Wie erkennt man Antisemitismus?
Von rechts nach links, von christlich nach islamistisch: Der Antisemitismus ist gewandert. Das breite Spektrum antisemitischer Vorurteile wird jedoch oft nicht erkannt.Judenfeindschaft – nicht nur eine Form des Rassismus
Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Dieter Graumann, sagte in seiner Rede am 9. November 2006 in der Paulskirche in Frankfurt anlässlich des Gedenktages an den Novemberpogrom 1938:
"Der Wind des Antisemitismus mag mittlerweile aus verschiedenen Richtungen wehen. Aber immer verbreitet er dabei den üblen Geruch von abgrundtiefer Menschenfeindlichkeit. Der Judenhass ist eine stabile, permanente Pest. Stabil, und doch wieder ein Stück mobil. Er befindet sich sozusagen auf einer Reise, er ist durchaus auch unterwegs. Und, knapp zusammengefasst, kann man die Reise zumindest zum Teil so beschreiben: Von rechts nach links und von christlich zu islamistisch."Graumanns Einschätzung beschreibt die Realität anschaulich, aber diese "Reise" durch alle politischen und gesellschaftlichen Kreise wird häufig nicht als solche wahrgenommen und das breite Spektrum antisemitischer Vorurteile nicht in seiner Gänze erkannt.
Antisemitische Vorurteile zu erkennen und zu benennen, unterliegt zwei Hindernissen: Erstens, es ist unbequem. Dass Judenfeindschaft immer noch und auch in neuen Ausprägungen virulent ist, ist eine Einsicht, die mit man lieber nicht gewinnen möchte. Dass sie auch in eigenen Kreisen, in der Familie, unter Kollegen, in den Schulen und Universitäten, etc. verbreitet ist, führt häufig dazu, dass judenfeindliche Äußerungen und Einstellungen geleugnet und verharmlost werden. Zweitens wird Antisemitismus gemeinhin nur hinterfragt, wenn er sich rassistischer oder religiöser Vorurteilsstrukturen bedient. Abgesehen davon, dass das Konstrukt der "Rasse" wissenschaftlich längst überholt ist, sind rassistische Formen des Antisemitismus heute allenfalls noch im rechtsextremen Spektrum virulent und religiöse Formen der Judenfeindschaft begrenzen sich in der Regel auf sektiererische Kreise, wobei durchaus in Anlehnung an christliche Vorurteile, Juden/Israelis als Kindermörder nach dem Vorbild des bethlehemitischen Kindermords oder der Ritualmordlegenden imaginiert werden.
Um antisemitische Einstellungen erkennen zu können, gilt es, die selektive Wahrnehmung des Antisemitismus als Bestandteil des Rassismus zu überwinden. Versteht man Judenfeindschaft nur als eine Form von Rassismus verkennt man die Formen des antijüdischen Vorurteils, die heute in vielen europäischen Gesellschaften aktuell sind und häufig aufgrund ihrer subtilen Gestalt nicht als solche wahrgenommen werden. Deshalb stehen wir heute oft vor dem Dilemma, dass anti-rassistische Gruppen, die aktive Arbeit gegen Rechtsextremismus und dem ihm immanenten Antisemitismus leisten, eigene antisemitische/antizionistische Vorurteilsstrukturen nicht erkennen.
Antijüdische Vorurteile
Auf die rassistische Komponente, die Juden eine besondere Physiognomie nach biologistischen Rassenkonzepten zuschreibt, soll hier nicht weiter eingegangen werden, sie ist Gegenstand der Auseinandersetzung mit der Rassenideologie des Nationalsozialismus und der bildungspolitischen Konzepte gegen Rechtsextremismus. Werden sie virulent, dann sind sie leicht zu durchschauen und als Antisemitismus zu qualifizieren. Hier gilt es vor allem die heute oft subtilen Formen des Antisemitismus anzusprechen, um sie ins Bewusstsein zu rücken und für Gegenstrategien fassbar zu machen, aber auch die klassischen Motive einer vermeintlich jüdischen Weltverschwörung und des "sekundären Antisemitismus", also einer Entschuldungsstrategie gegen die Auseinandersetzung mit dem Holocaust, ins Gedächtnis zu rufen.
Behauptet jemand, während der Anschläge des 11. September 2001 wären die im World Trade Center arbeitenden Juden (wobei keiner die religiöse Zugehörigkeit je festgestellt hat) aufgrund einer Warnung durch den israelischen oder amerikanischen Geheimdienst nicht erschienen, dann bedient er eindeutig die antisemitische Legende einer jüdischen Weltverschwörung. Auch die abstruse Theorie, Juden seien aufgrund von ABC-Waffen-Tests im Pazifik für den Tsunami 2004 verantwortlich, ist so lächerlich, dass sie leicht zu entlarven ist. Dies gilt ebenso für das Gerücht, Monika Lewinsky sei als Jüdin seinerzeit auf den damaligen amerikanischen Präsidenten Bill Clinton angesetzt gewesen, um ihn für vermeintlich jüdische Zwecke zu gewinnen.
Schwieriger zu erkennen sind solche Verschwörungstheorien, die Juden Macht und Einfluss in der Finanz- oder Medienwelt zuschreiben, weil sie oft unterschwellig transportiert werden, wenn von der globalisierten Finanzwelt, von der Macht des Kapitals oder von kapitalistischen "Heuschreckenplagen" die Rede ist. Nicht immer sind sich die Vordenker solcher Zuschreibungen möglicher antisemitischer Konnotationen bewusst oder setzen sie gezielt ein, aber häufig nehmen sie im weiteren Diskurs solche Wendungen. Wenn die jüdische Herkunft eines Finanzmagnaten in der Presse Erwähnung findet, wird auch ohne explizite Nennung für den Leser mittransportiert, dass sein Reichtum auf einer geheimnisumwitterten jüdischen Weltmacht basiere. Welche Rolle spielt es, dass Haim Saban, der 2003 Anteile der Privatsender der KirchMedia-Gruppe (PRO7/Sat1) erworben hat, Jude ist. Wäre er Katholik oder Protestant, hätte seine Religion nie Erwähnung gefunden. Mit der bloßen Nennung seiner jüdischen Herkunft wird absichtlich oder auch nur aufgrund tradierter antisemitischer latenter Vorurteile intendiert, sein Reichtum basiere auf unlauteren Mitteln und sei eine logische Konsequenz seines Jüdischseins.
Extreme Positionen solcher Zuschreibungen bedienen sich heute mehr denn je des über hundert Jahre alten antisemitischen Machwerks "Die Protokolle der Weisen von Zion", deren Präsenz im Internet von Seiten mancher Ufologen, über esoterische Webseiten bis hin zu globalisierungskritischen, islamistischen und rechtsextremen Internetplattformen reichen. Fernsehserien und Spielfilme aus der arabischen Welt, die diese fiktiven geheimen 24 Rabbinersitzungen zum Zwecke der Erringung einer jüdischen Weltmacht als wahr darstellen, beeinflussen über Satellitenfernsehen mit den Mitteln der Unterhaltungsindustrie die in Europa lebenden Muslime. Vor dem Hintergrund der Radikalisierung des Nahostkonflikts werden solche antisemitischen Weltverschwörungstheorien genutzt, um Israel als jüdisches Kollektiv zu diskreditieren und zu dämonisieren.
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