Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

19.12.2007 | Von:
Prof. Georg Schuppener

Vereinnahmung germanischer Mythologie im rezenten Rechtsextremismus – Sprache und Symbolik

Ein Forschungsprojekt der Uni Leipzig

Andere Bezugnahmen auf germanische Mythologie

Sehr zahlreich sind im Rechtsextremismus auch andere Bezugnahmen auf die germanische Mythologie, von denen hier nur einige genannt werden können: Eng mit Sprache verbunden, ist die verbreitete Nutzung von Runen im rechtsextremen Bereich. Förderlich für die Verwendung erweist sich insbesondere die Doppelnatur der Runen: Einerseits stellten sie Schriftzeichen dar, andererseits besaßen sie eine magische Funktion. So kann jeder Rune ein Bedeutungsfeld zugewiesen werden. Aus ihrer Doppelnatur resultierte, dass Runen in historischer Zeit nicht zur Abfassung von profanen Texten verwandt wurden, sondern ihr Gebrauch immer einem höheren Verwendungszweck diente, also zur Beschwörung, zum Zauber, um Wünsche zu artikulieren, für Weiheinschriften usw. Auch wortgeschichtlich lässt sich diese magische Bedeutung erkennen: Das nhd. Wort Rune geht über mhd. rûne zurück auf ahd. rūna "geheime Rede, Geheimnis, Geflüster", hängt also mit dem Raunen zusammen und zeigt damit etymologisch den deutlichen Bezug zum Geheimnisvollen, Übernatürlichen.

Insofern sind die Runen eng mit der Mythologie verbunden, und in der Edda wird ihnen göttliche Herkunft zugeschrieben: In Odins Runenlied im "Havamal" der Edda wird geschildert, wie Odin quasi in Selbstopferung neun Tage am Baum hängt und unter Schmerzen zum Wissen um die Runen gelangt. Sowohl im Nationalsozialismus wie auch im heutigen Rechtsextremismus fungierten bzw. fungieren Runen als Identifikationssymbole. Für die Zeit des Nationalsozialismus kann man bezüglich der Verwendung der Runen Folgendes festhalten: "In der Praxis stand ihre rein ornamentale Verwendbarkeit als Dienstgrad- und Tätigkeitsabzeichen im Vordergrund, wobei auf eine inhaltliche Bestimmung weitgehend verzichtet wurde." Dennoch dienten sie auf Grund ihrer magischen Komponente aber nicht nur zum Zeichen bloßer Zugehörigkeit, sondern sie verliehen der über sie generierten Identität eine kultisch-spirituelle Komponente. Analoges lässt sich für ihren Gebrauch im heutigen Rechtsextremismus sagen. Anknüpfend an die Aneignung durch rassistische und esoterische Strömungen des beginnenden 20. Jahrhunderts, die die Runen für ihre Zwecke deuteten und "weiterentwickelten", zeigte die nationalsozialistische Bewegung ein besonderes Interesse für die Runen, ebenso für alle anderen tatsächlichen oder vermeintlichen germanischen Zeichen und Symbole. Vor allem aber die Runen wurden häufig verwandt:
"Zwei Universitätsinstitute, Laienforscher und Okkultisten beschäftigten sich mit ihnen, und sie tauchten nicht nur in vielen Publikationen auf, sondern auch als Embleme verschiedener NS-Institutionen (SS, HJ, Reichsnährstand, Apotheker-Fachschaft, Sanitätswesen etc.)."
Allerdings interpretierte man die Runen im Nationalsozialismus häufig für die eigenen Zwecke um. Nicht ohne Grund verwandte man beispielsweise die doppelte Sigrune als Zeichen für die SS: Neben dem Anknüpfen an die germanische Tradition steht die Bedeutung, die man der Rune zuschrieb und die bereits aus ihrem Namen deutlich hervorgeht. Durch die Verdoppelung wird diese Bedeutungsebene noch verstärkt. Nicht unwichtig erscheint auch die grafisch-ästhetische Ebene, denn die Rune erinnert von ihrer Gestaltung her an den Blitz, der allgemein und speziell in der Mythologie als Signum für Gewalt und Macht gilt.

Häufige Verwendung fand im Nationalsozialismus auch die Algis-Rune. Sie erfuhr im Dritten Reich eine Umdeutung; als "Man-Rune" oder "Yr-Rune" bezeichnet, fungierte sie als Lebensrune bzw. in ihrer Umkehrform (Sturzrune) als Todesrune. Mit ihnen wurden also Geburt und Tod symbolisiert, und sie sollten die entsprechenden Symbole in der christlichen Tradition (Stern und Kreuz) substituieren. Auch diese Runen nutzt der rezente Rechtsextremismus wieder für dieselben Verwendungszwecke: Sie finden sich beispielsweise in Todesanzeigen in rechtsextremen Periodika und anderen Publikationen. Die "Deutsche Heidnische Front" führt beide Runen auf ihrer Flagge.

Im rezenten Rechtsextremismus kann auch die Tyr-Rune als Todeszeichen dienen: So wird am Straßenrand bisweilen eine Tyr-Rune aufgestellt, wenn ein Gesinnungsgenosse durch einen Autounfall an der betreffenden Stelle ums Leben kam. Im aktuellen Rechtsextremismus finden demgemäß gerade diejenigen Runen intensive Verwendung, die im Nationalsozialismus als Identifikationszeichen gebraucht wurden: u.a. die Sig-, die Algis- und die Tyr-Rune sowie die Odal-Rune:
"Sig-Rune und Tyr-Rune standen in der frühen nationalsozialistischen Bewegung für S-ieg und T-at. Sig- und Tyr-Rune sind die ersten Runenzeichen, die Lehrer für gewöhnlich zu Gesicht bekommen, wenn Schüler die entsprechenden Buchstaben ersetzen."
Die Odal-Rune war Symbol des schon 1961 verbotenen "Bundes nationaler Studenten", später dann der 1984 verbotenen Wiking-Jugend. Bezug auf die nationalsozialistische Organisation Werwolf, die in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges Schrecken verbreiten und Vergeltung üben sollte, nimmt die rechtsextreme Szene mit der Verwendung der so genannten Wolfsangel, auch Gibor-Rune genannt.

Erwähnung verdient schließlich noch die so genannte Schwarze Sonne, ein aus zwölf Sigrunen zusammengesetztes Rad, das an das Hakenkreuz erinnern soll. Dieses Symbol ist im Boden des Obergruppenführersaals der Wewelsburg eingelassen, die zu NS-Zeiten als SS-Ordensburg diente. Dieses Symbol gilt heute als ein wichtiges Identifikationszeichen der rechten Szene. Verwendet wird der Bezug zu den Runen als germanischen Schriftzeichen schließlich bei Namen, so in Titeln von Liedern oder auch bei Zeitschriften. Schon Zeitschriften im Dritten Reich führten den Namen von Runen im Titel, so beispielsweise Odal mit dem Untertitel "Monatsschrift für Blut und Boden" oder Die Sigrune mit dem Untertitel "Zeitschrift für nordisches Wesen und Gewissen". Heute nennt sich beispielsweise ein Periodikum martialisch Runenblut. Ein Versammlungslokal wurde nach der Rune Odal-Klause benannt. Den Namen Odal führt auch eine rechtsextreme Musikgruppe. Die so genannte Hagal-Rune liegt dem Titel der Dresdner Zeitschrift Hagal zugrunde. Auch diese Rune, die Todes- und Lebensrune miteinander verbindet, findet im rechtsextremen Spektrum Verwendung, nicht zuletzt deswegen, weil sie auch im Nationalsozialismus von der SS gebraucht wurde. Der Titel der Zeitschrift knüpft überdies an ein gleichnamiges Periodikum aus dem Dritten Reich an, das von der Münchener Edda-Gesellschaft herausgegeben wurde.

Die Sprache des Nationalsozialismus griff gerne auf Archaismen zurück, die in der germanischen Vergangenheit wurzeln und die für die nationalsozialistische Ideologie umgewertet und verwertet wurden. Neben Begriffen wie Gau, Sippe oder Mark (im Sinne von "Grenzgebiet") steht auch Vokabular, das Bezug zur Mythologie aufweist. Hierzu gehört die Wortfamilie um Thing, nämlich auch Thingspiel oder Thingplatz. Angeknüpft wurde hier nicht allein an das Thing als Versammlungsort der Germanen, sondern es erhielt auch die Wertung als Kultort. Dementsprechend wurden Thingspiele auch als Weihespiele verstanden, es wurde somit eine kultische Ebene angesprochen. Um eine neue germanische Religion zu schaffen, wurde dieses Genre der Thingspiele erfunden, ohne dass historisch belegte Vorbilder existierten. Die Anknüpfung an germanische Mythologie über den Kult erfolgt hier also nur auf einer sehr äußerlichen Weise, wobei gerade durch die Begrifflichkeit eine vermeintlich existierende Traditionslinie suggeriert werden sollte.

Der rezente Rechtsextremismus greift diese Wörter wieder auf und nutzt sie für seine Zwecke. So wird statt eines "Ferienlagers" ein Jugendthing veranstaltet usf. Als ein weiteres Beispiel sei hier nur das Thing-Netz genannt, ein elektronisches Informationssystem (Mailbox-System), über das Rechtsextremisten u.a. aktuelle Veranstaltungen ankündigten.

Eine transzendent-spirituelle Ebene wird in der Sprache des Nationalsozialismus mit den gern gebrauchten Begriffen wie Opfer, Ewigkeit oder Unsterblichkeit angesprochen, was ebenfalls in den heutigen Rechtsextremismus übernommen wird. Hierbei geht es nicht allein um die Terminologie, sondern vielmehr auch um das Gedankengut, das hinter diesen Begriffen steht. Dieses greift auf Vorstellungen aus der Mythologie zurück. In Liedtexten sind dies u.a. Vorstellungen von Stärke und Heldentum in Anknüpfung an vermeintliche germanische Traditionen, von Freiheit und Ungebundenheit, von Macht und Gewalt, von Rückkehr und Besinnung auf die Wurzeln der "eigenen" Kultur. Nicht zuletzt gilt dies auch für die Anknüpfung an die Wiedergeburt entsprechend dem germanischen Walhall-Mythos in der Ideologie der SS.

Ein besonders wichtiger Gesichtspunkt der Adaption germanischer Mythen besteht aber auch darin, dass Mythologie als argumentative Leitlinie und als Legitimation für das Handeln Rechtsextremer herangezogen wird:
"Was Gott oder die Götter vorgegeben haben, ist nicht hinterfragbar. Wenn es als Auftrag verstanden wird, muss es ausgeführt werden. Das gilt auch für Morde. 1996 gestand der Rechtsextremist Thomas Lemke fünf Morde, die ihm von Odin befohlen worden sein sollen. Der rechtsextreme Kay Diesner schoss 1997 einen linken Buchhändler an und erschoss einen Polizisten, beides unter Berufung auf Odin. Auch politische Texte greifen gerne auf mythologische Redeweisen zurück, wenn ihnen die Argumente ausgehen."

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Autor: Prof. Georg Schuppener für bpb.de
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