Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

13.9.2017 | Von:
Johannes Radke

Was macht rechtsextreme Jugendkulturen für junge Leute attraktiv?

Was bringt Jugendliche eigentlich dazu, sich der rechtsextremen Szene anzuschließen? Und ist Musik eigentlich noch das Rekrutierungsmittel Nummer Eins? Was den Rechtsextremismus für Jugendliche so attraktiv macht und wie sich die Szenen seit den 1990er Jahren verändert haben, erklärt der Rechtsextremismusforscher Christoph Schulze im Interview.

Teilnehmende der Demonstration vom "III. Weg" am 1. Mai 2016 in Plauen, Sachsen mit schwarz-weiß-roter FlaggeDemonstration vom "III. Weg" am 1. Mai 2016 in Plauen, Sachsen (© Recherche Nord)



Herr Schulze, gibt es "den" rechtsextremen Jugendlichen?

Christoph Schulze: Schon die Annahme, dass der durchschnittliche Rechtsextreme ein Jugendlicher ist, stimmt nicht. Aus der Forschung wissen wir, dass extrem rechte Überzeugungen in allen Schichten und in allen Altersgruppen anzutreffen sind. In Westdeutschland sind es erkennbar die älteren Jahrgänge. In Ostdeutschland sind die höchsten Zustimmungswerte für rechtsextreme Einstellungen unter den jungen Erwachsenen zu finden. Extrem rechts orientierte Jugendliche gibt es ebenfalls in fast allen Milieus. Man kann das Phänomen nicht geradlinig auf ein Armuts- oder Desintegrationsproblem herunterbrechen, wie das in der öffentlichen Wahrnehmung häufig gemacht wird.

Wie gerät ein Jugendlicher heute in die rechtsextreme Szene?

Zunächst einmal muss sich eine Gelegenheit bieten, diesen Schritt zu gehen – und die Person muss dazu bereit sein, sich entsprechenden Cliquen oder Strukturen anzunähern. Beides können Jugendliche als Zufälligkeit, tatsächlich als ein "Hineingeraten" erleben, oder als ganz bewusste Entscheidung . Der erste Kontakt ist in der Regel nicht nur politisch motiviert, sondern mit sozialen, familiären und kulturellen Faktoren verwoben. Freundschaften und Cliquen spielen oft eine Rolle, aber auch Internetseiten oder Musik, manchmal biografische Brüche und Erlebnisse als emotionale "Öffner".

Es lassen sich unterschiedliche Begründungsmuster für den Einstieg in rechtsextreme Szenen feststellen. Das kann ein subjektives, gefühlsmäßiges Erleben von ethnischer Konkurrenz in der sozialen Lebenswelt sein, zu der sich ein Jugendlicher positionieren will oder der Wunsch, an den sozialen und kulturellen Angeboten aus der Szene wie Konzerte, Kameradschaftsabende, Fußball, Aufmärsche zu partizipieren. Es kann sein, dass in der sozialen Lebenswelt rassistische Einstellungen als akzeptabel wahrgenommen werden, dass "rechts sein" also als etwas Normales gilt. Den umgekehrten Fall gibt es ebenfalls: Rechts werden kann ein Mittel sein, um einem Unbehagen mit der Welt Ausdruck zu verleihen und Protest gegen die Welt der Erwachsenen zu äußern.

Was war in den 1990er Jahren anders?

Die Muster sind vermutlich weitgehend stabil geblieben. Die konkreten Erscheinungsformen und der Modus ihrer medialen Vermittlung haben sich jedoch gewandelt. Es scheint fast banal: Internet und Smartphones haben die Art und Weise jugendlicher Kommunikation dramatisch verändert – nicht nur für die extrem rechten Jugendlichen. Durch das Internet sind fast alle Sorten Inhalte schnell und komfortabel verfügbar. Wer sucht, der findet – egal ob es um "asylkritische" Grafiken geht, um Rechtsrockmusik oder um härteste Holocaustleugnung.

Noch bis in die 2000er Jahre war es für einen Jugendlichen durchaus eine Herausforderung, die Rechtsrock-Tonträger zu besorgen. Heute bekommt man diese Musik kostenlos, ganz nebenbei per Smartphone im Schulbus. Der Austausch mit Gleichgesinnten hat sich so intensiviert. Man nimmt nicht nur wahr, sondern kann leicht teilhaben und selbst zum Sender von entsprechenden politischen Botschaften werden. Das Internet ist ein Raum für Rekrutierung und Selbstrekrutierung. Dafür, dass sich rechtsextreme Einstellungen verfestigen und jemand wirklich Teil einer Szene wird, braucht es in der Regel aber auch weiterhin soziale Kontakte in der Offline-Welt.

Kann man von verschiedenen rechtsextremen Jugendkulturen sprechen? Wenn ja, wie unterscheiden sie sich?

Ja, es gibt verschiedene solcher Jugendkulturen. Jugendkulturen sind soziale Gebilde und sie unterscheiden sich voneinander durch die Art und Weise, durch die sie das "Wir" definieren, durch das man sich von anderen abgrenzt. Image, Haltung und Jargon gehören genauso dazu wie die Orte, wo das "Wir" erlebbar wird.

Bei einem rechten Skinhead kann dieser Ort ein Konzert sein, für einen "Autonomen Nationalisten" eine Demonstration, für einen rechten Hooligan das Drumherum bei einem Fußballspiel oder für einen "Identitären" eine spektakuläre Aktion oder ein Seminar. Darüber hinaus gibt es extrem rechte Flügel in Studentenverbindungen und die verbliebenen Rudimente der traditionellen extrem rechten Jugendverbände im Stil der verbotenen Wiking-Jugend.

Allerdings verschwimmen auch im Rechtsextremismus zunehmend die Grenzen zwischen den jugendkulturellen Strömungen. Inzwischen ist – anders als in den 1990er Jahren - eine temporäre Partizipation möglich, man kann individuell Versatzstücke verschiedener Stile kombinieren. Die jugendliche extreme Rechte lässt sich als Flickenteppich verstehen, in dem verschiedene Stile einander überlappen, und die in unterschiedlichen Intensitäten miteinander interagieren.

Wie hoch ist der Frauenanteil in der Szene?

Männer dominieren deutlich. Bei rechtsextremen Gewalttaten sind die Angreifer zu mehr als 90 Prozent männlich. Auch in der Funktionärsebene sind es oft 80 bis 90 Prozent Männer. In Kameradschaften und Cliquenstrukturen sind es 70 bis 90 Prozent. Abseits der Handlungsebene und abseits des individuellen Kontakts zur Bewegung, liegt die Verteilung anders. Extrem rechte Orientierungsmuster sind in der Gesamtbevölkerung bei Frauen und Männern eher gleich stark zu finden. Die Wissenschaftlerin Renate Bitzan spricht von einer "Beteiligungspyramide“.

Was unterscheidet rechtsextreme Jugendkulturen beispielsweise von Salafisten? Gibt es Ähnlichkeiten?

Die konkreten politischen Inhalte, die kulturellen Hintergründe und Vorlieben sind natürlich himmelweit voneinander entfernt. Auch deshalb ist ein Zusammenkommen trotz möglicherweise kompatibler ideologischer Versatzstücke – etwa dem Antisemitismus in beiden Lagern – kaum denkbar. So gesehen haben salafistische und extrem rechte Jugendliche nicht viel gemein.

Parallelen gibt es eher im habituellen Bereich. Vorstellungen über ehrenhaftes Verhalten und Opferbereitschaft haben einen hohen Stellenwert. Man fühlt sich als Angehöriger einer Kampfgemeinschaft, die sich auf einer historischen Mission befindet. Dazu gehört die Kombination von subjektivem Überlegenheitsdenken und der Wahrnehmung, verfolgt zu werden. Für beide Lager ist das Internet als Kommunikationsort sehr relevant. Für fundierte Vergleiche fehlt es bisher an Studien zu Salafisten.

Wer sind die Macher, die Drahtzieher und Rädelsführer in rechtsextremen Szenen?

Es gibt in jeder Region überzeugte extreme Rechte, die viel Mühe, Zeit und Geld investieren, um ihr politisches Projekt voranzubringen. Bei diesen Personen laufen viele Kontakte zusammen. Ihre Autorität nährt sich fast nie aus einer formalen Befehlskette, sondern durch Ausstrahlung, Engagement, Präsenz, Erfahrung, Netzwerke und Reputation. Auf darunter liegenden Ebenen, etwa bei Cliquen gibt es ebenfalls Personen, die eher die Marschrichtung vorgeben als andere. Szenen werden häufig als zwiebelartig beschrieben: Außen befinden sich Anhänger, die sich gelegentlich einbringen oder eingebunden werden können, im Inneren die am stärksten Involvierten. Nur wer sich entsprechend profiliert, kommt in den inneren Kreis.

Wie finanziert die Szene ihre Jugendangebote?

Teilweise investieren politische Organisationen Geld, um Angebote an Jugendliche machen zu können. Die kostenlosen Schulhof-CDs hatten etwa die NPD und Kameradschaften finanziert. Für Wanderausflüge und gemeinsame Fahrten müssen die Teilnehmer meist selbst aufkommen. Aber auch Demonstrationen, die gratis Abenteuer und Action verheißen, fungieren als Angebot an Jugendliche.

Politik und Kultur ergänzen sich. Wenn die NPD ein Rechtsrockfestival ausrichtet, kann sie gleichzeitig ihre Klientel erreichen, aber auch Geld für die politische Arbeit einnehmen. Möglicherweise profitiert die politische extreme Rechte viel stärker von den sie umgebenden Jugendkulturen, als das es umgekehrt der Fall ist. Die Musik, die Mode, der Lifestyle sind trotzdem ein Markt, auf dem sich gute Profite machen lassen. Es gibt Szene-Firmen, die solide mittelständische Betriebe geworden sind. Einige altgediente Neonazis können vom Versandhandel mit den entsprechenden Produkten ihren Lebensunterhalt bestreiten. Die Jugendkulturen reproduzieren sich selbst.

Rechtsextreme Musik wird ja oft als "Einstiegsdroge" für Jugendliche bezeichnet. Ist das ein treffender Begriff? Kann man beim Rechtsextremismus tatsächlich vom Entstehen sozialer oder kognitiver Abhängigkeiten sprechen, wie der Begriff Droge suggeriert?

Nein. Wir reden über Politik und Jugendkultur. Es gibt dort stark ideologisierte Leute und weniger stark ideologisierte; welche, die gelegentlich partizipieren und solche, die ihren Lebensmittelpunkt der extremen Rechten widmen. Wer durch starkes Engagement viel investiert, wird auch eher durch soziale Anerkennung belohnt. Mit Abhängigkeit hat das nichts zu tun. Rechtsrock als "Einstiegsdroge" zu qualifizieren, mag als journalistische Zuspitzung tauglich scheinen, für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der subjektiven Funktion rechter Musik taugt der Begriff nicht.

Wie wirken rechtsextreme Jugendangebote in den Mainstream hinein?

Mit erfolgreichen Jugendangeboten verbreitert sich das gesellschaftliche Feld zwischen Politik und Kultur, das für extrem rechte Positionen erreichbar ist. Was allerdings heute noch den Mainstream ausmacht, ist durchaus strittig. Rechtsextreme Jugendkulturen sind keine hermetisch nach außen abgedichteten Gebilde. Sie stehen auf vielfältige Art im Austausch mit anderen. Wenn die Angebote funktionieren, dann entfaltet das eine Wirkung auf Jugendliche, die sich davon angesprochen fühlen und damit auch auf die Gesellschaft.

Haben Jugendliche häufig ein geschlossen rechtsextremes Weltbild?

Aus den Untersuchungen, die es zu Jugendlichen in rechten Cliquen und Jugendkulturen gibt, lässt sich ein differenziertes Bild ableiten. Die gemeinsame Freizeitgestaltung und die soziale Einbindung, die die Gruppen bieten, stehen für die Einzelnen an erster Stelle. In der erwähnten Skinhead-Studie waren dominanzorientierte Männlichkeit, ein gruppeninterner Konformitätsdruck und ein hoher Grad an Aggression typisch. Die Ablehnung von Fremden, rassistische Deutungen, ein starker Nationalismus sind gemeinsame Nenner. Es geht in solchen jugendlichen Zusammenhängen nicht in erster Linie um die Durchdringung von politischen oder zeitgeschichtlichen Fragen. Die Ideologisierung ist oft schwach, das Weltbild nicht selten diffus. Oft steigert sich die Ideologiedichte im Laufe der Zeit, das ist aber keineswegs immer der Fall. An der Radikalität der Aussagen und an der Gewaltneigung ändert das nichts.

Treffen die von Ihnen genannten Muster für Einstiege in die Szene auch auf weibliche Rechtsextreme zu?
Ja, die grundlegenden Mechanismen sind dieselben. Trotzdem ist Geschlecht eine wichtige Kategorie, an der sich die extreme Rechte ausrichtet. Dementsprechend sollte auch die Präventionsarbeit geschlechtersensibel sein. Es gibt verschiedene Muster, Rollenverständnisse und Lebensentwürfe in der extremen Rechten, die auch nach Geschlecht ausdifferenziert sind. Manche Angebote der extremem Rechten richten sich an junge Frauen und Mädchen, die meisten sind jedoch implizit oder explizit an ein männliches Zielpublikum gerichtet. Auch das kann ein Grund sein für den geringeren Anteil von Frauen und jungen Mädchen.

Gibt es aktuelle Studien über die Werdegänge rechtsextremer Jugendlicher?

Es gibt beispielsweise einige aktuellere Studien[1] zu Ausstiegsprozessen bei extrem rechten jungen Menschen. Insgesamt bestehen allerdings deutliche Forschungsdefizite in Bezug auf neuere Entwicklungen. Die letzte große Studie, die nicht nur fallbeispielartig verfährt oder allein Straf- und Gewalttäter in den Fokus nimmt, ist mittlerweile zehn Jahre alt. Das Buch "Rechte Glatzen"[2] von Kurt Möller und Nils Schuhmacher untersuchte Gesamtverläufe, Hintergründe der Sozialisation und Einbettungen extrem rechter Politisierung und die Wechselwirkungen kultureller und politischer Zuordnung. Es ging um die damals noch präsenteren Skinheads. Seitdem ist bekanntlich viel passiert.

Warum gibt es so wenige Untersuchungen?

Einerseits, weil Zugänge in das Feld heute nicht mehr so einfach gewährt werden wie noch in den vergangenen Jahrzehnten. Andererseits, weil aufgrund des erwähnten Wandels der Szene die Konturen des Gegenstands nur noch schwer zu erkennen sind. Es ist nötig, diese Lücken in der Forschung zu schließen.

Wenn es nur so wenig Studien zum Thema gibt, wie läuft Ihre Forschung zu rechtsextremen Jugendkulturen dann ab?

Wir können uns auf die gut bewährten Methoden aus der Sozialforschung, Politikwissenschaft, Soziologie, Erziehungswissenschaft, der Jugendforschung oder aus der Kulturwissenschaft stützen. Das können Interviews sein, teilnehmende Beobachtungen, Analysen von Primärquellen wie Internetseiten, Magazinen oder eben von Musik.

Sie haben die vom Altersdurchschnitt sehr junge und zeitweise enorm einflussreiche rechtsextreme Strömung der Autonomen Nationalisten (AN) seit ihren Anfängen 2004 beobachtet. Was ist aus den AN geworden?

Die gibt es noch. Die AN sind damals aus einer spezifischen Situation heraus entstanden. Es gab eine politische Flaute im Neonazismus und es fehlte an zeitgemäßen kulturellen Ideen. Die AN hatten zwar keine programmatischen Innovationen beizutragen, sondern blieben immer einem orthodoxen Nationalsozialismus verpflichtet. Dafür aber reformierten und erweiterten sie die kulturellen Ausdrucksmittel. Ergänzend zum Skinhead-Stil oder der völkischen "Scheitel"-Optik aktualisierten und erweiterten sie die popkulturellen Referenzen im Neonazismus. Das Spektrum wurde "bunter", es wurde "toleranter", die Zugangsbarrieren für interessierte Jugendliche senkten sich ab. Die Straßenmilitanz und die Demonstrationspolitik aus dem Spektrum der parteifreien "Kameradschaften" wurden von ihnen mit einer zeitgemäßen Streetwear-Mode und mit dem bei den radikalen Linken entlehnten "schwarzen Block" ausgestattet.

Ihr Erfolg hing maßgeblich damit zusammen, dass sie als Scharnier zwischen der politischen Bewegung des Neonazismus und den sonst nur lose angebundenen rechten jugendkulturellen Milieus fungierten. Um das Jahr 2010 hatten die AN ihren Höhepunkt. Inzwischen sind sie aber insgesamt etwas aus der Mode gekommen.

Woran liegt das?

Man könnte sagen, die AN sind an ihrem Erfolg zugrunde gegangen. Sie haben die Funktion, die sie erfüllen wollten, erfüllt. Der Innovationsstau im Neonazismus wurde von ihnen aufgelöst. Stilelemente, die die AN einbrachten, haben sich auch in anderen Flügeln dieser politischen Richtung verbreitet. Aber ihr Provokationseffekt hat sich abgenutzt.

Zudem gibt es inzwischen andere Kräfte, die die Eigenwahrnehmung der AN als militante Speerspitze des "Nationalen Widerstandes" infrage stellen. Von der Rocker-Ästhetik beeinflusste "Bruderschaften" haben an Bedeutung gewonnen, Hooligans sind wieder zu einem Faktor geworden. Und in einem größeren Maßstab haben sich die Felder der politischen Auseinandersetzung verschoben. Die vergangenen Jahre waren für die extreme Rechte massiv geprägt von den rassistischen Protesten gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Die AN agierten und agieren vorrangig auf dem Feld der Jugendkulturen. Die berüchtigten "besorgten Bürger", die Zielgruppe und Akteure in der neuen Protestwelle sind, sind jedoch keine Jugendlichen.

Warum gibt es ausgerechnet bei den AN so viele Aussteiger?

Wir wissen nicht, wie hoch die Ausstiegsquote bei den AN wirklich ist. Aber tatsächlich scheinen Ausstiege bei den AN etwas häufiger als bei älteren rechtsextremen Strömungen vorzukommen. Dies ist oft auch verbunden mit klaren biografischen Brüchen, einer vehementen und fast plötzlichen Abkehr vom Neonazismus.

Entscheidende Faktoren dafür, dass bei den AN die Ausstiege häufiger und die Verweildauer geringer zu sein scheinen, dürften ihre jugendkulturelle Ausrichtung und die für sie prägende Kulturoffenheit sein. Das Aufhören und Aussteigen fällt leichter, weil der Grad des Engagements, das den Einzelnen abverlangt wird, geringer ist. Man kann also leichter "weiterwandern". Eine Entwicklung, die auch in nicht-rechten Jugendkulturen zu beobachten ist.

Kann man sagen welcher "Typ" Neonazi auch jenseits der 30 Jahre Teil der Szene bleibt? Welche Faktoren führen dazu?

Die wirklich dauerhaft Aktiven sind meist diejenigen, die von Anfang an stark engagiert sind. Ihr Bekenntnis ist besonders ernst gemeint, sie sind ideologisch überzeugt, ihre Bindung an den Neonazismus ist besonders stark. Das kann, aber es muss nicht mit einer ideologischen Tiefe, mit einer Durchdringung und dauerhaften Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Ideologie einhergehen.

Mein Eindruck ist, dass es heute leichter ist, länger dabei zu bleiben als früher. Beispielsweise sind bei den aktuellen rassistischen Protestbewegungen gewachsene rechtsextreme Milieus beteiligt. Die älter gewordene "Generation Hoyerswerda" wurde wieder aktiv. Plötzlich tauchten Neonazis auf, die seit Jahrzehnten nicht mehr auf Aufmärschen zu sehen waren. Pegida und Co. sind kaum jugendlich geprägt – dort kann man mitlaufen, auch wenn man jenseits der 30 ist. Selbst im ausdrücklich jugendkulturell beeinflussten Neonazismus fällt das mittlerweile leichter. Ein Mittdreißiger fängt nur selten plötzlich an, Rechtsrock zu hören – aber es gibt im Rechtsrock inzwischen recht viele Ältere, die seit langem dabei sind; die ihre musikalischen und die damit verknüpften politischen Präferenzen mit ins Erwachsenenalter genommen haben. Auch das entspricht anderen gesellschaftlichen Trends: Punk oder Techno etwa sind nicht mehr in jeder Hinsicht Jugendkulturen, sondern auch dort bewegen sich älter gewordene Menschen, die ihre musikalische und soziale Jugendsozialisation nicht abgestreift haben.

Muss man angesichts des gesellschaftlichen Rechtsrucks, Pegidas und eines enormen Anstiegs rechtsextremer Gewalttaten bald mit einer ganz neuen Generation rechtsextremer Jugendlicher rechnen?

Das ist zu befürchten. Die jugendfokussierten Teile der extremen Rechten halte ich derzeit für reproduktionsfähig. Sie sind aus sich selbst heraus stabil genug, um den zahlenmäßig erreichten Status Quo ungefähr aufrecht zu erhalten. Für jeden, der aufhört, kommt irgendwo ein neuer dazu.

Effektive gesellschaftliche Gegenmaßnahmen, zivile an erster und repressive an zweiter Stelle, können darauf bremsenden Einfluss nehmen. Andererseits gibt es den angesprochenen, immensen Zuwachs der Gewalttaten und des Zuspruchs, den rechtspopulistische oder rechtsextreme Positionen erfahren. Ob sich dies in neue oder stärkere Jugendgruppen überträgt, muss sich noch zeigen. Die "Identitäre Bewegung" beispielsweise ist trotz der großen medialen Aufmerksamkeit rein zahlenmäßig ein sehr kleines Phänomen. Sie zeigt aber wie zurzeit versucht wird, zeitgemäß und ideologisch unterfüttert, ausstrahlungskräftige Gruppen zu schaffen, um Jugendliche an die Szene zu binden.


Fußnoten

1.
Beispielsweise:
Johanna Sigl (i.E.): Biografische Wandlungen ehemals organisierter Rechtsextremer. Eine biografieanalytische und geschlechterreflektierende Untersuchung. Springer VS, Edition Rechtsextremismus.
Baer, Silke / Möller, Kurt / Wiechmann, Peer (Hg.) – Verantwortlich Handeln: Praxis der Sozialen Arbeit mit rechtsextrem orientierten und gefährdeten Jugendlichen. Verlag Barbara Budrich, Opladen 2014
Borstel, Dierk – "Wir hatten auch Spaß und haben gelacht…" – Ein- und Ausstiegsprozesse von Männern und Frauen aus der rechtsextremen Szene. In: Birsl, Ursula (Hg.) – Rechtsextremismus und Gender. Verlag Barbara Budrich, Opladen 2011, Seite 297-313
Koch, Reinhard / Pfeiffer, Thomas – Ein- und Ausstiegsprozesse von Rechtsextremisten. Ein Werkstattbericht. Bildungsvereinigung ARBEIT UND LEBEN, Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Gewalt, Braunschweig 2009
Rieker, Peter (Hg.) – Hilfe zum Ausstieg? Ansätze und Erfahrungen professioneller Angebote zum Ausstieg aus der rechtsextremen Szene. Beltz Juventa, Weinheim und Basel 2014
2.
Kurt Möller/Nils Schuhmacher, Rechte Glatzen. Rechtsextreme Orientierungs- und Szenezusammenhänge - Einstiegs-, Verbleibs- und Ausstiegsprozesse von Skinheads, Wiesbaden 2007.
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Autor: Johannes Radke für bpb.de
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