Herausforderung Salafismus

22.6.2018 | Von:
Götz Nordbruch

Videos und soziale Medien: Prävention im Internet

Eine mögliche Antwort auf das Glaubwürdigkeitsproblem von Gegennarrativen findet sich in den Ansätzen, die vom Institute for Strategic Dialogue für den englischsprachigen Raum entwickelt wurden. In Videos, die auf Youtube-Kanälen veröffentlicht wurden (u.a. "Abdullah-X", "Average Mohamed"), setzen sich Muslime und Musliminnen mit zentralen Inhalten der salafistischen Ideologie auseinander – beispielsweise dem Verständnis des Dschihads oder der Scharia – und stellen diesen positive Botschaften gegenüber, welche die Macherinnen und Macher der Videos mit dem Islam verbinden.[9]

Als innerislamische Stimmen, die die Glaubensinhalte des "IS" kritisieren, verfügen sie über eine größere Glaubwürdigkeit als vermeintlich neutrale Kritikerinnen und Kritiker, die unmittelbar mit pädagogischen oder gar sicherheitspolitischen Interessen in Verbindung gebracht werden. Um die Sichtbarkeit dieser Videos zu erhöhen und gezielt jene Personen zu erreichen, die aufgrund von bestimmten Interessen und Suchbegriffen als besonders gefährdet erscheinen, wurden die Videos mithilfe kostenpflichtiger Marketingtools im Internet verbreitet.[10]

Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum

Im deutschsprachigen Raum stehen die Videos der "Datteltäter" für einen Ansatz, der auch wegen der besonderen Glaubwürdigkeit der Darstellerinnen und Darsteller ein großes Publikum erreicht. Als mehrheitlich muslimische Gruppe setzen sich die "Datteltäter" satirisch mit verschiedenen Aspekten des Salafismus auseinander und stellen diesen positive Botschaften über den Alltag von Musliminnen und Muslimen in Deutschland gegenüber.

Auch in den "Museltoonz"-Videos, die auf Youtube erschienen sind, spielt diese innerislamische Perspektive eine wichtige Rolle. Die Animationsvideos des islamischen Theologen Ali Ghandour wenden sich gegen die Deutungshoheit salafistischer Akteure und präsentieren alternative Lesarten von Begriffen wie Scharia oder Dschihad.[11]

Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Videos aus der Reihe "#whatIS", die von der Bundeszentrale für politische Bildung in Zusammenarbeit mit bekannten Youtuberinnen und YouTubern wie Hatice Schmidt oder LeFloid produziert wurden. In diesen Videos geht es nicht vorrangig darum, Musliminnen und Muslime selbst zu Wort kommen zu lassen, sondern die Popularität von prominenten Youtuberinnen und YouTubern zu nutzen, um ein weiteres jugendliches Publikum mit alternativen Narrativen über den Islam zu erreichen.[12]

Im Unterschied zu diesen Videos, in denen die Deutungsvielfalt in Bezug auf religiöse Fragen im Mittelpunkt steht, setzen andere Projekte vor allem auf die Darstellung persönlicher Erlebnisse und Erfahrungen, um eine Auseinandersetzung mit den Hintergründen und Folgen einer Hinwendung zu extremistischen Szenen anzuregen. So finden sich unter dem Namen "Jamal al-Khatib" auf Youtube und Facebookeinzelne Videos und Kommentare eines fiktiven Aussteigers aus der dschihadistischen Szene, die von einer Gruppe junger Musliminnen und Muslime in Zusammenarbeit mit Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiten in Österreich produziert wurden. Die Kanäle wurden im Rahmen einer Online-Kampagne beworben, mit der Jugendliche für mögliche Ansprachen von dschihadistischen Akteuren sensibilisiert werden sollten. Auch zu dieser Kampagne wurden Lernmaterialien entwickelt, die sich im Unterricht nutzen lassen.[13]

Die präventive Wirkung solcher Videos wurde in einzelnen Studien grundsätzlich bestätigt, wobei insbesondere die Wirksamkeit von "indirekten Ansätzen" herausgehoben wird, in denen es nicht um die Erwiderung konkreter extremistischer Inhalte geht, sondern um eine Bestärkung positiver demokratischer und pluralistischer Narrative ("alternative Narrative").[14]

Fußnoten

9.
Tanya Silverman, Christopher J. Stewart, Zahed Amanullah, Jonathan Birdwell, The Impact of Counter-Narratives. Insights from a year-long cross-platform pilot study of counter-narrative curation, targeting, evaluation and impact, London: Institute for Strategic Dialogue, 2016.
10.
Vgl. auch die Projekte "The Redirect Method" und "Moonshot CVE", die u.a. das Google Adwords-Tool nutzen, um Personen mit Online-Inhalten zu erreichen, bei denen aufgrund von bestimmten Suchbegriffen ein Interesse für den Islamischen Staat vermutet wird: https://redirectmethod.org und http://moonshotcve.com.
11.
Auch das Livestream-Format "Tee-Oh-Loge", das Ghandour auf seinem Facebook-Profil anbietet, lässt sich im weiteren Sinne als Präventionsansatz verstehen. Ghandour widmet sich hier unterschiedlichen theologischen Fragen, die er mit jugendkulturellen Themen verbindet.
12.
Die Videos sind Teil des Webformats "Begriffswelten Islam", die auch für die Nutzung im Unterricht gedacht sind. Unterrichtsmaterialien zum Thema finden Sie auch in der Handreichung Zentrum für Islamische Theologie Münster, "Salam-Online. Unterrichtsmaterialien zu Online Hate Speech und Islam", Münster: Zentrum für Islamische Theologie Münster 2017.
13.
https://www.beratungsstelleextremismus.at/wp-content/uploads/2018/03/Jamal_al_Khatib_paedagogisches_Paket.pdf. Vgl. auch die Videos von Aussteiger_innen, Angehörigen und Opfern rechtsextremer und dschihadistischer Szenen, die Rahmen des Projektes "Extreme Dialogue" des Institute for Strategic Dialogue erstellt worden: http://extremedialogue.org/.
14.
Diana Rieger, Lena Frischlich, Anna Morten, Gary Bente (Hrsg.): Videos gegen Extremismus? Counter-Narrative auf dem Prüfstand, Wiesbaden: Bundeskriminalamt 2017, S. 235.
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Autor: Götz Nordbruch für bpb.de
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Thumbnail des Videos "Umma" zum YouTube-Projekt "Bildwelten Islam"
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