Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

Holocaustleugnung


16.6.2008
In Deutschland ist es nach § 130 Abs. 3 des Strafgesetzbuches verboten, den nationalsozialistischen Völkermord an den europäischen Juden öffentlich zu billigen, zu verharmlosen oder zu leugnen. Aber noch immer gibt es Menschen, die danach streben, die Geschichte umzuwerten, umzudeuten und umzuschreiben.

Fotografien von ehemaligen jüdischen Häftlingen im Konzentrationslager Auschwitz in Häftlingskleidung, an einer Wand der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem zusammengestellt.Eine Zusammenstellung von Fotografien ehemaliger jüdischer Häftlinge des Konzentrationslagers Auschwitz an einer Wand der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. (© AP)

In Deutschland ist es nach § 130 Abs. 3 des Strafgesetzbuches verboten, den nationalsozialistischen Völkermord an den europäischen Juden öffentlich zu billigen, zu verharmlosen oder zu leugnen. Denn obwohl der Holocaust einer der am besten erforschten und dokumentierten Vorgänge der Vergangenheit ist, gibt es noch immer Menschen, welche diese historische Tatsache nicht anerkennen wollen und danach streben, die Geschichte umzuschreiben. Die Thesen solcher Revisionisten zielen auf eine Relativierung der NS-Verbrechen, nicht selten wird die Existenz von Vernichtungslagern und Gaskammern teilweise aber auch vollständig in Zweifel gezogen. Beispielhaft können folgende Argumentationsstrategien beschrieben werden:

1) Mit Hilfe pseudowissenschaftlicher Gutachten wird die Machbarkeit des Massenmordes in den Konzentrationslagern angezweifelt. Dabei argumentieren Holocaustleugner, dass z.B. in den Gaskammern keine Rückstände von Giftgas gefunden worden wären oder dass die Krematorien in Auschwitz viel zu klein für eine massenhafte Verbrennung von Leichen gewesen seien. Derartige Argumente sind aber durch detaillierte wissenschaftliche Untersuchungen und Gerichtsgutachten vollständig widerlegt.

2) Einige Revisionisten versuchen Hitler und die NS-Führung aus ihrer Verantwortung zu entlassen, indem zwar Verbrechen an den Juden zugegeben werden, die zielgerichtete Planung und systematische Durchführung eines Völkermordes aber bestritten wird. Einzelpersonen hätten demnach ohne ausdrücklichen Befehl von oben gehandelt. Eine solche Argumentation, die direkt an die NS-Propaganda anknüpft, gibt den Juden oftmals selbst die Schuld an den an ihnen begangenen Verbrechen. Sie hätten durch ihr Handeln einen "Volkszorn" provoziert, der sich in derartigen spontanen Taten wiederspiegelt. Auch wenn die seriöse Geschichtsforschung unter dem Begriff des "Strukturalismus" Impulse für die Endlösung aus den unteren Entscheidungsebenen diskutiert, ist eine zentrale Rolle Hitlers und der obersten Führungsriege bei Planung und Durchführung der Vernichtungspolitik aber unzweifelhaft.

3) Eine dritte Strategie ist es, das Ausmaß des Völkermordes zu verharmlosen. Während der renommierte Historiker Wolfgang Benz die Zahl der jüdischen NS-Opfer auf ungefähr sechs Millionen schätzt, argumentieren Revisionisten, dass eine derartige Anzahl an Juden gar nicht im deutschen Machtbereich gelebt hätte. Da die Meldelisten der Konzentrationslager vernichtet worden sind, beruft man sich auf die erhaltenen Sterbebücher, in denen aber die Opfer der Vergasungen nicht aufgeführt wurden. Dies führt zu der Behauptung, die Konzentrationslager hätten gar nicht der planmäßigen Vernichtung gedient. Die hohe Sterblichkeit sei ausschließlich Unterernährung und Krankheiten geschuldet und unterscheide sich dahingehend nicht von den Verhältnissen in den US-Gefangenenlagern im Rheinland.

4) Der vorangehende Punkt weist bereits auf die Strategie hin, durch einen Verweis auf alliierten Kriegshandlungen die NS-Verbrechen zu relativieren. Das deutsche Vorgehen wäre durch den Krieg bestimmt gewesen, in dem auf beiden Seiten Grausamkeiten begangen worden sind. In diesem Sinne sind die Äußerungen aus der Fraktion der NPD im sächsischen Landtag vom April 2005 zu sehen, welche die alliierten Luftangriffe auf Dresden als "Bombenholocaust" bezeichneten. Auch ein Vergleich mit anderen Völkermorden kann dazu beitragen, die Singularität des Holocaust in Zweifel zu ziehen. Diese beruht aber auf der Tatsache, dass Enteignung, Vertreibung und Ermordung das offen formulierte Ziel eines modernen europäischen Industriestaates waren, mit allen bürokratisch-industriellen Mitteln durchgeführt und selbst die Morde noch einer finanziellen Verwertung unterzogen wurden.

5) Nicht selten vermengen Holocaustleugner ihre abstruse Geschichtsauffassung mit oftmals antisemitischen Verschwörungstheorien. Danach hätten die Alliierten die Lüge des Völkermordes inszeniert, um Deutschland zu schaden und als ebenbürtigen Gegner ein für alle mal auszuschalten. Die Juden würden die Ausschwitzlüge nutzen, um immer neue Wiedergutmachungszahlungen zu erpressen. Zudem setzten sie die internationale Staatengemeinschaft moralisch unter Druck, damit diese den Staat Israel unterstütze.

Geschichtsrevisionisten versuchen ihre Thesen als seriöse Forschung darzustellen. Oftmals sind ihre Schriften mit dem Zusatz 'Report´ oder 'Gutachten´ versehen und erscheinen in pseudowissenschaftlichen Magazinen. Eine weitere Taktik, um den Anschein eines fachlichen Diskurses zu erwecken, ist das Verwenden zahlloser Fußnoten und Zitate, wobei sich aber lediglich ein Holocaustleugner auf den nächsten bezieht. Der Leser wird somit argumentativ im Kreis herumgeführt. Es kommt sogar vor, dass auf eine unter einen Pseudonym veröffentlichte eigene Schrift verwiesen wird. Beweise oder Argumente, die ihren Behauptungen widersprechen, werden kaum zur Kenntnis genommen, sondern als Fälschung oder Täuschung zurückgewiesen. Eine unbefangene Überprüfung und Bewertung der Fakten, wie sie die Revisionisten immer wieder selbst fordern, ist im Grunde nicht erwünscht.

Denn bei den Bestrebungen der Revisionisten handelt es sich keineswegs um eine akademische Frage, sondern um das Verfolgen handfester politischer Ziele. Eine Relativierung der deutschen Schuld soll dazu beitragen, die Folgen des verlorenen Krieges - Reparationszahlungen und Gebietsverluste - als eine ungerechte und harte Bestrafung darzustellen. Einer Revision der Geschichtsschreibung müsse dann auch eine Revision der deutschen Ostgrenze folgen. So sind die zynischen Äußerungen des NPD-Vorsitzenden Udo Voigt zu verstehen, welche die SWR-Sendung 'Monitor´ im Juni 2007 ausstrahlte: "Sechs Millionen kann nicht stimmen. Es können maximal 340.000 in Auschwitz umgekommen sein. Dann sagen zwar die Juden immer: Auch wenn nur ein Jude umgekommen ist, weil er Jude ist, ist das ein Verbrechen. Aber es ist natürlich ein Unterschied, ob wir für sechs Millionen zahlen oder für 340.000. Und dann ist auch irgendwann die Einmaligkeit dieses großen Verbrechens – oder angeblich großen Verbrechens weg. [...] Pommern, Westpreußen, Ostpreußen, Schlesien, ob das Königsberg ist, ob das Danzig ist, ob das Breslau sind, das sind alles deutsche Städte für uns [...] auf die wir natürlich Anspruch erheben."

Nicht zuletzt behindert die Auseinandersetzung mit einem derart unvergleichbaren Exzess von Nationalismus ein von den Revisionisten erwünschtes "unverkrampftes" Ausleben eines neuen deutschen Nationalgefühls. Aber auch außerhalb Deutschland wird die Auschwitzlüge politisch genutzt. So dient sie Antizionisten als Argumentationshilfe, um das Existenzrecht Israels zu verneinen. In diesem Kontext stehen Holocaustkonferenz und Karikaturenwettbewerb, die der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad im Jahr 2005 initiierte. Zu der Konferenz waren auch zahlreiche Holocaustleugner aus zahlreichen Ländern geladen. Der Geschichtsrevisionismus in Bezug auf den Holocaust war von Beginn an nicht auf Deutschland als Täternation beschränkt. Bedeutende Anstöße kamen dabei aus den USA und Frankreich. Dies kommt den Revisionisten heute zugute, da es in zahlreichen Ländern Gesetze gegen das Leugnen des nationalsozialistischen Völkermordes gibt. Sie nutzen ihre internationalen Verbindungen, um ihre Propaganda aus dem Ausland zu verbreiten. Dabei kommt dem Internet eine immer größere Bedeutung zu.

Stellt sich zum Schluss die Frage, wie man mit derartigen Haltungen umgehen soll. Eine fachliche Auseinandersetzung wird von seriösen Historikern zumeist grundsätzlich abgelehnt, da man zum einem die revisionistischen Positionen nicht als diskussionswürdig aufwerten möchte und sich zum anderen Holocaustleugner Argumenten gegenüber stets resistent gezeigt haben. Haft- und Geldstrafen sowie Einreiseverbote haben dagegen Wirkung gezeigt, indem dadurch die Handlungsmöglichkeiten der Revisionisten erheblich eingeschränkt wurden. Dennoch werden sie aufgrund des Internet niemals gänzlich zum Schweigen gebracht werden können. Umso bedeutender ist eine breite Aufklärungs- und Bildungsarbeit, damit insbesondere Jugendliche nicht unvorbereitet mit dieser Propaganda konfrontiert werden. Diese Aufgabe wird mit zunehmendem zeitlichem Abstand zur NS-Zeit und nach dem Aussterben der letzten Augenzeugen nicht leichter. Auch die immer wieder zu vernehmenden Rufe aus der Mitte der Gesellschaft, endlich einen Schlussstrich unter die deutsche Vergangenheit zu ziehen, zeigen, dass nicht nur der sogenannte rechte Rand anfällig für die Ziele und Argumentationsstrategien der Revisionisten ist.

Wer sich umfassender über das Dritte Reich und den Völkermord an den europäischen Juden informieren möchte, sollte auf die Standardwerke von Wolfgang Benz zurückgreifen: 'Geschichte des Dritten Reiches' (München 2000) und 'Der Holocaust' (München 1999).