Herausforderung Salafismus

6.6.2018 | Von:
Husamuddin Meyer

Gefängnisse als Orte der Radikalisierung – und der Prävention?

"Wutprophylaxe"
Die Vermittlung von Wissen über den Islam genügt allerdings nicht, denn die Gründe für die Hinwendung zur Gewalt sind vielfältig. Als Mohamed Merah 2012 in Toulouse über mehrere Tage hinweg Franzosen jüdischen Glaubens und muslimische Franzosen in Militärkleidung erschoss, eher er selbst Tage später von Polizisten erschossen wurde, wurde mir durch die Kommentare der Häftlinge zum ersten Mal klar, dass Attentate häufig mehr mit Wut als mit Religion bzw. Fanatismus zu tun haben. Damals sagte ein nordafrikanischer Häftling nach dem Freitagsgebet über den Täter: "Der hat’s richtig gemacht!" Als Motiv hatte Merah kurz vor seiner Tat einem Journalisten des Senders France 24 Protest gegen das Verschleierungsverbot, den Afghanistan-Einsatz der französischen Armee und die Situation in Palästina genannt. Die Wut auf "das System", "den Westen", Amerika, und immer wieder "die Juden" bzw. Israel ist auch bei vielen Häftlingen groß. Die Weltpolitik wird als insgesamt islamfeindlich wahrgenommen. Dschihadismus und der Krieg in Syrien und im Irak werden daher von vielen als Konsequenz der Interventionen westlicher Länder im Nahen Osten gesehen.[16]

Dass junge radikalisierte Menschen meinen, mit ihrem Kampf in Syrien und dem Irak einer Art internationaler Widerstandsbewegung zur Verteidigung der Muslime weltweit beigetreten zu sein, hat auch mit der ideologischen Hintergrundarbeit zu tun: z.B. erschien 2005 das 1.600 Seiten umfassende Werk Aufruf zum weltweiten islamischen Widerstand des mutmaßlichen Mitglieds von al-Qaida, Abu Musab al-Suri; es fand starke Verbreitung durch das Internet, insbesondere über YouTube.[17] Auch die deutschen Salafisten nutzten YouTube von Anfang an stark, um zum Zwecke der Missionierung produzierte Videos zu verbreiten.

Während die westlichen Medien oft Gräueltaten islamistischer Terroristen zeigen und damit unbewusst auch der Islamfeindlichkeit in der Gesellschaft Vorschub leisten, schicken sich junge Muslime gegenseitig Videos von den Misshandlungen der Palästinenser durch israelische Siedler und Soldaten, Berichte über Guantanamo, Fotos aus dem amerikanischen Foltergefängnis Abu Ghraib, von den Folterungen und Hinrichtungen von Muslimen in Myanmar durch radikal-extremistische Buddhisten oder von den Massakern an Muslimen durch christliche Milizen in der Zentralafrikanischen Republik. Die von den Extremisten explizit verfolgte Strategie der Spaltung der Gesellschaft wird so kontinuierlich vorangetrieben.

Ein Beispiel aus meiner Arbeit dafür, wie sehr auch Häftlinge durch unreflektierten Medienkonsum manipulierbar sind: Ein Häftling palästinensischer Abstammung sagte einmal bei einem Gruppentreffen: "Es reicht jetzt! Die essen uns! Wir müssen jetzt etwas tun!" Ich fragte: "Was meinst du?" Er sagte: "In Zentralafrika! Ich habe ein Video gesehen, in dem Christen Muslimen hinterherrennen, sie mit der Machete zerhacken, die Körperteile grillen, würzen und dann reinbeißen!" Ich sagte: "Ja, das ist schrecklich, ich habe das Video auch gesehen. Aber was sollen wir jetzt machen? Willst du jetzt den Vollzugsbeamten attackieren, weil dieser möglicherweise Christ ist? Als Racheakt?"

Die Wut, die im Gefängnis nach solchen Ereignissen hochkocht, muss regelmäßig in den Gruppengesprächen abgekühlt und reflektiert werden. Denn Wut kann – in Verbindung mit einem ideologischen Rahmen wie dem Islamismus – aus einem gewöhnlichen Kriminellen einen Dschihadisten machen. Fromme, gottesfürchtige Gläubige werden es nur äußerst selten. Dabei ist es immer wieder eine große Herausforderung, in der großen Runde passende Worte zu finden, die die Inhaftierten auf ihrer Ebene ansprechen, damit sie etwas davon haben und gleichzeitig lernen, wie man als religiöser Mensch mit solchen Situationen umgeht.

Im Jugendstrafvollzug kommt ein weiterer Aspekt hinzu, der Wut und Frustration immer wieder hochkochen lässt: Die meisten Muslime im Jugendstrafvollzug sind hier in Deutschland als "Menschen mit Migrationshintergrund" aufgewachsen, sprechen besser Deutsch als irgendeine andere Sprache. Ihre Vorfahren galten als (vorübergehende) "Gastarbeiter", später (nationalitätenabhängig) z.B. als "türkische Migranten", die ihre türkische Identität oft in türkischen Kulturvereinen pflegten. Die Nachkommen der Arbeitsmigranten aus der Türkei, aber auch z.B. Zugezogene aus Marokko oder Geflüchtete aus Afghanistan[18] stehen identitätsmäßig zwischen den Stühlen: Bei Urlauben in ihrem Herkunftsland – insofern sie überhaupt dorthin reisen können – werden sie als Deutsche wahrgenommen. Sie kennen weder die dortige Sprache noch die kulturellen Kodizes gut genug, um nicht als "Ausländer" aufzufallen. In Deutschland hingegen werden sie nicht als Deutsche angesehen, sondern optisch und kulturell nun zunehmend weg von der Nationalität ihrer Eltern einer homogenen Gruppe, nämlich "den Muslimen", zugeordnet – und damit einer Gruppe, die seit den Terroranschlägen in den USA 2001 verstärkt mit Diskriminierungen und Feindbildkonstruktionen konfrontiert ist.

Was Muslim-Sein dabei konkret bedeutet, wissen viele von ihnen gar nicht, besonders dann nicht, wenn sie z.B. aus einem wenig religiösen Elternhaus kommen. Dennoch greifen sie diese Identitätszuschreibung häufig auf und die Frage, ob sie Deutsche sind, wird (von den Häftlingen) denn auch meistens verbittert verneint, selbst wenn sie hier geboren sind und oft einen deutschen Pass besitzen. Identitätskonflikte sind damit nahezu unausweichlich.

Die von außen zugeschriebene Identität als Muslim bei gleichzeitiger verbreiteter Muslimfeindlichkeit in ihrem sozialen Umfeld, den Medien und der Gesamtgesellschaft führen dann zu einer Wurzellosigkeit, die weit schwieriger auszuhalten ist, als man denkt. Wenn man den jungen Menschen das Gefühl gibt, dass man sie eigentlich nicht hier haben möchte, ihre Religion, ihre Kultur und sogar ihre Hautfarbe hier nicht sehen möchte, dann verursacht das einen Gegenhass, Hass auf die Gesellschaft. Als ich einmal die Inhaftierten fragte, woher denn der Hass komme, sagten sie: "Wir fühlen uns unerwünscht!" Ein anderer sagte: "So wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus!"

Viele versuchen diese Leere zu füllen, indem sie sich über den Islam informieren und landen dabei häufig bei den Salafisten, die nach wie vor das deutschsprachige Angebot dominieren und die islamische Identität scheinbar am konsequentesten leben. Die Salafisten kehren dabei – und auch das ist ein wichtiger Faktor – die Diskriminierungen um: Nichtsalafisten werden verächtlich kuffar genannt.

Es ist klar, dass aufgestaute Wut, Frustration und Diskriminierungsfaktoren allein nicht erklären können, warum junge Menschen sich in Gefängnissen radikalisieren. Es gibt individuell verschiedene Wege und Faktoren, die diesen Prozess beeinflussen. Klar ist aber auch: Ein Mensch, der hier seine Heimat sieht, sich akzeptiert und angenommen fühlt und das Gefühl hat, die gleichen Teilhabechancen zu haben wie alle anderen, der wird sich nicht gegen die Gesellschaft wenden, sondern eher schauen, wie er sich einbringen kann. Junge Menschen mit muslimischem Hintergrund müssen das Gefühl haben, dass sie zu dieser Gesellschaft gehören, dass sie, ihre Kultur und ihre Religion akzeptiert werden. Unrecht und Ungleichbehandlungen sollten vermieden werden. Partizipation muss möglich sein, die Vorteile davon müssen sichtbar sein. Es muss sich lohnen, sich für diese Gemeinschaft einzusetzen. Diesen Eindruck sollten sie gewinnen, dann brauchen sie nicht in irgendeinen "Islamischen Staat" auszuwandern oder den hiesigen zu sabotieren.

Auch deshalb ist die Akzeptanz der islamischen Religion innerhalb des Gefängnisses und die Einrichtung einer gleichwertigen Seelsorge (im Vergleich zu den bereits bestehenden christlichen Angeboten) ein wichtiger Schritt. Denn die Häftlinge sehen sehr wohl, dass Inhaftierten christlichen Glaubens rund um die Uhr Seelsorger zur Verfügung stehen.

Als die ersten Festgebete und Freitagsgebete sowie generell Zeit für muslimische Seelsorge im Gefängnis eingerichtet wurden, hatte das einen erstaunlichen Effekt. Viele der Inhaftierten fühlten sich in ihrer Identität angenommen und sagten sich: "Ich werde hier anerkannt und ich gebe die Anerkennung zurück."

Der Umgang mit Rückkehrern in Gefängnissen
Nun kommt aber noch ein neues Problem hinzu: Immer mehr Rückkehrer aus dem Syrienkrieg landen in Haft. Rückkehrer sind nicht zwingend gefährlich; viele sind desillusioniert, hatten etwas ganz anderes erwartet, waren von der Grausamkeit, vom "Unislamischen" des "IS"-Systems schockiert. Viele weitere Rückkehrer sind traumatisiert. Einer sagte mir: "Wenn ich gewusst hätte, was da unten abgeht und wie die denken, dann wäre ich niemals dorthin gegangen!" Dennoch sind einige immer noch ideologisiert oder wurden manchmal erst dort richtig "getrimmt", militärisch und ideologisch.

Eine Frage, die man sich in diesem Zusammenhang stellen muss, lautet: Soll man Radikalisierte und Rückkehrer, die nun vermehrt verurteilt werden, lieber von den übrigen Gefängnisinsassen isolieren oder gemeinsam mit anderen Insassen unterbringen? In England bringt man die Radikalen in einem separaten Trakt unter. Man will jeden Kontakt zu anderen Häftlingen unterbinden.[19] Auch in Frankreich setzte man eine Zeit lang auf eine gemeinsame Unterbringung aller Radikalen in einem Trakt.[20] Der Vorteil dieser Maßnahme ist, dass sich deren menschenfeindliche Ideologie nicht im Rest des Gefängnisses ausbreitet – eine nicht zu unterschätzende Gefahr, denn Syrien-Rückkehrer und andere Dschihadisten mit Kampferfahrung werden oftmals nahezu als Helden verehrt. Der Nachteil einer gesonderten Unterbringung radikalisierter Häftlinge ist, dass sie eine starke Gruppe bilden, sich aufgewertet fühlen und in ihrer Wichtigkeit bestätigt sehen. Das macht eine Deradikalisierung extrem schwierig. Daher rückte man zumindest in Frankreich wieder davon ab.

In der JVA Wiesbaden versucht man auch, radikalisierte Personen zu resozialisieren: Man trennt Syrien-Rückkehrer und andere Ideologisierte voneinander und bringt sie einzeln in Wohngruppen innerhalb des Gefängnisses, in denen möglichst unbeeinflussbare Personen wohnen, unter. So bekommen sie keine Resonanz für ihre Ideen und viel Kontakt mit Andersgesinnten. Dadurch soll eine Aufweichung der Ideologie erreicht werden.

Es werden zusätzlich Strukturbeobachter[21] in den Gefängnissen ausgebildet, die Radikalisierte anhand bestimmter Merkmale ("IS"-Flaggen, spezielle Symbole, Kriegsmusik) erkennen und Netzwerke aufdecken sollen. Telefongespräche und Post werden überwacht, Zellen werden häufiger kontrolliert. Tatsächlich kursierten schon 2014 Kassetten mit Gesängen zur Lobpreisung des "Kalifen" des "Islamischen Staates" im Gefängnis. Ich hörte mir damals ganze Kassetten an, um unbedenkliche von schädlichen Gesängen zu unterscheiden, die oft auf einer Kassette kombiniert waren.

Post von radikalen Gruppen wie "Ansarul Aseer", dem "Gefangenenhilfsverein" von Bernhard Falk, der während einer für linksterroristische Aktivitäten verhängten 13-jährigen Haftstrafe zum Islam konvertierte und nun ein Anhänger von al-Qaida ist, oder der nun verbotenen Bewegung "Die Wahre Religion" von Ibrahim Abou-Nagie, der durch die Koranverteilaktion "Lies!" bekannt wurde, wird geblockt, auch wenn sie nur harmloses Material schicken, um den Kontaktaufbau von vornherein zu verhindern.

Eine weitere Maßnahme einiger Bundesländer[22] ist pädagogischer Art: Mitarbeiter des Violence Prevention Network e.V. (VPN) machen mit Extremisten ein Anti-Gewalt- und Kompetenz-Training (AKT®). Speziell für die Arbeit mit religiös motivierten Extremisten wurden muslimische Pädagogen und Islamwissenschaftler eingestellt und zu AKT®-Trainern fortgebildet.[23] Der Zugang zu den Häftlingen wird durch die gemeinsame Religionszugehörigkeit enorm erleichtert. In Gruppen- und Einzelsitzungen werden manipulative Mechanismen für die Häftlinge sichtbar gemacht und die Ideologie dekonstruiert.

Wichtig ist schließlich auch die Betreuung nach der Haft, die ebenfalls von VPN gewährleistet wird und Teil der Maßnahme ist.[24] Da die Gefängnisseelsorger nach der Haft aufgrund der begrenzten Ressourcen nicht in dieser Form tätig sein können und auch in der Haft Seelsorge nicht als "Maßnahme" angeordnet werden kann, bildet das Angebot von VPN hier eine wichtige Ergänzung.

Fußnoten

16.
Tariq Ali: La politique étrangère de l’Occident est responsable du djihadisme, in: Le Monde, 27.05.2017, http://www.lemonde.fr/idees/article/2017/05/27/tariq-ali-la-politique-etrangere-de-l-occident-est-responsable-du-djihadisme_5134541_3232.html (letzter Zugriff: 15.06.2017).
17.
Insbesondere Kepel weißt in seinen Publikationen immer wieder auf die Wichtigkeit der ideologischen Komponente hin, z.B. Gilles Kepel: Die Spirale des Terrors, München 2009.
18.
Gemeint sind die Nachkommen der ersten "Welle" der 1980er und 1990er Jahre, nicht die Flüchtlinge der aktuellen "Welle".
19.
Ähnliche Experimente mit nordirischen Terroristen waren negativ, trotzdem setzt man wieder auf die Strategie; vgl. Jeremy Armstrong: UK’s most dangerous terrorists will be held in ‹jail within a jail› to stop extremists radicalising other prisoners, in: Mirror, 31.03.2017, www.mirror.co.uk/news/uk-news/uks-most-dangerous-terrorists-held-10135411?ICID (letzter Zugriff: 15.06.2017).
20.
Frankreich will Radikalisierung stoppen, in: Legal Tribune Online, 01.04.2016, http://www.lto.de/recht/hintergruende/h/frankfreich-islamismus-terror-gefaengnis-radikalisierung-im-strafvollzug/ (letzter Zugriff: 15.06.2017).
21.
Aktuell gibt es allein in Hessen sieben dieser Strukturbeobachter; vgl. Max Holscher/Martin Sümening: Gefährder hinter Gittern, in: Spiegel Online, 13.11.2016, http://www.spiegel.de/politik/deutschland/extremisten-in-gefaengnissen-hessen-will-radikalisierung-vorbeugen-a-1119137.html (letzter Zugriff: 15.06.2017).
22.
Das Programm "Verantwortung übernehmen – Abschied von Hass und Gewalt" von VPN findet zurzeit in den Bundesländern Berlin, Brandenburg, Hessen, Niedersachsen und Sachsen statt.
23.
Zu AKT® vgl. http://www.violence-prevention-network.de/de/aktuelle-projekte/maximeberlin/123-maxime-berlin/angebote/429-antigewalt-und-kompetenztraining-aktr (letzter Zugriff: 15.06.2017).
24.
Z.B. Sabine Orde: Prävention muss verstärkt werden, in: taz, 07.02.2015, http://www.taz.de/!5021415/ (letzter Zugriff: 15.06.2017).
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