Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.
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Arier im Mikrowellen-Krieg

Eine Reportage über braune Esoterik


17.6.2008
Esoterik trifft Rassismus: Ein Streifzug durch eine Szene, in der sich scheinbar geheimnisvolle Lehren mit Verschwörungstheorien, Antisemitismus und Rassismus vermischen. Ein Beitrag von Birk Meinhardt aus der Süddeutschen Zeitung.

Website von Jan van Helsing, Screenshot 6.12.2011, www.janvanhelsing.de.Website von Jan van Helsing, Screenshot 6.12.2011, www.janvanhelsing.de.

Berlin, im März 2008 - Egal an welchem Wochenende, irgendwo in Deutschland ist immer irgendeine Esoterik-Messe. Diesmal in Berlin. Die meisten der Besucher sind nicht jung und nicht alt und gehören, wenigstens ihrem Aussehen nach, nicht zu den Superreichen und nicht zu den Bitterarmen und nicht zur Intelligenzia und nicht zu den Geistlosen, soll heißen: Die vielbesungene Mitte der Gesellschaft, hier scheint sie versammelt zu sein.

Als erstes ein Wahrsager. Kaum, dass sich von weitem die Blicke begegnen, ruft er mit ausholender Geste, du bist ein Denker, das seh ich, aber als man spöttisch zurückruft, so, woran denn, wechselt er umstandslos seine Erkenntnis und lobt, die zwei linken Hände übersehend, mit denen man ausgestattet ist: ein Techniktüftler, das ist dein Ding, stimmt's?

Ein paar Meter daneben eine Kamera, die laut Beschreibung imstande ist, die menschliche Aura abzubilden; hübsch bunt ist sie, die Aura, wie sich auf dem Abzug erweisen wird, und kreisförmig natürlich, eine Mischung aus Regenbogen und Heiligenschein, macht 29 Euro. Schließlich ein riesiger Bücherstand mit Werken wie "Die Seele in den Meisterjahren", und zwischen diesen Werken: ein Autor namens Jan van Helsing.

Ein Pseudonym. Wie jeder weiß, der "Dracula" gesehen oder gelesen hat, ist Professor van Helsing ein großer Vampirjäger. Der Mann dahinter aber heißt Jan Udo Holey. Er legte sich das Pseudonym vor der Veröffentlichung seines Buches "Geheimgesellschaften" zu, weil die "Illuminati", mit denen er sich darin beschäftigt, ja ebenfalls Blutsauger seien, Menschen, "die auf Kosten anderer Menschen existieren". Er habe den Namen einfach witzig gefunden. Man dürfe diese Burschen, die Illuminati, nicht ernst nehmen, dann ärgerten sie sich sehr.

Jene Illuminati sind bei ihm nach der Weltherrschaft strebende Juden. Sie, sagt er, haben den Zweiten Weltkrieg angezettelt, und sie werden auch den Dritten Weltkrieg anzetteln, ihre Führer sitzen in den Schweizer Bergen, wobei hinzukommt, dass selbst diese Führer nur Werkzeuge sind, Gesellen von Außerirdischen, die nach der Macht auf Erden streben, ekelerregende Graue, denen jedoch glücklicherweise gute große blonde Außerirdische gegenüberstehen, Arier in gewisser Weise, die sich im hohlen Erdinnern verborgen halten, wo sie mit Flugscheiben sich bewegen und . . .

Das ganz heiße Herz



Das ist Blödsinn? Gewiss, aber man wird, wenn man sich ein wenig näher mit Jan Udo Holey und mit all jenen beschäftigt, denen er als Heiland gilt, durchaus auf eine gewisse Systematik stoßen. Und auf eine erstaunliche Wirkung.

Das erwähnte Buch Holeys, sein erstes, war von 1993 bis 1996 auf dem Markt. Es verkaufte sich 100 000mal. Dann wurde es verboten. In der Anklageschrift ist von einer durchgängig antisemitischen Schrift die Rede, von bewusster Verdrehung historischer Tatsachen und von der Absicht, eine feindselige Haltung gegen die Juden zu schüren.

Deshalb liegt es auch nicht auf der Messe. Aber spätere Bücher des Autors, wie auch die Titel weiterer Schreiber, die in ähnliche Richtung zielen, kann man kaufen. Sie gehören längst zur Esoterikszene, braune Sprengsel im bunten Hokuspokus. Dies hier ist etwas anderes als die körperliche Präsenz irgendwelcher Glatzen, dies ist ein Extremismus, der sich ins Spirituelle kleidet, oder auch anders herum, Spirituelles, das ins Extremistische lappt, eins franst ins andere.

Und weil es da nicht so einfach ist, eine Grenze zu ziehen, gibt es, außer den Auflagenhöhen, auch keine gesicherten Zahlen über Protagonisten und Anhänger. Nur so viel ist klar: Es handelt sich um eine selbständige Szene mit eigenem Publikum, das manchmal gar nicht weiß, wohin die Reise geht, wenn es so ein Büchlein zur Hand nimmt.

Jo Conrad zum Beispiel, man ist jetzt unterwegs zu Jo Conrad, der in Worpswede wohnt. Conrad tritt regelmäßig in secret.tv auf, einem von Jan Udo Holey betriebenen Internetsender. Sein Buch "Entwirrungen" wird gerade in der neunten Auflage ausgeliefert. Bis vor kurzem war es unter anderem über den SZ-Shop zu ordern; warum auch nicht, so der erste Eindruck.

Ziemlich am Anfang ein Hinweis auf die Astralebene, auf der man Kontakte zu Ufos herstellen kann. Dann was Heißes: Wir alle haben "einen Funken in uns, den die Wissenschaft nicht versteht". Er befindet sich in einer Herzkammer, in der nicht weniger als 100 Grad herrschen, weshalb er Hot Spot genannt wird. Man fasst sich instinktiv ans Herz und liest gleichzeitig weiter und erfährt, dass Menschen, die leiden, selber Schuld daran sind: Sie haben in einem früheren Leben anderen Menschen schreckliche Qualen zugefügt und müssen nun spüren, wie sich das anfühlt, eine notwendige Lektion.

Ein hermetisches System



Jo Conrad wird an dieser Stelle nicht konkreter. Er will nicht mit der Justiz zu tun bekommen, will nicht wegen Volksverhetzung verurteilt werden wie zum Beispiel der Reinkarnationstherapeut Tom Hockemeyer. Der führt unter dem Pseudonym Trutz Hardo Menschenkinder in ihre diversen früheren Leben zurück. In einem Buch, dem er als Titel den Spruch gab, der am KZ Buchenwald prangte, "Jedem das Seine", hatte er geschrieben, der Holocaust sei eine karmische Reinigung gewesen. Ein Schicksal, das den Juden erspart geblieben wäre, wenn sie es nicht durch einstige Missetaten geradezu heraufbeschworen hätten.

Hockemeyer will kein Interview geben. Er schickt aber die Kopie eines Briefes, den er einst seiner schärfsten Kritikerin Jutta Ditfurth geschrieben hatte. Darin steht, dass er all die Anwürfe nicht begreifen könne. Er sei doch selber ein Jude gewesen, ein Schuster, den die Kosaken in der heutigen Ukraine verbrannt hätten. So um 1660 herum muss das gewesen sein. Hat er bei einer Rückführung haarklein erlebt. Wie auch den Grund für jene Vernichtung: Er sah nämlich, wie er noch ein paar Leben zuvor einem reichen Juden das Messer in den Bauch gestoßen hat, nur aus Habgier. Deretwegen hat es ihm später so schlecht ergehen müssen.

Für manchen, der an Reinkarnation und Rückführung und schlechtes Karma glaubt, ist das vielleicht nicht abstrus. Es hat ja eine gewisse Logik innerhalb des hermetischen Systems, in dem er sich bewegt. Jemand wie Hockemeyer kann, wenn er nur konsequent genug seiner Einbildung folgt, auf kürzestem Wege bei der Umwertung des Holocaust landen, mitsamt seiner festen Überzeugung, damit doch nichts, aber auch gar nichts verbrochen zu haben.

Wenn man nun seinerseits die Dinge konsequent zu Ende denkt: Dann ist es nicht nur eine Verirrung Einzelner, die da gerade geschieht; dann ist es mehr als eine bloße Zufälligkeit, wenn sich moderner Okkultismus und rechtsextremes Denken überschneiden. Womöglich sind genau solche Verirrungen und Überschneidungen in diesem Okkultismus sogar angelegt. Man wird sehen.