Metin Kaplan - Dossierbild Islamismus

5.9.2011 | Von:
Peter Philipp

Islamistische Bewegungen im Arabischen Frühling

Es waren nicht die Islamisten, die in Ägypten und Tunesien die Despoten stürzten. Werden sie dennoch die Zukunft dieser Länder beeinflussen können? Und wie sieht es in anderen Teilen der arabischen Welt aus?

Raschid Ghannouchi, Anführer der islamistischen Bewegung Nahda in Tunesien, im Juni 2011.Raschid Ghannouchi, Anführer der islamistischen Bewegung Nahda in Tunesien, im Juni 2011. (© AP)

Die im Frühjahr gestürzten Herrscher Tunesiens und Ägyptens, Zine el-Abidine Ben Ali und Husni Mubarak, hatten es während ihrer jahrzehntelangen Herrschaft immer wieder meisterlich verstanden, sich dem Westen als verlässliche Partner im Kampf gegen radikale islamistische Gruppierungen und Bewegungen anzudienen. In beiden Ländern wurden Islamisten unterdrückt und verfolgt, ins Gefängnis geworfen oder ins Exil getrieben. Und dennoch waren nicht sie es, die den Protest der Massen auslösten oder anführten. Nicht sie können den Sturz der beiden Despoten für sich reklamieren und es ist noch offen, in welchem Umfang die Islamisten in der Lage sein werden, die Zukunft Tunesiens und Ägyptens aktiv mitzugestalten und zu beeinflussen.

In beiden Ländern sind die Islamisten von den Ereignissen ebenso überrascht und überrollt worden wie die Regime Ben Alis und Mubaraks. Während die Staatschefs der Meinung waren, die Dinge fest im Griff zu haben, hatten die Islamisten sich offenbar längst damit abgefunden, keine oder nur eine drittrangige politische Rolle zu spielen. Je repressiver und korrupter Staatsführung und Staatsapparat wurden, desto größer wurde zwar die Anhängerschaft der – allgemein als korrekt und hilfsbereit betrachteten – Islamisten der "Nahda" ("Erwachen") Partei in Tunesien oder der Muslimbruderschaft in Ägypten. Beide schienen sich aber weitgehend damit abgefunden zu haben, dass sie auf absehbare Zeit keine Chance haben würden, an die Macht zu kommen oder auch nur an ihr teilzuhaben.


Es begann alles schon lange vor dem 11. September, der für den Westen zum Auftakte des Konflikts mit radikalen Muslimen geworden ist. Es begann vielmehr mit dem Einmarsch der Sowjets in Afghanistan 1979. Unterstützt von den USA und von konservativen arabischen Staaten (besonders Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten) zogen junge Araber in den Krieg, um Afghanistan gegen die "Ungläubigen" zu verteidigen. Wer noch nicht als Islamist an den Hindukusch gezogen war, der kehrte als solcher in seine Heimat zurück – nachdem die Sowjets 1989 Afghanistan verlassen hatten.

Die Heimat bot den Rückkehrern wenig. Keine Arbeit, vor allem aber keine Freiheit. Ben Alis "Schlüsselerlebnis" dürften die Wahlen im Nachbarland Algerien 1991 und ihre Folgen gewesen sein: Die islamistische "FIS" gewann diese Wahlen überraschend, die dann aber prompt vom Militär – der bis heute eigentlichen Macht im Land – annulliert wurden. Ein blutiger Bürgerkrieg brach aus, der nie offiziell beendet wurde und bis zu 150.000 Menschen das Leben kostete.

Der ehemalige Geheimdienstoffizier Ben Ali (der unter anderem bei der CIA in den USA ausgebildet worden war), nahm Algerien als warnendes Beispiel und begann, systematisch die Opposition auszuschalten. Vor allem die "Nahda", deren Führer, Raschid Ghannouchi, ins britische Exil ging und erst am 30. Januar 2011 zurückkehrte.

Auch Ägypten litt zunächst unter den Gewalttaten der Afghanistan-Heimkehrer und ihrer Gesinnungsgenossen, auf deren Konto über die Jahre zahlreiche Terrorakte gingen wie der auf eine Touristengruppe in Luxor 1997, bei dem 68 Menschen umkamen. Die Sicherheitskräfte gingen massiv gegen Islamisten vor und schlossen dabei auch die ideologischen Ziehväter der Bewegung mit ein: Die "Muslimbrüder" wurden auf Dauer vom politischen Prozess ausgeschlossen und konnten sich glücklich schätzen, wenn "unabhängige" Kandidaten ihrer Couleur gewählt wurden – dann aber ohne jeden Einfluss blieben.

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