Bildung, Bildung, Bildung
Was Bildungspolitik gegen Rechtsextremismus leisten kann
In Familie, Peer-Group und Kindergarten wird der Grundstein für demokratisches und soziales Wertebewusstsein gelegt. Ganz besonders aber in der Schule. Brandenburgs Staatssekretär für Bildung, der Lehrer Burkhard Jungkamp (SPD), beschreibt, was gute Bildungspolitik gegen Rechtsextremismus leisten kann.I. Wer über Möglichkeiten und Grenzen der pädagogischen Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus reflektiert, der ist gut beraten, zunächst einmal die Notwendigkeit einer solchen Auseinandersetzung hervorzuheben und an die Feststellung des Philosophen Karl Popper zu erinnern:
"Unsere Welt, die Welt der Demokratien, ist zwar nicht die beste aller denkbaren politischen Welten, aber doch ist sie die beste aller politischen Welten, von deren historischer Existenz wir Kenntnis haben."
Darum dürfen wir es nicht zulassen, dass unsere Demokratie – von wem auch immer – ausgehöhlt wird, und darum führt an der aktiven Auseinandersetzung mit den Feinden der Demokratie – auch und gerade mit dem Rechtsextremismus – kein Weg vorbei. Dafür das Bewusstsein zu schärfen und an die gemeinsame Verantwortung aller Demokraten für unsere demokratische Gesellschaft zu appellieren, insbesondere an die gemeinsame Verantwortung von Familien, Staat und Gesellschaft für die Erziehung unserer Kinder und Jugendlichen zur Demokratie – darum geht es, und darum, deutlich zu machen, dass Staat und Gesellschaft, dass wir alle, ob Zuhause, in der Kita, in der Schule, dass wir alle aufgefordert sind, uns selbst sensibel, verbindlich und konkret um diese zentrale Aufgabe zu kümmern.
II. Aber wie kann, wie sollte die pädagogischen Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus geführt werden – und wo stoßen wir an Grenzen? Und da wir über eine pädagogische Auseinadersetzung nachdenken wollen, will ich auch pädagogisch argumentieren, und das heißt doch zunächst einmal: Wir müssen die Demokratieerziehung stärken.
Das wiederum meint: Zuallererst einmal müssen wir unseren Kindern und Jugendlichen die Einsicht ermöglichen, dass es zu unserer demokratischen Gesellschaft – denken Sie an Popper – keine Alternative gibt.
Erkannt werden muss, dass das Kennzeichen der Demokratie darin besteht, dass es möglich ist, die Regierung ohne Blutvergießen durch eine Abstimmung loszuwerden, ganz im Gegensatz zu einem diktatorischen Regime.
Erkannt werden muss ebenso, dass die Grundwerte einer demokratischen Gesellschaft – Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit sowie Solidarität, Toleranz und Friedfertigkeit – ein hohes Gut sind, unverzichtbar sind, aber keineswegs immun – nicht vor Instrumentalisierungen, nicht vor Pervertierungen.
Auch das muss erkannt werden: Aus Nationalgefühl kann Patriotismus werden, aber eben auch Chauvinismus; aus Opferbereitschaft entsteht leicht Fanatismus und aus der Treue zur eigenen Nation der Hass auf andere Völker. Wer zur Demokratie erziehen will und wer sich mit dem Rechtsextremismus auseinandersetzen will, der muss sich in diesen Problemlagen auskennen.
III. Nur: Wer zur Demokratie erziehen will, wer Kinder und Jugendliche beim Aufbau eines demokratischen Wertebewusstseins unterstützen will, muss sich darüber im Klaren sein, dass ein bloßes, theoretisches Wissen um den Wert der Demokratie nicht ausreicht, um zu einer demokratischen Haltung zu kommen – und schon gar nicht, um demokratisch zu handeln. Denn nachhaltige Wertbindung braucht immer Erfahrung. Frühe Erfahrungen sind hier ausschlaggebend: Was Hänschen an Wertorientierung nicht lernt, das kann Hans zwar immer noch lernen, aber sehr viel schwieriger.
Auf der anderen Seite: Mit der demokratischen Kompetenz geht es vermutlich genauso wie mit der physischen Kondition: Sie muss ständig gefördert werden, wird sie nicht gefordert, dann kann sie leicht verkümmern. Das gilt erst recht für die Kita, die Schule und für die Erziehung dort. Beide haben einen originären Auftrag zur Demokratieerziehung – für die Schule sage ich ausdrücklich: und das in allen Fächern. Es wäre ein gründliches Missverständnis des Erziehungsauftrages der Schule, wollte man Demokratieerziehung allein dem Geschichtsunterricht zuordnen und beispielsweise die Naturwissenschaften davon befreien, weil sie doch wertneutral zu sein scheinen.
Doch auch der beste Fachunterricht kann seine Wirkungen nicht entfalten, wenn nicht die Schule als Ganze zum Erfahrungsraum wertebildender, Gemeinschaftsveranstaltungen wird, wenn sie nicht Möglichkeiten der Partizipation bereithält. Wer für Demokratie begeistern will, muss wissen: Die beste Erfahrung macht man noch immer bei der Wahrnehmung der Mitverantwortung, die ja gerade in einem demokratischen System möglich ist – beispielsweise bei der Mitarbeit an der Schulverfassung, im Schülerrat oder in einem Jugendparlament.
Ob jemand später als Person für die Menschenrechte optiert, hängt wesentlich davon ab, ob er selbst – nicht nur in der Schule, sondern in unserer Gesellschaft insgesamt – Wertschätzung erfahren hat, ob er sinnfällig und hautnah erlebt hat, dass er selbst Würde besitzt. Partizipation und Wertschätzung sind also Voraussetzungen für erfolgreiche Demokratieerziehung.
Und auch das ist wichtig: An Vorbildern orientiert man sich. Für uns Ältere heißt das: Wer überzeugend für Demokratie werben will, der muss sich selbst an die Spielregeln der Demokratie halten, der muss Demokratie leben; der muss Respekt zeigen vor dem Einzelnen und dessen Meinung, der muss die Würde der menschlichen Person bedingungslos anerkennen. Vorbilder beeinflussen das Denken und das praktische Handeln und prägen Werthaltungen, und zwar in alle Richtungen.
Es gibt auch negative Vorbilder, die gegenteilige Verhaltensweisen erzeugen. Sich an positiven Vorbildern zu orientieren – das ist die aktuelle Aufgabe demokratischer Erziehung. Zur Erziehung mit erhobenem Zeigefinger – ob zu Hause oder im Unterricht – besteht kein Anlass. Dazu ist unsere Welt, die Welt der Erwachsenen, wahrlich nicht gut genug in Schuss. Dafür geben wir Älteren im Großen wie im Kleinen zu wenig Orientierung. Oder anders gesagt: Dafür sind wir zu wenig vorbildlich.
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