Metin Kaplan - Dossierbild Islamismus
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Taliban


20.9.2011
Die Taliban-Bewegung entstand in den frühen 1990er Jahren als Organisation paschtunisch-afghanischer Flüchtlinge in Pakistan. 1994 eroberte sie weite Teile Afghanistans. Seit ihrem Sturz agieren die Islamisten von Pakistan aus.

Mehrere militante Talibankämpfer, vermummt und mit RPG und AK47 bewaffnet, in der Provinz Zabul, südlich von Kabul, Afghanistan.Bewaffnete Taliban-Krieger in der Provinz Zabul, südlich von Kabul in Afghanistan. (© AP)

Afghanische Islamisten gründeten die Taliban-Bewegung in den frühen 1990er Jahren. Ab Herbst 1994 eroberten sie weite Teile Afghanistans. Sie gewährten Jihadisten aus aller Welt Zuflucht, unter ihnen Osama Bin Ladens al-Qaida und zahlreichen zentralasiatischen und pakistanischen Gruppierungen. Als die Taliban sich auch nach den Anschlägen des 11. September 2001 weigerten, Bin Laden auszuliefern, griffen die USA Afghanistan an und stürzten sie. Seit 2002 bekämpfen die Taliban von Pakistan aus die neue afghanische Regierung und die in Afghanistan stationierten multinationalen Truppen.

1. Die Entstehung der Taliban-Bewegung



Die Bewegung der Taliban (Paschtu und Dari für "Studenten") entstand in den frühen 1990er Jahren als Organisation aus Pakistan zurückgekehrter paschtunisch-afghanischer Flüchtlinge und Veteranen des Krieges gegen die Sowjetunion. Ihre pakistanische Mutterorganisation war die Gemeinschaft der Gelehrten des Islam (Jam‘iyat-i ‘Ulama´-i Islam, JUI). Die JUI ist Teil der Gelehrtenbewegung von Deoband (benannt nach ihrem nordindischen Gründungsort), die seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Britisch- Indien entstand und ein Netzwerk von religiösen Schulen auf dem gesamten Subkontinent etablierte.

Als sich der muslimische Staat Pakistan 1947 von der Indischen Union abspaltete, lehnte die Mehrheit der Deobandis seine Gründung ab. Die JUI hingegen unterstützte den Separatismus des Staatsgründers Ali Jinnah. Ende der 1960er Jahre spaltete sich die nunmehr pakistanische Organisation. Der bis heute bedeutendere Flügel konzentrierte seine Aktivitäten auf die paschtunischen Gebiete der Nordwestlichen Grenzprovinz (seit April 2010 Khyber Pakhtunkhwa) und Belutschistans.

Die JUI ist eine einflussreiche Kraft in den Paschtunengebieten entlang der pakistanisch-afghanischen Grenze und hat besonders dort ein dichtes Netz religiöser Bildungsstätten aufgebaut. Nach der sowjetischen Invasion Afghanistans 1979 flüchteten sich viele Afghanen in die Gebiete jenseits der pakistanischen Grenze. Die Schulen der JUI nahmen vor allem paschtunische Flüchtlinge auf und wurden nach dem sowjetischen Truppenabzug 1989 zur Kaderschmiede für die Taliban.

In Afghanistan selbst brach schon kurz nach dem Abzug der Sowjets ein Bürgerkrieg zwischen rivalisierenden Mujahedin-Gruppierungen aus. Pakistan hatte diese Organisationen unterstützt, um Einfluss auf die künftige Politik des Nachbarlandes nehmen zu können. Idealerweise sollte in Kabul eine pro-pakistanische Regierung an die Macht kommen. Als der Ausbruch des Bürgerkrieges verdeutlichte, dass die Mujahedin-Gruppen kein geeigneter Partner waren, benötigte die pakistanische Armee einen neuen Verbündeten. Zu diesem Zweck rekrutierte ihr militärischer Geheimdienst ISI (Inter-Services Intelligence) paschtunische Flüchtlinge aus den Schulen der JUI und baute eine schlagkräftige Miliz auf. So wurden die Taliban zu einem Instrument pakistanischer Außenpolitik.

In einem beispiellosen Siegeszug eroberten die Taliban Afghanistan. Nachdem sie im Herbst 1994 erstmals in der Provinz Kandahar in Südafghanistan aufgetaucht waren, nahmen sie rasch die paschtunischen Gebiete im Süden und Osten des Landes ein. 1995 bereits standen sie kurz vor Kabul und nahmen die westafghanische Metropole Herat ein. Die verfeindeten Mujahedin in Kabul schlossen sich unter dem Druck der Taliban zusammen. Trotzdem konnten sie Kabul nicht halten und zogen sich 1996 in den Norden zurück. Unter der Führung von Ahmed Shah Masud (1953-2001) hielten sie sich als "Nordallianz" bis zur amerikanisch-britischen Invasion 2001.

2. Das Islamische Emirat Afghanistan (1996-2001)



Die Taliban boten der kriegsmüden afghanischen Bevölkerung nach fast 17 Jahren Krieg die Aussicht auf Ruhe und Ordnung. Dies erklärt ihren schnellen Siegeszug gegen die Allianz der Bürgerkriegsparteien, die das Land nach 1989 in den vollständigen Ruin getrieben hatten. Die Taliban traten mit der Forderung nach Einführung und Durchsetzung des Islamischen Rechts, der Scharia, an – entsprechend den Vorstellungen der Deobandi-Gelehrten. In der Praxis verband sich die puristische Deobandi-Gelehrsamkeit mit dem Paschtunwali genannten Rechts- und Ehrenkodex der Paschtunenstämme.

In den von ihnen beherrschten Gebieten setzten die Taliban unerbittlich ihre Verhaltensvorschriften durch. Männer mussten Bärte tragen, Musik und Fernsehen waren ebenso wie die meisten Sportarten verboten. Eine nach saudi-arabischem Vorbild eingerichtete Religionspolizei überwachte die Einhaltung dieser Ge- und Verbote. Bei Zuwiderhandlung drohten, je nach Schwere des Delikts, Prügelstrafen, Auspeitschung oder Gefängnis. Die schlimmsten Einschränkungen trafen jedoch die Frauen, die weitgehend aus der Öffentlichkeit verbannt wurden. Die Taliban schlossen alle Mädchenschulen und verboten Frauen zu arbeiten.

Nach der Einnahme Kabuls riefen die Taliban im September 1996 das "Islamische Emirat Afghanistan" aus. Im selben Jahr gab sich ihr charismatischer Führer Mulla Mohammed Omar (geb. ca. 1959) den Titel "Beherrscher der Gläubigen" (Amir al-Mu´minin). Der in Kandahar residierende Mulla Omar war damals bereits die unumstrittene Führungsfigur der Taliban, und regierte gemeinsam mit einem kleinen Führungszirkel einflussreicher Funktionäre, dem sogenannten Schura(=Konsultations)-Rat. Jegliche Opposition wurde brutal unterdrückt; die Regierungsführung der Taliban war autoritär mit totalitären Zügen – wobei die staatliche Verwaltung durchaus chaotische Züge trug.

Das Emirat der Taliban wurde lediglich von Pakistan, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten anerkannt. Die deutlichen Sympathien vieler konservativer Golfaraber gingen auf die Ähnlichkeit der religionspolitischen Vorstellungen der Taliban mit denen der saudi-arabischen Wahhabiya zurück. Die teils staatliche und teils private Unterstützung aus den Golfstaaten für die Taliban erwies sich jedoch als schwerer Fehler, da die Taliban es neben zentralasiastischen und pakistanischen auch arabischen Jihadisten gestatteten, ihre Hauptquartiere und Trainingslager auf afghanischem Territorium aufzuschlagen. Eine dieser Gruppen war die al-Qaida Osama Bin Ladens. Nur die staatliche Unterstützung durch die Taliban ermöglichte es al-Qaida, zu der internationalen Terrororganisation zu werden, die am 11. September 2001 sogar im Herzen der USA zuschlug.


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