Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

10.3.2009 | Von:
Holger Kulick

Musik als Tor zur Szene

Wenn Neonazis oder Aussteiger berichten, wie sie in die braune Szene gerutscht sind, spielt Musik häufig eine wichtige Rolle. Sie gilt als gezielt eingesetzte "Einstiegsdroge".

T-Shirt, gesehen in Arnstadt.T-Shirt, gesehen in Arnstadt. (© H. Kulick)
Drei Beispiele: In der Schülerzeitung 'Platonium' des Marie-Curie-Gymnasiums Dresden schilderte im Frühjahr 2008 ein 29jähriges Vorstandsmitglied der NPD-Jugendorganisation JN, Thomas R., offen seinen Einstieg in das rechtsextreme Milieu. "Das ganze fing subkulturell an, zuerst besuchte ich Skinheadkonzerte, das war Anfang der neunziger Jahre. Irgendwie bin ich dann in die Nähe der Wiking-Jugend gekommen. Eine Weile war ich Anwärter auf Mitgliedschaft...".

Ähnlich schildert das ehemalige Mitglied des JN-Propagandastabs, Oliver Westerwinter im Interview mit der Online-Redaktion www.mut-gegen-rechte-gewalt.de: "Eigentlich fing alles vergleichsweise harmlos an. Über einen älteren Freund kam ich zum ersten Mal neben Bier und Zigaretten auch mit noch älteren Jungs in Kontakt, die rechte Musik hörten und Stiefel mit Stahlkappen trugen. Dies hinterließ aus heutiger Perspektive betrachtet damals einen bleibenden Eindruck bei mir. Nach einigen Monaten des regelmäßigen Treffens kam einer der Älteren auf die Idee, bei einem Versandhaus T-Shirts und andere Bekleidungs- und Musikartikel zu bestellen. Ich bestellte mit...Viel wichtiger für meine weitere Entwicklung war aber nicht das eigentlich Bestellte, sondern vielmehr der Stapel unterschiedlichster Flugblätter und Aufkleber, welcher der Bestellung beigelegt war...".

Auch Matthias Adrian, Aussteiger bei der Initiative EXIT schildert bei Debatten in Schulen immer wieder, wie sein Einstieg verlief. Er hatte einen aus seiner Sicht übertrieben warnenden ZDF-Fernsehbeitrag über den NPD-Liedermacher Frank Rennicke gesehen und genau das machte ihn neugierig. Als er in der NPD-Zeitung seines Opas einen Werbecoupon des Liedermachers sah, schickte er ihn ein und bekam schon wenige Tage später nicht nur persönlich an ihn adressierte Post zurück, sondern ebenfalls jede Menge NPD-Propagandamaterial. Das imponierte ihm, berichtet er heute.

Der 1964 geborene Rennicke ist ein jedem Neonazi bekannter singender Parteipropagandist, den die NPD im April 2009 - offenkundig um Aufsehen zu erregen - zu ihrem Bundespräsidentschaftskandidaten kürte. Er gilt als "eine der Schlüsselfiguren für den Einstieg in die rechte Szene. Mit schlichten Texten von Fremdautoren bzw. noch schlichteren aus eigener Feder bietet er ein simplifiziertes, völlig verzerrtes Bild der Vergangenheit, schreckt nicht vor 'heimattreuem' Kitsch zurück, expliziter Volksverhetzung, der nackten Verherrlichung des Zweiten Weltkrieges und des millionenfachen Sterbens", so beschreibt ihn das Forschungszentrum populäre Musik der Humboldt-Universität Berlin in der Fachpublikation PopScriptum 5 (www2.hu-berlin.de). Mehrere der von ihm gesungenen Lieder wurden von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (BPjS) indiziert, also in der Altersgruppennutzung eingeschränkt, an Verboten textete er aber haarscharf vorbei. Eine der Indizierungsentscheidungen (zu "Unterm Schutt der Zeit") lautete:

"Die Texte der Lieder verbreiten revisionistisches Gedankengut und lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass erklärtes Ziel derjenigen, die diese Botschaft verkünden, die Wiederherstellung des Reiches in den ursprünglichen Reichsgrenzen ist...Gereimte Texte zu eingängigen Melodien prägen die revisionistische Aussage der Lieder unauslöschlich in das Gedächtnis des Zuhörers. Denkbare Wirkungen bei Kindern und Jugendlichen sind dabei sowohl unreflektiertes Übernehmen von revisionistischem Gedankengut als auch eine mögliche Identifikation mit dem Ziel, Deutschland in den Grenzen von 1937 wiederherzustellen. Die Texte der Musikkassette[n] laufen dem Frieden zwischen den Völkern erstrebenden Grundgesetz zuwider, da sie die Oder-Neiße-Linie nicht als polnische Grenze anerkennen."

An anderer Stelle wurde von der Bundesprüfstelle formuliert, Lieder, die Rennicke singt, seien geeignet "Kinder und Jugendliche sozialethisch zu desorientieren". Solche Verrufenheit ist Musikern aus der Neonaziszene durchaus recht - das Verbotene macht Jugendliche neugierig und die extremistischen Künstler populär.

Lockmittel Anerkennung und Konspiration

Angelockt in die Neonaziszene werden Jugendliche aber auch über die direkte Einladung zu Konzerten. Jugendarbeiter aus Mecklenburg-Vorpommern berichten, was dort immer wieder als Stategie funktioniere. An Busbahnhöfen, wo sich Schüler sammeln, werden jüngere bewusst von etwas älteren Schüler angesprochen, sie erhalten Propaganda-CDs geschenkt, die so genannten 'Schulhof-CDs', oder werden zu einer Party mit Musik oder einem Konzert "mit guter Mucke" eingeladen. Das beeindruckt in der Regel jüngere, wenn sie von älteren Jugendlichen 'auserwählt' werden. Dann läuft auch oft gute, sogar populäre Musik gemischt mit Songs von neonazistischen Szenebands, Ideologie spielt zunächst kaum keine Rolle, aber es gibt kostenlose oder preiswerte Getränke, Tabak, Gespräche, Angebote zur Hausaufgabenhilfe u.a.m.. Auf diese Weise wird ein angenehmes Gruppenfeeling hergestellt, die politische Indoktrination folgt erst schleichend und später.

Heimlich organisierte Neonazikonzerte in abgelegenen Gasthöfen, Privathäusern, Scheunen oder Fabrikhallen erhöhen dann den Reiz, weil damit auch die Suche nach Abenteuern befriedigt wird. Konspirativ wird sich per SMS verabredet, gemeinsam zu verabredeten Treffpunkten gefahren, wo dann neue Hinweise erfolgen, wo das Konzert möglichst unentdeckt von der Polizei stattfinden soll, häufig als Geburtstagsfeier getarnt. Oft wird auch nach Demonstrationen quasi zur Belohnung ein solches 'Privat'-Konzert angesteuert und schon auf der Fahrt in den Bussen harter Rechtsrock vom Band gespielt oder einschlägiges Liedermacher-Liedgut gemeinsam gesungen. Immer öfter führen solche Touren auch ins benachbarte europäische Ausland, wo Polizei und die Wirte angemieteter Lokale noch unaufmerksamer sind.

Wer dann einmal in die Szene eingetaucht ist, wird mit einem Überangebot neonazistischer Musik eingelullt, vor allem via Internet. In einschlägigen Foren gibt es ständig neue Hinweise auf immer wieder neue Download-Seiten mit akustischen Kostproben, dazu abgebildet werden reißerische CD-Cover voller Nazi-Symbolik und Hass-Darstellungen. Szeneeigene Online-Versände bieten eine ständig erweiterte Auswahl rechtsextremer Bands unterschiedlichster Musikstilrichtungen an, die schon von den Titeln ihrer Produkte her deutlich machen, dass sie einem weiteren Bedürfnis entgegenkommen, das Jugendliche häufig haben: zu provozieren, um auf diese Weise den Helden zu markieren.

Dieses Bedürfnis hat dazu geführt, dass längst ein großes Geschäft mit Neonazismusik gewachsen ist. Es gibt einen festen Kundenstamm, für den zum Teil in kurzen Abständen neue Produkte hergestellt werden, um noch besser Kasse zu machen. Eine besondere Dichte solcher Versände und Szeneläden hat der Verfassungsschutz in Sachsen registriert, vor allem im Chemnitzer Raum. Mit 30 veröffentlichten Neonazi-CDs im Jahr 2008 wurde ein Großteil der in Deutschland vertriebenen Platten von sächsischen Labels produziert, schätzen Experten.

Mit hasserfüllten Texten dabei auf den 'Index' zu kommen, stört in der Regel nicht - im Gegenteilt, dies erhöht die Reputation von Bands in der Szene. Und verbotene CDs finden dann schnell ihren Weg auf spezielle Internet-Auktionsplattformen, die sich auch die rechte Szene eingerichtet hat.

Bundesweite Razzia deckte Strukturen auf

Dies führte Anfang März 2009 auch zu einer bundesweiten Razzia in mehr als 200 Neonaziwohnungen und Geschäften. Ausgangspunkt war eine Internetplattform unter dem Titel 'UnserAuktionshaus.de' eines 34-jährigen Mannes aus Baden-Württemberg. Seit 2007 hatten die Ermittlungsbehörden dessen Vertriebsstruktur beobachtet. Mit dem Verkauf der Tonträger wurde jährlich ein Umsatz von mehreren Millionen Euro erzielt, erläuterten die Fahnder nach der Razzia. Der leitende Ermittler, Carsten Voß vom Bundeskriminalamt (BKA) mahnte, solche Musik und Konzerte seien "das Tor in die Szene". Dort vollziehe sich ''das ideologische Anfixen'' junger Menschen, um sie in die rechte Szene hineinzuziehen. Ziel der Durchsuchungen sei es gewesen, die Verkäufer von Tonträgern zu verunsichern, deren Inhalt aggressiv, fremdenfeindlich, antisemitisch und antidemokratisch sei. Der bloße Kauf sei zwar nicht strafbar, aber der Verkauf.

Aufschluss erhielten die Fahnder auch über den Kundenkreis, der sei zwischen 21 und 45 Jahre alt und stamme aus allen sozialen Schichten. Beschlagnahmt wurde Hassmusik von renommierten Szenebands wie Landser, Skrewdriver, Brutal Attack, Noie Werte und Kampfzone. Die Beamten nahmen außerdem Propagandaschriften sowie braune Devotionalien, darunter Uniformteile mit Nazisymbolen mit. Die Ersthinweise auf das seit 2001 existierende "UnserAuktionshaus.de" hatte schon früh das Bundesamt für Verfassungsschutz gegeben. Die Razzia gegen das Unternehmen war dementsprechend auch nicht die erste Polizeiaktion. Ihr ging eine Durchsuchung im September 2007 voraus, bei der dem Betreiber der Plattform, dem Stuttgarter Neonazi D., der Server weggenommen wurde. Das BKA wertete dann rund 20.000 Auktionen aus, an der sich etwa 800 Nutzer beteiligt hatten. Gegen mehr als 200 von ihnen wird nun wegen des Verdachts auf Volksverhetzung, Verbreitung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen und andere Delikte ermittelt. Außerdem verlor die Szene einen wichtigen Marktplatz im Internet – auch wenn auf der Homepage mit der Eigenwerbung "das erste nationale Auktionshaus mit über 2.500 Benutzern" prompt verkündet wurde: "Das Original kommt wieder". Diese Sorge räumten auch die zuständigen BKA-Experten ein. Solange europaweit dem Thema nicht Aufmerksamkeit gewidmet werde, würden immer mehr Händler "ihren braunen Schund" von Nachbarländern aus vertreiben.

Ideale Werbeplattform: YouTube

Um Werbung für ihre Bands und deren Produkte zu machen, werden indessen vollkommen legale Web-Plattformen genutzt, beispielsweise YouTube. Fast alle Songs führender Nazibands sind dort als Videoclips anzuschauen – teilweise immer wieder unter neuen Namen ins Netz gestellt. Die Szene hat überdies Methoden entwickelt, zu verhindern, dass ihre Songs schnell entfernt werden. Einhellig werden die eigenen Clips mit Bestnoten bewertet, so dass die YouTube-Computer Beschwerden bei so viel ‚Lob´ offenbar geringer gewichten. Zudem werden Videoclips vermeintlich linker Herkunft konsequent angeschwärzt, und zwar so massiv, dass die zuständigen Fachabteilungen wegen Überlastung die Übersicht verlieren sollen, so lautet ein Handlungskonzept in der rechtsextremen Szene.

Auschnitt von der Website der Jugendorganisation JN der NPD. Screenshot, 30. November 2011, http://jn-buvo.de/index.php/sachsen-anhalt/90-aktuelles/664-wir-sind-helden-lieder-auf-jeder-jn-demo--danke-Auschnitt von der Website der Jugendorganisation JN der NPD. Screenshot, 30. November 2011,http://jn-buvo.de/index.php/sachsen-anhalt/90-aktuelles/664-wir-sind-helden-lieder-auf-jeder-jn-demo--danke-
Dass Jugendliche in möglichst großer Breite angesprochen werden, führt dazu, dass auch auf Neonazi-Demonstrationen immer häufiger nicht nur rechte Kampflieder, sondern auch populäre Titel aus Hitparaden gespielt werden. Wenn sich etablierte Bands darüber beschweren, wird das aufgespießt. So machte sich die NPD-Jugendorganisation JN Anfang 2009 über die Beteiligung der Band "Wir sind Helden" an einer kostenlosen CD des Projekts "Kein Bock auf Nazis" lustig, indem sie einen YOUTUBE-Clip mit einem Interview der populären Gruppe über ihr Antinaziengagement sogar auf die JN-Website hob. Kommentar der jungen Rechtsaußen, die sich als Vorboten einer Revolution in Deutschland verstehen:

''Die Musik von 'Wir sind Helden' ist nicht schlecht und wird natürlich auch von nationalen Jugendlichen gehört. Auch auf ihren Konzerten trifft man immer wieder junge nationale Menschen. Besonders gelungen Lieder dieser Gruppe werden auch auf nationalen Demos gespielt." Das YouTube-Interview mit den Künstlern wird auf der Neonaziwebsite gezielt lächerlich gemacht, dem kommt zupass, dass einer der interviewten Musiker übernächtigt und zeitweise gelangweilt wirkt: "So 'überzeugt', wie die beiden das da vortragen, nimmt denen das keiner ab. Wirklich glauben tun sie´s nicht, was sie da im Auftrag der "political correctness" aufsagen müssen. Keine Angst, wir hören euch trotzdem weiter. Wir sind da nicht so....", wird gelästert.

Wie die eigene Hassmusik auf Jugendliche wirken kann, hat indessen ein Überfall von jungen Neonazis auf vermeintlich linke Jugendliche in Nordhessen bewiesen. Im Frühsommer 2008 hatten in den Morgenstunden Schläger aus dem rechtsextremen Milieu ein Zeltlager der linken Jugendorganisation 'solid' in Fritzlar gestürmt. Einer der jungen Täter konnte später festgenommen werden, er war in ein Zelt eingedrungen und hatte mit einem Spaten auf ein schlafendes 13-jähriges Mädchen eingeschlagen. Der Täter, so stellte sich heraus, war an der Produktion szeneeigener Videoclips beteiligt, die auch auf YouTube zu sehen waren, darunter modern geschnittene Songs voller Hass auf das System. Der Musikstil: Rap.

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Autor: Holger Kulick für bpb.de
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