Herausforderung Salafismus

6.6.2018 | Von:
Husamuddin Meyer

Gefängnisse als Orte der Radikalisierung – und der Prävention?

Gefängnisse können Weichen für die Zukunft der Gefangenen stellen. Die Anschläge der letzten Jahre haben gezeigt, dass Haftanstalten Brutstätten für Radikalisierungsprozesse sein können. Gerade im Gefängnis muss daher verstärkt Präventionsarbeit stattfinden. Können muslimische Seelsorger hierzu einen Beitrag leisten? Husamuddin Meyer ist Gefängnisseelsorger und Imam in der Justizvollzugsanstalt Wiesbaden. Er beschreibt seine Erfahrungen und skizziert welche Maßnahmen notwendig wären, um mehr muslimische Seelsorger in deutschen Gefängnisse zu etablieren.

Husamuddin Meyer ist Gefängnisseelsorger und Imam in der Justizvollzugsanstalt Wiesbaden.Husamuddin Meyer ist Gefängnisseelsorger und Imam in der Justizvollzugsanstalt Wiesbaden. (© dpa)

"Wenn man sich selbst hasst, dann ist alles egal. Dann ist man zu allem fähig." Das sagte mir ein Häftling in einer Rückschau nach einer vierjährigen Haft. Er hatte regelmäßig an dem religiösen Angebot teilgenommen, wir hatten unzählige Einzelgespräche über seine persönlichen Sorgen und über die immer wieder auftretenden Konflikte im Gefängnis geführt. Er betrachtete in dieser Rückschau beeindruckend reflektiert seinen Wandel, auch seinen sehr unruhigen Zustand bei Strafantritt. Er war im Heim aufgewachsen, hatte das für das Leben so zentrale Selbstwertgefühl nicht entwickeln können, führte mehrere Raubüberfälle durch, nahm auf einer der Kundgebungen des salafistischen Predigers Pierre Vogel den Islam an, suchte Anschluss, Selbstbestätigung, Selbstwertgefühl. Er ging nicht sehr weit in die Szene hinein, sonst hätte er ein typischer Syrien-Ausreisender oder gar ein homegrown terrorist werden können. Stattdessen kehrte er zurück zu den Raubüberfällen und wurde zu mehr als fünf Jahren Haft verurteilt – als 19-Jähriger. Er hatte das große Glück, dass es in der Justizvollzugsanstalt (JVA), in der er einsaß, ein seelsorgerisches Angebot gab. Das hat ihn sehr verändert und von einem sich selbst hassenden Menschen zu einem reflektierten jungen Mann werden lassen, der sein Potenzial ausschöpft und zufrieden wirkt, endlich ein Selbstwertgefühl entwickeln konnte, sich geliebt fühlt. "Ich habe jetzt verstanden, worum es im Islam geht", sagte er mir später.

Wäre er im Gefängnis statt auf den Seelsorger auf einen hochgradig ideologisierten Islamisten getroffen, hätte sein Lebensweg sich ganz anders fortsetzen können. Terroranschläge werden häufig – etwa 2004 in Madrid, 2012 in Toulouse, 2015 in Paris oder im Dezember 2016 in Berlin – von entlassenen Straftätern verübt,[1] bei denen ähnlich wie in dem oben erwähnten Beispiel ungünstige biografische Voraussetzungen, kriminelle Energie und eine menschenverachtende Ideologie eine explosive Mischung bilden. Die Radikalisierung, die Vermittlung der Ideologie, erfolgte nicht selten im Gefängnis. Nach dem Attentat von Kopenhagen 2015, bei dem zwei Menschen erschossen wurden, sagten Weggefährten des Täters, dass dieser ein anderer Mensch gewesen sei, als er rund zwei Wochen zuvor aus dem Gefängnis entlassen worden war. Statt über Autos und Frauen zu sprechen, habe er über Religion monologisiert, über die Opfer im Gazastreifen und das Paradies.[2]

Die Erkenntnis, dass Gefängnisse zu Brutstätten für Radikalisierungsprozesse werden können, setzte sich seltsamerweise aber erst nach dem Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo im Januar 2015 in Paris durch. Von den beiden Attentätern, den Kouachi-Brüdern, die auch im Heim aufgewachsen waren, begegnete einer im Gefängnis einem Rekrutierer von al-Qaida und Getreuen von Osama bin Laden, der seinen Radikalisierungsprozess maßgeblich beeinflusste.[3] Auch Amedy Coulibaly, der dritte Attentäter, der kurz nach dem Attentat auf Charlie Hebdo den jüdischen Supermarkt überfiel, hatte im Gefängnis zum Zirkel dieses Rekrutierers gehört. Er saß wegen Raubüberfällen und Drogenhandels ein.[4]

Gerade im Gefängnis muss also verstärkt Präventionsarbeit stattfinden,[5] wenn man Radikalisierungen verhindern möchte. Können muslimische Seelsorger hierzu einen Beitrag leisten?

Muslimische Seelsorge als Beitrag zur Radikalisierungsprävention

Die eigentliche Seelsorge
Die Hauptaufgabe der Seelsorge leitet sich vom Wort selbst ab: Die Sorge um die Seele. Eine gesunde Seele macht einen zufriedenen Menschen aus. Dieser hat keinen Grund für kriminelle Taten, extremistische Bestrebungen oder zerstörerische Handlungen. Selbsthass dagegen ist ein gefährlicher Zustand.

Seelsorge ist insbesondere in Krisensituationen, z.B. im Gefängnis, von großer Wichtigkeit. Die Häftlinge sind vielfach auf sich allein gestellt, dürfen nur begrenzt Besuch bekommen und telefonieren und haben kein Internet. Viele Häftlinge denken in und aufgrund dieser Situation über ihr bisheriges und zukünftiges Leben nach, wollen etwas verändern. Viele beschäftigen sich mit religiösen Fragen wie Vergebung, aber auch mit dem Sinn des Lebens.

Nicht zuletzt deshalb gibt es seit Jahrzehnten vom Staat bezahlte christliche Hauptamt-Seelsorger (meist sogar einen katholischen und einen evangelischen) in allen Gefängnissen, die Gottesdienste abhalten, sich um die persönlichen Probleme der Inhaftierten kümmern und rund um die Uhr ansprechbar sind.

Mittlerweile beträgt der Anteil der Muslime in den Gefängnissen Deutschlands etwa 20 Prozent, im Jugendvollzug teilweise über 50 Prozent.[6] Sie haben durch den meist vorhandenen Migrationshintergrund oft noch mehr Sorgen als die einheimischen Straftäter. Manchmal sind die Straftaten eine direkte oder indirekte Folge des Migrationshintergrundes, etwa wenn sie auf Identitätskonflikte, einen starken Geltungsdrang oder das Aufeinanderprallen von unterschiedlichen Erziehungskonzepten der Eltern und der Mehrheitsgesellschaft zurückzuführen sind oder wenn Diskriminierungserfahrungen gemacht wurden. Bei anderen (etwa bei denjenigen, die ohne gültigen Aufenthaltstitel aufgegriffen wurden, sich nicht einmal in deutscher Sprache verständigen können und hier keine Angehörigen haben) verstärkt der Aufenthalt in der Fremde fern von ihrer Heimat die Probleme; Kriminalität und Gefängnisaufenthalte können folgen. Dennoch gibt es in vielen Gefängnissen keinen muslimischen Seelsorger; in einigen finden vereinzelt Besuche von DITIB[7]-Imamen statt, die allerdings meist kein Deutsch können und daher einen Übersetzer mitbringen.

Als ich 2008 die Arbeit in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Wiesbaden begann, bat mich die JVA-Direktion ein Freitagsgebet in deutscher Sprache anzubieten, bei dem explizit auch "Ehrverbrechen" wie der sogenannte Ehrenmord thematisiert werden sollten. Diese Art von Verbrechen machte damals wie heute einen Teil der Straftaten aus, die mit der Religion begründet wurden. Die große Resonanz – die Teilnahmequote lag von Beginn an bei 60 bis 70 Prozent der muslimischen Inhaftierten – zeigte, wie hoch der Bedarf an religiösen Angeboten war (und nach wie vor ist). Der große seelsorgerische Bedarf wurde auch deutlich, als nach dem Freitagsgebet viele Anfragen nach einem persönlichen Gespräch kamen. Viele sagten mir: "Endlich einer von uns, der uns versteht!"

Fußnoten

1.
17 der 24 Täter islamistisch eingestufter Mordanschläge, die zwischen 2014 und 2017 in Europa verübt wurden, hatten Vorstrafen; vgl. Sascha Lobo: Unsere Sicherheit ist eine Inszenierung, in: Spiegel Online, 31.05.2017, http://www.spiegel.de/netzwelt/web/islamistischer-terror-in-europa-unsere-sicherheit-ist-eine-inszenierung-a-1150015.html (letzter Zugriff: 15.06.2017).
2.
Vgl. Holger Dambeck/Jörg Diehl/Björn Hengst/Anna Reimann: Was die Attentäter verbindet, in: Spiegel Online, 17.02.2015, http://www.spiegel.de/politik/ausland/terror-in-kopenhagen-und-paris-parallelen-der-attentate-a-1018903.html (letzter Zugriff: 15.06.2017).
3.
Vgl. Nadia Pantel: Die Idole der Attentäter, in: Süddeutsche Zeitung, 12.01.2015, http://www.sueddeutsche.de/panorama/terror-in-frankreich-die-idole-der-attentaeter-1.2298813 (letzter Zugriff: 15.06.2017).
4.
Vgl. Nadia Pantel: Wie aus Kleinkriminellen fanatisierte Mörder wurden, in: Süddeutsche Zeitung, 09.01.2015, http://www.sueddeutsche.de/panorama/cherif-und-sad-kouachi-wie-aus-kleinkriminellen-religioes-fanatisierte-moerder-wurden-1.2297625 (letzter Zugriff: 15.6.2017).
5.
Vgl. Sabine Orde: Drei gegen den Dschihad, in: taz, 01.08.2015, https://www.taz.de/Archiv-Suche/!5216737&s=cimsit&SuchRahmen=Print/ (letzter Zugriff: 15.06.2017).
6.
In der JVA Rockenberg (für 14- bis 19-jährige Straftäter) sind sogar 100 der 190 Insassen muslimischen Glaubens. In der JVA Wiesbaden (für 19- bis 24-jährige Straftäter) werden 90 Insassen als muslimisch, 80 als evangelisch und 50 als katholisch geführt.
7.
DITIB steht für "Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V.". Sie ist der bundesweite Dachverband der ihr angeschlossenen türkisch-islamischen Moscheegemeinden.
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Autor: Husamuddin Meyer für bpb.de
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