Ahmadinedschad auf der Konferenz "The World without Zionism".

Wie erkennt man Antisemitismus?


24.11.2006
Von rechts nach links, von christlich nach islamistisch: Der Antisemitismus ist gewandert. Das breite Spektrum antisemitischer Vorurteile wird jedoch oft nicht erkannt.

Al-Quds-Tag am 21.10.2006 in Berlin.Al-Quds-Tag am 21.10.2006 in Berlin. (© Ralf Fischer/Agentur Ahron)

Judenfeindschaft – nicht nur eine Form des Rassismus



Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Dieter Graumann, sagte in seiner Rede am 9. November 2006 in der Paulskirche in Frankfurt anlässlich des Gedenktages an den Novemberpogrom 1938:

"Der Wind des Antisemitismus mag mittlerweile aus verschiedenen Richtungen wehen. Aber immer verbreitet er dabei den üblen Geruch von abgrundtiefer Menschenfeindlichkeit. Der Judenhass ist eine stabile, permanente Pest. Stabil, und doch wieder ein Stück mobil. Er befindet sich sozusagen auf einer Reise, er ist durchaus auch unterwegs. Und, knapp zusammengefasst, kann man die Reise zumindest zum Teil so beschreiben: Von rechts nach links und von christlich zu islamistisch."

Graumanns Einschätzung beschreibt die Realität anschaulich, aber diese "Reise" durch alle politischen und gesellschaftlichen Kreise wird häufig nicht als solche wahrgenommen und das breite Spektrum antisemitischer Vorurteile nicht in seiner Gänze erkannt.

Antisemitische Vorurteile zu erkennen und zu benennen, unterliegt zwei Hindernissen: Erstens, es ist unbequem. Dass Judenfeindschaft immer noch und auch in neuen Ausprägungen virulent ist, ist eine Einsicht, die mit man lieber nicht gewinnen möchte. Dass sie auch in eigenen Kreisen, in der Familie, unter Kollegen, in den Schulen und Universitäten, etc. verbreitet ist, führt häufig dazu, dass judenfeindliche Äußerungen und Einstellungen geleugnet und verharmlost werden. Zweitens wird Antisemitismus gemeinhin nur hinterfragt, wenn er sich rassistischer oder religiöser Vorurteilsstrukturen bedient. Abgesehen davon, dass das Konstrukt der "Rasse" wissenschaftlich längst überholt ist, sind rassistische Formen des Antisemitismus heute allenfalls noch im rechtsextremen Spektrum virulent und religiöse Formen der Judenfeindschaft begrenzen sich in der Regel auf sektiererische Kreise, wobei durchaus in Anlehnung an christliche Vorurteile, Juden/Israelis als Kindermörder nach dem Vorbild des bethlehemitischen Kindermords oder der Ritualmordlegenden imaginiert werden.

Um antisemitische Einstellungen erkennen zu können, gilt es, die selektive Wahrnehmung des Antisemitismus als Bestandteil des Rassismus zu überwinden. Versteht man Judenfeindschaft nur als eine Form von Rassismus verkennt man die Formen des antijüdischen Vorurteils, die heute in vielen europäischen Gesellschaften aktuell sind und häufig aufgrund ihrer subtilen Gestalt nicht als solche wahrgenommen werden. Deshalb stehen wir heute oft vor dem Dilemma, dass anti-rassistische Gruppen, die aktive Arbeit gegen Rechtsextremismus und dem ihm immanenten Antisemitismus leisten, eigene antisemitische/antizionistische Vorurteilsstrukturen nicht erkennen.

Antijüdische Vorurteile



Auf die rassistische Komponente, die Juden eine besondere Physiognomie nach biologistischen Rassenkonzepten zuschreibt, soll hier nicht weiter eingegangen werden, sie ist Gegenstand der Auseinandersetzung mit der Rassenideologie des Nationalsozialismus und der bildungspolitischen Konzepte gegen Rechtsextremismus. Werden sie virulent, dann sind sie leicht zu durchschauen und als Antisemitismus zu qualifizieren. Hier gilt es vor allem die heute oft subtilen Formen des Antisemitismus anzusprechen, um sie ins Bewusstsein zu rücken und für Gegenstrategien fassbar zu machen, aber auch die klassischen Motive einer vermeintlich jüdischen Weltverschwörung und des "sekundären Antisemitismus", also einer Entschuldungsstrategie gegen die Auseinandersetzung mit dem Holocaust, ins Gedächtnis zu rufen.

Behauptet jemand, während der Anschläge des 11. September 2001 wären die im World Trade Center arbeitenden Juden (wobei keiner die religiöse Zugehörigkeit je festgestellt hat) aufgrund einer Warnung durch den israelischen oder amerikanischen Geheimdienst nicht erschienen, dann bedient er eindeutig die antisemitische Legende einer jüdischen Weltverschwörung. Auch die abstruse Theorie, Juden seien aufgrund von ABC-Waffen-Tests im Pazifik für den Tsunami 2004 verantwortlich, ist so lächerlich, dass sie leicht zu entlarven ist. Dies gilt ebenso für das Gerücht, Monika Lewinsky sei als Jüdin seinerzeit auf den damaligen amerikanischen Präsidenten Bill Clinton angesetzt gewesen, um ihn für vermeintlich jüdische Zwecke zu gewinnen.

Schwieriger zu erkennen sind solche Verschwörungstheorien, die Juden Macht und Einfluss in der Finanz- oder Medienwelt zuschreiben, weil sie oft unterschwellig transportiert werden, wenn von der globalisierten Finanzwelt, von der Macht des Kapitals oder von kapitalistischen "Heuschreckenplagen" die Rede ist. Nicht immer sind sich die Vordenker solcher Zuschreibungen möglicher antisemitischer Konnotationen bewusst oder setzen sie gezielt ein, aber häufig nehmen sie im weiteren Diskurs solche Wendungen. Wenn die jüdische Herkunft eines Finanzmagnaten in der Presse Erwähnung findet, wird auch ohne explizite Nennung für den Leser mittransportiert, dass sein Reichtum auf einer geheimnisumwitterten jüdischen Weltmacht basiere. Welche Rolle spielt es, dass Haim Saban, der 2003 Anteile der Privatsender der KirchMedia-Gruppe (PRO7/Sat1) erworben hat, Jude ist. Wäre er Katholik oder Protestant, hätte seine Religion nie Erwähnung gefunden. Mit der bloßen Nennung seiner jüdischen Herkunft wird absichtlich oder auch nur aufgrund tradierter antisemitischer latenter Vorurteile intendiert, sein Reichtum basiere auf unlauteren Mitteln und sei eine logische Konsequenz seines Jüdischseins.

Extreme Positionen solcher Zuschreibungen bedienen sich heute mehr denn je des über hundert Jahre alten antisemitischen Machwerks "Die Protokolle der Weisen von Zion", deren Präsenz im Internet von Seiten mancher Ufologen, über esoterische Webseiten bis hin zu globalisierungskritischen, islamistischen und rechtsextremen Internetplattformen reichen. Fernsehserien und Spielfilme aus der arabischen Welt, die diese fiktiven geheimen 24 Rabbinersitzungen zum Zwecke der Erringung einer jüdischen Weltmacht als wahr darstellen, beeinflussen über Satellitenfernsehen mit den Mitteln der Unterhaltungsindustrie die in Europa lebenden Muslime. Vor dem Hintergrund der Radikalisierung des Nahostkonflikts werden solche antisemitischen Weltverschwörungstheorien genutzt, um Israel als jüdisches Kollektiv zu diskreditieren und zu dämonisieren.

Israelkritik



Aber antisemitische Israelkritik (Antizionismus) muss nicht immer derartige verschwörungstheoretische Hintergründe haben. Sie kann auch in viel subtileren Formen auftreten, etwa, wenn in einer Diskussion über den Konflikt die völlig legitime Kritik an der israelischen Regierung oder dem israelischen Militär kippt und die in Deutschland lebenden Juden mit Eskalationen in Gaza oder im Libanon in Verbindung gebracht werden. Latent antisemitische Vorurteile werden auch dann virulent, wenn das Vorgehen des israelischen Militärs oder die israelische Regierung mit dem nationalsozialistischen Genozid an den Juden verglichen werden und z.B. der israelische Ministerpräsident mit Hitler – ob auf Plakaten oder verbal - gleichgesetzt wird. Wenn also behauptet wird, Israel verhalte sich gegenüber den Palästinensern wie das NS-Regime gegen die Juden.

In Karikaturen findet man diese Art von Vergleichen, wenn etwa ein SS-Angehöriger mit einem durch den Judenstern gekennzeichneten Kind einem israelischen Militär mit einem palästinensischen Kind, erkennbar durch die Kufiya, gegenübergestellt wird oder das stilisierte Eingangstor des Vernichtungslagers Auschwitz anstatt "Arbeit macht frei" mit "Herzlich willkommen in Palästina" überschrieben ist. Solche Vergleiche dienen nicht selten im Sinne einer Täter-Opfer-Umkehr der Verdrängung und Distanzierung einer Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Indem die einstigen Opfer – so jedenfalls häufig die Rezeption der israelischen Gesellschaft bzw. des Existenzrechts des Staates Israel – zu vermeintlichen Tätern gestempelt werden, lassen sich Schuld- und Schamgefühle als Last aus der Vergangenheit leicht verdrängen. Dazu dienen häufig auch Zuschreibungen aus der NS-Terminologie wie Israel würde einen "Vernichtungskrieg" führen, die Titulierung palästinensischer Flüchtlingslager als Konzentrationslager, die Bezeichnung der Israelis als "Herrenrasse", die Pogrome und Deportationen verübe bis hin zu Stereotypisierungen der israelischen Politik als Genozid an den Palästinensern oder die Führung eines "totalen Krieges".

Solche Vergleiche sind ein willkommener Mechanismus, in der Öffentlichkeit tabuisierte antisemitische Vorurteile zu äußern und sich auf den Satz "man wird doch wohl noch kritisieren dürfen" zurückzuziehen. Wobei es nicht relevant ist, ob jemand tatsächlich Antisemit ist, sondern ob er antisemitische Stereotype bedient, die als willkommen aufgenommen werden und denjenigen, der sich solcher Konstrukte bedient als mutig bezeichnen, weil er endlich wagt, etwas "gegen Juden" zu sagen.

"Du Jude" - ein Schimpfwort an deutschen Schulen



Das in letzter Zeit immer häufiger auftretende Schimpfwort "Jude" auf Schulhöfen oder der an die Tafel geschriebene Name des iranischen Präsidenten "Ahmadinedschad", der als Code für dessen Holocaust leugnende, das Existenzrecht Israels negierende Tiraden steht, muss noch nicht bedeuten, dass Kinder und Jugendliche ein geschlossenes antisemitisches Weltbild haben. Oft ist es auch nur Provokation, die allerdings thematisiert, hinterfragt und aufgearbeitet werden muss. Denn ein darüber Hinwegsehen lässt solche Stereotypisierungen zum Bestandteil der Alltagskultur werden, die unwidersprochen zu solchen Auswüchsen führen kann, wie wir sie in Fussballregional- und Bezirksligen heute ständig erleben. Nicht nur Schiedsrichter werden als "Jude" beschimpf, sondern Transparente mit antisemitischen Hassparolen ungehindert gezeigt.

Während des Kreisligaspiels VSG Altglienicke II gegen TuS Makkabi Berlin II im September 2006 beschimpften Zuschauer jüdische Fußballspieler und skandierten Parolen wie "Synagogen müssen brennen", "Ausschwitze ist wieder da", "dies ist kein Judenstaat, dies ist keine deutsche Judenrepublik", "vergast die Juden". Wenn ein Schiedsrichter – wie in diesem Fall geschehen – dagegen nicht einschreitet, dann bleiben solche Hasstiraden unwidersprochen stehen und werden als zulässig empfunden. Debatten, die einen Schlussstrich unter die nationalsozialistische Vergangenheit fordern oder in der Aussage münden, man wolle sich nicht ständig mit der Vergangenheit beschäftigen, bedienen sich nicht zwingend antisemitischer Stereotypen. Allerdings fallen sie dann in die Kategorie des "sekundären Antisemitismus", wenn sie Juden dafür verantwortlich machen, dass das Thema immer noch präsent sei. 48% der befragten Deutschen haben in einer Umfrage der Anti-Defamation-League im Mai 2005 der Aussage zugestimmt, dass "Juden immer noch zu viel über das, was ihnen während des Holocaust geschehen sei, reden". Selbst unter Studenten – so eine Umfrage der Universität Essen im Wintersemester 2000/2001 - unterstellen zwischen 16% und 20% der Befragten "den Juden", sie würden versuchen, Vorteile aus der Vergangenheit zu ziehen.

Antisemitischen Mustern entsprechend werden "Juden" ausschließlich als Kollektiv wahrgenommen, Übergriffe und verbale Attacken richten sich gegen das Kollektiv, also gegen den Zentralrat der Juden in Deutschland und dessen Vertreter, gegen Israel, aber auch gegen die Botschaft Israels in Berlin, gegen jüdische Einrichtungen oder gegen "tote Juden" in Form von Schändungen jüdischer Friedhöfe. Allerdings werden in den letzten Jahren vermehrt auch Übergriffe gegen Juden als Individuen registriert und zwar dann, wenn sie durch ihre Kleidung, den Magen David oder die Kippa nach außen sichtbar als Juden auftreten. Dies sind die Auswüchse einer Stimmung, die vor dem Hintergrund des antisemitischen Stereotyps, Juden in Deutschland seien die Vertreter Israels und für deren Politik verantwortlich, immer weiter im öffentlichen Diskurs Fuß fasst. Wenn ein Lebensmittelhändler in Berlin Reinickendorf, bei dem sich die Nachbarschaft häufig zum Kaffeetrinken traf, weil er sich entschied, auch koschere Lebensmittel zu verkaufen und eine israelische Fahne außen am Geschäft anbrachte, nur noch Unverständnis unter dem Motto "Warum muss er auch eine israelische Fahne zeigen" erntet und tätliche Übergriffe auf seinen Laden erlebt, dann ist dies ein Indiz dafür, dass sich die Stimmung gegen Juden verschärft hat.

Antisemitische Konstrukte funktionieren auch ohne eine tatsächliche Präsenz von Juden, eben weil sie sich gegen das Kollektiv richten. Die Entwicklung der letzten Jahre legt den Schluss nahe, dass es heute legitim, manchmal sogar en vogue erscheint, eine anti-israelische Haltung einzunehmen. Damit schleichen sich antisemitische Denkstrukturen mehr und mehr in den öffentlichen und privaten Diskurs ein und werden von Gesellschaft, Politik und Presse seltener thematisiert und kritisiert. Auf diese Weise steigt die Akzeptanz antisemitischer Stereotype nahezu unbemerkt an. Um solchen Strömungen entgegenzuwirken, müssen antisemitische Stereotype deutlich benannt werden, gleich aus welcher politischen oder gesellschaftlichen Richtung sie stammen.



 

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