Herausforderung Salafismus

2.7.2018 | Von:
Dr. Michael Kiefer

Gute Praxis in der Extremismusprävention und in der Programmgestaltung – Kommentar von Michael Kiefer

Aus der Sicht der Jugendhilfe kommentiert Michael Kiefer die 20 Thesen zur guten Praxis in der Extremismusprävention, die auf der Grundlage von Praxiserfahrungen, Forschungsergebnissen und verschiedenen Expertenrunden von Milena Uhlmann (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) und Dr. Harald Weilnböck (cultures interactive e. V.) formuliert wurden. Sie sollen als Impuls für die Diskussion darüber dienen, was gute Praxis in der Extremismusprävention ausmacht. Die Thesen wurden erstmals 2017 bei einer Tagung der bpb in Mannheim vorgestellt.


Was ist gute Praxis in der Extremismusprävention und Programmgestaltung? Diese Frage lässt sich nur profund beantworten, wenn der Begriff der Praxis umfassend zur Darstellung gebracht wird. Bereits hier ergeben sich erste Schwierigkeiten. Denn es ist keinesfalls verbindlich festgelegt, wo präventive Praxis beginnt und wo sie aufhört.

In Deutschland wird die Praxis der Radikalisierungsprävention häufig in einer Trias abgebildet, die sich von der universellen über die selektive bis zur indizierten Prävention erstreckt. Unterscheidungsmerkmal ist hierbei eine mehr oder weniger ausgeprägte Zielgruppenspezifik. Während die universelle Prävention sich an alle richtet und sich im Wesentlichen als ein Empowerment begreift, richtet sich die selektive und indizierte Prävention an Gruppen oder Individuen, die im ersten Fall Gefährdungsmerkmale aufweisen und im zweiten Fall manifeste Problemlagen erkennen lassen. Geht man von dieser Trias aus, zeigt sich zunächst in der universellen Prävention eine Abgrenzungsproblematik. Denn nahezu alles, was in Jungendhilfe und Schule getan wird, kann als präventive Maßnahme deklariert werden.

So kann zum Beispiel ein außerschulisches Sportangebot für Jugendliche als lediglich gesundheitsfördernde und Spaß bereitende Ertüchtigung betrachtet werden. Möglich sind aber auch präventive Motive, die zum Beispiel auf eine Verbesserung des Sozialverhaltens in werteplural orientierten Gruppen zielen. Abgrenzungsprobleme stellen sich ferner am anderen Ende der Trias. Hier findet sich das Feld der Deradikalisierung. Die Praxis in diesem Handlungsfeld umfasst unter anderem Interventionen, die Klienten mit manifester Radikalisierung betreffen. Ein Klassiker ist hier die Resozialisierungsarbeit mit ehemaligen Inhaftierten. In der fachlichen Diskussion gibt es derzeit keine Einigkeit darüber, ob die Deradikalisierungsarbeit noch unter dem Begriff der Prävention firmieren kann.

Bereits diese wenigen Beispiele zeigen, dass der Begriff "Praxis" im Kontext der Radikalisierungsprävention an den Rändern erhebliche Unschärfen aufweist. Erschwerend hinzu kommen die Bandbreite der Handlungsfelder und die Pluralität der professionellen Akteure. Diese reicht von ehrenamtlich tätigen Akteuren in den Sportvereinen bis hin zu Deradikalisierungsspezialisten im Verfassungsschutz. Angesichts dieser Sachlage ist es kaum möglich, von "der" guten Praxis in einem monolithischen Sinne zu sprechen. Die Thesen von Milena Uhlmann und Harald Weilnböck berücksichtigen diesen Sachverhalt nicht und verzichten leider auf eine genauere Beschreibung ihres Praxisbegriffs. Es bleibt damit ein wenig unklar, an wen sich die Thesen richten.

In der Präventionsarbeit gelten Grundprinzipien wie in anderen Bereichen

Die Autorin und der Autor der Thesen verfügen auf der Grundlage ihrer langjährigen beruflichen Praxis über ein hohes Maß an Sachkompetenz und Überblick, und es ist daher nicht verwunderlich, dass die Thesen überwiegend wohl durchdachte und pointiert formulierte Prinzipien der Extremismusprävention umfassen.

Einigen Prinzipien kann man vorbehaltlos zustimmen. So heißt es in der ersten These: "Vertrauensbildung, Respekt, Verbindlichkeit, Glaubwürdigkeit und Authentizität sind das Nonplusultra in der Präventionsarbeit für zivilgesellschaftliche und behördliche Akteure." Wer würde hier widersprechen? Präventionsakteure, die diese Merkmale nicht aufweisen, werden junge Menschen mit Sicherheit nicht erreichen können. Diese Prinzipien gelten übrigens nicht nur in der Extremismusprävention. Sie sind vielmehr in der gesamten sozialarbeiterischen Praxis gültig.

Uneingeschränkten Zuspruch findet auch die dritte These, die darlegt, dass der Schwerpunkt in der Extremismusprävention auf emotionalem und sozialem Lernen und weniger auf kognitivem Lernen liegen sollte. Gerade hier geht es viel um Befindlichkeiten junger Menschen wie Angst, Diskriminierungserfahrungen, Traumata, Gewalterfahrungen usw., die leider in Schule und Jugendhilfe häufig nicht ausreichend Berücksichtigung finden.

Ebenfalls Zustimmung findet die sechste These: "Gute Präventionsarbeit lenkt den Blick von Defiziten auf Ressourcen." Diesen Leitsatz kann man nicht oft genug wiederholen. Wer Jugendliche als Problemträger anspricht, verstärkt Frust und schürt die Furcht vor weiterem Scheitern. Auch hier kann konstatiert werden, dass große Bereiche der Jugendhilfe schon seit geraumer Zeit Ressourcenorientierung als eine Maxime pädagogischen Handelns betrachten.

Freiwilligkeit: Wünschenswert, aber nicht immer praktikabel

Durchaus kritisch zu betrachten ist die zweite These. Hier heißt es: "Freiwilligkeit und ein lebensweltlich orientierter Ansatz sind von zentraler Relevanz für die Umsetzbarkeit von Präventionsprogrammen." Diese These greift meines Erachtens zu kurz. Ein Blick in die pädagogische Praxis in Schule und Jugendhilfe zeigt, dass nicht in allen Handlungsbereichen für Klienten vollumfänglich Freiwilligkeit gegeben ist. Dies ist z. B. der Fall, wenn ein Schüler mit antisemitischen Äußerungen im Unterricht aufgefallen ist und anschließend vom Schulleiter zum Schulsozialarbeiter geschickt wird. Sofern der Schüler weitere Sanktionen vermeiden will, muss er an diesem Gespräch teilnehmen. Ein noch eindeutigerer Zwangskontext besteht, wenn Jugendliche aufgrund gerichtlicher Auflagen an Beratungsgesprächen teilnehmen müssen.

Derartige Situationen, die durch ein Auftragsdreieck (Richter, Berater, Klient oder Schulleiter, Berater, Klient) gekennzeichnet sind, gehören ohne jede Frage zum pädagogischen Alltag. Dies gilt auch für weite Bereiche der sekundären Extremismusprävention. Klienten kommen in solchen Situationen in der Regel nicht freiwillig. Die hohe Kunst des Beratens besteht darin, den jugendlichen Beratungsnehmenden zu motivieren, einen Auftrag zu formulieren. Die Auftragsbeziehung kann in Anlehnung an Conen und Cecchin[1] mit der Frage beschrieben werden: "Wie kann ich Ihnen helfen, mich wieder loszuwerden?" Die Beispiele zeigen, dass Zwangs- oder Pflichtkontexte durchaus Teil einer Extremismusprävention sein können.

Reguläre Strukturen müssen gestärkt werden

Am Schluss soll noch kurz benannt werden, was in diesen Thesen fehlt. Die Trias der Radikalisierungsprävention (primär, sekundär und tertiär) entwickelt sich immer mehr zu einem gänzlich eigenständigen Sonderbereich zivilgesellschaftlichen Handelns. Der Regelbereich kommt nicht oder nur unzureichend vor. Genau dies ist zu kritisieren.

Will man es überspitzt formulieren, ist zwischenzeitlich eine Redundanzstruktur zu den regulären Hilfestrukturen entstanden, zu denen insbesondere die Jugendhilfe und die Schule zu zählen sind. Allerorten gibt es nun Projekte und Maßnahmen, in denen sich mit Radikalisierung und Radikalisierten befasst wird. Leider gibt es in diesem Bereich oftmals keine Standards, die zum Beispiel Qualifikationsmerkmale für die Akteure, ausgewiesene Methoden und die Beachtung der gültigen Bestimmungen des SGB VIII - hier ist insbesondere die Kindeswohlgefährdung zu nennen - festschreiben. Daher kann es mitunter vorkommen, dass Berater beraten, die das Beraten nicht erlernt haben. Oder man schickt Theologen ins Feld, die mit religiösen Botschaften Fehlentwicklungen korrigieren sollen, die vielleicht gar nicht durch Religion verursacht wurden.

Wer eine wirksame und nachhaltige Prävention möchte, muss vor allem in der Lebenswelt der Menschen präsent sein, die Gefahr laufen, sich zu radikalisieren oder bereits radikalisiert sind. Wichtig sind daher vor allem die Menschen, die einen alltäglichen Umgang mit den zumeist jungen Schützlingen pflegen. Das sind auf der Mikroebene die Eltern, Geschwister, Peers und auf der Mesoebene Lehrkräfte, Sozialarbeiterinnen, Trainer usw. Sie sind Teil des Alltags und damit sind sie wirksam, wenn es darum geht Wertschätzung, Orientierung und Reflektion zu vermitteln.

Fußnoten

1.
Conen, Marie-Luise; Cecchin, Gianfranco, Wie kann ich Ihnen helfen, mich wieder loszuwerden? Therapie und beratung mit unmotivierten Klienten in Zwangskontexten, 5. Auflage, Heidelberg 2016.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Dr. Michael Kiefer für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Thumbnail des Videos "Umma" zum YouTube-Projekt "Bildwelten Islam"
Webvideoformate

Begriffswelten Islam

Im Rahmen von Webvideo-Formaten kooperiert die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb mit YouTuberinnen und YouTubern, die sich aus einem persönlichen Interesse heraus mit den in Deutschland geführten Islamdiskursen auseinandersetzen wollen.

Mehr lesen

Veranstaltungsdokumentation (Februar 2018)

Mit Gewalt ins Paradies (Schwerin, Februar 2018)

Mit immer neuen Handelnden im Feld steigt auch der Bedarf nach der Vermittlung von Ansatzpunkten für Prävention. Der Fachtag in Schwerin war ein Ausgangspunkt für diesen Wissenstransfer. Den ganzen Tag über standen Chancen und Grenzen der Radikalisierungsprävention im Fokus der Diskussion.

Mehr lesen

Der Islamist Metin Kaplan in Bonn, 7. Februar 1999. Kaplan wurde nach seiner Inhaftierung in Deutschland in die Türkei abgeschoben. Dort wurde er am 20. Juni 2005 zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.
Dossier

Islamismus

Seit 9/11 hat ein Wort Hochkonjunktur: Islamismus. Wer sind seine Wortführer? Welche Ziele verfolgen sie? Das Dossier führt ein in Vergangenheit und Gegenwart der extremistischen Herrschaftstheorie, die die Welt des 21. Jahrhunderts vor große Herausforderungen stellt.

Mehr lesen

Material für die Verlinkung des Infodienstes Radikalisierungsprävention

Sie möchten den Infodienst Radikalisierungsprävention verlinken? Diese Textbausteine und Grafiken können Sie dafür verwenden.

Mehr lesen