Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

Über die Familie zum Ausstieg

Die EXIT-Familienhilfe


11.3.2008
Auch Eltern von Kindern, die in rechtsextreme Milieus abgerutscht sind, können helfen - und auch ihnen kann dabei geholfen werden. Dierk Borstel über die EXIT-Familienhilfe.

Unsere Kinder. Gesehen in Rostock bei einem NPD-Aufmarsch.Unsere Kinder. Gesehen in Rostock bei einem NPD-Aufmarsch. (© H.Kulick)

Schule und Familie sind die üblichen Zauberworte gesellschaftlicher Lösung von Problemen aller Art. Ob Drogen Gewalt oder Extremismus, immer richtet sich der Blick lösungssuchender Experten zu den zentralen Sozialisationsstellen der Gesellschaft, die sich dann jedoch hilflos und überfordert zeigen. Doch auch Eltern von Kindern, die in rechtsextreme Milieus abgerutscht sind, können helfen - und auch ihnen kann dabei geholfen werden.

Befragt man aktive oder ehemalige Rechtsextremisten, wie sie zu ihrer Szene gekommen sind, erhält man oft Hinweise zu drei typischen Einstiegsmustern. Die erste Gruppe stammt bereits aus rechts- extremen Familienzusammenhängen. Eine zweite Gruppe begeistert sich an der Ideologie und dem Weltbild. Die vermutlich größte Gruppe hingegen steigt mit Beginn der Pubertät in örtliche rechtsextreme Szenen ein. Orientieren sich Jugendliche intensiv an diesen Gruppenzusammenhängen, erfolgt eine rechtsextreme Orientierung innerhalb weniger Wochen oder Monate. Der Einstieg beginnt mit einer unreflektierten Übernahme rechtsextrem orientierter jugendkultureller Stile, Werte und ästhetische Ausdrucksformen, die eine Integration in die neue Cliquenstruktur ermöglichen. Auch das Internet bietet ähnliche Orientierungsmuster.

Für die entsprechenden Eltern erfolgt dieser Einstieg in rechtsextreme Szenen manchmal nahezu unbeobachtet und wird als normale pubertäre Einstiegsphase gewertet, die sie auch ist, die aber zu einer politischen Orientierung und schlimmstenfalls Fundierung führt. Andere Eltern beobachten diesen Prozess des Einstiegs sorgenvoll, fühlen sich hilflos und entwickeln nicht selten ausgeprägte Schuldgefühle. Sie fragen nach ihrem vermeintlichen Versagen in der Erziehung und verkennen, dass die Pubertät eine radikale Phase der Neuorientierung sein kann, die bisher Gelerntes und Erfahrenes zwar nicht vergessen aber doch weniger gewichtig als die aktuelle Erfahrung machen lässt.

Als EXIT-Deutschland sich 1999 der Öffentlichkeit präsentierte, war zunächst nur an ein Angebot für unmittelbare Aussteiger aus der rechtsextremen Szene gedacht worden. Es meldeten sich jedoch unzählige Eltern und andere Familienmitglieder, deren Kinder noch in der rechtsextreme Szene waren und die darum kämpften, ihre Kinder aus den Fängen der Ewiggestrigen zu befreien. Sie alle brachten eigene Erfahrungen, Frustrationen, kleine Erfolgserlebnisse und unzählige individuelle Fragen mit. Oft kommen der Hass und die Ideologiebruchstücke der rechtsextrem orientierten Jugendlichen spontan auf den Tisch. Es gibt Streit in der Familie und groß ist die Unsicherheit: Wie tief ist er oder sie im Rechtsextremismus schon verstrickt? Wie kann man sich verhalten? Diskutieren, verbieten, rausschmeißen, ignorieren, konfrontieren? Guter Rat ist dann oft rar.

Die Angebote der neu gegründeten EXIT-Familienhilfe wenden sich an diese Personen, die direkte Kontakte zu rechtsextrem orientierten Jugendlichen oder Erwachsenen haben und sich mit deren Ideologie nicht anfreunden möchten. Diese Personenkreise finden bei der EXIT-Familienhilfe Unterstützung durch individuelle Beratungen, Coaching in Krisen aber auch langfristige Begleitungen. Dazu wurden zielgruppengerecht das EXIT-Elternnetz, das EXIT-Großelternnetz und das EXIT-Jugendnetz gegründet. Dort treffen sich Menschen mit ähnlichen Erfahrungen, tauschen ihre Probleme aus und planen gemeinsame Aktivitäten.

Eine Spezialität der EXIT-Familienhilfe ist auch die Ausweitung des Ansatzes auf Jugendliche mit islamistischen Tendenzen. Sie begeht damit praktisches Neuland, konnten jedoch mit Claudia Dantschke eine der profiliertesten Expertinnen zum Islamismus für das Projekt gewinnen. Weiterhin gehören dem Team Experten aus den Bereichen Rechtsextremismusforschung, Beratung und Jugendarbeit an.

Das Ziel der EXIT-Familienhilfe ist die Unterstützung der Eltern bei der kritischen Auseinandersetzung mit ihren rechtsextrem orientierten Kindern. Zwar gibt es für diesen Umgang kein Patentrezept. Aber es gibt immerhin Erfahrungen anderer Eltern, denen es gelungen ist, ihre Kinder zum Ausstieg aus der rechtsextremen Szene zu bewegen. Diese positiven Erfahrungen sollen verbreitet, individuell angepasst und dann übertragen und erweitert werden.

Viele Aussteiger berichten immer wieder, wie wichtig es für sie gewesen ist, in ihrem Umfeld Personen gefunden zu haben, die durch Fragen, Angebote, Contrapositionen Zweifel an der Richtigkeit und Wertigkeit der rechtsextremen Szene hervorgerufen hätten. Zweifel sind die erste Bedingung für den Gedanken an einen Ausstieg aus der rechtsextremen Szene. Familien bieten keine Garantie für eine Ausstiegsorientierung ihrer Kinder, deren individuelle Entscheidung es ist, sich eine eigene politische Gesinnung zu wählen. Familien können jedoch ein Ort sein, in dem durch kritische Auseinandersetzungen und Angebote des Zusammenhalts Zweifel an der rechtsextremen Ideologie möglich werden und konkrete Ausstiegshilfen möglich werden.

Vor diesem Hintergrund versucht die EXIT-Familienhilfe die Familie nicht ideologisch mit Erwartungen zu überfrachten, sondern ihre Chancen konkret zu nutzen, um Ausstiegsorientierungen hervorzurufen. Sie arbeitet dabei immer individuell, vertraulich und dem jeweiligen Fall angepasst. Zu ihrer Besonderheit zählt der Erfahrungsschatz vieler Aussteiger, die an dem Projekt aktiv mitwirken und ihre Erfahrungen betroffenen Familienmitgliedern zur Verfügung stellen. Eine Erfolgsgarantie gibt es jedoch nicht. Aber deutlich mehr Erfolge als Misserfolge, die belegen, dass sich die Anstrengung lohnt.

Kontakt: http://www.exit-familienhilfe.de

Mehr Infos von EXIT für Aussteiger: http://www.exit-deutschland.de/images/exit_ausstieg_web.pdf