Metin Kaplan - Dossierbild Islamismus

21.5.2012 | Von:
Marwan Abou-Taam

Die Salafiyya-Bewegung in Deutschland

Die Salafiyya in Deutschland - Diskurs und Strukturen

Die Prediger der Salafiyya in Deutschland inszenieren stets die eigene Biographie, um zu belegen, dass die salafistische Weltanschauung den richtigen Weg im wahren Glauben darstellt. So beschreibt der ehemalige Rapper Deso Dogg[8] sein Leben als erfolgreicher Rapper in der Zeit vor seiner Konversion als "leer", "ohne Sinn". Ähnlich argumentieren Reda Seyam und Pierre Vogel.[9] Mit der Konversion und vor allem der Entdeckung des "wahren Islam" sei ihr Leben erst lebenswert geworden, sie hätten ihren Frieden und ihr Heil gefunden und wollten diese Erfahrung nun weitergeben.

Im Weiteren ist der salafistische Diskurs in Deutschland von jugendrelevanten Themen geprägt. Insbesondere identitätsrelevante Themen, die junge Menschen mit islamischen Migrationshintergrund betreffen, sind Gegenstand von Predigten und Seminaren. Hier werden der Islam und die religiösen Pflichten der Muslime, die aus der Perspektive der Salafisten oft Gegenstand öffentlicher Kritik sind, verteidigt. Politische Ambitionen der Salafiyya spielen dabei nur am Rande eine Rolle.

Salafistische Gruppierungen verbinden reale Erfahrungen, die Jugendliche mit Diskriminierungen und Islamfeindlichkeit machen, mit diversen internationalen Konflikten wie den Kriegen im Irak und Afghanistan oder dem Nahostkonflikt. Zentral wird die islamische Erweckung als Chance für muslimische, aber auch für am Islam interessierte Jugendliche propagiert. Die Salafiyya identifiziert sich mit den Belangen junger Menschen, die sich gesellschaftlich ausgeschlossen fühlen und gibt ihnen eine Proteststimme.

Ein wichtiger Bestandteil des salafistischen Diskurses bildet das äußere Erscheinungsbild seiner Mitglieder. Die Salafisten wollen sich damit bewusst von den Ungläubigen, aber auch von anderen Muslimen abheben. Während für Frauen die Vollverschleierung vorgesehen ist, tragen die Männer lange Bärte, wobei ihr Oberlippenbart gestutzt wird und lange Kleider, die oberhalb des Knöchels enden. Unter der Formel al wala´wal bara/ Freundschaft und Meidung wird ein Grundsatz gepredigt, wonach es gelte, sich von Nichtsalafisten fernzuhalten und die Nähe zu Salafisten zu suchen. Der freundschaftliche Umgang mit Nicht-Muslimen ist nur dann zulässig, wenn dadurch die entsprechenden Personen zum Islam bekehrt werden sollen. Anderseits sei es die Pflicht eines "wahren Gläubigen", Andersgläubige zu hassen.[10] Dadurch wird der innere Zusammenhalt salafistischer Gruppierungen gestärkt, die ihrerseits wie religiöse Sekten funktionieren.

Die Anhänger der Salafiyya in Deutschland pflegen einen regelrechten Personenkult um wenige Personen, was eigentlich nach salafistischer Deutung unislamisch ist. Diese Personen pflegen untereinander eine flache Hierarchie und unterhalten eine enge Beziehung, die in erster Linie durch sogenannte Islamseminare gepflegt wird. Die Islamseminare wiederum sind die wichtigste salafistische Institution der deutschen Salafiyya-Bewegung, wenn auch nur informell. Sonst lassen sich nur wenige formale Strukturen finden. Die salafistische Szene zeichnet sich durch dynamische Netzwerkbildungen und Personenzusammenschlüsse aus, die auf Prediger-Jünger-Beziehungen basieren. Die prominentesten Träger dieser Netzwerke sind Muhamed Ciftci, Pierre Vogel, Hassan Dabbagh, Reda Seyam, Ibrahim Abou-Nagie und Abu Dujana. Diese nutzen neben den oben genannten Islamseminaren das Internet in allen möglichen Formaten, um ihre Botschaft auszubreiten. Dabei scheint es den Protagonisten besonders wichtig zu sein, die Friedfertigkeit ihrer Mission zu betonen. Jedoch rezipieren sie die Ideen derselben Autoritäten und Vordenker, auf die sich jihadistische Salafisten beziehen. Die angestrebten politischen und gesellschaftlichen Ziele sind gleich. Daher ist es kaum verwunderlich, dass alle Kämpfer, die aus Deutschland in den Jihad gezogen sind, Jünger oder zumindest Besucher der Islamseminare waren.

Anhänger der Salafiyya prangern die "westliche" Lebensart als zutiefst dekadent an und möchten sich vor ihren gesellschaftlichen Einflüssen schützen. Dabei vermitteln die Protagonisten der Salafiyya in Deutschland eine exklusive göttliche Wahrheit. Ihre strikte Einhaltung bietet einen Ausweg aus dieser "verdorbenen" Gesellschaft. Physisch lebt man in Deutschland, mental jedoch wird die eigene erhabene Gemeinschaft der "wahren Gläubigen" zelebriert. Jede Handlung und jede Aussage des salafistischen Diskurses wird entsprechend mit religiösen Formeln ummantelt und als göttlicher Wille propagiert. Gott ist ihr Verbündeter, seine Allmacht rechtfertigt ihre Handlungen, die wiederum die himmlische Vorsehung vom Sieg des Islam greifbar nah machen. Die Salafiyya ist somit die Einladung Gottes ins Paradies. Ein Zustand des vollkommenen Glaubens, in dem Kompromisse nicht denkbar sind. Diese Einladung, so die Vorstellung der Salafisten, ist allen Menschen durch Da´wa/Mission zugänglich zu machen. Die Nichtannahme der Einladung gilt als Aggression gegen Gott. Diese Aggression rechtfertigt in den Augen der Salafisten alle Formen der Abwehr - auch die Militanten.

Fußnoten

8.
Bürgerlicher Name Denis Mamadou Cuspert, ehemaliger "Gangsta-Rapper" (daher heute auch "Ex-Deso Dogg"), der für gewalttätige und sexistische Texte bekannt ist. Ende 2010 gab das Ende seiner Musikkarierre bekannt, da diese nicht länger mit seinen salafistischen Ansichten vereinbar seien. Seit dem ist er als islamischer Prediger unter dem Namen Abou Maleeq aktiv. Insbesondere seine Biographie gilt als Positivbeispiel der Islamisten, da sein Leben zuvor von Gewalt, Drogen und Gefängnisaufenthalten geprägt war.
9.
Auf seiner Homepage www.pierrevogel.de wendet sich Vogel mit einem Themenreiter gezielt an Nichtmuslime, denen er in mehreren Videobotschaften genau von diesen Erfahrungen berichtet und ihnen den Glauben insbesondere durch Aufzeigen der aktuellen schlechten Lebensweisen ohne den islamischen Glauben näher bringen will, vgl. www.pierrevogel.co/index.php?option=com_hwdvideoshare&task=viewcategory&Itemid=63&cat_id=24.
10.
Der in Deutschland von vielen Salafisten gelesene Salih ibn Fawzan ibn 'Abdullah al-Fawzan ist Mitglied des saudischen Komitees für Rechtfragen vertritt diese Position, die im salafistischen Diskurs große Akzeptanz findet.
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JAN
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