Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.
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19.12.2007 | Von:
Prof. Georg Schuppener

Vereinnahmung germanischer Mythologie im rezenten Rechtsextremismus – Sprache und Symbolik

Ein Forschungsprojekt der Uni Leipzig

Der zeitgenössische Rechtsextremismus bezieht sich gerne auf die germanische Mythologie. Durch den Rechtsextremismus werden Elemente des Mythos rezipiert und für die eigenen Zwecke gedeutet und verwandt, genauer gesagt missbraucht. Hierbei knüpft man an die Zeit und die Ideologie des Nationalsozialismus an. Ein Forschungsprojekt des Leipziger Germanisten Prof. Georg Schuppener.

Vorbemerkung

Marten Eskil Winges "Thors Streit mit den Riesen" von 1872.Marten Eskil Winges "Thors Streit mit den Riesen" von 1872. (© Public Domain)
Ein historisch gesehen relativ junges Phänomen stellt die Bezugnahme des zeitgenössischen Rechtsextremismus auf die germanische Mythologie dar. Durch den Rechtsextremismus werden Elemente des Mythos rezipiert und für die eigenen Zwecke gedeutet und verwandt, genauer gesagt missbraucht. Hierbei knüpft man an die Zeit und die Ideologie des Nationalsozialismus an:

Noch im 19. Jahrhundert war die politische Rezeption germanischer Mythologie nicht automatisch rechts orientiert, wurde dann aber mehr und mehr politisch eindeutig rechts vereinnahmt. Da die nationalsozialistische Rassenideologie in einer vermeintlich germanisch-nordischen, nach NS-Terminologie "arischen" Rasse die überlegene Menschenrasse im Sinne des Sozialdarwinismus sah, interpretierte man auch das Germanentum dementsprechend. Die Kultur der Germanen, ihr Brauchtum, ihre Vorstellungen und damit ihre Mythologie sollten zum Beleg für die Überlegenheit der nordischen Rasse dienen. So befasste sich eine eigene Institution, das "Deutsche Ahnenerbe", damit, mehr oder minder wissenschaftlich Belege hierfür zusammenzutragen. Besonders betont wurde gemäß der nationalsozialistischen Ideologie in der Rezeption der germanischen Mythen der Aspekt des Heldentums. Dieser bildet in der mythologischen Überlieferung jedoch nur eines unter vielen Elementen.

Auf Grund der Instrumentalisierung und vor allem der historischen Umdeutung der germanischen Mythologie im Nationalsozialismus lässt sich ohne Zweifel von einem Missbrauch sprechen, der in jener Zeit jedoch dadurch verschleiert werden sollte, dass man vermeintliche Belege für die betreffende Deutung der Mythen finden wollte. Auf die oftmals zweifelhaften Resultate des "Deutschen Ahnenerbes" und andere Quellen jener Zeit, aber auch auf Ideen und Konzepte nationalistischer und national-romantischer Vordenker wie Guido von List oder Lanz von Liebenfels, die seit Ende des 19. Jahrhunderts eine eigene Rezeption des Germanentums, abseits von den Forschungen der wissenschaftlichen Germanistik, entwickelten, beziehen sich heute Propagandisten des Rechtsextremismus. Die Rezeption germanischer Mythologie im heutigen Rechtsextremismus stellt also ebenso ein Konstrukt dar wie diejenige im Nationalsozialismus. Mythen dienen der rechten Szene aber nicht nur zur Identifikation, sondern sie bilden in einem breiteren Verständnis von Mythos auch die Basis für die Kulturauffassung der rechten Ideologie.

Hinsichtlich der germanischen Mythologie ist diese Bezugnahme natürlich nicht allein darauf begrenzt, Mythen wiederzubeleben und Bezüge zweckgerichtet herzustellen, sondern auch das Umfeld der Mythologie findet Beachtung. Dies gilt insbesondere für die Runen sowie für Symbole. Wie schon im Nationalsozialismus ist die Symbolrezeption synkretistisch: Aufgegriffen wird natürlich das aus dem indischen Kulturkreis stammenden Hakenkreuz (sanskrit Swastika, als altes Sonnensymbol [Sonnenrad]), ferner das so genannte "Keltenkreuz" als rechtes Identifikationszeichen. Schon der Nationalsozialismus fügte Elemente aus verschiedenen Mythentraditionen, Religionen und Kulten zusammen, die sich in das ideologische Konzept einfügen bzw. für dieses nutzen ließen. Somit war es nicht allein die germanische Mythologie, die der Nationalsozialismus adaptierte, aber diese stellte eines der wichtigsten Elemente dar.


Mit seiner Rezeption germanischer Mythologie stellt sich der Rechtsextremismus in eine Reihe mit dem nationalsozialistischen Missbrauch germanischer Kultur in ihrer Gesamtheit. Insofern ist die Bezugnahme auf die Mythologie nur ein Mosaikstück in der Adaption von tatsächlichem und vermeintlichem Germanischen, um rechts-nationales Gedankengut zu fundieren, aber auch um die eigenen Ziele für Außenstehende und Sympathisanten interessant zu machen. Nicht unterschätzt werden darf nämlich die Attraktivität des Verbotenen, die durch die faktisch existierende Tabuisierung einer Beschäftigung mit germanischer Mythologie in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg entstand. Nur aus diesen Gründen war es der so genannten "rechten Szene" möglich, germanische Mythologie und die Geschichte der Germanen für sich zu vereinnahmen und entsprechend auszudeuten. Auf Grund des in der Allgemeinheit heute nur noch geringen Wissens über germanische Mythologie, das eine deutliche Folge der Tabuisierung der Thematik ist, gelingt es der rechtsextremen Szene, Mythen und Symbole auch zur geheimen Identifikation zu verwenden. Grundsätzlich dient die Verarbeitung der Mythologie im Rechtsextremismus außerdem dazu, die eigentlich intendierte Referenz auf den Nationalsozialismus zu verdecken oder zumindest weniger deutlich zu Tage treten zu lassen.

Dies gilt insbesondere u.a. für die rechtsextreme Musikszene, in der germanische Mythologie auch deswegen verarbeitet wird, weil sie zumindest auf juristischer Ebene weit unproblematischer zu thematisieren ist als offene Bezugnahmen auf nationalsozialistische Vorbilder:
"Im Zuge der härteren Repressionen gegen offen nationalsozialistische Aussagen besannen sich zahlreiche Rechtsrocker auf noch ältere, aber juristisch schwerer angreifbare Helden und entdeckten die alten Germanen-Mythen als Ersatzreligion für den stigmatisierten NS-Kult. Anders als bei der Verherrlichung des Dritten Reiches bietet der Odin-Kult eine scheinbar unbelastete Folie zum Ausagieren von Männlichkeitsphantasien [...]."
Erwähnt werden muss hier unbedingt, dass die "rechte Szene", der rezente deutsche Rechtsextremismus, keineswegs homogen ist. Insbesondere im Bereich der rechten Jugendkultur gibt es zahllose unterschiedliche Ausformungen: Hierzu gehören Personen, die in den rechtsextremen Parteien NPD ("Nationaldemokratische Partei Deutschlands") und DVU ("Deutsche Volks-Union") organisiert sind.

Daneben gibt es so genannte freie "Kameradschaften", rechtsextreme Vereine oder auch als besonders auffällige Erscheinungsform die Skinhead-Bewegung, die allerdings nicht ausschließlich rechtsextrem orientierte Personen vereint. Ebenso gibt es Überschneidungen mit anderen Strömungen, an denen Jugendliche Interesse zeigen, wie z.B. Esoterik, Gothic-Bewegung, Satanismus etc. Aber auch außerhalb des Jugend-Bereiches manifestiert sich Rechtsextremismus nicht allein über die Zugehörigkeit zu einer der rechtsextremen Parteien oder Vereine. Ein großes Potenzial wird durch rechtsextrem orientierte Publizistik, wie vor allem durch die "National-Zeitung", oder Trivialliteratur angesprochen, die rechtsextremes Gedankengut verbreitet oder unterstützt, genannt seien hier die Groschenhefte mit dem vielsagenden Titel "Landser". Welche Rolle die Instrumentalisierung von Mythen und Symbolen im Nationalsozialismus spielte, wurde bislang nur am Rande beachtet:
"Neben den ökonomischen, politischen, historischen und ideologischen Hintergründen hat man die mythologische Komponente des 'Dritten Reiches' bisher nur unzulänglich untersucht. Der Nationalsozialismus war aber nicht nur ein politisches Programm, das Arbeitsplätze und kollektiven Zusammenhalt versprach, sondern auch eine 'Bewegung' der großen Legenden, Bilder, Symbole und Rituale."
Auch für die Aufmerksamkeit der Forschung hinsichtlich der Adaption von germanischer Mythologie im rezenten Rechtsextremismus gilt Ähnliches. Während sich die Untersuchung soziologischer, ideologischer oder organisatorischer Aspekte des Rechtsextremismus, aber auch der strukturellen Parallelen zum Nationalsozialismus großer Beliebtheit erfreut, wird – von wenigen Ausnahmen abgesehen – dem Identifikationspotenzial der Mythen für die rechte Szene in der Regel gar keine oder lediglich sehr geringe Aufmerksamkeit gewidmet.

Im Folgenden soll sich die Betrachtung weitgehend auf den Bereich des Sprachlichen beschränken, denn eine Erörterung aller Aspekte der Aneignung von Mythen sowohl im Nationalsozialismus wie im rezenten Rechtsextremismus würde hier einen zu breiten Ansatz erfordern. Wesentliche Gesichtspunkte der grundsätzlichen Bedeutung des Mythos für die rechte Ideologie wurden immerhin schon in einer jüngeren Veröffentlichung dargelegt.

Germanische Mythologie in rechtsextremer Selbstdarstellung und Ideologie

Vor diesem Hintergrund lässt sich fragen, in welchen Bereichen sprachlich durch Rechtsextremisten auf germanische Mythologie referiert wird und welche Elemente des Mythos dabei Verwendung finden. Zunächst ist hier die Bezeichnung von Organisationseinheiten zu erwähnen. In deren Namen wird oftmals mehr oder minder direkt auf Elemente germanischer Mythologie Bezug genommen. Aber auch inhaltlich bietet die Beschäftigung mit germanischer/nordischer Mythologie für rechtsorientierte Gruppen den Aufhänger für den Transport rechtsextremer Ideologie.

Eine besonders wichtige Rolle für rechtsextreme Propaganda, für die Identitätsbildung, für die Schaffung emotionaler Bindungen und nicht zuletzt für die Finanzierung rechtsextremer Kreise spielt die Musik. Das ziemlich breite Spektrum rechtsextremer Musik reicht von brutal wirkender Skinhead-Musik bis hin zu sich feinsinnig-intellektuell gebender Liedermacherei. Auch hier gibt es Verarbeitungen germanischer Mythologie, sei es in den Namen einzelner Musikgruppen, sei es in expliziter oder impliziter Bezugnahme in Liedtexten. Schließlich sind auch die Gestaltung der Textbücher und der CD-Hüllen sowie die Formen der Selbstdarstellung der Musikgruppen im Internet oder während ihrer Auftritte zu nennen, wobei ebenfalls auf germanische Mythologie referiert werden kann. Die besondere Bedeutung der Musik für die Rezeption germanischer Mythologie im Dienste rechtsextremer Ideologie beruht vor allem darauf, dass auf diese Weise ein wesentlich größeres Publikum erreicht werden kann, das zunächst nur durch eingängige Melodien an die Inhalte herangeführt wird. Auf diese Weise schöpft Musik aus einem emotionalen Potenzial, das zur Identitätsfindung und Identifizierung führen kann. So besitzt die Musik vor allem bei der Nachwuchsrekrutierung eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Einen weiteren Bereich, in dem Namen und Symbole aus der germanischen Mythologie Anwendung finden, bilden Markennamen von Mode, Schmuck usw. Auch hier dient der öffentlich zur Schau gestellte Markenname mit mythologischem Bezug zur Herstellung und Propagierung einer Identität und Gruppenzugehörigkeit. Insgesamt werden aus der germanischen Mythologie in diesen Verwendungskontexten einerseits Namen und Symbole, als die insbesondere verschiedene Runen dienen, gebraucht. Andererseits wird auf konzeptionell-weltanschaulicher Ebene aus dem Germanentum eine Ideologie der Gewalt, der Durchsetzung des Stärkeren, ganz im Verständnis der nationalsozialistischen Auffassung des Sozialdarwinismus, abgeleitet und in diesem Sinne germanische Mythologie interpretiert und rezipiert. Im Folgenden soll dargestellt werden, wie Namen aus der germanischen Mythologie, mythische Erzählungen sowie Symbole aus dem Kontext der Mythologie im Rechtsextremismus Verwendung finden. Dabei können hier aus dem sehr breiten Spektrum des Rechtsextremismus nur einige wenige, aber anschauliche Beispiele gegeben werden.

Namen aus der germanischen Mythologie im Rechtsextremismus

Die Verwendung germanischer Götternamen beschränkt sich im Rechtsextremismus weitgehend auf Odin/Wodan und Thor/Donar. Eine der bekanntesten Mode-Marken rechtsextremer Kreise ist momentan Thor Steinar. Die von dieser Firma verwandte Symbolik war bereits Gegenstand gerichtlicher Auseinandersetzung und musste verändert werden. Die Marke selbst besteht weiter und der Schriftzug Thor Steinar auf T-Shirts und anderer Oberbekleidung dient zur Bekundung rechtsextremer Identität und Gruppenzugehörigkeit. Der Name referiert natürlich auf die Gottheit Thor, und zwar vor allem deswegen, weil Thor als Gott der Gewalt angesehen wird, was sich insbesondere im Thorshammer Mjöllnir manifestiert, der ebenfalls als weit verbreitetes Symbol rechtsextrem orientierter Gruppen Verwendung findet. Die Spezifizierung von Thor als Thor Steinar betont gerade diesen Aspekt der Macht und Gewalt.

Ebenfalls den Namen dieser Gottheit Thor führte ein Dresdner Lokal, das als Treffpunkt der rechtsextremen Szene diente. Skinhead-Bands nehmen für die Selbstbezeichnung gerne die germanischen Götter in Anspruch. Eine rechtsextreme Band aus Schneeberg (Erzgebirge) nennt sich T.H.O.R., eine Berliner Skinhead-Band erwählte sich den Namen Legion of Thor, eine Brandenburger Band den Namen Thorshammer. Der Thorshammer als Symbol der Macht und Gewalt ist für die rechte Szene besonders attraktiv. Dementsprechend nennt sich auch eine weitere Band Mjölnir und ein Schweizer Vertrieb von rechtsextremem Material trägt den Namen Mjölnir Diffusion.
Auch Odin findet eine eingehende Rezeption. So wurde dem Verfasser im Rahmen einer Diskussion über Rechtsextremismus ein Aufnäher mit der Aufschrift Odins Volk Sachsen mit eindeutigen Hinweisen auf dessen rechte ideologische Zuordnung überreicht. Sprachlich ist diese Zuschreibung zur rechten Szene recht offensichtlich und plausibel, da hier einerseits mit "Sachsen" auf den dieser Sphäre gern benutzten Heimatbezug referiert wird und andererseits der Volksbegriff eine zentrale Rolle einnimmt, der im Nationalsozialismus geradezu inflationäre Verwendung mit Blick auf die Rassenideologie gefunden hat.

Parallel zu Odins Volk Sachsen ist die Benennung einer rechtsextremen, im Jahre 1987 gegründeten Berliner Gruppe, nämlich Wotans Volk. Eine andere auf Wodan bezogene Selbstbezeichnung militanter Rechtsextremisten lautet Söhne Wotans. Eine Band aus Ostsachsen nennt sich W.O.T.A.N., eine andere Odins Erben. Ein Lokal in Mücka, Treffpunkt der rechten Szene, nannte sich Wodan. Kleidung, die in rechtsextremen Kreisen getragen und speziell für diese produziert wird, weist immer wieder Bezugnahmen zu Odin/Wodan auf. Hierzu gehören Aufdrucke wie die bloße Namensnennung Odin, aber auch Bandnamen wie Wotanskrieger, Aufschriften wie Odins Law, Odin statt Jesus oder Wotans Volk. Alle diese Aufschriften haben programmatischen Anspruch und Symbolcharakter und dienen auch als Ausdruck der Gruppenidentität.

Liedtexte vieler Gruppen referieren immer wieder auf die germanische Mythologie. So trug eine der ersten CDs des mittlerweile verstorbenen populären rechten Musikers Daniel Eggers den Titel Odins Land. Die Musikgruppe "Landser" produzierte einen Titel mit dem Namen Wahlvater [sic!] Wodan. Programmatisch sind auch die folgenden Verse eines rechtsextremen Liedtextes: "Odin, jetzt heißt es siegen oder sterben, Odin, rette uns aus dem Verderben!" Eine rechtsextreme Seite im Internet nennt sich Odins Lounge, eine andere Wotan. Auch Pseudonyme in rechten Diskussionsforen im Internet greifen häufig auf Wodan/Odin zurück. Genannt werden können hier beispielsweise Krieger Odins, Odin77, Wotan88.

Es ist recht einfach, die Motive zu erkennen, warum sich der Rechtsextremismus gerade jene beiden Gottheiten zueigen macht, andere Götter der germanischen Mythologie de facto keine größere Rolle in der Selbstdarstellung und Identitätsbildung rechtsextremer Gruppen spielen: Beide Götter gehören nicht nur zu den Hauptgöttern, sondern sie sind verbunden mit Vorstellungen von Macht und Gewalt, aber auch mit List und Verwegenheit. Genau dies passt in die Ideologie rechtsextremer Gruppen, die Gewalt, Stärke und Männlichkeit mit dem Eintreten für im rechten Sinne "Revolutionäres" verbindet. Donar/Thor und Wodan/Odin werden zum Symbol für Stärke des Volkes, das sich als ein "germanisches" Volk versteht, für Führerideologie und Überwindung des demokratischen, vermeintlich verweichlichten Systems. Neben Odin/Wodan und Donar/Thor werden aber auch – wenngleich sehr selten – Namen anderer Gottheiten der germanischen Mythologie im rechtsextremen Milieu gebraucht. So erwählte eine Skinhead-Seite im Internet den Namen Tyr88, eine andere, von einer Frau erstellte Skinhead-Seite den Namen Freyja88, eine weitere rechtsextreme Homepage den Titel Skadi.

Der Name des Gottes Forseti findet sich in der friesischen Form Forsite als Name eines in der Szene aktiven Verlages aus Bottrop wieder, zu dessen Repertoire insbesondere Mythologisches gehört. Eine Musikgruppe trägt den Namen Lokis Horden. Auch die vermeintliche germanische Frühlingsgottheit Ostara wird zur Identifikationsfigur rechter Kreise. In Anlehnung an die gleichnamige Zeitschrift aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts, die von Lanz von Liebenfels herausgegeben wurde, nennt sich ein Szene-Magazin aus Sangerhausen Ostara. Auch eine österreichische Internet-Plattform trägt diesen Namen. Den bei Tacitus überlieferten Namen des germanischen Urgottes Tuisto hat sich ein Magazin angeeignet, das von der "Deutschen Heidnischen Front" herausgegeben wird. Der Bezug zum Götterwohnsitz findet sich auch in der Selbstbezeichnung von Rechtsextremisten als Asgards Helden oder Asgard als Name einer rechtsextremen Band. Eine weitere Musikgruppe aus dem sächsischen Wurzen, die im Verfassungsschutzbericht des Freistaates Sachsen 2003 explizit genannt wird, nennt sich Utgard.

Es sind jedoch nicht allein Götter, sondern auch andere Elemente der germanischen Mythologie dienen zur Identitätsstiftung und zugleich zur Vermittlung eines politischen Programms, in gewisser Weise also zur Propaganda. Ein Laden in Reichenbach im Vogtland, in dem rechtsextremes Propagandamaterial, rechte Musik und Kleidung der Szene vertrieben wurden, führte den Namen Ragnarök, der ergänzt wurde durch den programmatischen Satz und eine neue Zeit beginnt. Der Untergang der Götterwelt in den Ragnarök stellt eine Anspielung auf den von Rechtsextremen erwünschten Untergang der pluralistisch-demokratischen Gesellschaftsordnung dar, die durch einen neuen Führerstaat (im Sinne einer neuen Epoche) ersetzt werden soll. Schon im Nationalsozialismus erfolgte eine Verklärung der Ragnarök als finale Entscheidungsschlacht, die im rezenten Rechtsextremismus auf die Auseinandersetzung mit der pluralistischen, multiethnischen Gesellschaft bezogen wird. So nennt sich auch eine rechte Musikgruppe Ragnarök.

Auf die Ragnarök referierte implizit ebenfalls der rechtsextreme Anwalt Horst Mahler, wenn er in einem offenen Brief an Michel Friedman von einer "Götzendämmerung" des jüdischen Kapitals sprach, handelt es hierbei doch um ein Wortspiel mit der Wagnerschen Übertragung des Wortes Ragnarök als "Götterdämmerung". Besonders häufig greifen rechtsextrem orientierte Publikationen Namen aus der germanischen Mythologie auf. So schmückt die Zeitschrift des rechts orientierten Armanen-Ordens der Titel Irminsul. Eine andere, dieser Vereinigung nahe stehende Zeitschrift nennt sich nach den Raben Odins Huginn und Muninn. Herausgegeben wird sie von der Arbeitsgemeinschaft Naturreligiöser Stammesverbände Europas, deren Akronym ANSE die gotische Bezeichnung der heidnischen Götter darstellt, etymologisch identisch mit Asen, der Bezeichnung des germanischen Göttergeschlechts.

Dabei liegt jedoch keineswegs eine harmlose Verwendung und Neubelebung irgendwelcher Namen aus der Mythologie vor, sondern die Bezeichnungen sind bewusst gewählt und besitzen einen programmatischen Anspruch: Die Irminsul steht für die Universalität der vom Armanen-Orden vertretenen rassistischen Ideologie, denn die Irminsul war nicht nur Ausdruck eines Pfahlkultes bei den heidnischen Sachsen, sondern wohl ebenfalls ein Pendant zum nordischen Weltenbaum Yggdrasill. So wird der Titel auch innerhalb des Armanen-Ordens rezipiert. Die Raben Huginn und Muninn als Gefährten Odins gelten in der germanischen Mythologie als besonders weise; genau diese höhere Erkenntnisstufe schreibt sich die Zeitschrift über den entsprechenden Titel selbst zu, was dann auch auf die zugehörige ideologische Grundhaltung übertragen werden soll. Im Untertitel bezeichnet sich die Zeitschrift zudem als Mitgart-Zeitung (sic!).

Auch weitere rechtsextreme Zeitschriften verwenden als Titel Namen aus der germanischen Mythologie, so z.B. Sleipnir, Midgard, Walküre, Bifröst, Freyja, wobei letzterer Titel sich speziell an Frauen richtet. Ein heute nicht mehr aktiver Verlag, der vor allem Literatur zur Verherrlichung der NS-Zeit und der Waffen-SS im Programm hatte, nannte sich ebenfalls Munin. Ein aktuelles Periodikum, das sich primär an Jugendliche wendet, trägt den Titel Funkenflug, der ebenfalls auf die germanische Mythologie referiert, nämlich auf den Funkenflug aus dem Feuerreich Muspellsheim, der zur Entstehung des Urriesen Ymir und damit indirekt zur Entstehung der Welt führt. Dass der Titel Funkenflug auch noch eine andere, subversive Metaphorik besitzt, die Assoziationen hervorruft, auf diese Weise könne die bestehende Ordnung in Brand gesetzt werden, sei hier nur am Rande erwähnt.

Die Förderkreise des rechtsextremen, jedoch ohne breitere Wirkung gebliebenen Thule-Seminars wurden nach Huginn, Muninn und Gungnir benannt, also nach Attributen von Odin, nämlich seinen weisen Raben und seinem Speer. Im Jahre 1980 wurde in Berlin der ideologisch rechtsextreme Asgard-Bund gegründet, dessen Zeitschrift den Titel Der Wotansspeer erhielt. Band-Namen aus dem rechten Spektrum nehmen neben den Göttern auch andere Gestalten oder Elemente aus der Mythologie auf und haben z.T. programmatische Bedeutung: Einherier oder Wallküren [sic!]; ebenso finden sich Walhall, Yggdrasil, Munin oder Mjöllnir. Sleipnir nennen sich eine Band bzw. ein Liedermacher aus der rechten Szene.

Aber auch die Liedtexte referieren immer wieder auf Elemente der Edda und deuten sie neu, u.a. im Sinne einer Endzeitstimmung, was sicherlich nicht unwesentlich zu ihrer Attraktivität bei (sinnsuchenden) Jugendlichen beiträgt. Deutlich wird diese Bezugnahme an Titeln wie Lenker der Schlachten (2000, gemeint ist Wodan) der Gruppe "Landser", Dämmerung (1996, gemeint sind die Ragnarök) der Gruppe "Chaoskrieger" oder Walhalla ruft! (1995) der Gruppe "Nordwind". Weiterhin findet sich auf Kleidung vielfach der Bezug zu Endzeitlichem, so zum Walhall-Mythos. Hierzu zählt die Kleidermarke Walhall Germany, Aufdrucke wie Walhalla oder Walküre, letzteres speziell auf Frauenkleidung. Auch ein Parfüm, speziell in der rechtsextremen Szene vertrieben, trägt den Namen Walküre.

Schließlich wird unter deutlicher Bezugnahme auf die Verwendung im Nationalsozialismus auch die so genannte "niedere Mythologie" rezipiert. Hier ist es insbesondere der Werwolf-Mythos, der sehr häufig verarbeitet wird und der beispielsweise auf Kleidungsstücken mit den Aufschriften/Markennamen Werwolf Germany oder (mit falscher Schreibung, wohl um bewusst den Bezug zum Kampf herzustellen) Wehrwolf angesprochen wird. Die Faszination des Werwolf-Mythos erklärt sich daraus, dass die Vorstellungen über Werwölfe einerseits mit Gewalt und Rache verbunden sind, andererseits das Wirken der Werwölfe unvermittelt im Dunklen, Verborgenen erfolgt. Hierdurch ist eine Verbindung zu den Idealen rechtsextremer Gruppen deutlich gegeben, wobei der vermeintlich heroische Kampf im Untergrund in der letzten Phase des Zweiten Weltkrieges noch ein weiteres Vorbild darstellt – parallel zum heutigen Kampf rechter Gruppen gegen das demokratische "System". Ähnlich ist die Namenswahl der Schweizer Kameradschaft Wolfssturm sowie der rechtsextremen Internet-Seite Wolfssturm zu werten. Auch auf die Fylgien, "die vom Leib der Menschen losgelösten Seelenwesen", bezieht man sich im Rechtsextremismus. So präsentiert die Band Asatru neben Liedern wie Wewelsburg oder Germanische Klänge auf einer CD einen Titel Fylgjur.

Andere Bezugnahmen auf germanische Mythologie

Sehr zahlreich sind im Rechtsextremismus auch andere Bezugnahmen auf die germanische Mythologie, von denen hier nur einige genannt werden können: Eng mit Sprache verbunden, ist die verbreitete Nutzung von Runen im rechtsextremen Bereich. Förderlich für die Verwendung erweist sich insbesondere die Doppelnatur der Runen: Einerseits stellten sie Schriftzeichen dar, andererseits besaßen sie eine magische Funktion. So kann jeder Rune ein Bedeutungsfeld zugewiesen werden. Aus ihrer Doppelnatur resultierte, dass Runen in historischer Zeit nicht zur Abfassung von profanen Texten verwandt wurden, sondern ihr Gebrauch immer einem höheren Verwendungszweck diente, also zur Beschwörung, zum Zauber, um Wünsche zu artikulieren, für Weiheinschriften usw. Auch wortgeschichtlich lässt sich diese magische Bedeutung erkennen: Das nhd. Wort Rune geht über mhd. rûne zurück auf ahd. rūna "geheime Rede, Geheimnis, Geflüster", hängt also mit dem Raunen zusammen und zeigt damit etymologisch den deutlichen Bezug zum Geheimnisvollen, Übernatürlichen.

Insofern sind die Runen eng mit der Mythologie verbunden, und in der Edda wird ihnen göttliche Herkunft zugeschrieben: In Odins Runenlied im "Havamal" der Edda wird geschildert, wie Odin quasi in Selbstopferung neun Tage am Baum hängt und unter Schmerzen zum Wissen um die Runen gelangt. Sowohl im Nationalsozialismus wie auch im heutigen Rechtsextremismus fungierten bzw. fungieren Runen als Identifikationssymbole. Für die Zeit des Nationalsozialismus kann man bezüglich der Verwendung der Runen Folgendes festhalten: "In der Praxis stand ihre rein ornamentale Verwendbarkeit als Dienstgrad- und Tätigkeitsabzeichen im Vordergrund, wobei auf eine inhaltliche Bestimmung weitgehend verzichtet wurde." Dennoch dienten sie auf Grund ihrer magischen Komponente aber nicht nur zum Zeichen bloßer Zugehörigkeit, sondern sie verliehen der über sie generierten Identität eine kultisch-spirituelle Komponente. Analoges lässt sich für ihren Gebrauch im heutigen Rechtsextremismus sagen. Anknüpfend an die Aneignung durch rassistische und esoterische Strömungen des beginnenden 20. Jahrhunderts, die die Runen für ihre Zwecke deuteten und "weiterentwickelten", zeigte die nationalsozialistische Bewegung ein besonderes Interesse für die Runen, ebenso für alle anderen tatsächlichen oder vermeintlichen germanischen Zeichen und Symbole. Vor allem aber die Runen wurden häufig verwandt:
"Zwei Universitätsinstitute, Laienforscher und Okkultisten beschäftigten sich mit ihnen, und sie tauchten nicht nur in vielen Publikationen auf, sondern auch als Embleme verschiedener NS-Institutionen (SS, HJ, Reichsnährstand, Apotheker-Fachschaft, Sanitätswesen etc.)."
Allerdings interpretierte man die Runen im Nationalsozialismus häufig für die eigenen Zwecke um. Nicht ohne Grund verwandte man beispielsweise die doppelte Sigrune als Zeichen für die SS: Neben dem Anknüpfen an die germanische Tradition steht die Bedeutung, die man der Rune zuschrieb und die bereits aus ihrem Namen deutlich hervorgeht. Durch die Verdoppelung wird diese Bedeutungsebene noch verstärkt. Nicht unwichtig erscheint auch die grafisch-ästhetische Ebene, denn die Rune erinnert von ihrer Gestaltung her an den Blitz, der allgemein und speziell in der Mythologie als Signum für Gewalt und Macht gilt.

Häufige Verwendung fand im Nationalsozialismus auch die Algis-Rune. Sie erfuhr im Dritten Reich eine Umdeutung; als "Man-Rune" oder "Yr-Rune" bezeichnet, fungierte sie als Lebensrune bzw. in ihrer Umkehrform (Sturzrune) als Todesrune. Mit ihnen wurden also Geburt und Tod symbolisiert, und sie sollten die entsprechenden Symbole in der christlichen Tradition (Stern und Kreuz) substituieren. Auch diese Runen nutzt der rezente Rechtsextremismus wieder für dieselben Verwendungszwecke: Sie finden sich beispielsweise in Todesanzeigen in rechtsextremen Periodika und anderen Publikationen. Die "Deutsche Heidnische Front" führt beide Runen auf ihrer Flagge.

Im rezenten Rechtsextremismus kann auch die Tyr-Rune als Todeszeichen dienen: So wird am Straßenrand bisweilen eine Tyr-Rune aufgestellt, wenn ein Gesinnungsgenosse durch einen Autounfall an der betreffenden Stelle ums Leben kam. Im aktuellen Rechtsextremismus finden demgemäß gerade diejenigen Runen intensive Verwendung, die im Nationalsozialismus als Identifikationszeichen gebraucht wurden: u.a. die Sig-, die Algis- und die Tyr-Rune sowie die Odal-Rune:
"Sig-Rune und Tyr-Rune standen in der frühen nationalsozialistischen Bewegung für S-ieg und T-at. Sig- und Tyr-Rune sind die ersten Runenzeichen, die Lehrer für gewöhnlich zu Gesicht bekommen, wenn Schüler die entsprechenden Buchstaben ersetzen."
Die Odal-Rune war Symbol des schon 1961 verbotenen "Bundes nationaler Studenten", später dann der 1984 verbotenen Wiking-Jugend. Bezug auf die nationalsozialistische Organisation Werwolf, die in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges Schrecken verbreiten und Vergeltung üben sollte, nimmt die rechtsextreme Szene mit der Verwendung der so genannten Wolfsangel, auch Gibor-Rune genannt.

Erwähnung verdient schließlich noch die so genannte Schwarze Sonne, ein aus zwölf Sigrunen zusammengesetztes Rad, das an das Hakenkreuz erinnern soll. Dieses Symbol ist im Boden des Obergruppenführersaals der Wewelsburg eingelassen, die zu NS-Zeiten als SS-Ordensburg diente. Dieses Symbol gilt heute als ein wichtiges Identifikationszeichen der rechten Szene. Verwendet wird der Bezug zu den Runen als germanischen Schriftzeichen schließlich bei Namen, so in Titeln von Liedern oder auch bei Zeitschriften. Schon Zeitschriften im Dritten Reich führten den Namen von Runen im Titel, so beispielsweise Odal mit dem Untertitel "Monatsschrift für Blut und Boden" oder Die Sigrune mit dem Untertitel "Zeitschrift für nordisches Wesen und Gewissen". Heute nennt sich beispielsweise ein Periodikum martialisch Runenblut. Ein Versammlungslokal wurde nach der Rune Odal-Klause benannt. Den Namen Odal führt auch eine rechtsextreme Musikgruppe. Die so genannte Hagal-Rune liegt dem Titel der Dresdner Zeitschrift Hagal zugrunde. Auch diese Rune, die Todes- und Lebensrune miteinander verbindet, findet im rechtsextremen Spektrum Verwendung, nicht zuletzt deswegen, weil sie auch im Nationalsozialismus von der SS gebraucht wurde. Der Titel der Zeitschrift knüpft überdies an ein gleichnamiges Periodikum aus dem Dritten Reich an, das von der Münchener Edda-Gesellschaft herausgegeben wurde.

Die Sprache des Nationalsozialismus griff gerne auf Archaismen zurück, die in der germanischen Vergangenheit wurzeln und die für die nationalsozialistische Ideologie umgewertet und verwertet wurden. Neben Begriffen wie Gau, Sippe oder Mark (im Sinne von "Grenzgebiet") steht auch Vokabular, das Bezug zur Mythologie aufweist. Hierzu gehört die Wortfamilie um Thing, nämlich auch Thingspiel oder Thingplatz. Angeknüpft wurde hier nicht allein an das Thing als Versammlungsort der Germanen, sondern es erhielt auch die Wertung als Kultort. Dementsprechend wurden Thingspiele auch als Weihespiele verstanden, es wurde somit eine kultische Ebene angesprochen. Um eine neue germanische Religion zu schaffen, wurde dieses Genre der Thingspiele erfunden, ohne dass historisch belegte Vorbilder existierten. Die Anknüpfung an germanische Mythologie über den Kult erfolgt hier also nur auf einer sehr äußerlichen Weise, wobei gerade durch die Begrifflichkeit eine vermeintlich existierende Traditionslinie suggeriert werden sollte.

Der rezente Rechtsextremismus greift diese Wörter wieder auf und nutzt sie für seine Zwecke. So wird statt eines "Ferienlagers" ein Jugendthing veranstaltet usf. Als ein weiteres Beispiel sei hier nur das Thing-Netz genannt, ein elektronisches Informationssystem (Mailbox-System), über das Rechtsextremisten u.a. aktuelle Veranstaltungen ankündigten.

Eine transzendent-spirituelle Ebene wird in der Sprache des Nationalsozialismus mit den gern gebrauchten Begriffen wie Opfer, Ewigkeit oder Unsterblichkeit angesprochen, was ebenfalls in den heutigen Rechtsextremismus übernommen wird. Hierbei geht es nicht allein um die Terminologie, sondern vielmehr auch um das Gedankengut, das hinter diesen Begriffen steht. Dieses greift auf Vorstellungen aus der Mythologie zurück. In Liedtexten sind dies u.a. Vorstellungen von Stärke und Heldentum in Anknüpfung an vermeintliche germanische Traditionen, von Freiheit und Ungebundenheit, von Macht und Gewalt, von Rückkehr und Besinnung auf die Wurzeln der "eigenen" Kultur. Nicht zuletzt gilt dies auch für die Anknüpfung an die Wiedergeburt entsprechend dem germanischen Walhall-Mythos in der Ideologie der SS.

Ein besonders wichtiger Gesichtspunkt der Adaption germanischer Mythen besteht aber auch darin, dass Mythologie als argumentative Leitlinie und als Legitimation für das Handeln Rechtsextremer herangezogen wird:
"Was Gott oder die Götter vorgegeben haben, ist nicht hinterfragbar. Wenn es als Auftrag verstanden wird, muss es ausgeführt werden. Das gilt auch für Morde. 1996 gestand der Rechtsextremist Thomas Lemke fünf Morde, die ihm von Odin befohlen worden sein sollen. Der rechtsextreme Kay Diesner schoss 1997 einen linken Buchhändler an und erschoss einen Polizisten, beides unter Berufung auf Odin. Auch politische Texte greifen gerne auf mythologische Redeweisen zurück, wenn ihnen die Argumente ausgehen."

Fazit

Bezugnahmen zur germanischen Mythologie und andere Elemente des Rechtsextremismus sind in vielen Bereichen nahezu untrennbar miteinander verbunden. So ist der Vertrieb von Musik auf CDs in der Regel mit einem Angebot anderer rechtsextremer Accessoires verbunden, die zwar z.T. auch Weihe- und Kultcharakter besitzen, wie beispielsweise Hitler-Bilder, die aber im engeren Sinne mit germanischer Mythologie nichts gemein haben.

Natürlich kann man abschließend fragen, ob die Aneignung germanischer Mythologie durch die rechtsextreme Szene nicht im weiteren Sinne als etwas Legitimes angesehen werden kann, wo doch jede politische Ideologie Teile der Geschichte für sich vereinnahmt und ausdeutet. Diese Frage muss jedoch eindeutig verneint werden, denn hier liegt eindeutig ein Missbrauch vor: Die Mythen werden aus ihrem historischen Kontext gerissen, in dem sie entstanden sind und vor dem sie nur angemessen verstanden werden können. Der Rechtsextremismus instrumentalisiert Geschichte zum Zwecke und im Sinne einer Ideologie, die den historischen Kontextbedingungen der germanischen Mythen fremd ist. Weder Rassenideologie noch unbedingtes Führerprinzip hat es in der germanischen Vergangenheit gegeben. Auch die Vorstellungen einer Bindung an Blut und Boden sind den historischen Germanen fremd, wie die Ereignisse der Völkerwanderungszeit deutlich belegen. Die Völkermischungen von Germanen und Kelten, die die Ausgrabungen beispielsweise im Rheinland zeigen, oder auch die Integration des asiatischen Reitervolkes der Alanen durch die Vandalen sprechen hier eine deutliche Sprache.

Besonders klar manifestiert sich der Missbrauch der Mythen aber auch darin, dass deren Vielschichtigkeit und Multifunktionalität im Rechtsextremismus ignoriert wird. Denn neben ihrer literarischen, religiösen und kultischen Funktion besitzen Mythen auch die Komponente der Unterhaltung, und sie dienten für die damaligen Menschen zur Verarbeitung und Erklärung der eigenen Umwelt und der Naturphänomene. Thor mit seinem Hammer Mjöllnir als Verursacher des Gewitters ist sicher das anschaulichste Beispiel dieses Aspektes. Dass sich beispielsweise die in den Mythen vermittelten, in der Tat oftmals auf Gewalt, aber auch auf dem elementaren Kulturniveau basierenden Werte (einschließlich Ehre und Treue) unter veränderten historischen Bedingungen wandeln und wandeln müssen, bleibt im Rechtsextremismus unreflektiert. Die Rezeption von Mythen muss also die historischen und gesellschaftlichen Kontextbedingungen ihrer Entstehung berücksichtigen, genau dies aber erfolgt im Rechtsextremismus nicht.

Grundsätzlich gilt, dass angesichts mangelnder Sinnstiftung in unserer Gesellschaft die Remythologisierung heute ein verbreitetes Bedürfnis darstellt. In diese Tendenz stellt sich der rezente Rechtsextremismus, und diese Adaption ist nicht zuletzt einer der Gründe für seinen Erfolg.

Literatur

BITZAN, RENATE: Frauen in der rechtsextremen Szene, in: GRUMKE, THOMAS/WAGNER, BERND (Hrsg.): Handbuch Rechtsradikalismus. Personen – Organisationen – Netzwerke vom Neonazismus bis in die Mitte der Gesellschaft. Opladen 2002 (Leske + Budrich), S. 87–104

BRODKORB, MATHIAS/SCHMIDT, THOMAS: Gibt es einen modernen Rechtsextremismus? Das Fallbeispiel Mecklenburg-Vorpommern. Schwerin 2002 (Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern)

DÜWEL, KLAUS: Runenkunde. Sammlung Metzler 72. Stuttgart, Weimar 20013 (Metzler)

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Autor: Prof. Georg Schuppener für bpb.de
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