Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

10.3.2009 | Von:
Antonie Rietzschel

Schlechter Geschmack

Ein Interview mit dem Rechtsrock-Experten Christian Dornbusch

Von Landser bis Rennicke – die Palette rechtsextremer Musik ist groß. Christian Dornbusch forscht darüber, in seinem Archiv stapeln sich über 3.000 Tonträger mit rechtem Liedgut. Antonie Rietzschel sprach mit ihm über trällernde Landtagsabgeordnete und über die Schwierigkeit, Musik heute noch als eindeutig rechtsextrem zu identifizieren.

Konzertpublikum bei NPD-Demonstration mit Bandauftritten in Berlin 2007 vor einer Strafanstalt, in der der Landser-Musiker 'Lunikoff' inhaftiert worden war.Konzertpublikum bei NPD-Demonstration mit Bandauftritten in Berlin 2007 vor einer Strafanstalt, in der der Landser-Musiker 'Lunikoff' inhaftiert worden war. (© H. Kulick)

Es ist nicht lange her, da stimmte der NPD-Landtagsabgeordnete Raimund Borrmann im Schweriner Landtag das Lied "Brüderlein fein" an. Was halten Sie von dieser musikalischen Einlage?

Als Parteimitglied hätte ich ihm gesagt: "Du hast uns lächerlich gemacht." Dabei ist es nicht einmal ungewöhnlich, dass ein NPD-Politiker singt. Etliche von denen sind Musiker. Der Liedermacher Jörg Hähnel sitzt zum Beispiel im Bundesvorstand und in der Bezirksvertretung in Berlin-Lichtenberg.

Klingt so, als ginge es in der rechten Szene ziemlich musikalisch zu.

Rechtsrock ist in den letzten Jahren verstärkt zu einem Mittel geworden, mit dem besonders Jugendliche für die extrem rechte Sache begeistert werden sollen.

Ein Lied von Landser genügt, um rechtsextrem zu werden?

Ein Lied alleine kann das selbstverständlich nicht leisten. Derjenige, der die Musik hört, muss schon von vornherein ein deutsch-nationales Gedankengut und Vorurteile gegenüber anderen Kulturen haben. In der Musik findet man dann die Bestätigung seiner Einstellung. Und dann fängt er an nach Leuten zu suchen, die das auch hören und denken. Extrem rechte Cliquen vor Ort sind ein erster und wichtiger Anlaufpunkt, um soziale Kontakte in der Szene zu knüpfen.

Auch die NPD hat das erkannt und vor vier Jahren die erste Schulhof-CD heraus gebracht...

...und damit bei Jugendlichen teilweise eine größere Akzeptanz ihrer Partei erreicht.

Inwiefern?

Wenn man sich die Lieder auf der CD anhört, fällt auf, dass diese sehr weich gespült sind. Das führt zu dem Denken: "Ach, die sind ja eigentlich gar nicht so schlimm. Im Gegenteil, die tun was für die Jugend und verschenken Musik". Die NPD wird plötzlich als normale Partei wahrgenommen. Das ist das Problem - früher konnte man einen Nazi eindeutig durch Glatze, Bomberjacke und Springerstiefel identifizieren. Heute muss man schon genauer hinschauen.

Hat rechte Musik eine ähnliche Entwicklung durchgemacht?

Mitte der 1990er gab es einen entscheidenden Einschnitt. Etliche Bands standen wegen ihrer Texte vor Gericht. Seitdem werden klassische Schlagworte in der Regel nicht mehr gebraucht, sondern umschrieben.

Zum Beispiel?

Es gab mal das Lied "Hakenkreuz" von der Band Radikahl. Da heißt es "hisst die rote Fahne mit dem Hakenkreuz". Dieses Symbol ist in Deutschland verboten. In einem Lied von Frank Rennicke, das auch auf der Schulhof-CD zu hören ist, geht es um ein Mädchen im Mai 1945. Sie hält eine schwarz-weiß-rote Fahne in der Hand. Ein Symbol, das in Deutschland nicht verboten ist, aber die Hakenkreuzflagge umschreibt. Im Laufe des Liedes wird das Mädchen von einem englischen Soldaten aufgefordert die Flagge herzugeben, sie weigert sich und stirbt. Am Ende singt Frank Rennicke: "Verliert nie den Stolz und kämpfet wie sie/ Bis es endlich soweit, dass auch hier irgendwann / Die Zeichen des Reiches man zeigen kann".

Gab es auch musikalisch eine Weiterentwicklung?

Der Trend geht seit einigen Jahren in Richtung Hardcore. Das ist eine Musikrichtung, die aus den USA stammt und eigentlich zum Punk gehört. Die Bands, die solche Musik machen, sehen auch nicht aus wie typische Neonazis, eher wie alternative Jugendliche. Die tragen dann auch Baggis und Piercings. Es wird also tatsächlich immer schwieriger, die Bands sowohl an ihrem Aussehen zu erkennen als auch textlich der extrem rechten Szene zuzuordnen. Das geht so weit, dass man einige von denen, wenn man nicht genau hinhört, auch für linke Kapitalismuskritiker halten könnte.

Wie komme ich an die Musik ran?

Das Internet spielt eine ganz große Rolle. Heute gibt man zwei Schlagwörter ein und bekommt eine lange Liste mit Onlineversandhäusern. Rund 50 Labels gibt es in Deutschland, die rechte Bands betreuen, einige von denen machen mit CDs, Buttons und T-Shirts im Jahr mehr als 100.000 Euro Umsatz.

Gibt es derzeit eine Art "Superstar" unter den rechten Musikern?

Ja, der ehemalige Sänger von Landser, Michael Regener. Die Band ist ja 2001 aufgeflogen und der Sänger gründete vor dem Antritt seiner Gefängnisstrafe eine eigene Band namens "Die Lunikoff Verschwörung". Er kommt leider auch jenseits der extrem rechten Szene gut an.

Kurz vor seinem Haftantritt gab Michael Regener ein Abschiedskonzert vor 1.600 Neonazis in Pößneck (siehe Foto), letztes Jahr fanden ungefähr 200 Konzerte rechter Bands statt. Warum kann man diese Auftritte nicht verbieten?

Im Fall von Michael Regener konnte die Polizei nur 300 Einsatzkräfte mobilisieren. Eine Auflösung wäre also nur schwerlich möglich gewesen. Ansonsten werden die Auftritte zumeist nicht als einschlägige Konzerte, sondern als Geburtstagsfeiern oder ähnliches angekündigt. Man bekommt dann als Szenegänger eine Mail oder SMS, in der steht, wer spielen wird und eine Kontakthandynummer, bei der man am Tag des Konzertes näheres erfährt. Mitgeteilt wird einem dann der Treffpunkt, zu dem man kommen soll. Dort findet eine Gesichtskontrolle statt und erst danach wird zum Veranstaltungsort gelotst. So will man Polizisten, Journalisten und mögliche antifaschistische Gegendemonstraten außen vor lassen – allerdings klappt das nicht immer.

Waren Sie schon einmal selbst auf einem Konzert?

Ja. Und dabei habe ich ganz unterschiedliche Sachen erlebt: Einmal, eine Stunde vor Beginn, grölten bereits total betrunkene Jugendliche vor der Tür laut "Juden raus" und "Ausländer raus". Bei einem anderen Mal ging es wesentlich gesitteter zu, aber da stand auch die Polizei vor der Tür.

Mussten Sie auch eine Gesichtskontrolle über sich ergehen lassen?

Ja.

Und wie "spielt" man da einen Nazi?

Na ja, man muss sich schon in der Szene gut auskennen. Insbesondere Männer verhalten sich in der Szene mehr nach dem klassischen Rollenmodell. Anglizismen sollte man unbedingt vermeiden. Außerdem geht man vorher nochmal zum Friseur.

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Autor: Antonie Rietzschel für bpb.de
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