Herausforderung Salafismus

8.5.2018 | Von:
Verena Fabris
Fabian Reicher

Gute Praxis in der Extremismusprävention und in der Programmgestaltung – Kommentar der österreichischen Beratungsstelle Extremismus (bOJA)

Aus der Sicht einer Beratungsstelle kommentieren Verena Fabris und Fabian Reicher die 20 Thesen zur guten Praxis in der Extremismusprävention, die auf der Grundlage von Praxiserfahrungen, Forschungsergebnissen und verschiedenen Expertenrunden von Milena Uhlmann (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) und Dr. Harald Weilnböck (Cultures Interactive e. V.) formuliert wurden. Sie sollen als Impuls für die Diskussion darüber dienen, was gute Praxis in der Extremismusprävention ausmacht. Die Thesen wurden erstmals 2017 bei einer Tagung der bpb in Mannheim vorgestellt.

Zu den 20 Thesen: Gute Praxis in der Extremismusprävention und in der Programmgestaltung.


Den Thesen stimmen wir insgesamt zu! Wir möchten zwei Überlegungen ergänzen:

Zu These 8

("Gender-Themen haben im Extremismus eine Schlüsselfunktion – und müssen auch in der Prävention vorrangig bearbeitet werden."):

Nicht alle extremistischen Gruppierungen vertreten frauenfeindliche und homophobe Einstellungen. Während dies im Rechtsextremismus oder islamistisch-extremistischen Ideologien eine entscheidende Rolle spielt, ist es weniger relevant für linksextreme Gruppierungen.

Zu These 10

("Kenntnis, Bewusstsein und Einbezug der politischen Debatten und Mediendiskurse sowie der gesellschaftlichen ‚Befindlichkeiten‘ ist ein ebenso wichtiger Teil der Arbeit in dem Handlungsfeld."):

Ein intersektionaler Zugang, also die Betrachtung der Wechselwirkungen sozialer Kategorien wie Geschlecht, Ethnizität oder sexuelle Orientierung, ist in der Prävention unabdingbar. Einem kritischen Diversitätsansatz folgend werden strukturelle Diskriminierungsfaktoren ebenso wie individuelle Diskriminierungserfahrungen in den Blick genommen. Unterschiedliche Diskriminierungsdimensionen überschneiden einander und können nicht hierarchisiert werden. Sie können auch nicht einfach addiert werden, sondern führen zu spezifischen Diskriminierungserfahrungen, etwa als "muslimische Frau" oder als "homosexueller Migrant".

Weiters ist es in der pädagogischen Arbeit wesentlich, nicht nur Ungleichwertigkeitsdenken und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in den Weltbildern der Menschen, mit denen wir arbeiten, kritisch zu hinterfragen und mit ihnen gemeinsam zu bearbeiten. Es ist auch wesentlich, strukturelles Ungleichwertigkeitsdenken und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in der ganzen Gesellschaft (beziehungsweise "Dominanzgesellschaft") mit in die pädagogische Arbeit zu nehmen und mit den "Klientinnen und Klienten" gemeinsam zu problematisieren (siehe Andrea Kleebeg-Niepage: "Zur Entstehung von Rechtsextremismus im Jugendalter – oder: Lässt sich richtiges politisches Denken lernen?", 2012 sowie Birgit Rommelsbacher: "Dominanzkultur. Texte zu Fremdheit und Macht", 2006).

Strukturelle Diskriminierungs- und Ausgrenzungsmechanismen zu problematisieren (und nicht den Status quo zu verteidigen) ist auch für die psychische Gesundheit der "Klientinnen und Klienten" von großer Bedeutung, wie eine aktuelle amerikanische Studie zeigt, die im Journal "Child Development" erschienen ist (Erin B. Godfrey, Carlos E. Santos, Esther Burson: "For Better or Worse? System‐Justifying Beliefs in Sixth‐Grade Predict Trajectories of Self‐Esteem and Behavior Across Early Adolescence", 2017). Ansonsten werden Erfolg und besonders Misserfolg individualisiert und ausschließlich auf sich selbst zugeschrieben, ohne gesellschaftliche Strukturen mitzudenken.

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Autoren: Verena Fabris, Fabian Reicher für bpb.de
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