Herausforderung Salafismus
30.1.2018 | Von:
Önay Duranöz

Radikalisierung und Rückkehr als Themen des Jugendquartiersmanagements in Dinslaken

Der Dinslakener Stadtteil Lohberg galt als "Salafisten-Hochburg". Mehrere junge Männer hatten sich radikalisiert und waren gemeinsam nach Syrien ausgereist. Quartiersmanager Önay Duranöz erklärt, welche Umstände zu ihrer Radikalisierung beigetragen haben. Er beschreibt, wie das Jugendquartiersmanagement darauf reagiert hat – zum Beispiel mit Hilfestellungen beim Übergang von der Schule ins Berufsleben oder der Vermittlung zwischen türkischstämmigen Familien und Institutionen.

Jugendquartiersmanagement Dinslaken-LohbergJugendquartiersmanagement Dinslaken-Lohberg (© Philipp Stempel)

Dieser Beitrag erschien zuerst in dem Sammelband "Sie haben keinen Plan B", der von Jana Kärgel herausgegeben wurde. Der Sammelband kann im Shop der bpb bestellt werden.

Wer den Stadtteil Dinslaken-Lohberg googelt, erhält an zweiter oder dritter Stelle Vorschläge wie "Salafisten" oder "ISIS". Das ist leider nicht verwunderlich, da die aus Dinslaken stammende, selbsternannte "Lohberger Brigade" im Bereich radikaler Islamismus weltweite traurige Berühmtheit erlangt hat. Vormals einfache junge Männer mit und ohne Migrationshintergrund haben sich hier formiert und radikalisiert, um gemeinsam nach Syrien zu gehen und die Weltöffentlichkeit mit schrecklichen Facebook-Posts und Aufrufen, sich der "Karawane des Dschihads" anzuschließen, zu schockieren.

So ist vielen z.B. Mustafa K. durch das Foto, auf dem man ihn mit einem abgeschlagenen Kopf in der Hand und einem breiten Grinsen auf den Lippen sieht, in Erinnerung geblieben. Dieses Foto wird bis heute in Lohberg als Mustafas Abschiedsbotschaft an sein altes Leben verstanden. Bekannt wurde auch der deutsche Konvertit Philipp B., ein junger Mann mit blauen Augen und blondem Bart, der mit einer Kalaschnikow über die Schulter gehängt im syrischen Kriegsgebiet sitzt und die Muslime aufruft, seinem Beispiel zu folgen und ebenfalls in den Kampf gegen "den Westen" zu ziehen. Beide prägen das Bild, das viele heute mit Dinslaken-Lohberg in Verbindung bringen.

Wie sich junge Menschen in Dinslaken-Lohberg radikalisierten

Wie konnte es dazu kommen, dass sich eine ganze Gruppe junger Menschen aus dem Stadtteil radikalisierte und schließlich nach Syrien bzw. in den Irak ging, um sich radikal-islamistischen Milizen wie der ehemaligen Al-Nusra-Front (Jabhat al-Nusra) und später auch dem sogenannten Islamischen Staat anzuschließen? Um dies nachzuvollziehen, muss man den Weg der Radikalisierung im Stadtteil Dinslaken-Lohberg genauer zurückverfolgen. Nach den Berichten des nordrhein-westfälischen Innenministeriums ist es unbestritten, dass sich die beiden erwähnten jungen Männer sowie bis zu 25 weitere im Stadtteil suchten, fanden und unter gezielter "Anleitung" radikalisierten. Viele Lohberger Bürgerinnen und Bürger meinen jedoch bis heute, dass die Jugendlichen gezielt gesucht, gefunden und radikalisiert wurden. Die Mitglieder dieser Gruppe aus heutiger Sicht als gescheiterte Existenzen zu bezeichnen, wäre jedoch zu einfach. Unter ihnen waren auch junge Männer, die durchaus Perspektiven in ihrem Leben hatten, sei es im Beruf, Studium oder Privatleben.

Um Antworten zu finden, muss man sich auch mit den ökonomischen und kulturellen Gegebenheiten in Lohberg befassen. Lohberg ist eine ehemalige Bergarbeitersiedlung, die um die ehemalige Zeche Lohberg entstanden ist und dadurch zum Zuhause von Gastarbeitern aus Polen, Italien und vor allem der Türkei wurde.

Vor allem die Menschen im Stadtteil mit muslimischem Migrationshintergrund sind seit jeher stolz auf ihre nationale, kulturelle und religiöse Identität. Sie leben eine konservative Auslegung des Islams, jedoch mit Offenheit und Akzeptanz gegenüber der einheimischen Mehrheitsgesellschaft. Nach dem Wunsch vieler Familien sollen sich die jungen Menschen im Stadtteil in die Mehrheitsgesellschaft integrieren, aber ohne dadurch ihre nationale, kulturelle und religiöse Identität zu vernachlässigen. Jedoch erhoffen sich die Menschen in Lohberg bei dieser Integration auch die Akzeptanz für ihre Identität, die sie bislang nicht wirklich bekommen haben.

Dank der Zeche Lohberg hatten die Menschen Arbeit und es ging ihnen wirtschaftlich gut. Auch stellte die Zeche jedes Jahr mehr als 300 junge Menschen als Auszubildende ein. Dadurch waren die Menschen mit Migrationshintergrund beruflich und damit auch gesellschaftlich integriert, sodass kulturelle Unterschiede eine geringe Bedeutung hatten. Auch die nicht vorhandenen Sprachkenntnisse spielten keine große Rolle für sie, weil sie durch Kollegen stets wussten, was für sie an ihrem unmittelbaren Arbeitsplatz zu tun war. Doch die Sprachbarrieren im Alltag blieben bestehen und die Familien gaben die Verantwortung zur Überwindung der daraus resultierenden Probleme an die Schulen weiter, die schon dafür Sorge tragen würden, dass ihre Kinder die deutsche Sprache erlernen. Zudem glaubten viele Eltern, vor allem jene mit türkischem Migrationshintergrund, dass ihre Kinder – ähnlich wie die Väter in der Zeche Lohberg – notfalls auch ohne Sprachkompetenzen zurechtkämen.

Mit der Schließung der Zeche im Jahr 2005 gingen viele Arbeitsplätze und auch die Berufseinstiegsmöglichkeiten für junge Menschen mit Migrationshintergrund verloren, ohne dass berufliche Alternativangebote geschaffen wurden. Außerdem hatten die Jugendlichen zuvor nicht gelernt, gängige Kriterien des Berufseinstieges (z.B. ein qualifizierter Berufsabschluss, eine ihren Fähigkeiten entsprechende realistische Berufswahl, aber auch Eigenschaften wie Zielstrebigkeit, Disziplin, Ausdauer und Flexibilität) zu erwerben bzw. zu verinnerlichen. Viele dieser jungen Menschen scheiterten bereits an den Hürden eines regulären Bewerbungsverfahrens, etwa wenn es um das Anfertigen von aussagekräftigen Bewerbungsunterlagen ging. Aufgrund dieser Defizite hatten sie große Schwierigkeiten, den Übergang von der Schule in den Beruf zu bewerkstelligen. Stattdessen suchten sie die Schuld für ihre aussichtslose Situation vielfach in der einheimischen Mehrheitsgesellschaft, obwohl die Jugendlichen nicht zuletzt auch aufgrund ihrer brüchigen Bildungsbiografien und den vorherrschenden Sprachbarrieren ins Hintertreffen geraten waren. Sie fühlten sich von der Mehrheitsgesellschaft abgelehnt und nicht gewollt. Es verstärkte sich bei ihnen das Gefühl, dass sie nicht erwünscht waren und nicht gebraucht wurden, obwohl ihre Väter dieses Land in den 1960er Jahren mit aufgebaut hatten.

Jugendarbeitslosigkeit und fehlende Perspektiven wurden mehr und mehr zum Problem. Parallel dazu nahm die Jugenddelinquenz immer mehr zu und Lohberg befand sich auf dem Weg, ein "Problemstadtteil" zu werden. Um diese Negativentwicklungen zu stoppen, wurden vielfältige soziale Angebote und Hilfsmaßnahmen, wie Bewerbungscoaching, aufsuchende Jugendarbeit und interkulturelle Veranstaltungen initiiert, die kurzfristigen Erfolg versprachen, jedoch Nachhaltigkeit aufgrund begrenzter Projektdauer und Fördergelder vermissen ließen.

Hier muss allerdings betont werden, dass es unter den jungen Menschen in diesem Stadtteil auch einige wenige gab (und gibt), die ihren gewünschten Weg gehen konnten und sich gesellschaftlich etabliert haben. Sie profitierten meist von ihren eigenen, gut integrierten Familien, die sich der gesellschaftlichen Anforderungen bewusst waren und die nicht zuletzt deshalb einen großen Wert auf die Bildung ihrer Kinder legten.

Der Großteil der Jugendlichen entstammt jedoch bildungsfernen Familien und ist weiterhin auf der Suche nach Identität, Gemeinsamkeiten, Akzeptanz und Anerkennung. Was in solch einem Lebensumfeld Abhilfe schafft, wird gern angenommen. So wenden sie sich den Menschen zu, die ihnen vertraut sind, und widmen sich dem Umfeld, das ihnen Identität stiftet. Diese Identität kann durch gemeinsame Nationalität, Kultur und Religion definiert und verstärkt werden und führt nicht selten zum Rückzug aus der Gesamtgesellschaft.

Wenn dann z. B., wie in Lohberg, ein "großer Bruder" (türkisch Abi, im Türkischen auch als Respektbezeugung verstanden), der seine Akzeptanz in der Gemeinde auf seiner vermeintlichen Frömmigkeit begründet, diesen jungen Menschen seine Aufmerksamkeit widmet, dann genießt er unter ihnen Anerkennung und Respekt. Man hört ihm zu und widerspricht ihm nicht. Wenn dieser Mensch dann auch noch die Jugendlichen ermahnt, die Älteren zu respektieren und sich von Kriminalität und Drogen fernzuhalten, dann sind sogar die Familien zufrieden mit dem neuen Umgang ihrer Kinder. Dieser Abi legitimierte seine Ansichten und Forderungen an die Jugendlichen mit dem Islam, sodass man diese von Beginn an nicht infrage zu stellen wagte. Plötzlich hingen tatsächlich viele junge Männer nicht mehr sinnlos herum, begingen keine Gewalttaten oder Einbrüche, tranken keinen Alkohol, nahmen keine Drogen und gehorchten ohne Widerworte ihren Eltern.

Über die gemeinsame Religion, den Islam, sprach er die Jugendlichen in ihren Lebenswelten an und machte ihre Probleme zum Thema. Sein Ziel war es dabei nicht, den friedvollen und barmherzigen Islam zu lehren; stattdessen zog er Parallelen zu der vermeintlichen Unterdrückung und Diskriminierung der Muslime weltweit, womit sich die Jugendlichen, die sich oftmals selbst ausgegrenzt fühlten, identifizieren konnten. Sie sollten begreifen, so die Logik des Abi, dass Ausgrenzung und Muslim-Sein untrennbar miteinander verknüpft waren und dass nur das konsequente Auslegen und Ausleben des Islams ihnen Kraft geben, Zusammenhalt stiften und sie gegen Diskriminierung wappnen würde. Seine Religionsauslegung beantwortete von Anfang an alle Fragen und gab den Jugendlichen eine mögliche Orientierung für ihr Leben. Die mit der Zeit zunehmend zutage tretenden eindimensionalen Ansichten und Interpretationen, das Schwarz-Weiß-Denken, die Haltung, Schuld für die persönliche Misere bei anderen zu suchen, die willkürliche Einteilung in Recht und Unrecht und in Gut und Böse – dieses dichotome Weltbild fand bei den Jugendlichen großen Anklang. Doch vor allen Dingen war da ein Abi, eine Art großer Bruder, der ihnen zuhörte und ihre Probleme verstand und für sie da war. Man befand sich in vertrauter Gesellschaft. Alle kannten die Sorgen der anderen und jeder Einzelne hatte die gleichen negativen Erfahrungen gemacht wie sein "Bruder" neben sich.

Genau diese Erfahrungen und Annahmen nutzte der Abi, um ein Fundament des Verstehens und Vertrauens zu schaffen, auf dem er dann mit seinen religiösen Ansichten Wege aus diesem vermeintlichen Dilemma vermittelte. Er erklärte den Jugendlichen wieder und wieder, dass die Mehrheitsgesellschaft sie nicht brauche, aber ihre Religion und ihre muslimischen Brüder und Schwestern umso mehr. Durch den ständigen Rückbezug auf den Islam verlieh er seinen Worten Gewicht, nach und nach wuchsen die Jugendlichen zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammen und bekamen endlich auch Respekt von außen, weil sie sich so intensiv mit ihrem Glauben auseinandersetzten, sich an die Gebote hielten und ihre Brüder und Schwestern in ihrem Umfeld unterstützten.

Gleichzeitig erzählte der Abi den jungen Männern immer wieder vom wachsenden Leid der Menschen in Syrien und im Irak und klagte über die in seinen Augen weltweit verbreitete Ungleichbehandlung von Muslimen und die zunehmende Islamfeindlichkeit – allesamt Faktoren, die bei den jungen Männern wie Trigger wirkten und Radikalisierungsprozesse beschleunigten, nach dem Motto: "Da muss ich doch was tun!" Plötzlich reichte es ihnen nicht mehr, den Brüdern und Schwestern im direkten Umfeld zu helfen, sondern sie wollten sich auch um ihre muslimischen Brüder und Schwestern in Syrien kümmern, die "von imperialistischen Kreuzzüglern und dem Handlangerregime von Assad vor den Augen der Weltöffentlichkeit ermordet wurden". Mit diesen gezielt verächtlichen Bezeichnungen und diesem martialischen Sprachgebrauch versuchte der Abi, die jungen Männer um sich herum immer stärker an sich zu binden und an ihr Schuld- und Verantwortungsgefühl zu appellieren. Ständig fragte er die Jugendlichen, wie sie in Deutschland ruhig schlafen könnten, während muslimische Brüder und Schwestern in Syrien ermordet werden.

Der Radikalisierungsprozess schritt in immensem Tempo voran und entwickelte Anziehungskraft auch über die Grenzen von Dinslaken hinaus. Schnell etablierte sich ein harter Kern, der immer radikaler wurde. Dieser harte Kern, die aus den Medien bekannte "Lohberger Brigade", verschenkte schon bald seinen "weltlichen Besitz" wie DVDs, Fernseher und Handys, vermied den Kontakt zum anderen Geschlecht und wies in der Öffentlichkeit andere Muslime zurecht, weil diese als zu liberal empfunden wurden. Zudem trugen sie keine westliche Kleidung mehr und bauten auch sprachlich Elemente aus dem Arabischen ein. Für sie gab es nur noch die Auslegung des Korans nach dem von ihrem Abi vorgebeteten Verständnis und die Einhaltung der damit einhergehenden Verbote und Gebote. Die Radikalisierung gipfelte in der Ausreise der "Lohberger Brigade" in Richtung Syrien. Neben diesem harten Kern machten sich vier weitere junge Männer auf den Weg in das Kriegsgebiet in Syrien, die jedoch nach kurzer Zeit desillusioniert zurückkehrten.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Önay Duranöz für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Veranstaltungsdokumentation (Februar 2018)

Mit Gewalt ins Paradies (Schwerin, Februar 2018)

Mit immer neuen Handelnden im Feld steigt auch der Bedarf nach der Vermittlung von Ansatzpunkten für Prävention. Der Fachtag in Schwerin war ein Ausgangspunkt für diesen Wissenstransfer. Den ganzen Tag über standen Chancen und Grenzen der Radikalisierungsprävention im Fokus der Diskussion.

Mehr lesen

Thumbnail des Videos "Umma" zum YouTube-Projekt "Bildwelten Islam"
Webvideoformate

Begriffswelten Islam

Im Rahmen von Webvideo-Formaten kooperiert die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb mit YouTuberinnen und YouTubern, die sich aus einem persönlichen Interesse heraus mit den in Deutschland geführten Islamdiskursen auseinandersetzen wollen.

Mehr lesen

Der Islamist Metin Kaplan in Bonn, 7. Februar 1999. Kaplan wurde nach seiner Inhaftierung in Deutschland in die Türkei abgeschoben. Dort wurde er am 20. Juni 2005 zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.
Dossier

Islamismus

Seit 9/11 hat ein Wort Hochkonjunktur: Islamismus. Wer sind seine Wortführer? Welche Ziele verfolgen sie? Das Dossier führt ein in Vergangenheit und Gegenwart der extremistischen Herrschaftstheorie, die die Welt des 21. Jahrhunderts vor große Herausforderungen stellt.

Mehr lesen

Material für die Verlinkung des Infodienstes Radikalisierungsprävention

Sie möchten den Infodienst Radikalisierungsprävention verlinken? Diese Textbausteine und Grafiken können Sie dafür verwenden.

Mehr lesen