Herausforderung Salafismus

15.10.2018 | Von:
Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus

Gute Praxis in der Extremismusprävention und in der Programmgestaltung – Kommentar der Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus

Aus der Sicht zivilgesellschaftlicher Träger der Extremismusprävention kommentiert die Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus (BAG RelEx) die 20 Thesen zur guten Praxis in der Extremismusprävention, die auf der Grundlage von Praxiserfahrungen, Forschungsergebnissen und verschiedenen Expertenrunden von Milena Uhlmann (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) und Dr. Harald Weilnböck (cultures interactive e. V.) formuliert wurden. Sie sollen als Impuls für die Diskussion darüber dienen, was gute Praxis in der Extremismusprävention ausmacht. Die Thesen wurden erstmals 2017 bei einer Tagung der bpb in Mannheim vorgestellt.


Aus der Perspektive der Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus (BAG RelEx) können die 20 Thesen grundsätzlich als sinnvolle Grundlagen für gute Praxis und zur Programmgestaltung herangezogen werden.

Dennoch werden wir an dieser Stelle einige Aspekte der Thesen hervorheben, da die damit einhergehenden Annahmen, Konzepte und Methoden guter Praxis unter den Mitgliedern der BAG RelEx aufgrund unterschiedlicher Ziele und Herangehensweisen zum Teil noch diskutiert werden. Zudem fällt in der Praxis eine klare Unterscheidung von Präventions-, Distanzierungs- und Deradikalisierungsarbeit oft schwer.

Prinzipien in der Präventions-, Distanzierungs- und Deradikalisierungsarbeit


These 1: Vertrauensbildung, Respekt, Verbindlichkeit, Glaubwürdigkeit und Authentizität sind das Nonplusultra in der Präventionsarbeit für zivilgesellschaftliche und behördliche Akteure.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus (BAG RelEx) kann ebenso wie Harald Weilnböck und Milena Uhlmann nur betonen, dass Vertrauensbildung, Respekt, Verbindlichkeit, Glaubwürdigkeit und Authentizität notwendige Voraussetzungen für erfolgreiche Präventionsarbeit in allen drei Bereichen sind (Präventions-, Distanzierungs- und Deradikalisierungsarbeit). Nur eine Begegnung auf Augenhöhe eröffnet die Möglichkeit, über persönliche Überzeugungen und Einstellungen zu sprechen.

Um ein Beispiel zu nennen: Ein wichtiger Bestandteil in unterschiedlichen Formaten der Präventionsarbeit ist die Ermöglichung von Perspektivwechseln. Unterschiedliche Perspektiven können von Klientinnen und Klienten oder Teilnehmenden eines Präventionsworkshops nur eingenommen werden, wenn ihre eigene Perspektive ebenfalls Raum erhält und sie nicht belehrt oder vorgeführt werden. Mit menschenfeindlichen Äußerungen seitens der Klientinnen und Klienten in Begegnungssituationen umzugehen, stellt eine besondere Herausforderung für Praktikerinnen und Praktiker der Präventionsarbeit dar, da sie angemessen und mit einer klaren Haltung reagieren müssen, ohne zu belehren oder zu strafen.

These 2: Freiwilligkeit und ein lebensweltlich orientierter Ansatz sind von zentraler Relevanz für die Umsetzbarkeit von Präventionsprogrammen.

Die Freiwilligkeit ist ebenso wie ein lebensweltlich orientierter Ansatz sehr relevant, um die Menschen "dort abzuholen, wo sie stehen". Gleichfalls soll hier aber kein ausdrückliches Plädoyer gegen Zwangskontexte gehalten werden. Erfahrungsgemäß lassen sich nach Aussagen von teilnehmenden Klientinnen und Klienten auch in Zwangs- und Pflichtkontexten positive Wirkungen erzielen. Zum Beispiel, wenn in Schulen nach menschenfeindlichen Vorfällen Jugendliche zu Maßnahmen wie Schulungen, Projekttagen oder Workshops verpflichtet werden und sie sich im Anschluss positiv über die Durchführung und die Ergebnisse äußern. Auch hier ist es sehr wichtig, die unter These 1 genannten Bedingungen zu erfüllen beziehungsweise eine entsprechende Atmosphäre zu schaffen.

These 3: In der Extremismusprävention liegt der Schwerpunkt auf emotionalem und sozialem Lernen, weniger auf kognitivem Lernen.

Der These 3 soll an dieser Stelle teilweise widersprochen werden. Zwar sind emotionales und soziales Lernen in Präventionsmaßnahmen absolut notwendig. Aber ebenso sinnvoll und notwendig ist kognitives Lernen. Vereinfacht gesagt: Wissen kann nie schaden. Zum Beispiel kann Wissen über die Folgen bestimmter Denk- und Handlungsweisen in der (jüngeren) Geschichte bei einer ideologischen Distanzierung hilfreich sein oder eben verhindern, dass sich ein Mensch weiter radikalisiert.

Bereits Adorno schrieb in "Erziehung nach Auschwitz": "Wenn rationale Aufklärung auch – wie die Psychologie genau weiß – nicht geradewegs die unbewussten Mechanismen auflöst, so kräftigt sie wenigstens im Vorbewusstsein gewisse Gegeninstanzen und hilft ein Klima bereiten, das dem Äußersten ungünstig ist." (Adorno 1973 ). Erfahrungsgemäß bietet es sich an, affektive Lehr- und Lernmethoden anzuwenden, um auch den Zugang zum Kognitiven zu eröffnen.

Die Kenntnis von, das Bewusstsein für und der Einbezug von politischen Debatten, Mediendiskursen und des aktuellen gesellschaftlichen Klimas sind für die Präventionsarbeit unabdingbar. Dazu gehört auch das Wissen um mögliche Faktoren, die eine Radikalisierung begünstigen können, wie zum Beispiel soziale Ungleichheit, (antimuslimischer) Rassismus, persönliche Krisen, Erfahrungen des Scheiterns, Ablehnung oder Diskriminierungserfahrungen.

These 5: Narrativ-erzählenden Ansätzen – als Ausdruck von persönlich erlebter Erfahrung – ist zunächst der Vorzug gegenüber argumentativen Ansätzen zu geben.

Der These kann mit Einschränkung zugestimmt werden: Argumentative Ansätze sollten mit narrativ-erzählenden Ansätzen kombiniert werden. Persönliche Erfahrungsschilderungen können bei Zuhörerinnen und Zuhörern authentisch wirken und erhöhen somit die Wahrscheinlichkeit, dass das Erzählte angenommen und verarbeitet wird. Jedoch nehmen Menschen Erzählungen auch in unterschiedlicher Weise auf und es gibt Menschen, die eher argumentativ überzeugt werden möchten. Persönliche Erfahrungen sind notwendigerweise subjektiv und in der Regel zufällige Ereignisse. Es erscheint deshalb als sinnvoll, narrativ-erzählende Ansätze stets auch mit argumentativen Ansätzen zu kombinieren. Selbstverständlich können Argumente polarisieren, was aber auch für narrative Ansätze nicht ausgeschlossen werden kann. Auch hier müssen die in These 1 genannten Voraussetzungen stets gegeben sein.

These 6: Gute Präventionsarbeit lenkt den Blick von Defiziten auf Ressourcen.

Der These 6 ist unbedingt zuzustimmen, weil ressourcenorientierte Herangehensweisen Handlungs- und Lösungsmöglichkeiten eröffnen und im Gegensatz zur Betonung von Defiziten nicht stigmatisierend und ausgrenzend wirken.

These 8: Gender-Themen haben im Extremismus eine Schlüsselfunktion – und müssen auch in der Prävention vorrangig bearbeitet werden.

Der These kann zugestimmt werden, jedoch sollten andere gesellschafts- und persönlichkeitsstrukturierende Merkmale und Aspekte nicht außer Acht gelassen wurden. Die Genderthematik besitzt eine gewisse Schlüsselfunktion, da Ansprachen von Extremistinnen und Extremisten an den potenziellen Nachwuchs durchaus geschlechtsspezifisch ausgerichtet sind. Jedoch sind Ansprachen auch an den jeweiligen sozialen Hintergrund und das soziale Milieu angepasst. Zudem werden häufig Rassismuserfahrungen bei potenziellen Anhängerinnen und Anhängern in vielen Gesprächen thematisiert, um sie auch damit an die Gruppe zu binden. Interessant wären in diesem Zusammenhang Forschungsergebnisse dazu, welche Themen in welcher spezifischen Form angesprochen werden und sich an Merkmalen wie Gender, Geschlecht, aber auch an ethnisierten Herkunftskontexten, ethnisierten Identitätskonstruktionen oder an sozialen Milieuzugehörigkeiten orientieren. Mit anderen Worten: Andere Aspekte wie etwa Rassismus oder soziale Herkunft dürfen bei der Analyse und schließlich in der Praxis der Prävention nicht aus dem Blick geraten, da diese auch explizit in den Ansprachen auftauchen.

These 9: Präventionsmaßnahmen müssen lokale Strukturen einbeziehen und den Kontext der Durchführung miteinbeziehen sowie auf die Expertise angrenzender Fachbereiche zurückgreifen.

Werden in unterschiedlichen Settings lokale Strukturen einbezogen, können erfahrungsgemäß negative Wirkungen vermieden werden. Insofern kann der These zugestimmt werden. Diese regionalen und lokalen Begebenheiten und Strukturen sollten auch in die Maßnahmen einfließen, sowohl in der Planungsphase als auch in der Durchführungs- sowie Auswertungsphase. Die Zusammenarbeit und Vernetzung einer Vielzahl von Akteurinnen und Akteuren auf kommunaler und Landesebene – wie Schulen, Jugendhilfeträger, außerschulische Bildungsträger, Sport- und Kulturvereine, Gemeinden oder Polizei – sind wichtig für eine sinnvolle und erfolgsversprechende Präventions- und Distanzierungsarbeit. Zum einen sind die Akteure gleichzeitig Expertinnen und Experten für die Strukturen vor Ort und zum anderen werden erfahrungsgemäß Klientinnen und Klienten besser erreicht, wenn man ihr persönliches Erfahrungs- und Lebensumfeld in Maßnahmen miteinbezieht.

These 11: Nachhaltige (vor allem sekundäre und tertiäre) Prävention lässt sich nur im Rahmen einer direkten, persönlichen (Arbeits-)Beziehung bewirken – Medienprodukte und Internet können hier lediglich unterstützende Elemente darstellen

Die These 11 stellt ebenso ein sehr wichtiges Prinzip dar. Nachhaltigkeit kann nur durch eine langfristige Begleitung der betroffenen Personen erreicht werden, welche die von Uhlmann und Weilnböck in den Thesen genannten Prinzipien der Präventions-, Distanzierungs- und Deradikalisierungsarbeit beachtet.

Prinzipien in der Politik- und Programmgestaltung


These 12: Gute Politik- und Programmgestaltung wird tunlichst nicht auf nur eine Form von gewaltbereitem Extremismus Bezug nehmen, sondern stets zwei oder mehrere einschlägige Phänomenbereiche zusammen im Blick haben.

Phänomenübergreifende Ansätze in der Politik- und Programmgestaltung sind sinnvoll. Gleichzeitig müssen Unterschiede und Spezifika der Phänomenbereiche berücksichtigt werden, und es muss eine sachliche Auseinandersetzung darüber stattfinden, ohne die Präventionsarbeit in verschiedenen Phänomenbereichen gegeneinander auszuspielen oder politisch zu instrumentalisieren.

Eine angemessene, realistische Politik- und Programmgestaltung vermeidet Stigmatisierungen. Hier sollten Überlegungen angestellt werden, ob nicht – statt einer Einteilung in Phänomenbereiche – eine Orientierung an Konzepten, wie zum Beispiel Hasskriminalität, lohnenswert wäre. So könnte etwa die Bekämpfung von Antisemitismus zum Gegenstand von Präventionsarbeit werden, ohne starr einem Phänomenbereich ("Rechts" / "Links" / "Islamistisch") zugeordnet zu werden. Darüber hinaus verhindert die Einteilung und Fokussierung auf extremistische "Ränder der Gesellschaft" häufig, den Antisemitismus und andere Formen der Menschenfeindlichkeit in der sogenannten "Mitte der Gesellschaft" angemessen zu thematisieren.

These 13: Der beständigen Verführung, die Themen von Extremismus und Prävention für parteipolitische Strategien zu missbrauchen, muss nachdrücklich vorgebeugt werden.

Die Bedrohung durch antidemokratische Phänomene muss ernsthaft, sachlich und nachhaltig angegangen werden. Politische Instrumentalisierungen und Stigmatisierungen fördern Radikalisierungsprozesse in der Gesellschaft und tragen nicht dazu bei, die herrschende Polarisierung zu mindern oder gar zu überwinden.

Die Politikerinnen und Politiker, die Mitglieder der demokratischen Parteien und alle an Menschenrechten orientierten Individuen und Gruppen der Gesellschaft müssen sich fragen, warum demokratische Systeme weltweit an Zustimmungswerten verlieren, antidemokratische und nationalistische Tendenzen Auftrieb erhalten und warum Menschenrechte und grundlegende Werte mit Füßen getreten werden.

Die aktuellen Flüchtlingsdebatten, der Umgang mit Rassismus in der Gesellschaft, die Angriffe auf Gender Mainstreaming und auf die Meinungs- und Pressefreiheit – um nur einige Beispiele zu nennen – bedrohen die Demokratie und erschweren Präventionsmaßnahmen.

Die Programmgestaltung muss Möglichkeiten zum Umgang mit diesen Themen finden und zivilgesellschaftliche Träger weiterhin unterstützen und stärken. Dazu gehört auch die Thematisierung gesellschaftlicher Fragen jenseits einer verkürzten Konzentration auf extremistische Phänomene (vgl. These 19: Strategien gegen Radikalisierung in den Extremismus sollten sich nicht nur mit Symptombehandlung befassen).

Politik- und Programmgestaltung müssen auch auf gesellschaftliche Herausforderungen achten, um Phänomene am sogenannten Rand der Gesellschaft besser analysieren und damit zusammenhängende Radikalisierungen verhindern zu können.

Dementsprechend ist auch eine Partnerschaft auf Augenhöhe zwischen zivilgesellschaftlichen Trägern und behördlichen Akteuren und Institutionen notwendig, unter Berücksichtigung der jeweils anderen Rollen, Aufgaben und Zielstellungen (These 15).

Um das erreichen zu können, ist die Integration von Praktikerinnen und Praktikern der Präventionsarbeit in die Programmgestaltung als überaus sinnvoll zu betrachten (These 16). Gleichzeitig muss es dabei einen Austausch geben (These 17), der Vernetzungen sowohl in den jeweiligen Arbeitsbereichen ermöglicht als auch zwischen unterschiedlichen Akteuren, Praktikerinnen und Praktikern sowie Institutionen. Die derzeitigen Förderprogramme ermöglichen eine Netzwerkbildung, ohne die eine Weiterentwicklung der Strategien, Herangehensweisen und Ziele (These 18) nicht möglich ist. Die nachhaltige und langfristige Förderung dieser Strukturen ist notwendig, um bereits Erreichtes nicht zu verlieren.

Letztendlich müssen in der Auseinandersetzung mit Präventionsmaßnahmen eine angemessene Betrachtung, Einschätzung sowie eine "Fehlerkultur" auf allen Seiten etabliert werden (These 20). Präventionsarbeit hat Möglichkeiten und Grenzen. Entgegen vieler Erwartungen können die Auswirkungen individueller und gesellschaftlicher Faktoren bei Individuen, die sich von der Demokratie abwenden, nicht mit Einzelmaßnahmen und ohne ausreichende Unterstützung durch die Politik- und Programmgestaltung behoben werden. Präventionsarbeit ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung und Aufgabe, die von allen Demokratinnen und Demokraten angegangen und verfolgt werden muss.

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