Autonomer am 1. Mai 2009 in Berlin, bewaffnet mit Flasche und Stein.

21.9.2006 | Von:
Clemens Vollnhals

Der Totalitarismusbegriff im Wandel

Der Begriff "totalitär" sollte die neuartige Herrschaftsform von Faschismus und Bolschewismus kennzeichnen. Während die klassischen Totalitarismuskonzepte auf Terror und Vernichtung beruhen, heben neuere Ansätze die totale Kontrolle hervor.

Undatiertes Foto des chinesischen kommunistischen Führers Mao Tse-tung, winkend. Mao war als Vorsitzender der Kommunistischen Partei Chinas (1943–1976), als Vorsitzender der Zentralen Volksregierung (1949–1954) sowie als Staatspräsident der Volksrepublik China (1954–1959) der führende Politiker der Volksrepublik China im 20. Jahrhundert.Mao Zedong (© AP)

Konservative und liberale Mussolini-Gegner erfassten sehr früh, dass Faschismus und Bolschewismus mit den herkömmlichen Kategorien der Herrschaftstypologie nicht zu fassen waren. Es war der Liberale Giovanni Amendola, der den Faschismus erstmals als "sistema totalitario" bezeichnete, das "absolute und unkontrollierte Herrschaft" anstrebe.[1] Und nach der Machteroberung Mussolinis im Januar 1925 erklärte er, es gebe nunmehr zwei politische Konzeptionen, die "die mehr alshundertjährigen Grundlagen des modernen politischen Lebens umzustürzen drohen, Kommunismus und Faschismus, beide eine totalitäre Reaktion auf Liberalismus und Demokratie".[2] Ähnlich urteilte Ex-Ministerpräsident Francesco Nitti: "Fascismus und Bolschewismus (...) bedeuten die Verleugnung derselben Grundsätze von Freiheit und Ordnung, der Grundsätze von 1789".[3] Die Substantivierung des Adjektivs "totalitario" nahm der Sozialist Lelio Basso vor, als er den Faschismus als Antistaat charakterisierte, in dem zum Machterhalt einer einzigen Partei alles erlaubt sei.[4]

Einen wesentlichen Beitrag zur konzeptionellen Weiterentwicklung leistete der katholische Pfarrer und Gründer des Partito Populare Italiano Luigi Sturzo. Er beschrieb im Londoner Exil den Faschismus als "Strömung der Intransigenz und Intoleranz, das, was man heute das Totalitätssystem nennt (totalitarismo)". Sturzo bezeichnete die kommunistische Diktatur als "Linksfascismus", während der Faschismus eine "konservative Diktatur oder ein Rechtsbolschewismus" sei.[5] 1935 deutete er in "El Estado Totalitario" den faschistischen, nationalsozialistischen und bolschewistischen Totalitarismus als Erscheinungsform der modernen Massengesellschaft. Die Schrift enthielt fast alle Elemente späterer Konzeptionsbildungen: "das Einparteiensystem, die diktoriale personale Spitze, die Unterdrückung aller bürgerlichen Freiheitsrechte, die Verwaltungszentralisierung und Ausschaltung aller autonomen (...) Elemente, die Ausschaltung und Inhaftierung in Lagern aller (...) Oppositionellen, die terroristische Einschüchterung der Bevölkerung durch Geheimpolizeien, die Militarisierung des gesellschaftlichen Lebens, die Monopolisierung der Jugenderziehung, die Propagierung von jeweils nationalspezifischen pseudoreligiösen Ideologien, die permanente Mobilisierung und Indoktrinierung der Massen durch die als Monopol verwalteten Massenmedien".[6]

Ein anderer Traditionszweig zur Konzeptualisierung des Totalitarismusbegriffs resultiert aus der Auseinandersetzung der Sozialdemokratie mit der bolschewistischen Diktatur Lenins. Für die Sozialisten, so Karl Kautsky bereits 1918, bedingten sich Demokratie und Sozialismus gegenseitig; eine "kommunistische Wirtschaft" ohne Demokratie müsse in Despotie münden.[7] Der Bolschewismus sei in Theorie und Praxis reaktionär, er werde nichts als "Ruinen und Flüche" hinterlassen.[8] Anlässlich des 1. Mai 1923 nahm er eine Gleichsetzung vor: "Noch sind in Italien, Ungarn, Russland die arbeitenden Menschen geknebelt durch eine unerhört brutale und willkürliche Diktatur einer Partei, durch weißen oder roten Fascismus."[9] Zwei Jahre später urteilte er, die kommunistische Diktatur sei "schlimmer sogar als das infame Regime Horthys in Ungarn oder Mussolinis in Italien".[10] Die Verteidigung der Demokratie als notwendiger Voraussetzung des Sozialismus führte Kautsky zu dem Diktum: "Der Faschismus ist aber nichts als das Gegenstück des Bolschewismus, Mussolini nur der Affe Lenins."[11] Für demokratische Sozialisten, die wie Kautsky, Otto Bauer, Rudolf Hilferding oder Alexander Schifrin am Marxismus geschult waren,[12] stellte der Bolschewismus eine terroristische Diktatur dar, die ihre Wurzeln in der sozioökonomischen Rückständigkeit Russlands sowie im diktatorischen Parteimodell Lenins hatte.

Unter den deutschen Staatsrechtlern unterschied als erster der Sozialdemokrat Hermann Heller zwischen autoritärer und totalitärer Diktatur. Letztere vernichte nicht nur den Rechtsstaat, sondern unterwerfe jede Lebensregung dem Staat. Deshalb seien "Fascismus und Bolschewismus Zwillingsbrüder".[13] Im Unterschied zu Carl Schmitt, Ernst Forsthoff und Ernst Rudolf Huber, den Apologeten des "totalen Staates", sprach sich Heller gegen Ende der Weimarer Republik für einen "autoritären Staat" aus, um die Demokratie verteidigen zu können. Den Begriff "Totalitarismus" als Kennzeichnung von Bolschewismus und Faschismus benutzte im deutschsprachigen Raum erstmals Waldemar Gurian, ein katholischer Publizist jüdischer Herkunft. Der faschistische Staat in Italien sei allerdings "lange nicht so total wie der bolschewistische", denn mit der Anerkennung des Konkordats räume er der Kirche einen Freiraum ein, der totalitären Systemen widerspreche.[14] Gurian machte die Massengesellschaft und die Säkularisierung für das Aufkommen totalitärer Systeme verantwortlich und deutete sie als säkularisierte Heilserwartung, als politische Religion.

Zur ersten wissenschaftlich-systematischen Beschäftigung mit dem Totalitarismusbegriff kam es 1935 in Minneapolis. Der amerikanische Publizist Max Lerner unterschied drei Typen der Diktatur: die konstitutionelle, die konterrevolutionäre und das neue Grundmuster, das durch die kommunistische und faschistische Diktatur repräsentiert werde. Beide Regime wiesen Gemeinsamkeiten auf, etwa in der Phase der Machtergreifung durch eine Bewegung, deren Ideologie von einem "Führer" bestimmt werde. Anschließend erfolge die Beseitigung der parlamentarischen Demokratie durch eine Terrorherrschaft, die durch die Verschmelzung von Partei und Staat sowie der totalen Kontrolle aller Kommunikationsmittel und des Erziehungswesens gekennzeichnet sei. Die neue Herrschaftsform basiere auf dem Führerprinzip und setze neben Terror moderne Massenpropaganda ein.[15]

Im Mittelpunkt der Analysen standen der totale Herrschaftsanspruch und die Herrschaftstechniken, während ideologischen Differenzen weniger Bedeutung zugemessen wurde. Dies mag erklären, weshalb der Antisemitismus und Rassismus der NS-Ideologie noch kaum thematisiert wurden. Zudem kam der eliminatorische Antisemitismus des Regimes erst während des Krieges zur Geltung, so dass die frühen antijüdischen Maßnahmen noch nicht als fundamentale Differenz zum italienischen Faschismus erkannt wurden. Der Hitler-Stalin-Pakt schien die Wesensverwandtschaft zu bestätigen.[16] Diese Deutung verlor rasch an Überzeugungskraft, zählte die Sowjetunion doch bald zu den Verbündeten in der Anti-Hitler-Koalition. Die Analysen, die Ernst Fraenkel und Franz Neumann im amerikanischen Exil zum Nationalsozialismus verfassten, stellten keinen Bezug zum Bolschewismus/Stalinismus her.[17] Lediglich Sigmund Neumann unternahm einen empirisch fundierten Diktaturvergleich. Er benannte fünf Grundmerkmale totalitärer Diktaturen: das Versprechen wirtschaftlich-sozialer Sicherheit, der Vorrang von Aktion vor Programm, quasidemokratische Begründungen, eine Kriegspsychologie und das Führerprinzip.[18]

Fußnoten

1.
Giovanni Amendola, Maggioranza e minoranza, in: Il mondo vom 12.5. 1923, zit. nach Jens Petersen, Die Geschichte des Totalitarismusbegriffs in Italien, in: Hans Maier (Hrsg.), Totalitarismus und Politische Religionen, Paderborn 1996, S. 15 - 35, hier S. 20.
2.
Ders., La nuova democrazzia, Neapel 1951, S. 240, zit. nach ebd., S. 22.
3.
Francesco Nitti, Bolschewismus, Fascismus und Demokratie, München 1926, S. 53.
4.
Vgl. Prometeo Filodemo (i.e. Lelio Basso), L'antistato, in: La Rivoluzione Liberale vom 2.1. 1925, zit. nach J. Petersen (Anm. 1), S. 21.
5.
Luigi Sturzo, Italien und der Fascismus, Köln 1926, S. 201f. und S. 225.
6.
So J. Petersen (Anm. 1), S. 24. Vgl. auch Michael Schäfer, Luigi Sturzo als Totalitarismustheoretiker, in: H. Maier (Anm. 1), S. 37 - 47.
7.
Karl Kautsky, Die Diktatur des Proletariats, Wien 1918, S. 4 f.
8.
Ders., Von der Demokratie zur Staats-Sklaverei, Berlin 1921, S. 125.
9.
Ders., Maifeier und Internationale, in: Vorwärts vom 1.5. 1923.
10.
Ders., Die Internationale und Sowjetrussland, Berlin 1925, S. 175.
11.
Ders., Der Bolschewismus in der Sackgasse, Berlin 1930, S. 102.
12.
Vgl. Uli Schröder, "Despotischer Sozialismus" oder "Staatssklaverei"?, Münster 1991; Jürgen Zarusky, Die deutschen Sozialdemokraten und das sowjetische Modell, München 1992. Vgl. demnächst Mike Schmeitzner (Hrsg.), Totalitarismuskritik von links, Göttingen 2007.
13.
Hermann Heller, Europa und der Fascismus, Berlin 1929, Neudruck: Gesammelte Schriften, Bd. 2, Leiden 1971, S. 463 - 609, hier S. 515.
14.
Waldemar Gurian, Der Bolschewismus, Freiburg i. Br. 1931, S. VI f. Vgl. Heinz Hürten, Waldemar Gurian und die Entfaltung des Totalitarismusbegriffs, in: H. Maier (Anm. 1), S. 59 - 70.
15.
Vgl. Max Lerner, The Pattern of Dictatorship, in: Guy Stanton Ford (Hrsg.), Dictatorship in the Modern World, Minneapolis 1935, S. 3 - 25. Übs. in: Bruno Seidel/Siegfried Jenkner (Hrsg.), Wege der Totalitarismus-Forschung, Darmstadt 1968, S. 30 - 48.
16.
Vgl. Franz Borkenau, The Totalitarian Enemy, London 1940.
17.
Vgl. Ernst Fraenkel, The Dual State. A Contribution to the Theory of Dictatorship, New York 1941 (Der Doppelstaat, Frankfurt/M. 1974); Franz L. Neumann, Behemoth. The Structure and Practise of Nationalsocialism 1933 - 1944, New York 1944 (Behemoth, Frankfurt/M. 1977).
18.
Vgl. Sigmund Neumann, Permanent Revolution. The Total State in a World at War, New York 1942. Vgl. Alfons Söllner, Sigmund Neumanns "Permanent Revolution", in: ders./Ralf Walkenhaus/Karin Wieland (Hrsg.), Totalitarismus. Eine Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts, Berlin 1997, S. 53 - 73.

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