Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.
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Braune Parallelwelt

Die ideologische Arbeit der HDJ


17.6.2008
Die HDJ ist ein neonazistisch ausgeprägter Jugendverband, der ein rechtsextrem geprägtes Weltbild vermittelt. Zusammenkünfte werden oft als familiäre Pfadfinderlager getarnt – dabei gibt es deutliche Bezüge zur Hitlerjugend im Dritten Reich, beschreibt Fachautorin Andrea Röpke.

Website der "Heimattreuen Deutschen Jugend" (HDJ), Screenshot Juni 2008Website der "Heimattreuen Deutschen Jugend" (HDJ), Screenshot Juni 2008
Dichte Nebelschwaden ziehen tief über die grünen Wiesen der Lüneburger Heide. Herunter- gewirtschaftete, fast verfallene Gebäude eines Anwesens werden sichtbar, als sich der graue Vorhang langsam lichtet. Schemenhaft sind Menschen auszumachen, die aufgeregt hin und herlaufen. Einzelne Autos ruckeln stockend über die holprige kilometerlange Schotterstrecke auf den abgelegenen Bauernhof in Eschede bei Celle zu. Zwei Männer in dunkler Kleidung, mit Ferngläsern und Funkgeräten in den Händen, weisen den Ankommenden Parkplätze am Rand der Wiese zu. Wenig ist zu erkennen von den Vorgängen auf dem einsamen Hof. Erst als die Nebelschleier sich auflösen, Sonnenstrahlen durch das Grau dringen, enthüllt sich das ganze anachronistisch anmutende Szenario.

"Der Heimat und dem Volke treu" prangt in dunklen Lettern auf einem Holzschild über dem Eingangstor. Mädchen mit geflochtenen Haaren und in lange dunkle Röcke gekleidet, gehen auf einen Platz mit weißen Rundzelten zu; Frauen in altmodischer Kleidung, einen Kinderwagen vor sich her schiebend, folgen ihnen. Am linken Weiderand haben junge Männer eine Behelfstoilette wie beim Militär errichtet, notdürftig verhängt mit einer dunkelgrünen Plane. Schräg gegenüber trägt ein Mann schwere Suppenkübel zu einem Küchenzelt. Frauen mit Dutt und in Schürzen rühren emsig in großen Kochtöpfen. Weit hinter dem Zeltplatz haben sich Kinder mit Speeren in der Hand zu einem Wettkampf aufgestellt. Stimmengewirr. In diesem Mikrokosmos erscheinen nur die Autos und Kleinbusse modern.

Auf dem Gelände flattern zwei Fahnen im Morgenwind: eine große Reichskriegsflagge wie sonst auch und jetzt zu Pfingsten 2007 die Fahne der Heimattreuen Deutschen Jugend – Bund zum Schutz für Umwelt, Mitwelt und Heimat e.V., kurz HDJ: eine rote Flamme auf schwarz-weißem Grund. Es ist alles andere als ruhig an diesem Maiwochenende am Ortsrand der niedersächsischen Gemeinde. Denn an der Zufahrt zum Privatgrundstück von Bauer Joachim Nahtz stehen Polizeifahrzeuge. Beamte beobachten das braune Treiben auf der grünen Wiese. Nur eine Woche zuvor hatte das ARD-Magazin "Panorama" über die gefährlichen Machenschaften der neonazistischen HDJ berichtet und diese seit Jahren im Verborgenen agierende Organisation damit ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Deren Anführer sind nach eigenen Angaben angetreten, um "wieder eine saubere Jugend zu formen".

Mit Fahrten, Zeltlagern, Ausmärschen, Wettkämpfen und ideologischen Schulungen soll Sieben- bis 25-Jährigen eine "heimat- und volksbewusste Einstellung" vermittelt werden. Die Organisation ist bundesweit aktiv, Hunderte von Kindern durchlaufen seit Jahren deren militärisch-geprägte Lager. Der HDJ-Bundesführung unter Sebastian Räbiger aus Reichenwalde im Landkreis Oder-Spree und Holle Böhm aus Hohen Neuendorf bei Berlin obliegt nach eigenen Angaben die Aufgabe, "der Kopf und das Herz dieses Organismus zu sein und das Wollen in die gewünschte Richtung zu lenken".

HDJ-Führer übernehmen für zahlreiche Familien aus dem braunen Spektrum erzieherische Verantwortung, selbstbewusst versucht die Organisation auch an neue Familien außerhalb des gewohnten Spektrums heranzutreten und deren Kinder anzulocken. Mit einem Anfang 2007 im Internet veröffentlichten Werbe-Video gehen sie gezielt auf Nachwuchsfang. An jedem zweiten bis dritten Wochenende finden in der Bundesrepublik Lager der Heimattreuen Deutschen Jugend statt. Ihre zweifelhaften pädagogischen Ziele werden im Kalender "Unser Leben 2008" offengelegt: "Volksbewusstsein in jedem Einzelnen zu formen" habe oberste Priorität. Bereits Kindern und Jugendlichen solle klar werden, dass es sich bei der eigenen Weltanschauung um etwas "organisch Gewachsenes" handele. Ebenso wichtig sind für die Neonazi-Erzieher die "Ideale der soldatischen Erziehung". Schon Kinder werden als "Kameraden" bezeichnet, mit "Heil Dir" begrüßt und zu Disziplin und Gehorsam genötigt. "Wir verachten den schwächlichen, erniedrigenden Pazifismus", heißt es in der Selbstdarstellung, "Ihm stellen wir ein stolzes und wehrhaftes Mannestum entgegen!"

Streng nach Geschlechtern getrennt, treten denn auch schon die Kleinsten zum "germanischen Wettkampf" in Eschede an. Begriffe wie "körperliche Ertüchtigung" fallen ebenso häufig im Umfeld der HDJ wie der Satz: "Die Kinder sollen abgehärtet werden." Bundesführer Sebastian Räbiger spricht sogar von einer "Sturmjugend", die er heranbilden möchte. Beschwörend schreibt er in der organisationsinternen Publikation "Funkenflug": "Wenn für Dich Dein Volk alles ist und Du bereit bist, für das, was Du liebst, aufzustehen, alles zu wagen und zu kämpfen, dann ist Dein Platz bei uns!"

Im Sinne neonazistischer "Volksgemeinschaft" ist die Erziehung von Kindern und Jugendlichen stets Gemeinschaftssache, denn: "Wo keine Führung, da keine Gemeinschaft, da keine Erziehung." Individuelles Verhalten, Kreativität und Kritikfähigkeit – alles Begriffe, die zur größten deutschen Neonazi-Jugendorganisation nicht passen. Nach der Parole "Gemeinnutz geht vor Eigennutz" wird in der HDJ gelebt, und was Gemeinnutz ist, gibt die Organisation vor. Zur ideologischen Weiterbildung der Kinder gehören neben Mut- und Messerproben, Geländespielen und Orientierungsmärschen auch Luftgewehrschießen und militärisches Heldengedenken. "Lagermannschaft aufstehen, fertigmachen zum Frühsport", ertönt eine Stimme nach dem morgendlichen Fanfarenruf.

Auch in Eschede geht es recht militärisch zu, wie einer der anwesenden Polizisten bestätigt. Trotz des von den Behörden kurzfristig erlassenen Uniformverbotes tragen viele beim Zeltlager uniformähnliche, altmodische Kleidung, dunkle Jungenschaftsjacken, genannt Juja, sogenannte Grauhemden, schwarze Zunfthosen, und die Mädchen sind in bodenlange dunkle Röcke und weiße Blusen gekleidet. Schon die Kinder müssen zum Fahnenappell antreten. Sie sind gedrillt worden, sich in Reih und Glied aufzustellen, während einer der Anführer strenge Aufsicht führt. "Laute Befehle waren zu hören", erzählt der Beamte. Germanische Riten und soldatisches Reglement gehören zum Alltag in den Kinderlagern der HDJ.


 

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