Bunkerkunst
Wie Schulen Erinnerung an die Vergangenheit wach halten können. Ein Beispiel aus Berlin.
26.5.2008
Die erste Schule in Deutschland, die schon 1945 nach einer Widerstandskämpferin benannt wurde, ist die Sophie-Scholl-Oberschule in Berlin-Schöneberg. Das Gebäude in unmittelbarer Nähe von Volksgerichtshof und Sportpalast war von 1943 bis 1945 ein Lager für Zwangsarbeiter. Damals hieß sie noch Augustaschule. Die Internierten mussten einen bis heute erhaltenen Hochbunker bauen, er sollte das zentrale Telegrafenamt der Post aufnehmen. 1994 bekam die Schule einen Brief einer ehemaligen Zwangsarbeiterin aus der Ukraine, die mit ihren Eltern und zwei Brüdern im ''Augustalager'' interniert war. Ein weiterer Kontakt zu ehemaligen Internierten ergab sich 1997. Seitdem besteht ein ständiger und enger Kontakt zu den Menschen, die als Kinder bzw. Jugendliche in das Lager verschleppt wurden. Es fanden Besuche statt und Eltern, Schüler und Lehrer der Sophie-Scholl-Oberschule unterstützen die neu gewonnenen Freunde ständig mit Geld, Sachspenden und Medikamenten. Zudem wurde der Bunker für schulische Denkanstöße nutzbar gemacht – als ein ''Ort der Erinnerung''.
Im Mai 2002 wurde am Bunker an der Berliner Pallasstraße als ''Ort der Erinnerung'' eingeweiht, der am authentischen Ort auf das Schicksal von Zwangsarbeitern aufmerksam macht. Schüler der Leistungskurse Kunst und Politische Weltkunde entwickelten im Rahmen einer freiwilligen Arbeitsgemeinschaft eine Konzeption, wie dieser Ort durch künstlerische Veränderungen im öffentlichen Raum wirken könnte. Die Installation der Kunstobjekte wurde vom Quartiersmanagement Schöneberg-Nord finanziert.
Der ''Ort der Erinnerung'' ist seitdem Teil unserer Schule. Regelmäßig sind im Bunker künstlerische Ausstellungen zu sehen, die von Schülern, die sich für das jeweilige Ausstellungsprojekt in einer AG zusammenfinden, konzipiert werden. Präsentiert werden in den Ausstellungen Installationen, Texte oder Klangcollagen. Bisher waren folgende Ausstellungen zu sehen: ''Täter- Opfer'', Mai 2002; ''Kriegsende in Schöneberg: Bilder und Texte'', Mai 2003; ''Klänge im Beton'', Mai 2004 (realisiert mit finanzieller Unterstützung der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft); ''Heimat'', Juni 2006; ''Innen und Außen'', Juni 2008.
Im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft werden die Schüler an moderne künstlerische Ausdrucksformen durch praktische Übungen herangeführt. Das Ziel ist, dass sie ausgehend von eigenen Gefühlen und Erfahrungen zu einem Thema eine künstlerische Idee entwickeln, die sich auf den Ort, den Bunker, bezieht. Anknüpfungspunkte sind zunächst die Architektur und Raumwirkung im Inneren des Gebäudes sowie die Geschichte des Ortes und der Menschen, die ihn errichten mussten. Bei der letzten Ausstellung ''Heimat'' thematisierten Schüler z.B. die Frage, was es bedeutet, unter Zwang die Heimat verlassen zu müssen. Durch die Auseinandersetzung mit der Frage entstand ein tiefes Verständnis für das, was Zwangsarbeiter erlebten.
Während der Ausstellung führen dann die Schüler Besucher durch den Bunker, berichten über den Bau, die Zwangsarbeiter und erklären ihre künstlerischen Arbeiten. Zu den Ausstellungen entsteht jeweils ein kleiner Katalog.
Wie sehr die Geschichte der Schule mit dem Schicksal vieler der hier Zwangseinquartierten verknüpft war, daran erinnert inzwischen auch eine Tafel im Schulfoyer. Sie lautet: ''In diesem Gebäude befand sich nach der Evakuierung der Staatlichen Augustaschule von 1943 bis 1945 ein Lager für sowjetische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Zusammen mit ihren Kindern waren sie hierher verschleppt worden. Alle arbeitsfähigen Internierten mussten den Bunker an der Pallasstraße bauen. Bei einem Bomenangriff Anfang Februar 1945 wurde auch das Schulgebäude getroffen. Viele der Internierten verloren ihr Leben''.
www.sophie-scholl-schule.eu
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