Erinnern. Helfen. Aktiv Sein. Der Initiativenblog Rechtsextremismus.

12.6.2014 | Von:
Eva Prausner

Hilfe, mein Kind ist ein Nazi

Wenn der Sohn oder die Tochter in die rechte Szene abrutscht, ist das für Eltern meist ein echter Schock. Neben der Angst, das eigene Kind zu verlieren, machen sich Schuldgefühle, aber auch Scham breit. Viele fühlen sich außerdem mit dem Problem allein gelassen und wissen nicht, wen sie um Rat bitten können. Unterstützung bietet die Berliner Initiative ElternStärken.

Logo der Initiative "ElternStärken"Logo der Initiative "ElternStärken" (© ElternStärken)
Rechtsextremismus ist unter Jugendlichen "in". Seit junge rechtsextreme Gruppen wie die Autonomen Nationalisten sich nach außen hin hip und modern geben, sind sie für Jugendliche attraktiver denn je. Durch Musik, Kleidung, Websites und Konzerte eröffnen sie eine Erlebniswelt mit großem Unterhaltungswert – rechtsextreme Ideologie und Propaganda inklusive. Wie aber reagiert man, wenn der Sohn beim Mittagessen auf einmal ausländerfeindliche Parolen verbreitet oder die Tochter ihre Freizeit am liebsten auf Nazi-Veranstaltungen verbringt?

Den Eltern rechtsextrem orientierter Jugendlicher Hilfestellung zu geben, ist Schwerpunkt der Arbeit von ElternStärken. Und Hilfe ist in den meisten Fällen dringend nötig, denn die Zugehörigkeit zur rechtsextremen Szene beeinträchtigt das Familienleben und die Eltern-Kind-Beziehung erheblich. Die Gesinnung des Kindes führt zu ständigen Streitereien, manchmal wird gar nicht mehr miteinander geredet. Das Gefühl, sich vom eigenen Sohn oder der Tochter zu entfernen, nicht mehr durchdringen und helfen zu können, ist für Eltern besonders schlimm. Sie wollen (und dürfen) den Kontakt nicht verlieren, gleichzeitig spüren sie, dass ihnen ihr eigenes Kind fremd geworden ist

In dieser Situation hilft die Initiative ElternStärken den betroffenen Eltern, Strategien zu entwickeln, die Zeit zu überstehen und die Beziehung zu ihrem Kind wieder zu festigen. Durch Beratungsgespräche oder den Austausch mit anderen Betroffenen werden die Eltern dazu ermutigt, sich gegen die rechtsextreme Ideologie zu positionieren, Grenzen und Regeln zu setzen, aber auch, sich um den Kontakt zu ihrem Kind zu bemühen und das (inhaltliche) Gespräch nicht abreißen zu lassen.

Das Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe hat für die Arbeit der Initiative Priorität. Sie bietet eine Selbsthilfegruppe für Eltern, in der diese Zuhörer finden und offen über ihre Erfahrungen und Ängste sprechen können. Allerdings haben Eltern oft Hemmungen, ein solches Angebot wahrzunehmen. Eva Prausner, Leiterin von ElternStärken und Moderatorin der Gruppe, weiß: "Für viele ist es ein großer Schritt, offen darüber zu reden, dass sich ihr Kind möglicherweise in der rechten Szene bewegt. Auch Eltern haben das weit verbreitete Vorurteil verinnerlicht, dass sie schuld sind. Das macht es für viele schwer, sich Hilfe zu holen." Dabei sei der Austausch in der Gruppe eine echte Möglichkeit, Unterstützung und Rückhalt zu bekommen. "Mit der Selbsthilfe durchbrechen wir die Isolation der Eltern. Sie erkennen im Kontakt zu anderen Eltern, dass sie nicht die einzigen mit diesem Problem sind", so Prausner. Und weiter: "In der Gruppe erfahren die Eltern, dass es für dieses Problem oft keine schnellen Lösungen gibt, und lernen, ihre Situation auszuhalten und zu akzeptieren."

Neben der direkten Unterstützung von Eltern engagiert sich die Initiative dafür, dass die Beratung für Eltern rechtsextrem orientierter Kinder stärker in der Jugendhilfe und in Bildungs- und Erziehungseinrichtungen verankert wird. Dort fehlt nämlich häufig das nötige Wissen über den Rechtsextremismus, und die Mitarbeiter sind schlicht überfordert, wenn Eltern bei ihnen Hilfe suchen, weil ihr Kind in der rechten Szene unterwegs ist. Fachkräfte aus Beratung und Bildung, die sich im Bereich Rechtsextremismusprävention fit machen wollen, finden dafür bei ElternStärken passende Coaching- und Weiterbildungsangebote. Ein neuerer Arbeitsschwerpunkt der Initiative sind rechtsextreme Eltern. Mitarbeiter der Familienhilfen und aus Kitas berichten immer häufiger von Eltern, die eine rechte Gesinnung mehr oder weniger offen zur Schau tragen. Diesen Mitarbeitern bietet ElternStärken Beratungen und Fortbildungen an, um sie auf den Umgang mit ihrer rechtsextremen Klientel vorzubereiten.

Zur Initiative:

Das Projekt ElternStärken des Jugendhilfeträgers pad e.V. wird durch die Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen gefördert und ist angeschlossen an das Landesprogramm "Demokratie. Vielfalt. Respekt." in Berlin.
Mehr Infos unter www.lichtblicke-elternprojekt.de

Zitate: Berliner Abendblatt vom 27.04.2013


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