Metin Kaplan - Dossierbild Islamismus

25.7.2011 | Von:
Peter Philipp

Islam an der Macht

Gottesstaat Iran

Von Teheran zur Weltrevolution

Schon früh nach der Islamischen Revolution beginnt die Führung in Teheran darüber nachzudenken, wie die Revolution über die Grenzen des Iran hinweg vorangetrieben und auf andere islamische Länder übertragen werden könnte. Man hat auch in Teheran verstanden, dass die Revolution religiösen und islamistischen Kreisen anderswo Hoffnung gemacht hat, dass auch bei ihnen der Sturz repressiver Regime und deren Ersatz durch ein klerikales Staatssystem möglich werden könnte.

Ein wichtiges Hindernis stellt freilich die Tatsache dar, dass es sich bei der überwiegenden Mehrheit der Muslime um Sunniten handelt und nicht – wie im Iran – um Schiiten. Und dass diese Sunniten zwar gerne "die Anregung" einer islamischen Revolution übernehmen, sonst aber nichts oder nur wenig mit dem Iran zu tun haben wollen. Verschärft wird dieses Gefühl durch den langen Krieg mit dem Irak (1980 bis 1988), bei dem sich viele Araber mit Bagdad solidarisieren. Mit der Ausnahme Syriens, dessen schiitisch-alawitische Führung damals noch mit dem Bagdader Baath-Regime konkurriert und sich deswegen auf die Seite des Iran schlägt. Es beginnt eine Allianz, die bis heute andauert und sich besonders folgenschwer im und für den Libanon auswirkt: 1982 wird im Beisein des iranischen Botschafters in Beirut die "Hisbollah" gegründet, eine bewaffnete Schiiten-Miliz, die bis heute ihre Rückendeckung und ihre Unterstützung aus Syrien und dem Iran erhält. (mehr dazu siehe Artikel "Hisbollah" in diesem Dossier). Der Libanon ist wegen seines großen schiitischen Bevölkerungsanteils denn auch ein ideales Betätigungsgebiet für den Iran und die "Hisbollah" wird in vielerlei Hinsicht zum "verlängerten Arm" Teherans im Libanon: Gegen den Einfluss der USA und Frankreichs dort, vor allem aber im Konflikt mit Israel. Denn so tief verwurzelt Ablehnung und Hass gegenüber dem Westen bei den Machthabern der Islamischen Republik auch zu sein scheinen: Gegenüber Israel gibt man sich völlig kompromisslos:

Ist der Iran unter dem Schah noch eng verbündet mit Israel, so kommt es mit der Revolution zum völligen Bruch und Teheran macht sich zum Vorreiter der Anti-Israel-Front. Zwar behauptet man, den Palästinensern nichts vorzuschreiben und sie auch nicht an Verhandlungen mit Israel hindern zu wollen, Israel wird aber offiziell zumindest als "illegal" bezeichnet. Staatspräsident Ahmadinejad hat schon wiederholt von der "Notwendigkeit" gesprochen, Israel zu zerstören, und er prophezeit Israel, dass es selbst zugrunde gehe. Teheran scheint darauf aber nicht warten zu wollen: Es unterstützt seit vielen Jahren antiisraelische Gruppen - die "Ablehnungsfront" der Palästinenser in Damaskus, "Hamas", den "Islamischen Jihad" und "Hisbollah". Andere schiitische Zielgruppen, mit deren Hilfe man die Revolution – und den iranischen Einfluss – verbreiten könnte, gibt es auf dem Westufer des Persischen Golfes: In Bahrain machen die Schiiten 65 % der Bevölkerung aus, in den Emiraten und in Saudi-Arabien wie auch im Jemen sind sie eine Minderheit. Diese Bevölkerungsgruppen könnten als "Fünfte Kolonne" benutzt werden und es gab deswegen auch immer wieder Spannungen mit dem Iran.

So zu Beginn 2009, als Akbar Nateq-Nouri, ein enger Berater des "Obersten Führers", das Königreich im Persischen Golf im Februar als "14. Provinz des Iran" bezeichnete, auf die der Schah leichtfertig zu Gunsten der Briten verzichtet habe. Marokko brach daraufhin die Beziehungen zum Iran ab und nur mit Mühe konnte Teheran weitere Folgen verhindern, indem es versicherte, die Äußerung sei während der Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag der Revolution gemacht worden und habe nur historischen Bezug. Teheran zieht es vor, seine Verbindungen zu den schiitischen Bewohnern der arabischen Golfanrainer hintanzustellen und lieber mit deren Regierungen in panislamischen Projekten (wie der "Organisation Islamische Konferenz") zu kooperieren. Was freilich das Misstrauen in diesen Staaten gegenüber dem mächtigen Nachbarn kaum schmälert, auch - und gerade – nicht in der Frage des Atomstreits mit dem Iran.

Erneute Nahrung erhält dieses Misstrauen durch die Proteste – und ihre Niederschlagung – in Bahrain 2011. Besonders die Medien der Arabischen Halbinsel zeigen rasch auf den Iran, den sie als treibende Kraft hinter den Demonstrationen ausmachen. Die Beziehungen zwischen dem Iran und den Staaten des "Golf-Kooperationsrates" (GCC) verschlechtern sich rapide. Besonders nachdem GCC-Staaten – allen voran Saudi-Arabien – Truppen nach Bahrain geschickt haben, um die Proteste zu beenden. Teheran steht kurz vor der Entsendung einer "Hilfsflottille" nach Bahrain, besinnt sich in letzter Minute aber eines Besseren. Wie schon im Fall Gazas hätte eine solche Demonstration der Zivilbevölkerung nicht geholfen, statt dessen aber die Spannung in der Region verstärkt.

Eine Sonderrolle nimmt der Irak ein: Hier gibt es eine schiitische Mehrheit von rund 60 Prozent, die bis zum Sturz des Saddam-Regimes von diesem benachteiligt, unterdrückt und verfolgt wurde. Wichtige Führer der irakischen Schiiten verbrachten Jahre des Exils im Iran und unterhalten weiterhin enge Beziehungen zu Teheran. Der Iran ist wiederum auch daran interessiert, dass ihm nahestehende Kräfte im Irak die Macht ausüben, von einem "Export der Revolution" kann hier aber nicht die Rede sein. Zumindest nicht von einem "offenen" Export: Die meisten schiitischen Führer – vor allem (der aus dem Iran stammende) Großayatollah Ali Sistani – lehnen es ab, im Irak eine Islamische Republik zu etablieren und in Teheran führen wohl eher strategisch-politische und auch wirtschaftliche als religiöse Gründe zu der engen Zusammenarbeit mit den Schiiten im Irak.

Eine ähnliche Realpolitik verfolgt Teheran auch in Afghanistan und befindet sich damit ungewollt in einer Interessengemeinschaft mit den USA und dem Westen: Der Iran lehnt die (überwiegend paschtunisch-sunnitischen) Taliban ab und setzt sich für eine Beruhigung und Normalisierung des Nachbarlandes im Osten ein.

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