Undercover in der Szene
Jahrelang besuchte der Journalist Thomas Kuban Neonazi-Konzerte, filmte heimlich mit und klärte mit Fernsehbeiträgen darüber auf, wie intensiv Naziideologie bei solchen "Szeneevents" eine Rolle spielt. "Die Konzerte dienen der Rekrutierung des Nachwuchses", sagt Kuban im Interview über seine Arbeit.Jahrelang besuchte der Journalist Thomas Kuban Neonazi-Konzerte, filmte heimlich mit und klärte mit Fernsehbeiträgen darüber auf, wie intensiv Naziideologie bei solchen "Szeneevents" eine Rolle spielt. "Die Konzerte dienen der Rekrutierung des Nachwuchses", sagt Kuban im Interview über seine Arbeit.
Herr Kuban, Sie haben fast 10 Jahre lang undercover in der Neonazi-Szene recherchiert. Welches Erlebnis hat Sie besonders beschäftigt?
Es gibt ein Ereignis, das mir sehr nahe gegangen ist. Ein etwa vierjähriger, farbiger Junge wurde in einer U-Bahn von einem Nazi völlig hasserfüllt als "Negerbastard" beschimpft. Ein sehr bedrückendes Gefühl, wenn ein Kind, das wahrhaftig vor einem steht, auf solch aggressive Weise angepöbelt wird.
Sie haben Konzertveranstaltungen von Neonazis in ganz Europa zu Recherchezwecken besucht. Wie setzt sich die europäische Szene zusammen?
Die Deutschen bilden einen deutlichen Schwerpunkt. An so manchen Konzerten, die ich im Ausland besucht habe, nahmen rund 90 Prozent deutsche Neonazis teil, außerdem treten maßgeblich deutsche Bands auf. Das europäische Ausland wird von deutschen Neonazis genutzt, um das zu tun, was in Deutschland verboten ist - im Ausland aber meist nicht verfolgt wird.
Sie haben diese Konzerte über knapp fünf Jahre hinweg heimlich gefilmt. Wie verändert sich die Szene?
Die Bewegung wird immer größer. Das macht sich unter anderem an den Frauen bemerkbar: Während zu Beginn meiner Recherchen auf ca. 400 Neonazis vielleicht drei Frauen kamen, machen diese heute rund 25 Prozent der Konzertbesucher aus. Außerdem verändert sich das äußere Erscheinungsbild man kann die Rechten optisch immer schlechter ausmachen.
Wie gefährlich sind diese Konzerte, vor allem für Jugendliche?
Für junge Leute sind sie die "Einstiegsdroge Nr. 1". Die Musik ist ein Medium, über das sich die rechtsextreme Ideologie rasch verbreiten lässt. Das zeigt sich daran, dass mittlerweile bis zu 2000 Besucher zu den Konzerten kommen. Vor ein paar Jahren waren das deutlich weniger.
Die Szene gilt als sehr gewaltbereit, Ihre Recherchen waren lebensbedrohlich.
Gerade der Eingangsbereich stellte ein hohes Risiko für mich dar. In den Sekunden, in denen ich an den Ordnern vorbeiging, war das ein Gefühl, als hätte ich einen Sprengsatz am Körper, den ich nicht 150-prozentig beherrschen kann. Wenn die Metalldetektoren gepiepst haben, war das der reinste Psychoterror. Völlig unkalkulierbar, was passiert wäre, wenn die mich erwischt hätten!
Wurden die Sicherheitsvorkehrungen vor Ort verstärkt, als bekannt wurde, dass einige Konzerte heimlich mitgefilmt wurden?
Absolut. Anfangs gab es bloß sporadische Eingangskontrollen. Mittlerweile kommen Metalldetektoren zum Einsatz und man wird richtig penibel gefilzt. Das hat sich leider auch auf meine Arbeit ausgewirkt: Ich musste auf Ausrüstung zurückgreifen, die technische Nachteile mit sich brachte.
Was trieb Sie dazu an, trotz alledem weiterzumachen?
Die journalistische Herausforderung. Es haben sich einfach immer neue Themen abgezeichnet: Die Entwicklung von neuen Bands etwa, oder wie die Polizei in den verschiedenen Ländern mit der Präsenz von Neonazis umgeht. Ein weiterer Fokus war das NPD-Umfeld. Ein Mal habe ich zwei NPD-Landesvorstandsmitglieder dabei erwischt, wie sie den Arm zum Hitlergruß erhoben haben.
Wusste Ihr privates Umfeld über Ihre Recherchen Bescheid?
Nur sehr wenige waren eingeweiht. Die wollten mich natürlich immer zum Aufhören bewegen, und sind nun umso erleichterter, dass jetzt Schluss ist.
Haben Sie sich richtige "Bekanntenkreise" in der Szene zugelegt, um Ihre Recherchen voranzutreiben?
Längere Bekanntschaften habe ich immer vermieden, das Risiko war zu groß. Ich habe meine Kontakte vorwiegend über das Internet aufrecht erhalten. Gerade dort herrscht ein reger Informationsfluss so bekommt man schnell mit, wann und wo konspirative Treffen stattfinden.
Wie steht man solche Veranstaltungen durch, wenn einen diese eigentlich nur anwidern?
Man muss Distanz wahren. Sobald man das Ganze zu nahe an sich heran lässt, steht man das emotional nicht durch. Einmal aber habe ich zum Beispiel eine Rede von Udo Voigt, dem Parteivorsitzenden der NPD, miterlebt. Die ist mir buchstäblich auf den Magen geschlagen mir wurde urplötzlich speiübel.
Wie beurteilen Sie die Entwicklung des Rechtsextremismus in Deutschland generell?
Sie nimmt stets neue Dimensionen an. Ein Beispiel: Es werden Netzwerke aufgebaut, in denen Arbeitsplätze geschaffen werden die dann wiederum von Szenenangehörigen besetzt werden. Nazis finanzieren Nazis, Politik wird zu Profit. Die Neonazi-Szene ist richtiggehend zu einer Bewegung geworden.
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