Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

Warum steigen Aussteiger aus?

Und tun sie es tatsächlich?


11.3.2008
Nur wenige Rechtsextreme steigen wirklich aus. Was wie ein Ausstieg aussieht, ist bei vielen nur die Änderung der Erscheinungsform, warnt die Wissenschaftlerin Birgit Rommelspacher. Welche Beweggründe führen zum Ausstieg?

Ex-Neonazi Matthias Adrian zeigt seinen ehemaligen Personalausweis, auf dem er einen Hitlerbart trägt. Berlin, 24.10.2006. Heute versucht er in der Berliner Initiative Exit-Deutschland auch andere Neonazis zum Ausstieg zu bewegen.In seinem Personalausweis dokumentierte Ex-Neonazi Matthias Adrian früher auf recht eindeutige Weise seine Gesinnung. (© AP)

Ein Ausstieg in diesem Sinne kommt in der Regel nur dann zu Stande, wenn die Widersprüche zwischen den Erwartungen und den konkreten Erfahrungen in der 'Szene' nicht mehr weg geschoben und verdrängt werden können. Dazu müssen jedoch auch äußere Umstände kommen, die den Einzelnen wieder einen Weg in das soziale Umfeld eröffnen, von dem sie sich bislang in ihrem Hass so stark abgeschottet haben.

Der Ausstieg ist ein langer Prozess und beginnt zunächst oft mit unterschwelligen Spannungen aufgrund der Diskrepanz zwischen persönlichen Erfahrungen in der Szene und den hehren Ansprüchen von Kameradschaft, Treue, eigener Größe und Macht. Nach einer ersten Phase der Euphorie, wenn die jungen Rechtsextremen neu dazu gestoßen sind, folgt oft Enttäuschung: Es gibt zahlreiche Konflikte zwischen den verschiedenen Fraktionen und Gruppierungen des Spektrums, aber auch innerhalb der Gruppen.

Ständig wird gegenseitig Druck ausgeübt, denn jeder soll unentwegt seine Identifikation mit der gemeinsamen Sache beweisen. Gibt es Konflikte, so werden sie meist durch persönliche Diskreditierung 'geklärt'. Ein Aussteiger berichtete, dass dazu entweder das Gerücht verbreitet wird, jemand ist ein Spitzel, oder er ist schwul. Das zieht immer. Neid, Missgunst und gekränkter Stolz unterlaufen vielfach die Kameradschaft. Das kann so weit gehen, dass es zwischen den 'Kameraden' zu Gewalt, bis hin zum Totschlag kommt. Nicht weniger enttäuscht sind viele von ihren 'Führern', auf die die jungen Rechten zunächst all ihre Hoffnungen gesetzt haben. Oft sind jene unfähig, opportunistisch und primär an ihren persönlichen Interessen orientiert. Sie benutzen ihre Gefolgsleute, um sie gegen andere Führer auszuspielen und schrecken nicht vor Verrat zurück.

Spezifische Leere des Rechtsextremismus



Diese Enttäuschungen ergeben sich jedoch nicht nur aus Inkompetenz und gruppeninternen Rivalitäten, sondern auch aus einer spezifischen Leere im Rechtsextremismus. An die Stelle politischer Analysen treten Selbstvergewisserungsrituale. Die eigene 'Größe' muss ständig bestätigt werden. Diese Selbstsuggestionen nützen sich jedoch mit der Zeit ab, so dass das Pathos bald als hohl und die Rituale als verlogen empfunden werden. Bei diesen Inszenierungen eigener 'Größe' spielt der Nationalsozialismus eine wichtige Rolle, denn er bietet ein unerschöpfliches Reservoir für die Bebilderung von Allmachtsfantasien. Das Problem dabei ist jedoch, dass der Nationalsozialismus auch das Symbol für absolute Unmenschlichkeit und Zerstörung ist, weswegen bei aller Glorifizierung seine Verbrechen relativiert oder gar geleugnet werden.

Die Kluft zwischen dem eigenen Erleben und dem Schein von 'Größe' und 'Macht' kann immer größer werden. Viele erleben dies dann als Selbstentfremdung, denn das Selbst kann sich immer weniger auf seine Empfindungen verlassen. Das gilt vor allem auch dann, wenn sie selbst nicht den Idealen des 'arischen Kämpfers' entspricht und 'dunkle Flecken' in der eigenen Biografie existieren, so dass sie Teile von sich selbst ständig verbergen müssen.

Wenn die inneren Zweifel wachsen, beginnen sich die Rechten in der Regel auch eher für Menschen außerhalb ihrer Szene zu öffnen. Dann können sie durch Begegnungen mit anderen, die sie ernst nehmen, nachhaltig irritiert werden. Und sie beginnen zu ahnen, wie groß der Verlust an Mitmenschlichkeit aufgrund ihrer Abschottung von der Umwelt bisher war. Immer hatten sie sich in das monotone Braun einzupassen und der Gruppe unterzuordnen. Diese Gruppenzwänge hatten alle Lebendigkeit unterdrückt und das Interesse an der Umwelt abgetötet. Die Welt schrumpft in der rechten Szene auf "das Eigene" zusammen. Insofern verwundert es nicht, dass der Ausstieg von vielen zunächst als eine unglaubliche Befreiung erlebt wird. Endlich können sie wieder tun und lassen, was sie möchten und offen auf andere zugehen und so den Panzer aus Hass und starren Rollenmustern aufbrechen.

Angst aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden



Schließlich kann die Konfrontation mit den Konsequenzen der eigenen Ideologie zu einer nachhaltigen Erschütterung der bisherigen Überzeugungen führen. Diese kann durch das Ausbleiben politischer Erfolge ausgelöst werden oder aber durch die Erfahrung von Zurückweisung durch die Gesellschaft, wenn diese deutlich macht, dass die Rechten keineswegs ihre Avantgarde oder gar ihre Elite sind, und sie im Gegenteil Gefahr laufen, aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden.

Der Ausstieg selbst in dann ein langer und mühseliger Prozess. Die Aussteiger müssen die Bindung an ihre bisherigen 'Kameraden' aufgeben und sich aus den Verpflichtungen lösen, die sie im Kampf um 'die Sache' eingegangen sind. Sie müssen sich ein neues soziales Umfeld, eine neue persönliche Perspektive aufbauen und nicht zuletzt müssen sie sich eingestehen, dass sie sich falsch entschieden und einen Großteil ihres bisherigen Lebens vergeudet haben. Dazu kommt die Angst vor einer ungewissen Zukunft, der sie sich oft nicht gewachsen fühlen. In dieser schwierigen Situation können Aussteigerprogramme helfen, eine neue Orientierung und neue Lebenszusammenhänge zu finden. Leider sind, wie eine aktuelle Befragung zeigt, die meisten dieser Programme jedoch nicht an einer inhaltlich-politischen Auseinandersetzung interessiert. Für sie steht die Eingliederung in ein 'normales' Leben im Vordergrund, so dass rechtsextreme Einstellungen oft trotz 'Ausstieg' weiter beibehalten werden.