Metin Kaplan - Dossierbild Islamismus

1.8.2011 | Von:
Reinhard Möller

Endzeitvisionen als Quelle islamistischer Gewalt?

Eschatologische Vorstellungen und Erwartungen im Islamismus

Seit den 1970er Jahren sind im Islam Strömungen und Bewegungen hervorgetreten, die man als neo-fundamentalistisch oder korrekter als islamistisch bezeichnen kann. Islamistische Bewegungen wollten von Anfang an die Ideologien des arabischen Nationalismus und Sozialismus, deren Verheißungen unerfüllt blieben, ablösen und zur Religion als alleiniger Richtschnur im Leben der Menschen und Völker zurückkehren. Für die Mehrzahl der Islamisten ist der Islam Religion und Staat (din wa daula) zugleich, ein vollkommenes System, das alle Bereiche des menschlichen und gesellschaftlichen Lebens bestmöglich regeln kann. Radikale Ideologen in ihren Reihen erklären die von Mohammed einige Jahre geleitete muslimische Urgemeinde in Medina als vorbildlich, sind jedoch der Ansicht, dass die Herrschaft Gottes in der Zeit des Propheten nicht endgültig vollendet worden sei, sondern noch verwirklicht werden müsse – ein letztendlich "revolutionärer Traum zur Erlösung der Zukunft" (Büttner, 205).

Die Gegenbilder zur insgesamt unheilvoll wahrgenommenen Gegenwart entnehmen die genannten Ideologen unter anderem den eschatologisch-apokalyptischen Traditionen des Islam. Ihr "doppelgerichtetes Geschichtsverständnis" (Büttner, 206), also Rückbezug zur muslimischen Urgemeinde und gleichzeitig starke Ausrichtung auf die erwartete Endzeit, kann unter bestimmten Bedingungen zu Gewaltausbrüchen und Terror führen. Die Vorbereitung des künftigen idealen Reiches des Friedens und der Gerechtigkeit ist für die Radikalen durch den Jihad und in vielen Fällen den bewaffneten "heiligen Krieg" zu realisieren – ein Konzept, das natürlich engstens mit der eschatologischen Thematik verknüpft ist. Heinz Halm schreibt in Ergänzung dazu: "[...] jeder Befreiungskampf, jedes Kommandounternehmen, jeder Selbstmordanschlag oder revolutionäre Umsturzversuch lässt sich leicht mit dem Etikett ‚jihad´ versehen und so mit einer religiösen Legitimation ausstatten." (Halm, 88) Nicht selten wird der Kampf gegen äußere und innere Feinde durch religiöse Deutungen universalisiert und auf eine mythische Ebene übertragen. Es ist dann die Rede von einer mythisch-kosmischen Konfrontation zwischen Gut und Böse, göttlichen und satanischen Mächten bzw. deren Agenten.

Eschatologie und extreme Militanz

Nachfolgend Belege für Zusammenhänge zwischen eschatologisch-apokalyptischen Anschauungen und islamistischer Gewalt anhand dreier Fallbeispiele:

a) Ayatollah Khomeini und die iranische Revolution

Schon Anfang der 1960er Jahre geißelte der Ayatollah (gest. 1989) die autoritäre, prowestliche Politik des Schahs Reza Pahlevi und forderte die Abschaffung der iranischen Monarchie, was einem Bruch mit der traditionellen zwölferschiitischen Lehre gleichkam. Zeichnete sich die Schia doch überwiegend durch politischen Quietismus (Quietismus = religiös begründete Zurückhaltung) und eine prämillenarische Imamatslehre aus. Danach werde das ersehnte Millennium, das tausendjährige Reich des Friedens und der Gerechtigkeit, durch den wiederkehrenden, aber noch verborgenen Imam Mahdi, nicht jedoch von Menschenhand herbeigeführt.

Khomeini vertrat also eine aktivistische Variante der Lehre und steuerte vom Exil aus die zum Teil gewaltsamen Entwicklungen in Iran. Diese führten bekanntlich zur Abdankung des Schahs und zur Islamischen Revolution 1978/79. Bereits am 1. April 1979 proklamierte er in Teheran die Islamische Republik Iran, die er mit der Herrschaft Allahs auf Erden gleichsetzte. Er nahm für sich in Anspruch, als besonders qualifizierter islamischer Rechtsgelehrter die Regierung des Landes zu übernehmen und das Reich des Imams Mahdi bis zu dessen Wiederkehr stellvertretend zu führen. Den Krieg gegen den sunnitischen Erzfeind Irak (1980-88) bezeichnete der Revolutionsführer und klerikale Diktator als "gottgewollt" und "heilig". Sein Aufruf zum Kampf und Selbstopfer an der Front wurde von Tausenden junger Iraner freudig begrüßt und befolgt. Diese seien alle – so Khomeini – "Schützlinge des Imams Mahdi [...] und könnten sich im Fall ihres Todes eines Platzes im Paradies gewiss sein." (zitiert nach Armstrong, 457)

b) Hamas – die sunnitische Bewegung des palästinensischen Widerstands

Hamas wurde 1987 als Zweig der ägyptischen Muslimbruderschaft von dem charismatischen Scheich Ahmad Yasin und sechs weiteren Mitstreitern gegründet. Dies geschah in der Zeit der ersten Erhebung (Intifada) der Palästinenser gegen die israelische Besetzung von Westbank und Gazastreifen.

Die aus politischem und militantem Flügel bestehende Bewegung entwickelte sich rasch zu einer islamistischen Alternative zur Palästinensischen Befreiungsfront (PLO), deren Anhänger überwiegend säkular und nationalistisch gesinnt sind. Hamas zeichnet sich auch heute noch – zumindest in Teilen – durch religiösen Eifer und die "Theologie des Dschihad" aus. Selbstmordattentate, die extremste Form der Gewalt bei Dschihad-Missionen, setzten die Aktivisten erstmals als Reaktion auf das Massaker ein, das der jüdische Arzt Baruch Goldstein im Februar 1994 an betenden Muslimen am Patriarchengrab in Hebron verübt hatte. "Operationen" dieser Art – so die Aktivisten – seien kein Selbstmord im eigentlichen Sinne, sondern selbst gewähltes Märtyrertum.

Der Terrorismusforscher Walter Laqueur sprach einmal davon, dass Hamas im Unterschied zur PLO "tiefreligiös" (Laqueur, 179) sei. Ihre Charta aus dem Jahre 1988 zeigt übrigens eindeutig endzeitliche Züge, wenn es darin heißt, das Land Palästina sei eine fromme islamische Stiftung, die den Muslimen "bis zum Tag der Auferstehung übergeben worden sei." Und "die letzte Stunde werde erst kommen, wenn die Juden besiegt und getötet worden seien." (Artikel 11 u. 7 zitiert nach Ahmad, 135-140)

Auch nach der Machtübernahme 2007 im Gazastreifen lehnt Hamas noch immer die Anerkennung des Staates Israel ab. Sie zweifelt auch den Sinn der vom Präsidenten Mahmud Abbas befürworteten Anerkennung Palästinas durch die UNO an.

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