Herausforderung Salafismus

22.6.2018 | Von:
Götz Nordbruch

Videos und soziale Medien: Prävention im Internet

Reichweite dschihadistischer Inhalte ist zurückgegangen

Staatliche Maßnahmen zielten in den vergangenen Jahren vor allem darauf, die Angebotsseite dieses Phänomens in den Griff zu bekommen. Dabei ging es – ähnlich wie im Zusammenhang mit Hate speech und Fake news – vor allem darum, die Betreiber von sozialen Netzwerken zum Löschen von strafrechtlich relevanten Inhalten dschihadistischer Medien zu verpflichten.[4] Tatsächlich ist es den Betreibern mittlerweile gelungen, deren gewaltverherrlichende Inhalte weitgehend aus den Angeboten von Youtube, Twitter oder Facebook zu verbannen.

Die martialischen Videos von dschihadistischen Organisationen, in denen zum Kampf gegen die "Ungläubigen" aufgerufen wird, werden heute vor allem über Messengerdienste wie Telegram verschickt. Anders als noch zur Hochzeit des sogenannten Islamischen Staates in den Jahren 2015 und 2016 ist die Reichweite dieser Videos damit deutlich zurückgegangen.

Diese Entwicklung ist auch auf die militärischen Niederlagen des "IS" in Syrien und Irak zurückzuführen, denn diese haben die Möglichkeiten der Terrormiliz im Bereich der Medienproduktion und der Durchführung von Online-Aktivitäten geschwächt. Seit Ende 2017 und mit dem Verlust von Raqqa als Hauptstadt des "IS" ist die Zahl der Beiträge und Videos, die von "IS"-nahen Akteuren veröffentlicht wurden, spürbar zurückgegangen.[5]

Warum sind salafistische Narrative für Jugendliche attraktiv?

In der Präventionsarbeit gegen religiös begründeten Extremismus steht die Auseinandersetzung mit der Angebotsseite salafistischer Ansprachen – beispielsweise durch das Löschen entsprechender Inhalte – nicht im Vordergrund.[6] Schließlich lassen sich Radikalisierungsprozesse einzelner Personen nicht allein damit erklären, dass diese von Akteuren aus dem salafistischen Spektrum angesprochen und in die Szene hineingezogen würden (dies wird auch als "cyber-grooming" bezeichnet, in Anlehnung an den Begriff für die Ansprache Minderjähriger im Internet durch Erwachsene zur Anbahnung sexueller Kontakte).

Wichtiger ist die Frage, warum sich Jugendliche und junge Erwachsene diesen Angeboten aus freien Stücken zuwenden. Der Grund dafür, dass salafistische Ansprachen attraktiv wirken, liegt dabei weniger in der Kunst der Manipulation als in den konkreten Angeboten, die den Bedürfnissen und Interessen von Jugendlichen entsprechen. Es werden lebensweltliche Fragen aufgegriffen, deren Beantwortung für die Jugendlichen oftmals eine Herausforderung darstellt. Auf diese Fragen geben die Angebote ebenso einfache wie rigide Antworten. Sie wirken unter anderem attraktiv, weil sie auf diese Weise Orientierung bieten.

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Forschungsbefunde zu Radikalisierungsfaktoren

Warum schließen sich junge Menschen gewaltorientierten islamistischen Gruppierungen an?
Ein Überblick über den Stand der Forschung.


Problematisch sind allerdings nicht allein die originalen Inhalte, die von salafistischen Akteuren selbst verbreitet werden, sondern auch die Reaktionen und Beiträge anderer Nutzerinnen und Nutzer in den sozialen Medien, welche die entsprechenden Narrative reproduzieren und verstärken.

Hierzu gehören unter anderem der Anspruch auf absolute Wahrheit in religiösen Fragen, die Abwertung von anderen sowie die Ablehnung von Pluralismus und unterschiedlichen Lebensweisen. Diese Botschaften, die sich nicht auf das salafistische Spektrum beschränken, sondern sich auch in Medien anderer extremistischer Strömungen wiederfinden, befördern religiös-extremistische Orientierungen und gesellschaftliche Konflikte.

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Medienpädagogische Materialien

Für die pädagogische Auseinandersetzung mit Propaganda, Hate Speech und anderen problematischen Inhalten existieren Handreichungen, zum Beispiel "Salam-Online" vom Zentrum für Islamische Theologie Münster.
Mehr in der Übersicht "Pädagogische Materialien für die Praxis".

Die Diskussion über Gegennarrative

Der Begriff der Gegennarrative ("Counter-narratives") steht für Bemühungen, der Wirkung dieser Narrative auf inhaltlicher Ebene zu begegnen.[7] Dabei beschränkten sich erste Ansätze häufig auf staatliche Initiativen, die auf eine Widerlegung und Delegitimierung von extremistischen Botschaften abzielten. So startete die französische Regierung im Januar 2015 die Online-Kampagne Stop Djihadisme, welche die Videobotschaften des "IS" mit Verweis auf dessen Gewalttaten diskreditieren sollte.

Kritikerinnen und Kritiker dieses Ansatzes betonen das Glaubwürdigkeitsproblem, das fast zwangsläufig mit staatlich getragenen Gegennarrativen verbunden ist. Demnach erscheine die französische Regierung vor dem Hintergrund der eigenen Außen- und Innenpolitik schlicht nicht glaubwürdig, wenn sie den sogenannten Islamischen Staat kritisiere und die Werte von Demokratie und Menschenrechten hochhalte.[8]

Fußnoten

4.
Deutscher Bundestag, Kontroverse um Gesetzentwurf gegen Hasskriminalität im Internet, 19. Mai 2017, www.bundestag.de
5.
Charlie Winter, Inside the collapse of Islamic State’s propaganda machine, www.wired.co.uk, 20. Dez. 2017.
6.
Vgl. dazu Sally Hohnstein und Michaela Glaser, Wie tragen digitale Medien zu politisch-weltanschaulichem Extremismus im Jugendalter bei und was kann pädagogische Arbeit dagegen tun? Ein Überblick über Forschungsstand, präventive und intervenierende Praxis im Themenfeld, in: Sally Hohnstein und Maruta Herding (Hrsg.), Digitale Medien und politisch-weltanschaulicher Extremismus im Jugendalter. Erkenntnisse aus Wissenschaft und Praxis, Halle: Deutsches Jugendinstitut, 2017, S. 248ff.
7.
Zur Diskussion um den Begriff der "Gegen-Narrative" vgl. Diana Rieger, Lena Frischlich, Anna Morten, Gary Bente (Hrsg.): Videos gegen Extremismus? Counter-Narrative auf dem Prüfstand, Wiesbaden: Bundeskriminalamt 2017, S. 51ff.
8.
Vgl. u.a. Romain Mielcarek, Stop Djihadisme, essai de contre-propagande made in France, www.huffingtonpost.fr, 29. Jan. 2015.
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Autor: Götz Nordbruch für bpb.de
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