Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

19.12.2007 | Von:
Prof. Georg Schuppener

Vereinnahmung germanischer Mythologie im rezenten Rechtsextremismus – Sprache und Symbolik

Ein Forschungsprojekt der Uni Leipzig

Fazit

Bezugnahmen zur germanischen Mythologie und andere Elemente des Rechtsextremismus sind in vielen Bereichen nahezu untrennbar miteinander verbunden. So ist der Vertrieb von Musik auf CDs in der Regel mit einem Angebot anderer rechtsextremer Accessoires verbunden, die zwar z.T. auch Weihe- und Kultcharakter besitzen, wie beispielsweise Hitler-Bilder, die aber im engeren Sinne mit germanischer Mythologie nichts gemein haben.

Natürlich kann man abschließend fragen, ob die Aneignung germanischer Mythologie durch die rechtsextreme Szene nicht im weiteren Sinne als etwas Legitimes angesehen werden kann, wo doch jede politische Ideologie Teile der Geschichte für sich vereinnahmt und ausdeutet. Diese Frage muss jedoch eindeutig verneint werden, denn hier liegt eindeutig ein Missbrauch vor: Die Mythen werden aus ihrem historischen Kontext gerissen, in dem sie entstanden sind und vor dem sie nur angemessen verstanden werden können. Der Rechtsextremismus instrumentalisiert Geschichte zum Zwecke und im Sinne einer Ideologie, die den historischen Kontextbedingungen der germanischen Mythen fremd ist. Weder Rassenideologie noch unbedingtes Führerprinzip hat es in der germanischen Vergangenheit gegeben. Auch die Vorstellungen einer Bindung an Blut und Boden sind den historischen Germanen fremd, wie die Ereignisse der Völkerwanderungszeit deutlich belegen. Die Völkermischungen von Germanen und Kelten, die die Ausgrabungen beispielsweise im Rheinland zeigen, oder auch die Integration des asiatischen Reitervolkes der Alanen durch die Vandalen sprechen hier eine deutliche Sprache.

Besonders klar manifestiert sich der Missbrauch der Mythen aber auch darin, dass deren Vielschichtigkeit und Multifunktionalität im Rechtsextremismus ignoriert wird. Denn neben ihrer literarischen, religiösen und kultischen Funktion besitzen Mythen auch die Komponente der Unterhaltung, und sie dienten für die damaligen Menschen zur Verarbeitung und Erklärung der eigenen Umwelt und der Naturphänomene. Thor mit seinem Hammer Mjöllnir als Verursacher des Gewitters ist sicher das anschaulichste Beispiel dieses Aspektes. Dass sich beispielsweise die in den Mythen vermittelten, in der Tat oftmals auf Gewalt, aber auch auf dem elementaren Kulturniveau basierenden Werte (einschließlich Ehre und Treue) unter veränderten historischen Bedingungen wandeln und wandeln müssen, bleibt im Rechtsextremismus unreflektiert. Die Rezeption von Mythen muss also die historischen und gesellschaftlichen Kontextbedingungen ihrer Entstehung berücksichtigen, genau dies aber erfolgt im Rechtsextremismus nicht.

Grundsätzlich gilt, dass angesichts mangelnder Sinnstiftung in unserer Gesellschaft die Remythologisierung heute ein verbreitetes Bedürfnis darstellt. In diese Tendenz stellt sich der rezente Rechtsextremismus, und diese Adaption ist nicht zuletzt einer der Gründe für seinen Erfolg.

Literatur

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Autor: Prof. Georg Schuppener für bpb.de
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