Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

Laut gegen Nazis: Silbermond

Ein Interview.


11.3.2009
Nicht viele Bands engagieren sich aufrichtig gegen Rechtsextremismus. Viele würden gern, aber ihre Manager raten ab. Eine engagierte Ausnahme ist die ursprünglich aus Bautzen stammende Band Silbermond. Ob unter dem Motto "Laut gegen Rechts" oder "Laut gegen Nazis", Silbermond zeigt Flagge. Auch im Interview.

Die deutsche Band Silbermond engagiert sich mit ihrer Musik für "Laut gegen Nazis". Screenshot des Blogs der Initiative, 30. November 2011, http://bit.ly/vTMCnJDie deutsche Band Silbermond engagiert sich mit ihrer Musik für "Laut gegen Nazis". Screenshot des Blogs der Initiative, 30. November 2011, http://bit.ly/vTMCnJ

Ihr seid eine der erfolgreichsten deutschen Bands, fühlt man da eine besondere Verantwortung, mit dem Erfolg auch etwas Vernünftiges anzufangen?

Andreas:Jeder hat Verantwortung, nicht nur, wenn man erfolgreich ist! Aber es stimmt, wir können die Öffentlichkeit als Sprachrohr nutzen, da gelangen Botschaften schneller zu den Leuten.

Stefanie: Unsere Fans interessieren sich ja nicht nur für unsere Musik, sondern auch für die Menschen hinter der Musik. Die hören genau hin, setzen sich mit dem auseinander, was wir singen und tun. Die bekommen auch ganz genau mit, dass wir uns gegen Nazis engagieren. Wenn wir nach den Konzerten Autogramme geben, sprechen uns unsere Fans auf alles Mögliche an – wie wir unsere Songs schreiben, was wir zum Frühstück gegessen haben, aber auch, dass wir uns mit Rechtsradikalismus auseinander setzen. Viele sind ja auch bewusst zu den Konzerten gekommen, die wir beispielsweise für die Amadeu Antonio Stiftung und die Initiative "Laut gegen Nazis" gemacht haben oder für die Initiative aus Mecklenburg-Vorpommern "Laut gegen Rechts". Da kommen sie nicht nur, weil sie unsere Musik mögen, sondern auch, weil sie sich zum Thema positionieren wollen.

Wie seid Ihr dazu gekommen, Euch beispielsweise "an Laut gegen Nazis" zu beteiligen?

Andreas: Wir hatten schon vor etwas längerer Zeit eine Tour zur Unterstützung nicht-rechter Initiativen und Jugendlicher gemacht, das hat gut funktioniert, war produktiv und hat viele Menschen erreicht. Deshalb engagieren wir uns immer wieder gern auf diesem Wege gegen Rechtsextremismus.

Stefanie: Das Thema selbst liegt uns aber schon länger am Herzen. Und wir haben das erste Konzert gegen Rechts gegeben, da hießen wir noch gar nicht "Silbermond". Wir haben da schon immer eine klare Meinung zu.

Ihr kommt aus Sachsen, das immer wieder mit Rechtsextremismus Schlagzeilen macht. Habt Ihr selbst Erfahrungen mit Neonazis gemacht?

Mitglieder der Band Silbermond beim Interview.Mitglieder der Band Silbermond beim Interview. (© H. Kulick)
Andreas: Ich schon. Ich kam aus Berlin und fuhr nach Hause, zusammen mit meiner Mutter. Der ganze Zug war voller Rechtsextremer, weil zu der Zeit gerade die Wehrmachtsausstellung in Berlin war. Plötzlich haben die irgendwo im Zug einen Jugendlichen zusammengeschlagen, richtig schlimm, krankenhausreif. Der Zug hielt an, irgendwo in der Pampa. Die Polizei kam, sagte aber, sie können nichts machen. Die waren völlig machtlos, haben nicht einmal einen Rechten verhaftet! Im Endeffekt ist der Zug mit den Rechtsextremen weiter gefahren, und wir nicht-rechten Fahrgäste, die Angst hatten, mit denen weiter zu fahren, standen auf dem Feld und mussten sehen, wie wir nach Hause kamen. Das möchte ich nicht noch mal erleben.

Ihr habt für die Hörbuch-Edition "Laut gegen Nazis" Texte Überlebender des Nazi-Regimes gelesen. Was sind das für Texte? Was hat Euch daran beeindruckt?>

Stefanie: Ich lese Auszüge aus der Bi ographie von Lucille Eichengreen. Sie ist Jüdin, hat durch die Nazis ihren Vater, ihre Mutter, ihre Schwester verloren. Sie selbst war im Ghetto Lodz und hat überlebt. Es war sehr ergreifend. Ich habe bei den Aufnahmen über drei Stunden durchgelesen. Ich habe versucht, ihre Gefühle nachzuvollziehen und nachvollziehbar zu machen – nicht ganz einfach, schließlich bin ich keine Sprecherin. Ich musste während der Aufnahmen das eine oder andere Mal echt schlucken.

Andreas: Ich lese Gedichte von Ruth Rosenfeld. Sie verarbeitet darin ihre Erfahrungen auf extreme Weise – sehr verschachtelte Satzkonstruktionen, extreme Wortwahl, krasse Gedanken. Man merkt den Texten an, wie sehr die Person mit diesen Vorfällen heute noch zu kämpfen hat, was sie immer noch zu verarbeiten hat. Das hat mich daran sehr fasziniert.

Stefanie: Bei Lucilles Text sind die Gegensätze sehr krass. In einem Satz beschreibt sie die Schönheit der blauen Augen ihres Vaters und wie lieb er immer zu ihr war, und im nächsten beschreibt sie schon, wie er von den Nazis verschleppt wurde und sie ihn nie wieder gesehen hat. Und dann gibt es die Stelle, an der sie einen Nazi hätte erschießen können, hinterher, als Deutschland befreit war, wie die Pistole vor ihr auf dem Tisch liegt – und sie sich dann entschließt, es nicht zu tun. Diese Größe muss man erst mal haben!

Ist Rechtsextremismus ein Thema, das auch in einem Song verarbeiten werden kann?

Stefanie: Wir schreiben Lieder aus dem Bauch heraus, über Dinge, die uns beschäftigen. Deshalb haben wir ja schon einen Song dazu geschrieben, "In Zeiten wie diesen": Da geht es darum, zum Nachdenken anzuregen: Sind wir auf der Welt, um Nazis zu sein, uns gegenseitig zu erschießen, in Hochhäuser hineinzufliegen? Es geht auch darum, klarzumachen, dass das alles im Kleinen schon anfängt, wenn ich morgens in die Bahn steige und jemand anmache, nur weil er eine komische Frisur hat.

Was meint Ihr, was würde helfen, um Rechtsextremismus zu bekämpfen?

Andreas: Man muss bei der Jugend ansetzen, die sind offen, auch für die Falschen. Wer Fußballturniere anbietet, Jugendclubs aufmacht, auf Schulhöfen auf Leute zugeht, der macht die Kids aufmerksam und kann sie an seine Ideen heranführen – fatal, wenn das wie derzeit mancherorts nur die Rechtsextremen sind! Deshalb muss es für nicht-rechte Jugendliche Angebote geben, Jugendclubs, Orte wo sie hingehen können. In Bautzen allerdings ist gerade das Jugendhaus für die Kinder bis 14 Jahre geschlossen worden. Wenn man Pech hat, suchen sich die Jugendlichen dann die falschen neuen Gruppen aus. Und ich würde mir wünschen, dass im Unterricht nicht nur historisch über Nationalsozialismus gesprochen wird, sondern ganz konkret über heutige rechtsextreme Parteien und ihre Ideologie. Wenn jemand menschenverachtend und rassistisch ist, muss man nämlich auch mal offen sagen, dass das schlecht ist, und nicht sagen: Das ist Demokratie, die gehören dazu.

Ihr seid 2006 in Schwerin bei einem Open-air "Laut gegen Rechts" mit am Ende 12.000 Besuchern dabei gewesen. Das wurde sogar zur Titelgeschichte in mehreren Tageszeitungen. Dennoch haben zwei Tage später mehr als sieben Prozent NPD gewählt. Frustriert das?

Stefanie: Ich denke ohne solches Engagement vieler Bands hätte die NPD sicher noch mehr gewonnen. Solche events machen Leuten einfach Mut, die unsicher sind, weil sie denken, Rechts wird eh Mainstream. Aber wenn die sehen, ey, wir sind nicht allein, kommen die aus dem Knick. Wir haben uns damals in Schwerin mit einem jungen Mann unterhalten, 19 oder 20 Jahre alt, der war gekommen, weil er eben sagt "Ich bin gegen Rechts", sich das aber sonst kaum traut. Er hat uns erzählt, dass seine Familie komplett rechts ist, sein Vater Hakenkreuze auf dem Arm tätowiert hat, ihn zwingt Fahnen in seinem Zimmer aufzuhängen, und wenn er das nicht macht, dann fliegt er raus. Und ich dachte so "häh", warte mal, das kenne ich doch höchstens aus`m Film. Sich für solche Leute stark machen, finde ich wichtig, dass die sich nicht klein kriegen lassen, auch nicht durch Nazi-Väter...

Das Gespräch führten Simone Rafael und Holger Kulick für www.mut-gegen-rechte-gewalt. de und das dort erschienene Buch "MUT-ABC für Zivilcourage" (Berlin, Mai 2008). Mehr über die Band auf www.silbermond.de



 
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