Autonomer am 1. Mai 2009 in Berlin, bewaffnet mit Flasche und Stein.
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Der Marxismus zwischen Ideologie und Wissenschaft

Eine Darstellung der inhaltlichen Grundpositionen und Analyse der extremistischen Potentiale


10.3.2008
In einer BBC-Umfrage nach dem größten Philosophen aller Zeiten landete Karl Marx 2005 mit 28 Prozent auf Platz eins der Liste. Dennoch: Die Vorstellungen des Marxismus weisen auch zentrale Elemente auf, die in Form und Inhalt kompatibel sind mit diktatorischen Systemen.

Karl-Marx-Monument in Chemnitz.Karl-Marx-Monument in Chemnitz. (© AP)

Bei einer Umfrage des britischen Fernsehens BBC bei, wo die Zuschauer nach dem größten Philosophen alle Zeiten gefragt wurden, landete 2005 Karl Marx mit knapp 28 Prozent mit Abstand auf Platz 1. Im gleichen Jahr brachte ihn "Der Spiegel" auf seine Titelseite, versehen mit der Überschrift "Ein Gespenst kehrt zurück. Die neue Macht der Linken". Offenbar ist Marx wieder im Kommen und dies keineswegs nur in der politischen Linken. Dabei lässt sich aber ein ambivalentes Bild in der Deutung ausmachen: Einerseits gilt er als Klassiker der sozialwissenschaftlichen Gesellschaftsanalyse, der grundlegende Beiträge zur Entwicklung der Geschichte und Funktionsweise des Kapitalismus veröffentlichte. Andererseits enthalten seine Werke auch hochideologische Bestandteile, welche ihn zum geistigen Vorbild linksextremistischer Bestrebungen und kommunistischer Diktaturen machten. Die vorliegende Abhandlung will seine inhaltlichen Grundpositionen beschreibend darstellen und dessen extremistische Potentiale kritisch aufzeigen.

Die methodischen Probleme der Marx-Darstellung und -Interpretation



Dabei bestehen allerdings einige methodische Probleme, die mit dem ambivalenten und fragmentarischen Charakter der Veröffentlichungen von Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels (1820-1895) zusammenhängen. Ihre in vierzig Bänden der "Marx-Engels-Werke" (fortan als MEW zitiert) vorliegenden Schriften enthalten keineswegs eine inhaltlich entwickelte und stringent aufgebaute politische Theorie. Darin findet man auch keine genaue Beschreibung des Weges hin zu einem sozialistischen System oder der Gegebenheiten in einer angestrebten klassenlosen Gesellschaft. Hierzu äußerten sich beide eher allgemein und kursorisch. Dies erklärt zu großen Teilen auch, warum Marx und Engels politisch ambivalent gedeutet wurden: Auf ihre Schriften beriefen sich humanistische Philosophen wie Erich Fromm als auch totalitäre Diktatoren wie Josef W. Stalin, sozialdemokratische Reformer ebenso wie kommunistische Revolutionäre. Insofern verbieten sich aus wissenschaftlicher Sicht sowohl unkritische Huldigungen wie pauschale Verdammungen.

Die Kritik des Idealismus als wirklichkeitsfremde Auffassung



Den Ausgangspunkt für die Hinwendung zum Sozialismus bildete für Engels die Kenntnis der schlechten Lebenssituation der Arbeiter in Großbritannien, für Marx die kritische Auseinandersetzung mit dem Idealismus des seinerzeit bedeutendsten deutschen Denkers Georg Wilhelm Hegel (1770-1831). Dieser ging davon aus, dass die Ideen die gesellschaftliche und geschichtliche Entwicklung bedingten. Hierzu bemerkten Marx und Engels aus ihrer Perspektive: "Ganz im Gegensatz zur deutschen Philosophie, welche vom Himmel auf die Erde herabsteigt, wird hier von der Erde zum Himmel gestiegen. D. h., es wird nicht ausgegangen von dem, was die Menschen sagen, sich einbilden, sich vorstellen, auch nicht von den gesagten, gedachten, eingebildeten, vorgestellten Menschen, um davon aus bei den leibhaftigen Menschen anzukommen; es wird von den wirklich tätigen Menschen ausgegangen und aus ihrem wirklichen Lebensprozess auch die Entwicklung der ideologischen Reflexe und Echos dieses Lebensprozesses dargestellt" (MEW Bd. 3, S. 26f.).

Dialektisches Denken als methodisches Prinzip der Philosophie



Ein anderer Gesichtspunkt von Hegels Philosophie methodischer Art wurde demgegenüber von Marx und Engels für ihre Theorie übernommen: das Prinzip der Dialektik. Darunter kann allgemein so viel wie das Denken in Gegensätzen verstanden werden. Im Unterschied zu weit verbreiteten Auffassungen besteht die Welt nicht aus abgeschlossenen und fertigen Dingen und Sachverhalten. Auch verlaufen Entwicklungen nicht eindimensional und gradlinig. Vielmehr muss von einem ständigen Prozess der Auseinandersetzung und des Wandels ausgegangen werden. Die Dialektik ist in dieser Perspektive "die Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft und des Denkens" (MEW, Bd. 20, S. 131f.). Hierbei treffen ständig Gegensätze aufeinander, welche miteinander in einer höheren Einheit verschmelzen sollen. Nach Hegel folgt einer These eine Antithese, welche beide in einer Synthese münden, woraus sich dann wieder eine These mit Antithese und weiterer Synthese als ständigem Prozess der Erneuerung bildet.

Die Benennung des Materialismus als philosophische Alternative



Dem kritisierten Idealismus stellen Marx und Engels ihren Materialismus gegenüber. Dieser geht davon aus, dass die Ideen keine eigenständigen Phänomene des Geistes, sondern Widerspieglungen der materiellen Verhältnisse seien. Denn das Ideelle sei nichts anderes "als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle" (MEW, Bd. 23, S. 27). Die gesellschaftlichen Verhältnisse seien demnach in Geschichte und Gegenwart primär vom Stand der ökonomischen und technischen Entwicklung, also der "Produktivkräfte", und dem sozialen Miteinander in der Produktion, also den "Produktionsverhältnissen", geprägt. Letzteres bedinge auch zentral die Auffassungen der jeweiligen Individuen: "Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt (MEW, Bd. 13, S. 7). Demnach spiele für das Denken und Empfinden der Menschen die soziale Stellung in den Produktionsverhältnissen – also letztendlich die Zugehörigkeit zu einer "Klasse" - eine zentrale Rolle.

Das Verhältnis von "Basis" und "Überbau" in einer Gesellschaft



So unterteilten Marx und Engels die Gesellschaft auch in eine entscheidende "Basis", also die ökonomischen Beziehungen und die wirtschaftliche Struktur, und in den sekundären "Überbau", also Kultur, Moral, Politik und Religion. Es geht ihnen dabei um die "einfache Tatsache, dass die Menschen vor allen Dingen zuerst essen, trinken, wohnen und sich kleiden müssen, ehe sie Politik, Wissenschaft, Kunst, Religion usw. treiben können; dass also die Produktion der unmittelbaren materiellen Lebensmittel und damit die jedesmalige ökonomische Entwicklungsstufe eines Volkes oder eines Zeitabschnitts die Grundlage bildet, aus der sich die Staatseinrichtungen, die Rechtsanschauungen, die Kunst und selbst die religiösen Vorstellungen der betreffenden Menschen entwickelt haben" (MEW, Bd. 19, S. 335). Demnach bedinge die "Basis" kausal den "Überbau". Also führe ein ökonomischer auch zu einem politischen Wandel: "Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsam oder rascher um" (MEW, Bd. 13, S. 9).


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