Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

Am Ende einer Straße

Über Aussteiger im Knast


21.3.2008
Seit sieben Jahren organisiert die Bundeszentrale für politische Bildung ein Modellprojekt in neun deutschen Jugendstrafanstalten. Gewalttäter mit rechtsextremem Weltbild können sich an einem Aussteigerprojekt beteiligen. Rund 350 Jugendliche nehmen bereits teil - und die Nachfrage ist groß. Initiator ist Ulrich Dovermann im Gespräch.

Stacheldraht der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Halberstadt, Sachsen-Anhalt, am Dienstag, 5. Dez. 2006. Bei der Überfuehrung vom offenen in den geschlossenen Vollzug ist ein Strafgefangener aus der Justizvollzugsanstalt Halberstadt geflohen. Der 25-jährige Mann flüchtete am Dienstag gegen 07.50 Uhr, wie die Sprecherin des Justizministerium von Sachsen-Anhalt, Ute Albersmann, mitteilte. Sie widersprach einer früheren Polizeimitteilung, wonach der Mann besonders gewalttätig sei.Gewalttäter mit rechtsextremem Weltbild können sich im Gefängnis an einem Aussteigerprojekt beteiligen. (© AP)

Herr Dovermann, bringt es denn etwas, mit Hardcore-Neonazis im Gefängnis zu sprechen? Lassen die sich überhaupt bekehren oder belächeln die so etwas?

Also wenn wir der Überzeugung wären, als Bundeszentrale für politische Bildung bestimmte Leute nicht zu erreichen und nur für die da zu sein, die sowieso demokratisch denken, dann könnten wir unser Geld zurückgeben. Wir müssen mit solchen Leuten ins Gespräch kommen, auf sie einwirken, den Diskurs führen. Wenn wir das nicht versuchen, dann machen wir einen großen Fehler.

Der von Ihnen gewählte Begriff des Hardcore-Neonazis gefällt mir allerdings auch nicht ganz. Die Führungskader rechter Gruppierungen und Parteien werden bei uns nicht eingefangen, sondern die sind Gegenstand von Projekten wie "Exit", mit ihnen will die Bundeszentrale nicht in Konkurrenz treten. Das sollen die weitermachen. Wir konzentrieren uns auf Gewalttäter. Wir haben geschaut, wer hier eigentlich ein rechtsextremes Weltbild hat. Und wir haben festgestellt: fast alle. Dann haben wir festgestellt: Diese Menschen mit rechtsextremem Weltbild und einer Straftat im Register sind für uns ein Bewährungsfeld. Wie kommen wir mit Mitteln der Sozialarbeit, der Sozialpädagogik und der Psychologie an diese Leute heran, damit sie künftig ihre Gewalttätigkeit unterlassen und die Notwendigkeit eines akzeptierenden Zusammenlebens erkennen? Und wie können wir vielleicht drittens erreichen, dass sie abrücken von ihren verquasten ideologischen Vorstellungen. Aber das wichtigste Ziel ist Gewaltfreiheit.

Mit Erfolg?

Wir haben jetzt 300, 350 junge Leute durch und haben eine Rückfallquote von deutlich unter 10 Prozent, was die Straffälligkeit durch Gewaltanwendung betrifft. Das ist deutlich besser als im normalen Strafvollzug.

Wie muss man sich diese Arbeit konkret vorstellen? Funktioniert das nur durch Einzelfallbetreuung im Einzelgespräch, weil ein großer Gruppendruck in dieser Szene herrscht?

Einzelgespräche gibt es sicherlich auch gelegentlich. Aber diese Arbeit funktioniert in ihrem Kern anders. Im Allgemeinen handeln und arbeiten diese Jugendlichen in Gruppen. Acht junge Leute treffen sich, 23 Wochen lang, jeweils einmal die Woche einen ganzen Nachmittag, mit zwei Trainern, die ihnen das Gefühl geben: Du kannst hier zu Hause sein, aber hältst Dich an die Regeln. Und hier kann jeder auf jeden zählen. Dabei durchlaufen sie ein Curriculum, auf das sie auch selber Einfluss nehmen können, der Trainer kommt also nicht mit einem fertigen Programm In dieser Gruppe entsteht eine enorme Intimität, denn die Jugendlichen reden über ihre Sorgen, Ängste, Verletzungen und Beweggründe. Sicher gibt es außerhalb dieser Gruppe auch Druck. Aber diese Gruppe macht auch stark, so dass sich die Jugendlichen anschließend angstfrei in ihrem Gefängnis bewegen können. Das war anfangs nicht immer so. Aber das lässt sich auch durch kluge Zusammensetzung der Gruppen beeinflussen, das haben wir gelernt.

Die Zielgruppe ist in allen neun Strafanstalten gleich?

Grob ja. Aber wir haben jetzt in drei Haftanstalten angefangen, uns auch mit jungen Muslimen zu beschäftigen, weil sie auch ein Recht, auf den Diskurs haben. Und das, was wir auf junge Nazis anwenden, lässt sich allem Anschein nach auch gut auf junge islamistisch geprägte Straftäter anwenden. Das machen wir übrigens mit den Trainern aus dem Nazi-Projekt und nicht extra mit türkischen. Wir sagen diesen Jugendlichen: "Wir, die Mehrheitsgesellschaft, haben auch euch gegenüber eine Verpflichtung. Es ist eine Bringschuld der deutschen Integrations-Gesellschaft, eure Verwerfungen und Probleme in den Diskurs zu nehmen und euch Angebote zu machen." Und auch dies funktioniert und wird nachgefragt. Der Wunsch sich zu verändern und aus seinem Leben noch etwas Sinnvolles zu machen, ist in beiden Gruppen nachvollziehbar groß.

Werden eigentlich auch Mädchen betreut?

Nein. Es gibt auch nicht die große Szene "brauner Schwester", wie sie viele Journalisten gerne suchen. Es gibt zwar rechtsextreme Mädchen und davon sicherlich mehr, als viele ahnen, aber sie treten nicht so gewalttätig auf, wie das Jungs in dieser Szene tun. Daher lohnt sich auf diesem Feld eine solche Flächenarbeit nicht, wie wir sie mit jungen Männern durchführen. In Zeiten finanzieller Knappheit müssen wir auch sehen, dass wir uns an Schwerpunkten orientieren: einerseits den männlichen Rechtsextremen und zunehmend eben auch den Jugendlichen Gewalttätern mit islamischer Prägung.

Bei beiden Gruppen: wie viele Betroffene sagen, dass sie Gewalt ausüben, weil sie Gewalt in ihrem Elternhaus erfahren haben?

Das behaupten eigentlich alle. Aber wir erlauben ihnen diesen Begründungsstrang langfristig nicht. Wir sagen: Du hast dich selbst entschieden, an dieser oder jener Stelle Gewalt anzuwenden, das waren nicht dein Vater, deine Mutter oder deine Freunde. Du selber warst das. Wenn du in Zukunft gewaltfrei leben willst, musst du dich aus dieser Fremdverschuldungsbehauptung lösen: "Ich bin so, weil die so sind". Veränderung ist nur möglich, wenn begriffen wird, dass man sich selbst verändern muss.

Lässt sich aber nicht dennoch viel über das Versagen von Elternhäusern lernen?

Sicherlich. Es ist offensichtlich so, dass ein großer Teil dieser Jugendlichen wirkmächtige Frauen nicht erlebt hat. Das ergänzende Bild, dass es auch starke, mächtige oder wegweisende Frauen gibt, hat sich in deren Kopf nicht etabliert. Das Männerbild steht völlig allein da – das kann nur schief gehen. Insofern geht es also nicht nur um den Einfluss von elterlicher Gewalt, sondern auch um die Abwesenheit von Alternativen. Bestimmte Möglichkeiten sind also gar nicht erfahren worden. Auch das muss man genau analysieren. Die Jugendlichen selbst verengen ihre Selbstdiagnose natürlich darauf, Gewaltopfer gewesen zu sein. Und es kommt Alkohol hinzu. Sie haben tatsächlich – bis auf wenige Ausnahmen – alle ein Problem mit Alkohol und mit dem Verdrängen ihres eigenen Anteils an Schuld. Es hilft aber nicht, sich mit dem Alibi herauszureden "mein Alter hat mich geschlagen". Wir dagegen machen klar: "Es gibt auch deinen Teil, an dem können wir arbeiten, deinen Alten kriegen wir nicht mehr hin".

Gibt es eigentlich auch das? Dass rechtsextrem sein nur als Ausrede benutzt wird, eine Legitimation für die eigenen Gewalttätigkeit zu finden?

Das spielt auch eine Rolle, wobei dies alternierende Vorgänge sind: "Ich bin gewalttätig, suche Kumpane, finde sie unter rechtsextrem eingestellten Jugendlichen, die verleiten mich zu Gewalttätigkeiten, was zu Gegenreaktionen führt, und weiterer Gewalt und neuen Vorurteilen. Ein wichtiger Punkt, der bei Muslimen dazukommt, ist der Gerichtsprozess. Da wird schnell das Gefühl entwickelt, rassistischen Richtern ausgeliefert zu sein – so wie sich rechtsextreme Angeklagte oft gegen Richter wehren mit der Formel "das ist Siegerjustiz, die geht mich nichts an". Bei Muslimen wird aus dieser subjektiven Wahrnehmung oft eine Abwehrhaltung entwickelt, in der sie aus ihrem islamischen Weltbild ein islamistisches bauen, was sie dem Richter als Identität entgegenhalten können, das er verletzt hat, das quasi ihre Schuld mindert oder Unschuld beweist. Sie rechtfertigen ihre Gewalt also nach dem Motto: Ich konnte gar nicht anders, weil diese Gesellschaft so ist. Und bei extrem Rechten gibt es das auch. Über solche Alibifunktionen, da sollte mal ein Professor seinen Lehrstuhl aktivieren und erforschen, wie man mit solchen Alibibildungen umgehen kann.

Was haben Sie in den sieben Jahren desProjekts noch über dieses Milieu gelernt und Faktoren, die solche jungen Menschen so gewalttätig machen und an solche extremistischen Milieus binden?

Erstens: Die Inszenierung und Ritualisierung einer bestimmten Männlichkeit scheint bei all diesen Gruppen eine Art Muss zu sein, ein Faktor der in extremistischen Kreisen offenbar eine besondere Rolle spielt. Zweitens: Uns scheint ein Kern des Problems darin zu liegen, dass diese Jugendlichen nicht in der Lage sind, menschliche Bindungen einzugehen. Wir haben Erfolg, weil wir den Jugendlichen beibringen, wieder Bindungen aufzubauen und Vertrauen in Bindungen zu investieren. Das können sie, wenn wir mit ihnen anfangen, eigentlich alle nicht. Sie haben keine Fähigkeiten mehr, jemandem zu vertrauen, sich auf jemanden zu verlassen und von jemandem etwas Gutes zu erwarten. Das kann fiktiv, vom Elternhaus her begründet oder von Nazigruppen aus befördert worden sein, dass man sagt: Ihr dürft euch nicht binden. Das ist aber der entscheidende Defekt. Wenn man den Menschen die Möglichkeit gibt, wieder Bindungen einzugehen, dann tun sie auch den Schritt hin in einen Diskurs. Und das ist die Grundlage. Keiner von denen würde mit einem Trainer reden, wenn sie ihm nicht vertrauten.

Was geschieht denn nach absolvierter Haftstrafe? Gibt es dann die Chance, dieses Vertrauensverhältnis fortzusetzen – oder wirkt die alte Gruppe wieder dominant auf sie ein?

Das ist unser entscheidender Vorteil: es gehört bei uns zum Konzept, dass wir für eine bestimmte Anzahl zumindest für ein halbes Jahr nach der Entlassung beratend, coachend, helfend zur Seite stehen – mit Lebenshilfe. Und das übernehmen dieselben Trainer, die auch in der Haftzeit als Ansprechpartner zur Verfügung standen. Wir organisieren darüber hinaus weitere Treffen der Jugendlichen, damit sie sich über ihre Erfahrungen in Freiheit austauschen können. Ich hätte es natürlich lieber, ich könnte eine solche Betreuung noch länger und für noch mehr Jugendliche anbieten, aber das ist alles leider auch sehr aufwändig und unsere Mittel sind begrenzt. Es wäre freilich an der Zeit, dieses Modellprojekt nach sechs erfolgreichen Jahren bundesweit auf breite Füße zu stellen und Partner dafür zu finden. Wir brauchen die Dauerhaftigkeit.

Ein Appell an die Länder?

Ein Appell an die ökonomische Vernunft. Selbst wenn die Rückfallquote doppelt so hoch wäre, sparen wir dem Steuerzahler Beträge im siebenstelligen Bereich. Wir bräuchten aber rund 10 Millionen Euro als Ausgangsinvestition – um künftig sehr viel mehr Geld zu sparen. Aber diese Einsicht zu bewirken ist schwer. Doch es kann eigentlich nicht sein, dass man in sechs Jahren ein Pilotprojekt entwickelt und seinen Nutzen nachgewiesen hat, es aber dann in eine Schublade packt und sagt: So, das war´s. Das wäre Verschwendung von Steuermitteln.

Berichten die Jugendlichen eigentlich selber, dass Druck auf sie ausgeübt wird in ihren Kameradschaften und Cliquen?

Am Anfang hat es das gegeben. Die HNG als eigene Haftbetreuungsorganisation der Neonaziszene hat sich eingeschaltet, es hat aber erstaunlicherweise nachgelassen. Auch weil unsere Arbeit offensichtlich widerstandsfähiger macht und wirkt. Alle unsere Nachsorgeprojekte haben so gut wie keine Kontakte zur Szene gehabt. Wir haben es allerdings auch mit vielen langjährig einsitzenden Strafgefangenen zu tun. Und die gesamte Szene ist nicht so zusammenhängend und stabil, wie man sich das vorstellt. Die laufen nicht allen nach. Sicher, es gibt auch Fälle, in denen einige bedroht worden sind, und in denen man versucht hat, Kumpanen wieder einzufangen. Gäbe es in unserem Projekt die Nachsorge nicht, würden sicher viele davon auch wieder Kontakte zur Szene suchen.

Legen die Jugendlichen denn eigentlich nur ihre Gewaltbereitschaft ab, oder auch ihr rechtsextremes Weltbild?

Sehr unterschiedlich. Ich wäre froh, wenn sie auch ihr Weltbild abwerfen würden. Aber wenn wir die berühmten Umfrageergebnisse betrachten, die 18 Prozent aller Bundesbürgern ein rechtsextremes Weltbild attestieren, dann kann man davon ausgehen, dass diese Weltbilder auch bei unseren Teilnehmern weiterhin eher stabil sind. Wir gehen an das Weltbild ran, es wird hinterfragt, aber sie haben die Möglichkeit, sich dagegen zu wehren und können sagen: "Nein, das will ich nicht. Aber über Gewalt können wir reden, über Lebensrisiken, Freiheit und die Opfer". Das ist dann schon ein Schritt. Unter guten Voraussetzungen kann es dann nach fünf, sechs Jahren soweit sein, dass sie sich auch von ihrem extremistischen Weltbild verabschieden und auch begreifen, in der rechten Ecke letztlich Demagogen auf den Leim gegangen zu sein. Aber wie gesagt. Der Kern des Problems sind die Fähigkeiten menschliche Bindungen einzugehen und ein gutes funktionierendes soziales Netz zu finden, damit das rechtsextreme Weltbild in den Hintergrund rücken kann, bedeutungslos wird und sich auflöst. Diese Chance versuchen wir zu nutzen. Das ist eine Arbeit in der viele Komponenten zusammenkommen: politische Bildung, Sozialpädagogik und Psychologie. Diese Kompetenzen zusammenzuführen, ist unerlässlich. Denn alles können wir von der politischen Bildung nicht.

Alles in allem ein Erfolgsrezept für einen nachhaltigen Ausstieg aus der Szene?

Sagen wir es so, ein Rezept, das funktioniert. Aber das Wort Ausstieg ist schwierig, weil es eine Behauptung aufstellt: Jemand wäre drin gewesen, hätte eine Entscheidung getroffen und sei dann beim nächsten Ausgang ausgestiegen. So ist das nicht bei unserer Klientel. Die schwimmen in so einem breiten Mainstream von Rechtsextremismus. Und wir bieten ihnen eine Stange um sich rauszuziehen. Die Kaderausstiege sollte man davon absetzen, das ist ein ganz anderer Vorgang, da kann ich auch nicht sagen, wie stabil die sind, wenn sie behaupten, ausgestiegen zu sein.

Noch eine Frage: Ist die Teilnahme eigentlich Pflicht oder freiwillig?

Nein, das ist freiwillig. Und wir haben mehr Freiwillige als Plätze. Die Gefängnisleiter und Leiterinnen schlagen uns daher Jugendliche vor und die Trainerinnen und Trainer suchen aus, so dass eine Gruppe zusammen funktionieren kann. Was alle wissen: Es besteht durch die Teilnahme keine Aussicht auf Haftverschonung oder Haft-Verkürzung oder andere Vorteile. Es geht einfach um junge Menschen, die von sich aus sagen: Wir wollen da raus. Und sie werden nicht bestochen mit der konkreten Aussicht auf veränderte Haftbedingungen o.ä. Anfangs war es schwer, Mitmacher zu kriegen, weil der Gruppendruck sehr groß war. Aber dann hat es sich herumgesprochen. Wer eine Zukunft für sich sucht, findet sie eher mit uns. Und das ist ein verdammt wichtiger Antrieb. Diese Jugendlichen fühlen sich am Ende einer Straße – eine endlos hohe Mauer vor Augen. Sie wissen, da läuft nichts mehr, wenn sie sich nicht ändern. Und sie wissen auch: Der gerade Weg zurück führt sie in ihrem Leben nicht weiter.

Das Gespräch führte Holger Kulick


 

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