Staat vor, in dem das Individuum mit seinen Grundrechten dem homogenen politischen Kollektiv untergeordnet werden soll. Hinzu kommen identische Feindbilder wie insbesondere Israel und die USA, die pauschal für den Nahost-Konflikt und die Weltprobleme verantwortlich gemacht werden. Ein in beiden Bestrebungen ausgeprägter Antisemitismus und Antizionismus geht mit der direkten oder indirekten Akzeptanz von Sterotypen wie der "jüdischen Weltverschwörung" einher. Und schließlich findet man im islamistischen wie rechtsextremistischen Lager Auffassungen im Sinne einer Leugnung oder Relativierung des Massenmords an den Juden im Zweiten Weltkrieg. Es handelt sich insgesamt also ausschließlich um negative Gemeinsamkeiten.

Sie basieren auf gegensätzlichen Ideologien: Der diktatorische Staat der Islamisten soll auf der besonderen Interpretation des Islams, der der Rechtsextremisten auf einer ethnischen Homogenität gründen. Für die erstgenannten Bestrebungen spielen nationale oder rassische Zugehörigkeiten keine Rolle. Ihnen geht es nur um die Akzeptanz der besonderen Interpretation des angeblich richtigen Glaubens. Für die Rechtsextremisten ist die ethnische Zugehörigkeit als Deutscher oder Weißer von herausragender Bedeutung, was aufgrund der anderen Abstammung der meisten Islamisten notwendigerweise mit deren Abwertung verbunden ist. Insofern lassen sich zwar ideologische Gemeinsamkeiten hinsichtlich formaler Merkmale und zahlreicher Feindbilder ausmachen. Daraus ergibt sich aber nicht zwangsweise eine positive inhaltliche Übereinstimmung, die auch längerfristig gesehen zu einer politischen Kooperation im Sinne eines gemeinsamen extremistischen Blocks führen muss.

Historisches Beispiel einer Kooperation von Islamisten und Rechtsextremisten



Diese Tatsache schließt allerdings zeitweilige Kooperationen nicht aus, wofür folgende historischen Beispiele stehen: Bereits vor der Machtübertragung an die Nationalsozialisten näherten sich bedeutende islamistische und nationalistische Strömungen von arabischer Seite dem deutschen Nationalsozialismus. Nach einer taktisch bedingten zeitweiligen Zurückhaltung von deutscher Seite entwickelte sich daraus eine engere Kooperation auf Basis gemeinsamer Feindbilder. Sie wurden insbesondere in den Briten als Kolonial- bzw. Konkurrenzmacht und den Juden als Einwanderer bzw. Gegenbild gesehen. Die als "Mutterorganisation" des heutigen Islamismus geltende "Muslimbruderschaft" führte etwa 1938 gewalttätige Proteste mit Parolen wie "Nieder mit den Juden" oder "Juden raus aus Ägypten" durch. Im gleichen Jahr verteilte man auf einer "Islamischen Parlamentarierkonferenz für Palästina" arabische Übersetzungen von "Mein Kampf" und der "Protokolle der Weisen von Zion".

Insbesondere der Mufti von Jerusalem, Muhammad Amin el-Husseini, spielte ab 1937 eine wichtige Rolle als Kooperationspartner der Nationalsozialisten. Im November 1941 empfing ihn sogar Hitler persönlich in Berlin. Obwohl dabei bezogen auf die "kompromisslose Bekämpfung der Juden" Übereinstimmung bekundet wurde, gab Hitler keine Versprechen hinsichtlich der arabischen Angelegenheiten ab. Trotz dieser Enttäuschung stellte sich der Mufti weiterhin in den propagandistischen Dienst der Nationalsozialisten und warb etwa für das Eintreten in die Waffen-SS. Darüber hinaus versuchte er immer wieder die jüdische Auswanderung aus Europa zu verhindern, womit zumindest ein indirekter Beitrag zur Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten geleistet wurde. Der Mufti floh erst im Mai 1945 aus dem zerfallenden nationalsozialistischen Deutschland. Später engagierte er sich für die Aufnahme von ehemaligen SS-Angehörigen in Ägypten, wo sie ihre antisemitische Propaganda unter anderen Vorzeichen fortsetzten.



 

Dossier

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Als er 1945 endete, lag Europa in Trümmern. Über 55 Millionen Menschen waren tot. Wie konnte es soweit kommen? Und wie sollte es weitergehen mit einem Land, das den größten Zivilisationsbruch der Geschichte begangen hatte? Weiter... 

Publikationen zum Thema

Coverbild Antisemitismus

Antisemitismus

Antisemitische Ressentiments finden sich im Islamismus, sind verankert im Rechtsextremismus und brec...

Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus

Gedenkstätten für die Opfer des National-
sozialismus

Die beiden Bände zu den Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus liegen nun auch als P...

Nationalsozialismus

National-
sozialismus

Wie wurden aus "ganz normalen Männern" Massenmörder? Was konnten, was wollten die Deutschen über ...

Coverbild Antisemitismus

Antisemitismus

Die antisemitische Anklageschrift ist lang: "Die" Juden seien schuld an Armut und Krisen; sie kont...

WeiterZurück

Zum Shop

Jerusalem mit Klagemauer und Tempelberg, vom dem aus die goldene Kuppel der Al-Aqsa-Moschee in den Himmel ragt.Israel

Israel

Die Entwicklung Israels ist eine Erfolgsgeschichte: Seit seiner Gründung hat es Menschen aus über 120 Ländern in einen jüdisch-demokratischen Staat integriert. Aus einem landwirtschaftlich geprägten Land ist eine Hightech-Nation geworden. Weiter...