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Metin Kaplan - Dossierbild Islamismus
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Islamismus im 19. und 20. Jahrhundert

Salafiya-Bewegung


5.7.2007
Die Salafiya-Bewegung gilt als ein Vorläufer der Muslimbruderschaft. Beide Bewegungen übten im 20. Jahrhundert großen Einfluss auf die Entwicklung unterschiedlichster islamistischer Ideologien aus. Darunter sind auch zahlreiche militante Gruppen.

Eine weibliche Unterstützerin der Muslimbruderschaft bei den Parlamentswahlen in Ägypten im November 2005.Eine weibliche Unterstützerin der Muslimbruderschaft bei den Parlamentswahlen in Ägypten im November 2005. (© AP)

Anfang des Jahres 2003 wurden knapp drei Dutzend Touristen in der algerischen Sahara entführt. Offizielle Stellen beschuldigten die so genannte Groupe Salafiste pour la prédication et le combat (GSPC bzw. Salafistische Gruppe für Predigt und Kampf) diese Monate andauernde Entführung inszeniert zu haben. Im Mai des gleichen Jahres verübten Selbstmordattentäter Anschläge in Casablanca. Die marokkanischen Behörden machten für die Anschlagsserie eine Gruppe namens Salafiya Jihadiya (Für den Heiligen Krieg kämpfende Salafisten) verantwortlich. Nach der Machtübernahme der Hamas im Gazastreifen im Jahre 2007 spricht die militant islamistische Bewegung der Jihadiya Salafiya Drohungen gegen Andersgläubige aus. Nach einer islamistisch motivierten Anschlagsserie in Algerien im April 2007 tritt die Gruppe der Beschützer des salafistischen Aufrufs (Jihadiya SalafiyaHumat ad-Dacwa as-Salafiya) an die Öffentlichkeit, um sich von diesen Attentaten sowie von den Machenschaften von al-Qaida und GSPC in Algerien zu distanzieren. So wenig diese militant-islamistischen Gruppen in ihren Methoden und häufig auch in ihrer Weltsicht gemeinsam haben, alle tragen den Begriff Salafiya in ihren Namen.

Die islamische Reformbewegung Salafiya



Selbst wenn sich die Anhänger der in Saudi-Arabien staatstragenden religiösen Ideologie des Wahhabismus gelegentlich als Gefolgsleute der rechtschaffenden Altvorderen (as-Salafiyun) bezeichnen, populär wurde der Begriff Salafiya im ausgehenden 19. Jahrhundert als Bezeichnung für eine islamische Reformbewegung von weitreichender Wirkung. Gemeinhin wird Paris als Geburtsort für die Salafiya Bewegung angenommen. Djamal ad-Din al-Afghani (1837/8-1897), rastloser Agitator gegen den europäischen Kolonialismus und für die Sache des Panislamismus, sowie Muhammad Abduh (1849-1905), ägyptischer Intellektueller, Exilant und späterer oberster Mufti von Ägypten, gründeten in der französischen Hauptstadt 1884 als Sprachrohr ihrer Ideen zur Reform des Islam die Zeitschrift al-Urwa al-Wuthqa (Das feste Band). Sie war zwar recht kurzlebig, doch waren in ihr bereits die Eckpunkte der Ideologie der Salafiya-Bewegung skizziert.

Das zentrale Leitthema aller islamischen Reformbemühungen konzentriert sich seither auf die Frage, weshalb die Muslime im Vergleich zum Westen so schwach und rückständig sind. Durch ein Abweichen vom wahren Islam sei diese Misere hervorgerufen worden, so die Antwort. Erst eine Rückbesinnung auf die Zeit der rechtschaffenden Altvorderen (as-Salaf as-Salih) – daher der Name Salafiya – würde die Muslime auf den rechten Weg zurückführen und die muslimische Gemeinschaft würde somit wieder den ihr zustehenden Platz in der Weltgeschichte einnehmen. Wer jedoch in diese Gruppe der rechtschaffenden Altvorderen, abgesehen vom Propheten und seinen unmittelbaren Genossen, fällt, ist umstritten. Erstreckte sich für Muhammad Abduh dieser Personenkreis noch auf die großen islamischen Rechtsgelehrten und Gründer der unterschiedlichen Rechtsschulen im 3. oder 4. Jahrhundert nach islamischer Zeitrechnung, schränkte sein Schüler Raschid Rida (1865-1935) den Kreis der Altvorderen bereits deutlich ein.

Allerdings forderten weder Abduh noch Rida eine originalgetreue Neuauflage der frühislamischen Gemeinschaft in der Gegenwart, sondern die Altvorderen dienten vielmehr als Inspiration zur Lösung zeitgenössischer Probleme sowie zur Erzielung von Fortschritt und sozialer Erneuerung unter Wahrung einer spezifisch muslimischen Identität. Die grundlegenden Quellen des Islam, der Koran und die Überlieferungen des Propheten, die Sunna, sollen rational und im Lichte der zeitgenössischen Erfordernisse neu interpretiert werden. Als Modernisten war ihr Blick nicht rückwärtsgewandt, sondern in die Zukunft gerichtet. Ihre Ziele versuchten die Gründer der Salafiya-Bewegung durch eine Reform des Bildungswesens, meist gegen den Willen des religiösen Establishments und im Kontext des kolonialen Staates, zu erreichen. Untrennbar mit einer muslimischen Identität verbunden ist die Betonung des islamischen Rechts, der Scharia, das die oberste Richtschnur für islamisch korrektes Handeln für den einzelnen Muslim ist. Gleichzeitig werden bestimmte Praktiken des Sufismus, der mystisch inspirierten Spielart des Islam, als unislamische Neuerungen verworfen.

Zahlreiche persönliche Kontakte, aber vor allem die ab 1898 über vier Jahrzehnte erscheinende Zeitschrift al-Manar (Der Leuchtturm) verbreiteten die Ideen der Salafiya-Bewegung in der gesamten muslimischen Welt, die großen Einfluss auf die sich im Laufe der 1930er Jahre entstandenen, gegen die europäischen Kolonialmächte gerichteten nationalistischen Bewegungen hatten. Seit den 1970er Jahren gingen die ursprünglich modernistischen Ansätze der Salafiya Bewegung weitgehend verloren, zu sehr wird die Salafiya seither mit dem Wahhabismus der saudischen Herrscher identifiziert.




 

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