Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

19.12.2007 | Von:
Prof. Georg Schuppener

Vereinnahmung germanischer Mythologie im rezenten Rechtsextremismus – Sprache und Symbolik

Ein Forschungsprojekt der Uni Leipzig

Auch Odin findet eine eingehende Rezeption. So wurde dem Verfasser im Rahmen einer Diskussion über Rechtsextremismus ein Aufnäher mit der Aufschrift Odins Volk Sachsen mit eindeutigen Hinweisen auf dessen rechte ideologische Zuordnung überreicht. Sprachlich ist diese Zuschreibung zur rechten Szene recht offensichtlich und plausibel, da hier einerseits mit "Sachsen" auf den dieser Sphäre gern benutzten Heimatbezug referiert wird und andererseits der Volksbegriff eine zentrale Rolle einnimmt, der im Nationalsozialismus geradezu inflationäre Verwendung mit Blick auf die Rassenideologie gefunden hat.

Parallel zu Odins Volk Sachsen ist die Benennung einer rechtsextremen, im Jahre 1987 gegründeten Berliner Gruppe, nämlich Wotans Volk. Eine andere auf Wodan bezogene Selbstbezeichnung militanter Rechtsextremisten lautet Söhne Wotans. Eine Band aus Ostsachsen nennt sich W.O.T.A.N., eine andere Odins Erben. Ein Lokal in Mücka, Treffpunkt der rechten Szene, nannte sich Wodan. Kleidung, die in rechtsextremen Kreisen getragen und speziell für diese produziert wird, weist immer wieder Bezugnahmen zu Odin/Wodan auf. Hierzu gehören Aufdrucke wie die bloße Namensnennung Odin, aber auch Bandnamen wie Wotanskrieger, Aufschriften wie Odins Law, Odin statt Jesus oder Wotans Volk. Alle diese Aufschriften haben programmatischen Anspruch und Symbolcharakter und dienen auch als Ausdruck der Gruppenidentität.

Liedtexte vieler Gruppen referieren immer wieder auf die germanische Mythologie. So trug eine der ersten CDs des mittlerweile verstorbenen populären rechten Musikers Daniel Eggers den Titel Odins Land. Die Musikgruppe "Landser" produzierte einen Titel mit dem Namen Wahlvater [sic!] Wodan. Programmatisch sind auch die folgenden Verse eines rechtsextremen Liedtextes: "Odin, jetzt heißt es siegen oder sterben, Odin, rette uns aus dem Verderben!" Eine rechtsextreme Seite im Internet nennt sich Odins Lounge, eine andere Wotan. Auch Pseudonyme in rechten Diskussionsforen im Internet greifen häufig auf Wodan/Odin zurück. Genannt werden können hier beispielsweise Krieger Odins, Odin77, Wotan88.

Es ist recht einfach, die Motive zu erkennen, warum sich der Rechtsextremismus gerade jene beiden Gottheiten zueigen macht, andere Götter der germanischen Mythologie de facto keine größere Rolle in der Selbstdarstellung und Identitätsbildung rechtsextremer Gruppen spielen: Beide Götter gehören nicht nur zu den Hauptgöttern, sondern sie sind verbunden mit Vorstellungen von Macht und Gewalt, aber auch mit List und Verwegenheit. Genau dies passt in die Ideologie rechtsextremer Gruppen, die Gewalt, Stärke und Männlichkeit mit dem Eintreten für im rechten Sinne "Revolutionäres" verbindet. Donar/Thor und Wodan/Odin werden zum Symbol für Stärke des Volkes, das sich als ein "germanisches" Volk versteht, für Führerideologie und Überwindung des demokratischen, vermeintlich verweichlichten Systems. Neben Odin/Wodan und Donar/Thor werden aber auch – wenngleich sehr selten – Namen anderer Gottheiten der germanischen Mythologie im rechtsextremen Milieu gebraucht. So erwählte eine Skinhead-Seite im Internet den Namen Tyr88, eine andere, von einer Frau erstellte Skinhead-Seite den Namen Freyja88, eine weitere rechtsextreme Homepage den Titel Skadi.

Der Name des Gottes Forseti findet sich in der friesischen Form Forsite als Name eines in der Szene aktiven Verlages aus Bottrop wieder, zu dessen Repertoire insbesondere Mythologisches gehört. Eine Musikgruppe trägt den Namen Lokis Horden. Auch die vermeintliche germanische Frühlingsgottheit Ostara wird zur Identifikationsfigur rechter Kreise. In Anlehnung an die gleichnamige Zeitschrift aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts, die von Lanz von Liebenfels herausgegeben wurde, nennt sich ein Szene-Magazin aus Sangerhausen Ostara. Auch eine österreichische Internet-Plattform trägt diesen Namen. Den bei Tacitus überlieferten Namen des germanischen Urgottes Tuisto hat sich ein Magazin angeeignet, das von der "Deutschen Heidnischen Front" herausgegeben wird. Der Bezug zum Götterwohnsitz findet sich auch in der Selbstbezeichnung von Rechtsextremisten als Asgards Helden oder Asgard als Name einer rechtsextremen Band. Eine weitere Musikgruppe aus dem sächsischen Wurzen, die im Verfassungsschutzbericht des Freistaates Sachsen 2003 explizit genannt wird, nennt sich Utgard.

Es sind jedoch nicht allein Götter, sondern auch andere Elemente der germanischen Mythologie dienen zur Identitätsstiftung und zugleich zur Vermittlung eines politischen Programms, in gewisser Weise also zur Propaganda. Ein Laden in Reichenbach im Vogtland, in dem rechtsextremes Propagandamaterial, rechte Musik und Kleidung der Szene vertrieben wurden, führte den Namen Ragnarök, der ergänzt wurde durch den programmatischen Satz und eine neue Zeit beginnt. Der Untergang der Götterwelt in den Ragnarök stellt eine Anspielung auf den von Rechtsextremen erwünschten Untergang der pluralistisch-demokratischen Gesellschaftsordnung dar, die durch einen neuen Führerstaat (im Sinne einer neuen Epoche) ersetzt werden soll. Schon im Nationalsozialismus erfolgte eine Verklärung der Ragnarök als finale Entscheidungsschlacht, die im rezenten Rechtsextremismus auf die Auseinandersetzung mit der pluralistischen, multiethnischen Gesellschaft bezogen wird. So nennt sich auch eine rechte Musikgruppe Ragnarök.

Auf die Ragnarök referierte implizit ebenfalls der rechtsextreme Anwalt Horst Mahler, wenn er in einem offenen Brief an Michel Friedman von einer "Götzendämmerung" des jüdischen Kapitals sprach, handelt es hierbei doch um ein Wortspiel mit der Wagnerschen Übertragung des Wortes Ragnarök als "Götterdämmerung". Besonders häufig greifen rechtsextrem orientierte Publikationen Namen aus der germanischen Mythologie auf. So schmückt die Zeitschrift des rechts orientierten Armanen-Ordens der Titel Irminsul. Eine andere, dieser Vereinigung nahe stehende Zeitschrift nennt sich nach den Raben Odins Huginn und Muninn. Herausgegeben wird sie von der Arbeitsgemeinschaft Naturreligiöser Stammesverbände Europas, deren Akronym ANSE die gotische Bezeichnung der heidnischen Götter darstellt, etymologisch identisch mit Asen, der Bezeichnung des germanischen Göttergeschlechts.

Dabei liegt jedoch keineswegs eine harmlose Verwendung und Neubelebung irgendwelcher Namen aus der Mythologie vor, sondern die Bezeichnungen sind bewusst gewählt und besitzen einen programmatischen Anspruch: Die Irminsul steht für die Universalität der vom Armanen-Orden vertretenen rassistischen Ideologie, denn die Irminsul war nicht nur Ausdruck eines Pfahlkultes bei den heidnischen Sachsen, sondern wohl ebenfalls ein Pendant zum nordischen Weltenbaum Yggdrasill. So wird der Titel auch innerhalb des Armanen-Ordens rezipiert. Die Raben Huginn und Muninn als Gefährten Odins gelten in der germanischen Mythologie als besonders weise; genau diese höhere Erkenntnisstufe schreibt sich die Zeitschrift über den entsprechenden Titel selbst zu, was dann auch auf die zugehörige ideologische Grundhaltung übertragen werden soll. Im Untertitel bezeichnet sich die Zeitschrift zudem als Mitgart-Zeitung (sic!).

Auch weitere rechtsextreme Zeitschriften verwenden als Titel Namen aus der germanischen Mythologie, so z.B. Sleipnir, Midgard, Walküre, Bifröst, Freyja, wobei letzterer Titel sich speziell an Frauen richtet. Ein heute nicht mehr aktiver Verlag, der vor allem Literatur zur Verherrlichung der NS-Zeit und der Waffen-SS im Programm hatte, nannte sich ebenfalls Munin. Ein aktuelles Periodikum, das sich primär an Jugendliche wendet, trägt den Titel Funkenflug, der ebenfalls auf die germanische Mythologie referiert, nämlich auf den Funkenflug aus dem Feuerreich Muspellsheim, der zur Entstehung des Urriesen Ymir und damit indirekt zur Entstehung der Welt führt. Dass der Titel Funkenflug auch noch eine andere, subversive Metaphorik besitzt, die Assoziationen hervorruft, auf diese Weise könne die bestehende Ordnung in Brand gesetzt werden, sei hier nur am Rande erwähnt.

Die Förderkreise des rechtsextremen, jedoch ohne breitere Wirkung gebliebenen Thule-Seminars wurden nach Huginn, Muninn und Gungnir benannt, also nach Attributen von Odin, nämlich seinen weisen Raben und seinem Speer. Im Jahre 1980 wurde in Berlin der ideologisch rechtsextreme Asgard-Bund gegründet, dessen Zeitschrift den Titel Der Wotansspeer erhielt. Band-Namen aus dem rechten Spektrum nehmen neben den Göttern auch andere Gestalten oder Elemente aus der Mythologie auf und haben z.T. programmatische Bedeutung: Einherier oder Wallküren [sic!]; ebenso finden sich Walhall, Yggdrasil, Munin oder Mjöllnir. Sleipnir nennen sich eine Band bzw. ein Liedermacher aus der rechten Szene.

Aber auch die Liedtexte referieren immer wieder auf Elemente der Edda und deuten sie neu, u.a. im Sinne einer Endzeitstimmung, was sicherlich nicht unwesentlich zu ihrer Attraktivität bei (sinnsuchenden) Jugendlichen beiträgt. Deutlich wird diese Bezugnahme an Titeln wie Lenker der Schlachten (2000, gemeint ist Wodan) der Gruppe "Landser", Dämmerung (1996, gemeint sind die Ragnarök) der Gruppe "Chaoskrieger" oder Walhalla ruft! (1995) der Gruppe "Nordwind". Weiterhin findet sich auf Kleidung vielfach der Bezug zu Endzeitlichem, so zum Walhall-Mythos. Hierzu zählt die Kleidermarke Walhall Germany, Aufdrucke wie Walhalla oder Walküre, letzteres speziell auf Frauenkleidung. Auch ein Parfüm, speziell in der rechtsextremen Szene vertrieben, trägt den Namen Walküre.

Schließlich wird unter deutlicher Bezugnahme auf die Verwendung im Nationalsozialismus auch die so genannte "niedere Mythologie" rezipiert. Hier ist es insbesondere der Werwolf-Mythos, der sehr häufig verarbeitet wird und der beispielsweise auf Kleidungsstücken mit den Aufschriften/Markennamen Werwolf Germany oder (mit falscher Schreibung, wohl um bewusst den Bezug zum Kampf herzustellen) Wehrwolf angesprochen wird. Die Faszination des Werwolf-Mythos erklärt sich daraus, dass die Vorstellungen über Werwölfe einerseits mit Gewalt und Rache verbunden sind, andererseits das Wirken der Werwölfe unvermittelt im Dunklen, Verborgenen erfolgt. Hierdurch ist eine Verbindung zu den Idealen rechtsextremer Gruppen deutlich gegeben, wobei der vermeintlich heroische Kampf im Untergrund in der letzten Phase des Zweiten Weltkrieges noch ein weiteres Vorbild darstellt – parallel zum heutigen Kampf rechter Gruppen gegen das demokratische "System". Ähnlich ist die Namenswahl der Schweizer Kameradschaft Wolfssturm sowie der rechtsextremen Internet-Seite Wolfssturm zu werten. Auch auf die Fylgien, "die vom Leib der Menschen losgelösten Seelenwesen", bezieht man sich im Rechtsextremismus. So präsentiert die Band Asatru neben Liedern wie Wewelsburg oder Germanische Klänge auf einer CD einen Titel Fylgjur.

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Autor: Prof. Georg Schuppener für bpb.de
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