Ahmadinedschad auf der Konferenz "The World without Zionism".

Polemik: Israel muss weg!


15.4.2008
Heißt es Baader-Meinhof-Gruppe oder -Bande? Ist ein Schießbefehl gleichzeitig auch ein Tötungsbefehl? Und ist Ahmadinedschad falsch verstanden worden, da er ja nur meinte, Israel solle von den Seiten der Geschichte verschwinden - nicht aber von der Landkarte? Henryk M. Broder mit einer Polemik.

Henryk M. BroderHenryk M. Broder Lizenz: GNU FDL, 1.2 (© Sven Teschke)
Die Älteren unter uns erinnern sich noch an die Debatten in den 60er und 70er Jahren, als darüber gestritten wurde, ob man Baader-Meinhof-Bande oder Baader-Meinhof-Gruppe sagen sollte. Es war mehr als eine semantische Differenz. Wer "Bande" sagte, gab sich als Anhänger des Polizeistaats zu erkennen, in dem Wort "Gruppe" kam ein gewisses Verständnis für die Aktionen der Baader-Meinhof-Was-auch-immer zum Ausdruck. An dem einen Wort schieden sich die Geister. Nur den Opfern der RAF war es egal, ob sie von einer Bande oder einer Gruppe umgebracht wurden.

Eine ähnliche Diskussion spielte sich nach dem Fall der Mauer ab. Hat es in der DDR einen Schießbefehl gegeben oder handelten die so genannten Mauerschützen auf eigene Faust? Egon Krenz, der letzte Partei- und Staatschef der DDR, behauptete immer wieder, es habe in der DDR keinen Schießbefehl gegeben. Jetzt, 19 Jahre nach dem Ende des SED-Staates, hat er es sich anders überlegt. Ja, sagte er vor kurzem auf einer Buchvorstellung im Klubhaus von Hollendorf in Mecklenburg-Vorpommern, "es gab einen Schießbefehl", allerdings, so Krenz, einen "Tötungsbefehl" habe es nicht gegeben.

Diese Unterscheidung ist noch subtiler als die zwischen "Bande" und "Gruppe". Es wurde an der deutsch-deutschen Grenze geschossen, aber nicht mit der Absicht zu töten. Warum dann scharfe Munition verwendet wurde, das wird Egon Krenz, der 1997 wegen Totschlags in vier Fällen zu sechseinhalb Jahren verurteilt wurde, von denen er vier im Offenen Vollzug verbüßen musste, vielleicht bei der nächsten Gelegenheit erklären, zugleich mit der Frage, warum so viele Grenzverletzer bei dem Versuch, den antifaschistischen Schutzwall zu überwinden, tot umgefallen sind – aus Schrecken, weil hinter ihnen in die Luft geballert wurde?

Und jetzt erleben wir die Fortsetzung dieser Debatte im Grenzgebiet von absurd und bizarr. Es geht um eine Äußerung des iranischen Staatspräsidenten. Hat er oder hat er nicht gesagt, dass Israel "von der Landkarte ausradiert" werden muss? Ende Oktober 2005 berichtete die amtliche iranische Agentur ISNA über eine Kundgebung in der iranischen Hauptstadt, die unter dem Motto "The World Without Zionism" stattfand. Hauptredner war der iranische Präsident, der vor 4.ooo Studenten erklärte, Israel "must be wiped off the map", Israel müsse von der Landkarte ausradiert werden. Die Meldung ging um die Welt uns sorgte für empörte Reaktionen von Berlin über Paris bis Washington.

Bald darauf, Anfang Dezember 2005, legte der iranische Präsident nach. Er nannte Israel ein "Krebsgeschwür" und forderte die Verlegung des Landes nach Europa, vorzugsweise nach Deutschland oder Österreich; die beiden Staaten sollten eine oder zwei ihrer Provinzen abgeben, damit dort ein jüdischer Staat entstehen könnte. Die Regierungen in Berlin und Wien wiesen das Ansinnen zurück. Eine Woche später wiederholte der iranische Präsident seinen Vorschlag und erklärte, der "Mythos vom Massaker an den Juden" sei von den westlichen Staaten erfunden worden. Mitte April 2006 machte sich der iranische Staatspräsident wieder öffentlich Gedanken über die Zukunft Israels. Das zionistische Regime, sagte er, sei "auf dem Weg, eliminiert zu werden". In einem Interview mit dem SPIEGEL, das Ende Mai 2006 erschien, erklärte er: "Wenn es den Holocaust gab, muss Israel in Europa liegen und nicht in Palästina."

Von Rede zur Rede, von Interview zu Interview variierte und wiederholte der iranische Präsident immer wieder denselben Gedanken: Israel muss weg. Zum Abschluss der Holocaust-Leugner-Konferenz im Dezember 2006 prophezeite er wieder das baldige Ende des Judenstaates: "Mit Gottes Segen läuft der Countdown für den Zerfall Israels, und dies ist der Wunsch aller Nationen der Welt". Ähnlich äußerte er sich im Juni 2007 und im Oktober 2007, als er die "Befreiung von ganz Palästina" ankündigte. Es waren Sätze, die an Klarheit nicht zu wünschen übrig ließen.

Doch nun wissen wir es besser – er hats nicht so gemeint. Pünktlich zum Besuch der Kanzlerin in Israel erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel, in dem es hieß, die "Vernichtungsphantasien", die dem Iran "unterstellt werden", gingen auf "einen einzigen Satz zurück", den der iranische Präsident zudem nicht gesagt habe. Der Satz, Israel müsse von der Landkarte verschwinden, sei so nicht gefallen, vielmehr habe der iranische Präsident gesagt: "Dieses Besatzerregime muss von den Seiten der Geschichte verschwinden."

Nun wird niemand annehmen, dass Israel sich freiwillig aus der Geschichte verabschieden wird, irgendjemand müsste da schon nachhelfen. Und dass es ihm um "ganz Palästina" geht, das hat der iranische Präsident schon mehrmals unmissverständlich statuiert. Aber für die SZ macht es einen wesentlichen Unterschied, ob Israel von der Landkarte oder aus der Geschichte verschwinden soll.

Es ist der gleiche Unterschied wie zwischen Gruppe und Bande, Schießbefehl und Tötungsbefehl, Mord und Totschlag. Womit wir bei der Frage aller Fragen wären: Hat der Führer den Befehl zur Endlösung der Judenfrage gegeben oder nicht? Öffentlich hat er nur dazu aufgerufen, die Welt von den Juden zu befreien, von Vernichtung war explizit nicht die Rede. So wie der iranische Präsident sich heute nur eine "Welt ohne Zionismus" wünscht.

Links

Artikel in der Süddeutschen Zeitung von Katajun Amirpur:
»Der iranische Schlüsselsatz«

Artikel in der Süddeutschen Zeitung von Mariella Ourghi:
»Agitator des letzten Kampfs«



 

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