Herausforderung Salafismus

6.6.2018 | Von:
Husamuddin Meyer

Gefängnisse als Orte der Radikalisierung – und der Prävention?

Wo findet man genügend Seelsorger?

Woher bekommt man die benötigten Seelsorger für die Gefängnisse? Ist ein mittelmäßiger Kandidat besser als keiner, weil radikale Mithäftlinge sonst die religiöse "Bildung" der Häftlinge übernehmen?

Erfahrungen aus Großbritannien, wo in manchen Fällen Salafisten oder Wahhabiten die Aufgabe des Gefängnisseelsorgers übernahmen, zeigen, dass Imame mit einem "fragwürdigen" Islamverständnis unter bestimmten Umständen das Problem mit radikalisierten Häftlingen im Gefängnis verstärken können.[25] Die Auswahl der Seelsorger muss deshalb mit größter Sorgfalt erfolgen. Soll man also eine "Gesinnungsprüfung" einführen?

Die Universität Tübingen bietet mittlerweile einen Studiengang "Praktische Islamische Theologie für Seelsorge und Soziale Arbeit" an[26] und in Osnabrück kann man im Rahmen des Studiums der Islamischen Theologie den Schwerpunkt "Gemeindepädagogik und Seelsorge"[27] wählen. Universitätsabsolventen fehlt aber oftmals die praktische Erfahrung.

Der Verein VIBIS e.V. (Verein für islamische Bildung, Seelsorge und Integration) hat daher ein modulares Ausbildungskonzept entwickelt, das aus verpflichtenden und individuell additiven Modulen besteht, je nachdem, auf welchem Gebiet der jeweilige Kandidat Nachholbedarf hat. So kann man möglichst schnell Personal einsetzen und berufsbegleitend fortbilden.

Wichtigste Grundvoraussetzung für einen ausreichenden Einsatz von muslimischen Seelsorgern im Gefängnis sind hinreichende finanzielle Mittel: für eine gute Ausbildung, für ständige Fortbildungen, für einen gegenseitigen Austausch, für Supervision. Und: Es müssen ordentlich bezahlte Seelsorgerstellen geschaffen werden, in Anlehnung an jene der christlichen Kirchen, damit die Seelsorger sich intensiv um die Häftlinge kümmern können, im Sinne des gesellschaftlichen Zusammenlebens und Friedens. Hierin sind die Bundesländer in ihren Bemühungen unterschiedlich weit fortgeschritten.[28]

Fazit

Gefängnisse können Weichen für die Zukunft der Inhaftierten stellen, die in sehr unterschiedliche Richtungen führen können. Die Syrien-Rückkehrer z.B., deren Zahl in den Gefängnissen zunimmt, gelten bei vielen muslimischen Inhaftierten als Helden und Vorbilder, denen man gern zuhört. Wenn diese dann nicht von ihren Erlebnissen traumatisiert und desillusioniert sind, sondern an ihrem Fanatismus festhalten, kann sich die Gefahr schnell multiplizieren. Hinzu kommen diejenigen radikalisierten Häftlinge, die zwar nicht in Syrien oder dem Irak waren, aber dennoch radikale Ansichten vertreten und im Gefängnis agitieren.

Wenn ihren manipulativen Agitationen und vereinfachten Interpretationen des Islams keine plausiblen, islamtheologisch fundierten Argumente entgegengestellt werden, sondern sie unwidersprochen bleiben, dann ist die Gefahr groß, dass sich noch mehr junge Menschen in Gefängnissen radikalisieren.

Hassideologien ist aber mit naivem Ehrenamtsengagement – und dazu gehört die unterfinanzierte muslimische Seelsorge in Gefängnissen bislang leider – nicht beizukommen. Eine professionell organisierte Seelsorge als Beitrag zur Radikalisierungsprävention kann deshalb nur in unserer aller Sinne sein.

Gleichzeitig gilt jedoch: Seelsorge ist keine Deradikalisierungsmaßnahme und auch nicht als solche gedacht. Und: Auch die beste Seelsorge kann nicht jeden retten. Erreichbar sind zudem nur diejenigen, die sich an den Seelsorger wenden.

Es gibt dabei mehrere "Baustellen", die mithilfe von seelsorgerischen Angeboten bearbeitet werden können, unter anderem:
  1. Identitätsfragen,
  2. das Islamverständnis,
  3. weltpolitische Ereignisse (Naher Osten, Syrien, "der Westen" vs. "die Muslime"),
  4. eigene seelische oder psychische Probleme.
Der Stellenwert eines solchen seelsorgerischen Hilfsangebotes wird mir immer wieder daran deutlich, dass mich fast täglich entlassene Häftlinge auf der Straße ansprechen, mir Mails schreiben oder mich anrufen. Manche sagen mir, dass das eine oder andere Buch, das ich ihnen in der Haft gab, sie gegen Indoktrinationsversuche gewappnet und vor einer Radikalisierung bewahrt habe. Andere bedanken sich und sagen mir, wie ihnen die Seelsorgeveranstaltungen und die Gespräche geholfen haben und in welch guter Situation sie sich nun befinden. Viele erinnern sich auch an den einen oder anderen Rat oder eine gelernte Strategie, wie man z.B. mit Wut besser umgehen kann. Gefängnisseelsorge geht also weit über Extremismusprävention im engeren Sinne hinaus und kann in vielerlei Hinsicht der Gesellschaft dienlich sein.

Dieser Beitrag erschien zuerst in dem Sammelband "Sie haben keinen Plan B", der von Jana Kärgel herausgegeben wurde. Der Sammelband kann im Shop der bpb bestellt werden.

Fußnoten

25.
Vgl. Tammy Hughes: UK prison imams are free to spread hatred: Preachers found to be distributing extremist literature including homophobic and misogynistic leaflets, in: Daily Mail, 19.04.2016, http://www.dailymail.co.uk/news/article-3546919/Prison-imams-free-spread-hatred-jails-Preachers-distributing-extremist-literature-including-homophobic-misogynistic-leaflets.html (letzter Zugriff: 15.06.2017).
26.
Uni Tübingen führt Studiengang für islamische Seelsorge ein, in: Südwest Presse, 09.06.2016, http://www.swp.de/ulm/nachrichten/suedwestumschau/uni-tuebingen-fuehrt-studiengang-fuer-islamische-seelsorge-ein-13295211.html (letzter Zugriff: 15.06.2017).
27.
http://www.islamische-theologie.uni-osnabrueck.de/studium/studiengaenge/islamische_theologie_ma.html.
28.
In Hessen wurde das Budget ständig erhöht und 2016 im Schnellverfahren ausgesuchte und ausgebildete Seelsorger in unterschiedlichem Umfang (2–38h/Woche) angestellt. In Baden-Württemberg wurden Seelsorger-Bewerber vom "Mannheimer Institut" zunächst für Krankenhausseelsorge aus- und dann für die Gefängnisse fortgebildet. Die Gefängnisse sind nun in Verhandlung mit der Landesregierung und sondieren den Bedarf. In Niedersachsen wurde mit der Schura (dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss von vielen Moscheegemeinden und Vereinen) ein Vertrag zur Versorgung der Gefängnisse mit Seelsorgern geschlossen. Die Vergütung soll aber 12 Euro/Monat und 144 Euro/Jahr nicht überschreiten. Das ist keine dauerhafte Lösung. In Nordrhein-Westfalen wurden noch 2016 fast alle Seelsorger von der DITIB entsandt und bezahlt. Sie besuchen in einem zeitlich sehr geringen Umfang (meist nicht mehr als eine Stunde pro Woche) die JVAs und sind meistens der deutschen Sprache nicht mächtig. In Bayern, wo die meisten Gefährder einsitzen, hat man sehr schnell ein Budget von 200.000 Euro bereitgestellt und sucht nun Seelsorger. In Berlin ist ein Projekt gescheitert, als man nach einer langen Ausbildung feststellte, dass einige der Ausgebildeten ideologische Nähe zu Salafisten hatten. Nun gibt es einen neuen Anlauf. Außerdem gibt es auch noch keine verbindlichen Standards für die Ausbildung.
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Autor: Husamuddin Meyer für bpb.de
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