Herausforderung Salafismus

6.6.2018 | Von:
Husamuddin Meyer

Gefängnisse als Orte der Radikalisierung – und der Prävention?

Vermittlung von Islamwissen
Religiöses Vorwissen war damals unter den Häftlingen so gut wie nicht vorhanden. Da es in den meisten Gefängnissen keine offizielle religiöse Betreuung in Form eines Imams gibt, wird diese Funktion dort nicht selten von zweifelhaften bis gefährlichen Mithäftlingen – im schlimmsten Fall von hochgradig radikalisierten Personen – übernommen. Sie erwecken den Eindruck, dass sie den Islam sehr gut kennen, haben aber in Wirklichkeit häufig nur Phrasen und bestimmte Koranverse auswendig gelernt und sich daraus eine vereinfachte Interpretation zusammengebaut. Sie unterrichten quasi "den" Islam im Gefängnis und erklären den Mitgefangenen die Pflicht des Dschihad. Der Dschihad, so belehren sie ihre Mithäftlinge unter anderem, erlaube nach den Fatwas (Rechtsgutachten), z.B. von Anwar al-Awlaki[8], neuerdings auch Attacken auf Zivilisten und sogar Selbstmordattentate. Auf diese Art und Weise könne man sich mit ganzer Kraft für den "Islam", für "Allah" einsetzen und seinem "Leben endlich einen Sinn geben".[9] Gewalt wird so im Sinne der Religion interpretiert und legitimiert.

Im Gefängnis treffen – vereinfacht ausgedrückt – zwei Typen aufeinander: Radikale und wütende Manipulierbare. Ein Radikalisierter kann schnell viele Anhänger gewinnen, die in der Folge zu vielen – manchmal schlimmen – Straftaten fähig sind, wenn sie sich auf dem richtigen Weg wähnen.[10] Die meisten stehen auf Kriegsfuß mit den Autoritäten, viele haben Erfahrung in der Waffenbeschaffung und entsprechende Kontakte, sind geschult in konspirativen Operationen. Die ohnehin schon geringen Hemmschwellen in Bezug auf Gewalttaten verschwinden durch den nun vorhandenen ideologischen Überbau gänzlich. Gewalttaten und andere Verbrechen werden sakralisiert: Von nun an arbeiten die ehemals Kriminellen für eine große Sache, bekommen anders als zuvor viel Ansehen und werden berühmt. Sie werden zu "Löwen der Umma (der muslimischen Gemeinschaft)" bzw. zu "Löwen Allahs". Im Extremfall werden sogar Drogenhandel mit den kuffar[11] ("Ungläubigen"), Vergewaltigungen von "Ungläubigen" oder Einbrüche, selbst in Schulen und sogar in Kirchen[12], von den Extremisten religiös gerechtfertigt. Alles, was vorher illegal war und wofür man sich zumindest etwas schämte, wird nun zu einer guten Tat.

Hinzu kommt, dass bei der Rekrutierung durch radikale Islamisten im Gefängnis ein besonders perfides Argument verwendet wird: Den Rekrutierten wird Angst vor der Hölle gemacht, die sie aufgrund ihrer vielen Sünden nur noch durch den "Märtyrertod"[13] vermeiden könnten, weil man durch ihn garantiert ins (höchste) Paradies käme. Von einem solchen Argumentationsmuster haben mir viele Häftlinge erzählt.

Ab 2011 versuchten Rekrutierer mehr und mehr, in Fitnessstudios, in Schulen, in Moscheen, überall, wo man junge Leute antreffen konnte, mit Videos von Gräueltaten syrischer Soldaten des Assad-Regimes an der syrischen Bevölkerung und einfachen Antworten auf schwierige Fragen junge Menschen dazu zu bringen, sich dem Kampf in Syrien anzuschließen. Auch die kriminelle Szene entdeckten sie schnell als idealen Pool für die zunehmend benötigen Kämpfer gegen das Regime des syrischen Präsidenten Assad. Explizit waren sie dabei auf der Suche nach Leuten mit geringen Islamkenntnissen, die man "formen" und denen man ein bestimmtes Islamverständnis näherbringen konnte.[14]

Insbesondere zwischen 2011 und 2016 war daher im Gefängnis zu spüren, dass neu ankommende Straftäter zunehmend "religiöse" Parolen von sich gaben oder Koranverse über Gewalt zitierten, wie sie z.B. auch von muslimfeindlichen Agitatoren verwendet werden, um aufzuzeigen, dass Gewalt inhärenter Bestandteil des Islams sei. Offensichtlich waren sie also schon vor der Haft oder in anderen Haftanstalten mit Rekrutierern in Berührung gekommen. Mehr und mehr junge Häftlinge sprachen von der Scharia[15], waren unsicher und suchten nach Antworten auf Fragen bezüglich ihrer Religion – wie etwa die, mit denen ich nach dem Freitagsgebet in der JVA Weiterstadt regelmäßig konfrontiert wurde: "Ist die Auswanderung (hidschra) in ein islamisches Land bzw. das Kalifat Pflicht?", "Ist nicht jeder, der nicht auswandert, ein Ungläubiger und damit ein legitimes Ziel für einen Angriff?" oder "Ist der Kampf in Syrien ein Dschihad, der es für alle verpflichtend macht, mitzukämpfen?", "Müssen Muslime getötet werden, die nicht beten?" – Fragen, die darauf hindeuteten, dass unter den Häftlingen rege Diskussionen stattfanden, und auf die radikalisierte Mithäftlinge ihre ganz eigenen Antworten hatten. Nur alle zwei Wochen, wenn ich das Freitagsgebet abhielt, konnte ich nach der Predigt in den wenigen verbleibenden Minuten versuchen, deren Argumente zu entkräften – ein Tropfen auf den heißen Stein.

Terrorismus war auch in der JVA Wiesbaden von Anfang an Thema, etwa wenn sich afghanische junge Häftlinge während meiner wöchentlichen Besuche erkundigten, wie denn das Engagement ihrer Verwandten bei den Taliban religiös zu beurteilen sei oder wie Osama bin Laden seine Taten rechtfertige, da er ja optisch bzw. von seiner Kleidung her einer religiösen Person glich und sich auf die Religion berief.

Es muss daher unbedingt Islamwissen vermittelt werden, um die muslimische Identität dieser inhaftierten Personen mit positiven Inhalten zu füllen und die große Mehrheit so gegen die Missionierungsversuche der Extremisten zu "immunisieren" bzw. ihnen das entsprechende Werkzeug an die Hand zu geben, sich mit den verschiedenen Interpretationen des Islams kritisch auseinanderzusetzen und diese zu hinterfragen.

Ein im Gefängnis tätiger Imam kann in dieser Hinsicht schon viel bewirken, wenn er z.B. in einer Freitagspredigt Themen anspricht, die die Häftlinge beschäftigen. Die Freitagspredigt wird für gewöhnlich gut besucht und ist eine hervorragende Gelegenheit zur Ansprache. Oft sagten mir junge Häftlinge nach der Freitagspredigt, in der wir auch über den sogenannten Islamischen Staat (IS, früher ISIS) sprachen: "Gut, dass Sie das angesprochen haben! Hier hinter Gittern wird viel diskutiert, ob ISIS gut ist oder nicht. Wenn der Imam das sagt, ist das überzeugend!"

Fußnoten

8.
Der in den USA aufgewachsene, jemenitisch-stämmige Anwar al-Awlaki galt bis zu seinem Tod durch eine Drohne im Jemen als einer der meistgesuchten Terroristen. Seine englischsprachigen Videos und übersetzten Schriften finden in der Szene bis heute große Verbreitung.
9.
Selbstmord, auch Selbstmordattentate sowie das Töten von Zivilisten galten im Islam von jeher als verboten. Im Widerstand der Palästinenser gegen die israelische Übermacht wurden Selbstmordattentate dann von einigen Ideologen (durch Rechtsbeugung) für erlaubt erklärt und auf andere Fälle übertragen. Vorläufer sind die ("buddhistischen") Kamikaze-Piloten, die diese Technik zuerst angewandt hatten. Das Konzept des Märtyrertodes – ursprünglich mit einer anderen Bedeutung – wurde von den Palästinensern praktisch in einen "Attentatstod" umgedeutet; vgl. Rüdiger Lohlker: Dschihadismus, Wien 2009, S. 53; ders.: Theologie der Gewalt, Wien 2016, S. 115ff.
10.
In Frankreich haben Schätzungen zufolge offenbar 325 Inhaftierte Verbindungen zu terroristischen Gruppierungen. Weitere 1400 Insassen sollen als Kämpfer für islamistische Zwecke rekrutiert worden sein; vgl. Frankreich will mit neuen Gefängnissen Radikalisierung stoppen, in: Spiegel Online, 06.10.2016, http://www.spiegel.de/politik/ausland/frankreich-will-mit-neuen-gefaengnissen-radikalisierung-stoppen-a-1115521.html (letzter Zugriff: 15.06.2017).
11.
Als kuffar, also "Ungläubige", gelten bei den Radikalen nicht nur Anhänger anderer Religionen, wie z.B. Christen und Juden, oder Nichtgläubige (z.B. Atheisten), sondern auch alle Muslime, die den Islam anders interpretieren. Je höher der Radikalisierungsgrad, desto kleiner wird die Gruppe derjenigen, die nicht als kuffar gelten.

Ein Syrien-Rückkehrer sagte mir in der JVA Wiesbaden, dass beim "IS", dem er sich während seiner Zeit in Syrien angeschlossen hatte, alle in Europa lebenden Menschen (auch die Muslime) als kuffar gelten würden, da sie nicht der Pflicht zur hidschra (Auswanderung in ein islamisches Land) gefolgt seien. Dadurch würden alle zu legitimen Zielen von Attentaten. Diese Aussagen haben bei ihm die ersten Zweifel an der Islaminterpretation des "IS" geweckt und letztlich zu seiner Rückkehr geführt.
12.
Vgl. Nina Grunsky: Mutmaßliche Salafisten vor Gericht – Kirchen für den IS ausgeraubt?, in: Westfalenpost, 21.10.2015, http://www.wp.de/region/sauer-und-siegerland/mutmassliche-salafisten-vor-gericht-kirchen-fuer-den-is-ausgeraubt-id11203781.html (letzter Zugriff: 15.06.2017).
13.
Zum Konzept des Märtyrertums und seiner Umdeutung durch die Dschihadisten vgl. Lohlker, Dschihadismus (Anm. 455), S. 50ff.
14.
Vgl. Aya Batrawy/Paisley Dodds/Lori Hinnant: So einfach rekrutiert die Terrormiliz IS, in: Die Welt, 16.08.2016, https://www.welt.de/politik/ausland/article157694954/So-einfach-rekrutiert-die-Terrormiliz-IS.html (letzter Zugriff: 15.06.2017).
15.
Eigentlich bedeutet der Begriff Scharia so viel wie "den Weg weisen". Die Häftlinge meinten hier aber das "Göttliche Gesetz" mit den bekannten Strafen, dessen Einführung sie sich wünschten. Auch in dieser Definition sieht man den ideologischen Einfluss der Rekrutierer, die wiederum auf die ideologischen Wegbereiter zurückgreifen (Sayyid Qutb u.a.). Ausgerechnet die ins Deutsche übersetzte Literatur von Autoren wie Qutb fand ich im Gefängnis als einzige deutschsprachige Literatur mit Informationen über den Islam.
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Autor: Husamuddin Meyer für bpb.de
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